Achim Lohrie

Achim Lohrie, Jahrgang 1959, startete nach Abschluss seines Studiums und Referendariats der Rechtswissenschaften 1990 seine berufliche Karriere als Justiziar bei der Otto GmbH & Co. KG.
Anfang 1992 übernahm er die Aufgaben eines Umweltreferenten und stieg Anfang 1994 zum Abteilungsleiter Umwelt- und Sozialpolitik auf. Zusätzlich zu dieser Funktion wurde er im Herbst 1999 Mitglied der Geschäftsleitung der Systain Consulting GmbH, ­einem Unternehmen der Otto Group sowie ab November 2004 ­Geschäftsführer der FSAF – Foundation for Sustainable Agriculture and For­estry in Developing Countries.
Ende Juni 2005 verließ er die Otto Group und machte sich mit einer eigenen Beratungsfirma, RMC-Risk Management Coaching, selbstständig. In dieser Eigenschaft beriet er die Tchibo GmbH bei der Entwicklung, Anpassung und Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie und übernahm im April 2006 die Leitung des neu geschaffenen Direktions­bereichs Unternehmensverantwortung.

Weitere Informationen:
www.tchibo-nachhaltigkeit.de
www.tchibo.de/mount-kenya

 

Das Tchibo Mount Kenya-Project 

ein Beispiel für zeitgemäßes, ganzheitliches Qualitätsmanagement

Als ich 1990 meine juristische Ausbildung beendete, war die Laufbahn eines Nachhaltigkeitsmanagers in einem Unternehmen des Einzelhandels weder beabsichtigt noch vorhersehbar. Sie ergab sich und es wäre töricht zu behaupten, dass ich darüber unglücklich gewesen wäre. Im Gegenteil: Mit kaum einer anderen Tätigkeit lässt sich der erstrebenswerte individuelle Dreiklang aus Erfüllung im Beruf, Einsatz für die gesellschaftliche Entwicklung und persönlicher Zufriedenheit so sicher erreichen. Das gilt insbesondere dann, wenn im Unternehmen die Weichen klar und unmissverständlich auf Nachhaltigkeit gestellt sind.

Hierzu bedarf es vorausschauender Unternehmer, die Nachhaltigkeit als Element der strategischen Zukunftssicherung ihres Unternehmens verstehen und nicht allein als Philanthropie oder Risikomanagement.

Nachhaltigkeit hat bei Tchibo Tradition. In Familienunternehmen ist Werteorientierung gesetzt. Sie muss allerdings mit den sich stetig verändernden Werteinterpretationen in der Gesellschaft und der eigenen Unternehmensentwicklung Schritt halten und durch geeignete Maßnahmen mit Leben gefüllt werden.

Deshalb ist seit 2006 Nachhaltigkeit bei Tchibo integraler Bestandteil der Geschäftstätigkeit. Der Name unserer qualitativen Wachstumsstrategie »Zukunft braucht Herkunft« ist bereits Programm auch für unser Nachhaltigkeitskonzept:
Kaffee, Baumwolle und Holz bzw. Zellstoff sind die zentralen »Zutaten« für unser Geschäft.

Wir würden an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen, wenn wir nicht darauf achten, dass deren Gewinnung und Weiterverarbeitung nach strengen ökologischen und sozialen Anforderungen geschieht. Denn eine intakte Umwelt und motivierte Partner sind neben zufriedenen Mitarbeitern die Grundlage unseres Geschäfts. Nachhaltigkeit ist für uns deshalb nicht mehr, aber auch nicht weniger als das zeitgemäße Verständnis von ganzheitlicher Produkt- und Prozessqualität.

In unserem Geschäftsbereich Kaffee wird das besonders deutlich:

Kaffee wird in etwa 60 Ländern rund um den Äquator und damit in ausgesprochen sensiblen Ökosystemen und in ebenso sensiblen sozialen Umfeldern angebaut. Von den geschätzten 25 Millionen Kaffeefarmern weltweit sind ca. 80 Prozent Kleinst- und Kleinfarmer mit nicht mehr als 1 bis 5 Hektar Farmland.

Da Rohkaffee nicht in Europa wächst, ist Nachhaltigkeit im Kaffeesektor nicht durch den »regionalen Bezug« des Rohstoffs zu erreichen. Allerdings kommt es der Realität bereits näher als einer Utopie, dass durch fortschreitenden Klimawandel ein »regionaler Bezug« noch möglich werden könnte. Mit Nachhaltigkeit hat das jedoch nichts zu tun.

Bei ca. 180.000 Tonnen Rohkaffeebedarf p.a. allein unseres Unternehmens reichen auch nicht ein­zelne Nachhaltigkeitsprofile wie »BIO« oder »Fair­trade« aus, den Anteil ökonomisch erfolgreicher sowie ökologisch und sozial verträglicher Kaffees von derzeit weltweit unter 10 Prozent signifikant zu steigern. Wir arbeiten deshalb auf unserem Weg zu einem 100 Prozent nachhaltigen Kaffeegeschäft mit allen Standardorganisationen zusammen, die Nachhaltigkeit im Kaffeesektor glaubhaft vorantreiben. Das sind derzeit: Rainforest Alliance, Fairtrade/Transfair, UTZ Certified und die Organisationen hinter dem BIO-Siegel nach EG-Öko-Rechtsvorschriften. Den Common Code for the Coffee Community (4C) nutzen wir dabei als Basisprofil, um die Farmer zu organisieren und sie für den nachhaltigen Kaffeeanbau zu sensibilisieren. Von dieser Basis aus können wir sie dann gemeinsam mit den Standardorganisationen in deren weiterführende Nachhaltigkeitsprofile entwickeln.

Auf diese Weise ist es uns in den vergangenen sechs Jahren gelungen, den Anteil der in unser Nachhaltigkeitskonzept einbezogenen Rohkaffees auf 25 Prozent der gesamten Rohkaffeebedarfsmenge p.a. zu steigern. In Deutschland sind wir bereits 2011 mit einem Anteil von über 50 Prozent Marktführer beim Angebot von zertifiziert nachhaltigen Filterkaffees geworden. Die Produkte optimieren wir immer ganzheitlich, d. h. mit »360 Grad-Sicht« in allen Qualitätsfa­cetten: Das sind ökonomische, ökologische und ­soziale Qualität. So z. B. bei unserem Privat Kaffee »African Blue«:

Kenia und hier besonders die Gegend um den Mount Kenya ist eines der wichtigsten Anbaugebiete für unseren Privat Kaffee »African Blue«.

Bereits 2009 haben wir dabei geholfen, dass sich die ca. 12.000 in der »Baragwi Farmer Coope­rative« organisierten Kleinst- und Kleinfarmerfamilien im Sinne des 4C Basisprofils mit modernem Kaffeewissen und nachhaltigen Anbaumethoden vertraut machen. Damit verbunden waren Schulungen der Kaffeefarmer, die strengen ökologischen und sozialen Anforderungen nach dem Rainforest Alliance Standard zu erfüllen. Die Zertifizierung erfolgte noch im selben Jahr. 2010 schloss sich ein Klimaprojekt an. Die Farmer wurden darin geschult, welche Maßnahmen sie zur Abwehr der Folgen des in der Region bereits spürbaren Klimawandels ergreifen können. Die Kleinfarmer produzieren heute qualitativ hochwertigste und damit für unsere Premiumprodukte bestens geeignete Arabica-Kaffees.

Eine Ausdehnung dieses Projekts mit anschließender Zertifizierung nach Rainforest Alliance erfolgte dann in 2011/2012 auf fünf weitere Kooperativen am Mount Kenya mit über 16.000 Farmerfamilien.

Nach den Grundsätzen eines partnerschaftlichen Handels sowie der Hilfe zur Selbsthilfe erhalten die Farmer einen ihr Qualitätsprodukt und ihre Anstrengungen honorierenden Preis. Für die Zertifizierung nach Rainforest Alliance gibt es einen gesonderten Aufschlag.

Notwendige Investitionen auf den Farmen und in den Kooperativen nicht nur zur Sicherstellung von Qualität und Ernteerträgen, sondern auch in schwierigen Zeiten, betrachten wir als unseren gemeinsamen Beitrag für eine langfristige, partnerschaftliche Zusammenarbeit.

Das Mount Kenya-Project weist in unserer qualitativen Wachstumsstrategie für die ökonomische, ökologische und soziale Qualitätsfacette insgesamt, d. h. auch für andere Sortimente, in eine beispielgebende Richtung: Die Produzenten sollen durch Unterstützungsmaßnahmen von außen dazu befähigt werden, ihre Arbeits- und Lebensbedingungen in eigener Regie und unter Anerkennung ihrer Hoheit über das Projekt zu verbessern.

Vergleichbare Projekte führen wir derzeit in Guatemala und im Bereich nachhaltige Baumwolle in Benin und Sambia durch.

Bei diesen Projekten betrachten wir auch das gesellschaftliche Umfeld, in dem unsere Partner leben und arbeiten, hier insbesondere die Herausforderungen, die trotz zeitgemäßer, ganzheitlicher Qualitätsoffensive sowie damit verbundener Effektivitäts- und Effizienzsteigerungen im Kerngeschäft nicht zu lösen sind.

Das Problem ist häufig die Kleinteiligkeit der Produzenten, die deren finanziellen Handlungsspielraum auf vorhandenen Flächen vor allem im gesellschaftlichen Entwicklungsumfeld tatsächliche Grenzen setzt.

So wurde im Mount Kenya-Project festgestellt, dass die Trinkwasserversorgung in bestimmten Regionen der »Baragwi Farmer Cooperative« keine Selbstverständlichkeit ist. Manches Dorf ist von der Trinkwasserversorgung ganz abgeschnitten. Bis zu 5 Mal täglich legen die Farmerfrauen den durchschnittlich 5 Kilometer langen Fußweg zur und von der nächsten Trinkwasserquelle mit bis zu 20 Kilogramm schweren Wasserkanistern zurück. Zeit, die ihnen für die Arbeit auf der Farm, für ihre Familien und für ihr Engagement in den Gemeinden fehlt. Das Projekt verbessert diese Situation mit dem umweltverträglichen Bau von Wasserleitungen. Deren Unterhaltung übernimmt die »Baragwi Farmer Cooperative« unter Führung der »Frauengruppe Wasser«.

Auf einer Exkursion zum Kilimandscharo erfuhr eine Gruppe von Farmerfrauen der »Baragwi Farmer Cooperative« von tansanischen Farmerfrauen, dass es zum Kochen auf offenem Feuer bei hohem Holzverbrauch und gesundheitsschädlicher Rauchentwicklung eine Alternative gibt: »Jikos« sind geschlossene, aus Lehm gefertigte und mit Rauchabzug versehene Öfen, die den Holzbedarf um ca. 80 Prozent reduzieren können.

Sie sind damit deutlich effizienter, umwelt- und gesundheitsschonender und helfen, Aufwand und Kosten für die Beschaffung von Feuerholz einzusparen. Die ersten »Jikos« im Projektgebiet am Mount Kenya sind bereits gebaut und in Betrieb. Für die Multiplikation dieses Wissens sorgt die »Frauengruppe Bildung«.

Eine wichtige Lebensgrundlage und zusätzliche Erwerbsquelle sind Nutztiere auf den Farmen, die Milch für die Ernährung und den Verkauf sowie natürlichen Dünger für die Feldarbeit liefern. Damit können die Farmer zugleich Kosten für teuren künstlichen Dünger sparen und schützen die Umwelt zusätzlich. Das Projekt ermöglicht die Anschaffung von Nutztieren, den Bau von Ställen und die Schulung der Farmerfamilien in artgerechter Haltung. Hierfür übernehmen die »Frauengruppen Nutztiere und Baumaterialien« die Verantwortung. Die Farmerfrauen werden darin geschult, wie sie sich über die kleinteilige Familienlandwirtschaft hinaus weitere Einnahmequellen erschließen können. So hat sich die »Frauengruppe Bildung« zur Gründung eines bedarfsgerechten Catering-Services für Familienfeiern im Gebiet entschlossen. Das Geschäft ist bereits vielversprechend angelaufen. Die Überschüsse investieren die Frauen in die Schulausbildung der Aids-Waisen, die sie in ihre Familien aufgenommen haben und sonst kaum eine Chance auf Bildung gehabt hätten.
Bei diesen und weiteren Teilprojekten im gesellschaftlichen Umfeld steht die Förderung von Unternehmertum – vorzugsweise der Frauen an unserem Produktursprung – im Mittelpunkt.

Warum Förderung von Unternehmertum? Weil sie Kreativität und Innovation freisetzt. Warum Frauen? Weil es insbesondere die Frauen sind, die die gesellschaftliche Entwicklung vorantreiben. Es feh­len ihnen häufig nur die Instrumente wie insbesondere Einkommensdiversifizierung und Zugang zu Wissen. Die aus deren Anwendung entstehenden Wirkungen ergänzen die Resultate sinnvoll, die bereits aus der Umsetzung von Nachhaltigkeitsstandards im Kaffeeanbau entstanden sind. Gefördert werden diese Teilprojekte u. a. durch eine Aktion zu Weihnachten im vergangenen Jahr: Von jedem verkauften Pfund Tchibo Privat Kaffee haben wir zusammen mit unseren Kunden zur Anschubfinanzierung 45 Cent in die Teilprojekte gesponsert. Dabei ist eine Summe von über 600.000 Euro zusammengekommen.
Was bewegt mich, wenn ich auf den Projektverlauf am Mount Kenya schaue?

Das Projekt erfüllt mich vor allem mit Zufriedenheit. Zufriedenheit darüber, mit wie viel Motivation und unternehmerischem Geist die Farmerfamilien ihre Konzepte umsetzen und ihre eigene sowie damit auch unsere Zukunft als Unternehmen gestalten, wie sie dabei Selbstbewusstsein zeigen und dass ich als Mitarbeiter in unserem Unternehmen hierzu einen Impuls geben darf.

Wie gesagt … die Laufbahn eines Nachhaltigkeitsmanagers hatte ich nicht geplant, sie hat sich glücklicherweise ergeben.