Andrea Lachmuth

Andrea Lachmuth ist Kommunikationsexpertin und zertifizierte CSR-Managerin. Sie begleitet seit 2002 Kunden der Branchen Technologie, E-Commerce und Onlinehandel sowie Tourismus beim Ausbau strategischer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und in der Nachhaltigkeitskommunikation. Die Schulungspartnerin des Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) berät zu Nachhaltigkeitsmanagement und begleitet CSR-Reportings im Rahmen einer integrierten Kommunikationsstrategie. Andrea Lachmuth studierte Lateinamerikanistik (UNI Köln), Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Romanistik (TU Braunschweig) und beschäftigt sich bereits seit 1996 mit dem UN-Leitbild des Sustainable Development und seiner Umsetzung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Bis 2001 arbeitete sie in einer Kommunikationsagentur an Projekten zur Förderung nachhaltiger Regionalentwicklung. 

Weitere Informationen: www.Lachmuth-Beratung.de
 

Wie CSR-Manager ihrer Berufung folgen: Wege und Umwege zu einer Lebensaufgabe

Interview mit Andrea Lachmuth

Frau Lachmuth, wann sind sie mit dem Thema Nachhaltigkeit das erste Mal bewusst konfrontiert worden? Und was hat das in Ihnen ausgelöst?

Grundlegend geprägt hat mich ein einjähriger Aufenthalt in Lateinamerika mit Anfang 20. Danach war meine Entscheidung klar, Lateinamerikanistik zu studieren. Ich habe viel Zeit in Peru, Ecuador und Bolivien verbracht, Spanisch studiert, bin gereist und habe mir im andinen Hochland Entwicklungshilfeprojekte angeschaut. 

Was haben Sie gelernt?

Dass beispielsweise bereits ein Glas Milch pro Kind und Schultag eine erste und grundlegende Chance für Bildung bedeutet. Eiweiß fördert die organische Gehirnentwicklung und ist grundlegend für die Lernfähigkeit von Kindern. Das hat mich nachhaltig beeindruckt und für Beziehungszusammenhänge von entwicklungspolitischen Fragestellungen sensibilisiert. Vor 30 Jahren war die Welt in Peru sozusagen noch im ökologischen Gleichgewicht, jedenfalls im Vergleich zur Gegenwart. Heute bedrohen Klimawandel, Abschmelzen der Gletscher, Flächenverbrauch für Lebensmittelmonokulturen für Exporte das ökologische Gleichgewicht und den Frieden im Land. Früher haben hier die andinen Kleinbauern Kartoffeln, Mais und Quinoa für die Eigenversorgung angebaut. Wenn ich im Winter in einem Supermarkt in Deutschland einkaufe, sind die Gemüsetheken mit frischem Spargel, Erbsenschoten oder Bohnen gefüllt. Produziert in Entwicklungsländern wie Peru und der ganzen Welt bedienen die Agrarprodukte die Nachfrage der Konsumenten in Industrieländern. Ich als Verbraucher entscheide aber darüber mit, ob ich diese Lebensmittel kritiklos einkaufe, oder ob ich bevorzugt saisonal verfügbare Lebensmittel aus regionalen Kreisläufen einkaufe!

Bleiben wir bei Peru: Minengesellschaften in Cochabamba beuten die Rohstoffe des Landes aus, verunreinigen das Grundwasser und hinterlassen ökologische Wüsten. Beschäftigt Sie das Thema?

Ja, leider wird der Protest der lokalen Bevölkerung nicht gehört. Gegenwärtig ist Peru zum beliebtesten Reiseland in Südamerika geworden, die Tourismuszahlen steigen. Im Tal der Inka (Urubambatal) wird ein internationaler Airport gegen den Willen der lokalen Bevölkerung gebaut. Damit werden noch mehr Menschen in ökologisch sensible Zonen geholt. Wachsende Globalisierung, weltweite Handelsströme, Freihandelsabkommen und zunehmender Massentourismus belasten die Systeme und die Menschen. Ist das zukunftsfähig? Wenn Nachhaltigkeit bedeutet, eine WIN-WIN-Situation für alle Beteiligten zu schaffen, dann sind die externen Kosten für Umwelt und Entwicklung nicht berücksichtigt. Es braucht deshalb den Diskurs von Naturwissenschaftlern, politischen Weltgemeinschaften wie der UNO, Nichtregierungsorganisationen und Politikern über Ressourcenknappheit und die Zukunftsfähigkeit wirtschaftlichen Handelns, was ja nicht neu ist. 

Von der Lateinamerikanistik wechselten Sie familiär bedingt auf das Studienfach Politikwissenschaften, hatten aber immer noch den Fokus auf Entwicklungspolitik. Wie ging es weiter?

1996 schloss ich mein Studium mit der Magisterarbeit "Das Leitbild des Sustainable Development in der Agenda 21 - Umsetzungsmöglichkeiten auf lokaler Ebene" ab. In meiner anschließenden Elternzeit habe ich mich zuerst ehrenamtlich engagiert und gab Vorträge zur Agenda 21 an der VHS. Die Lokale Agenda 21 wurde in Rathäusern, Beiräten und Aktionsgruppen diskutiert und mit lokalen Aktionen öffentlich gemacht. Ich leitete den „Eine Welt Arbeitskreis“ der Lokalen Agenda 21 in Erlangen, und wir sensibilisierten auf Plakatwänden für faire Nord-Südbeziehungen und setzten uns für die „Clean Cloth Campaign“ und Transfair-Produkte wie Kaffee ein. Die öffentliche Reichweite lokaler Gruppen und NGOs war in den 90er Jahren relativ begrenzt und das Agenda21-Leitbild von „Global denken, lokal handeln“ wurde im Alltag eher als Konsumverzicht interpretiert und das Verständnis und die Resonanz in der lokalen Bevölkerung war relativ schwach. 

Welche Bedeutung spielt für Sie die Agenda 21? 

Ich bin ein Kind der Agenda 21, die 1992 auf der Konferenz für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen (UNCED) in Rio de Janeiro 1992 beschlossen wurde und die die Leitlinien für das 21. Jahrhundert für nachhaltige Entwicklung definierte. Hier wurde die Vorstellung von nachhaltiger Entwicklung (Sustainable Development) erstmals in ein Maßnahmenpaket gegossen. Mit der Entwicklungsvorstellung von nachhaltiger Entwicklung sollen durch eine veränderte Wirtschafts-, Umwelt- und Entwicklungspolitik die Bedürfnisse der heutigen Generation befriedigt werden, ohne die Chancen künftiger Generationen zu beeinträchtigen. Unter dem Motto „Global denken – lokal handeln!“ wurde deshalb jede Kommune der 178 Unterzeichnerländer aufgerufen, eine eigene (lokale) Agenda 21 zu erarbeiten. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das bis heute ein zäher Prozess ist. Die Nachfolgeagenda „Agenda 2030“ trat am 1. Januar 2016 in Kraft, und die Ziele wurden in Anlehnung an die Millenniums-Entwicklungsziele, die Sustainable Development Goals der UNO entworfen.

Was bedeutete diese Entwicklung für Ihren Werdegang?  

Nach einer Weiterbildung zur Medienwirtin 1999 war ich als PR-Beraterin in einer Kommunikationsagentur bei dem Aufbau der Dachmarke „Original Regional“ zur Förderung von Direktvermarktern und regionalen Wirtschaftskreisläufen in der Metropolregion Nürnberg projektmäßig eingebunden. Seit 2002 bin ich selbständige Kommunikationsberaterin. Ich habe für Familienunternehmen wie die Martin Bauer Gruppe (Global Player für Kräuter- und Früchtetee- und extrakte) von 2002 bis 2007 und für die Onlineprinters von 2009 bis 2015 die internationale Presse- und Öffentlichkeitsarbeit aufgebaut und die Mitarbeiterkommunikation begleitet. Seit 2010 berate ich auch das klimaneutrale Creativhotel Luise in Erlangen, das ein Leuchtturmprojekt im Bereich Nachhaltigkeit in der Hotellerie ist. 

Auf welchen inneren Fundamenten basiert Ihre Arbeit? 

Mir liegt sehr daran, die Wertehaltung in Familienunternehmen und Nachhaltigkeitsleistungen in der allgemeinen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit kommunikativ herauszuarbeiten. Darunter waren Projekte wie „Girls Day“, „Earth Day“, „Klimaneutral Drucken“ oder „CO2-Fußabdruck“, die das ökologische, soziale und lokale Engagement thematisch einbinden. Mit der Etablierung von CSR als allgemein anerkanntes Managementkonzept sehe ich ganz neue Möglichkeiten Nachhaltigkeitsleistungen in Unternehmen strukturiert und in eine integrierte Kommunikationsberatung einfließen zu lassen. 

Von September bis Dezember 2015 haben Sie deshalb am bundeseinheitlichen IHK-Zertifikatslehrgang „CSR-Managerin“ (IHK) in Nürnberg teilgenommen. Womit befasste sich hier Ihre Projektarbeit?

Am Beispiel des touristischen Ausflugsanbieter SeavisTours in Bayahibe in der Dominikanischen Republik habe ich deren Aktivitäten im Nachhaltigkeitsprozess zu „Greener Excursions“ mittels des CSR-Instrumentariums analysiert und eine Kommunikationsstrategie für deutschsprachige Ausflugsgäste aufgelegt. 

Weshalb schließt sich für Sie mit Ihrer Qualifizierung als CSR-Managerin  der Kreis zu Ihren beruflichen Anfängen in Anlehnung an die lokale Agenda 21?

Seit der Verabschiedung der Agenda 21 auf der Konferenz von Rio 1992 bis zur CSR-Berichtspflicht 2017 habe ich mich bis heute mit Nachhaltigkeit - privat und beruflich - auseinandergesetzt. In der bisherigen CSR-Kommunikation liegen meine Schwerpunkte auf regionalen Wirtschaftskreisläufen, Ressourcenmanagement, Hotellerie und Tourismusangebote. Mit der Erfüllung der EU-Berichtspflicht zur Bereitstellung von Daten über Umwelt-, Sozial- und Arbeitnehmerbelange, zur Achtung der Menschenrechte und zur Bekämpfung der Korruption ist Nachhaltigkeit jetzt politisch verordnet im Unternehmen angekommen. Ich sehe darin eine enorme Chance für den Mittelstand, das unternehmerische Potenzial von CSR zu nutzen und gezielt für Innovationen in Kernprozesse und Wertschöpfung zu integrieren. Für die Mehrheit der vor allem mittelständischen Unternehmen scheint CSR-Management zumindest hinsichtlich einer gesetzlichen Verpflichtung nicht relevant zu sein. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, dass die Berichtspflicht von den großen Betrieben über die Wertschöpfungs- und Lieferketten auch auf die KMUs weitergegeben wird. 

Welche Erfahrungen haben Sie mit diesem Thema gemacht?

Ich habe viele Unternehmerpersönlichkeiten kennengelernt, die ihre mittelständisches Familienunternehmen werteorientiert im Sinne des „Leitbildes des Ehrbaren Kaufmanns“ führen und Engagement für Umwelt und Gesellschaft aus ihrem Werteverständnis als Unternehmer heraus erbringen. Was lange fehlte, war ein Managementkonzept, das Nachhaltigkeit in den Handlungsfeldern Arbeitsplatz, Markt, Umwelt und Gemeinwesen untersucht und mit Unternehmenskennzahlen verifizierbar und vergleichbar macht. Der CSR-Manager begleitet die Entwicklung einer professionellen Systematik für die Unternehmenspositionierung mit ökonomischen, ökologischen und sozialen Mehrwerten. Das unternehmerische Potenzial von CSR im Unternehmen zu erkennen und gezielt zu nutzen, finde ich sehr spannend.

Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang die IHKs?

Ich sehe sie als wichtige Impulsgeber für das Verständnis und als Begleiter für die Umsetzung von Nachhaltigkeit in der Wirtschaft. Ich sehe hier insbesondere die IHK Mittelfranken als Innovator für CSR im Mittelstand. Besonders dankbar bin ich Herrn Raschke, dem IHK-Leiter des Fachbereichs Weiterbildung, der durch sein unermüdliches persönliches Engagement für die CSR-Manager von Morgen, diese wertvolle Berufsqualifikation mit nachhaltigem Leben erfüllt. Jährlich stattfindende Veranstaltungen halten den CSR-Expertenaustausch lebendig.

Sie sind auch Schulungspartnerin für den Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK). Was heißt das konkret?

Der DNK ist ein Standard für mehr Transparenz über das Nachhaltigkeitsmanagement und soll Analysten die Beurteilung nicht-finanzieller Risiken erleichtern. Als DNK-Schulungspartnerin verfüge ich über ein effizientes Schulungs- und Beratungskonzept. Eine Entsprechenserklärung macht Nachhaltigkeitsleistungen sichtbar und vergleichbar und kann zur Grundlage für systematisches CSR-Management werden. Ich wünsche mir, dass viele Firmen die Chance ergreifen, mit einer Nachhaltigkeitsstrategie erfolgreicher zu werden. Kommunikation und Nachhaltigkeitsberichterstattung gehören für mich zusammen! 
Wir leben in einer visuellen Welt. Die Herausforderung der Kommunikation besteht darin, Nachhaltigkeit anschaulich einer breiten Öffentlichkeit zu erzählen. Sie mit Emotionen zu versetzen, Interesse zu wecken und dadurch Nachfrage zu erzeugen. Ich brauche positive Bilder und erlebbare Geschichten, mit denen ich Nachhaltigkeit emotional aufladen kann. Wieso sollte ein Kunde einen bestimmten neuen Turnschuh kaufen, wenn er nicht weiß, dass dieser Turnschuh aus recyceltem Meeresmüll entwickelt wurde und er damit einen Beitrag zum Schutz der Meere leistet? Warum sollte ein Urlauber seine Tour bei einem bestimmten Ausflugsanbieter buchen, der in Artenschutz, Energieeffizienz und Waste-Management in einem sensiblen Ökosystem investiert, dieses dem Gast aber nicht erzählt? Gute Geschichten berühren uns. Wir lernen, begreifen und erinnern uns. Ich kann Öffentlichkeit erzeugen und Nachfrager für sozialverträgliche oder umweltschonende Entscheidungen sensibleren. Getreu dem Agenda21-Motto „Global denken und lokal handeln“. 

Zurück zum DNK: Welche Vorteile sind für den Mittelstand damit verbunden?

Mit dem DNK sehe ich für mittelständische Unternehmen einen einfach handhabbaren Einstieg in die Nachhaltigkeitsberichterstattung. „Warum soll ich Geld und Ressourcen dafür zur Verfügung stellen, ich bin nicht verpflichtet“, mögen sich kleinere Firmen fragen. Es stimmt, wir reden bei Nachhaltigkeitsreportings überwiegend von freiwilligen Leistungen. Nachhaltigkeit ist in mittelständischen Familienunternehmen oft gelebte Tradition. Die DNK-Entsprechenserklärung bietet einen standardisierten Berichtsstandard, um Nachhaltigkeitsleistungen transparent und vergleichbar zu machen. Nach dem Prinzip „Comply or Explain“ geht es um eine Fortschrittsberichterstattung der eigenen Nachhaltigkeitsstrategie. Keiner ist perfekt. Also Mut zur Lücke. Den CSR-Weg zu gehen, heißt Zukunft gestalten.

Inwiefern setzt die technologische Entwicklung CSR-Impulse? 

Jede Idee hat ihre Zeit. Jede neue Technik birgt die Möglichkeit für Innovation. In den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts hat uns das Thema „Jute statt Plastik“ und das Aufkommen von Solarenergie inspiriert, wenn wir nicht erneuerbare Rohstoffe einsparen wollten. Im 21. Jahrhundert sind neue kreative Ideen gefragt, um Lösungen für Umwelt und Entwicklung zu finden. Nachhaltigkeit steht heute nicht für Verzichtdenken, sondern für ein neues und nachhaltiges Qualitätsbewusstsein. Wir sind umgeben von Kunst- und Verbundstoffen, deren Langlebigkeit ein Problem im ökologischen Kreislauf ist. Hier gilt es, Lösungen zu finden, die neue Wertschöpfung und Weiterverwertung im Sinne des Cradle to Cradle-Konzepts bedeuten. Ein innovatives Kreislaufwirtschaften und die Zweitverwertung von Verbundmaterialen entlasten die Umwelt und schaffen einen positiven Mehrwert für die Gesellschaft. Visionär gedacht könnten die Verbundstoffe der Zukunft alle biologisch recyclebar sein. Sustainability ist in der Industrie 4.0 des 21. Jahrhunderts angekommen. Die technologischen Möglichkeiten eröffnen ein neues Spektrum an Innovationen für ein effizientes Ressourcenmanagement. CSR steht für Lebensqualität und Zukunftsfähigkeit.

Die Forderung nach mehr Klimaschutz löst bei einigen Menschen oft erst einmal ein Gefühl der Ohnmacht aus, da sich der Einzelne von der globalen Dimension wie Umweltzerstörung und Klimawandel überfordert fühlt…

Natürlich löst es Ängste und Hilflosigkeit aus, wenn ich in einer TV-Dokumentation am Plastikmüll erstickende Schildkröten sehe. Die Frage, was kann ich tun, ist meist zu komplex, um einen Handlungsimpuls auszulösen. Nachhaltigen Konsum zu einem Mehrwert im täglichen Leben zwischen „Global denken und lokal handeln“ zu erheben, ist eine Herausforderung. Wenn ich aber weiß, dass ich mit dem Kauf eines Produkts, das nach Cradle-to-Cradle in ein neuwertiges Produkt upgecycelt wurde, die Weltmeere sauberer machen, dann erzeugt das einen Kaufimpuls. So kommt die CSR-Strategie eines Unternehmens beim Verbraucher an und erzeugt Wertschöpfung.

Welches Potenzial hat der Tourismus für die nachhaltige Entwicklung?

Es ist erheblich. Der Tourismus gilt explizit als Instrument zur Umsetzung der Ziele der globalen Sustainable Development Goals (SDGs), wie sie in der UN-Agenda 2013 für nachhaltige Entwicklung definiert sind. Die Vereinten Nationen haben 2017 zum "Internationalen Jahr des nachhaltigen Tourismus für Entwicklung" ausgerufen. Nach einer Analyse der Welttourismusorganisation reisten 2015 fast 1,2 Milliarden Menschen um die Welt. Damit hat die Boombranche Tourismus großen Einfluss auf die Umwelt und auf das Leben von Millionen von Menschen. Die Tourismusindustrie ist weltweit ein mächtiger Wirtschaftsfaktor und Jobmotor. Tourismus ist Segen und Fluch zugleich. Massentourismus, Klimawandel, Ressourcenknappheit demographischer Wandel und sozialer Frieden sind Herausforderungen, mit denen sich die Tourismusindustrie weltweit auseinandersetzen muss. Es geht zum einen um Umweltverschmutzung und den ökologischen Fußabdruck, den jeder Reisende hinterlässt. Aber es geht auch um soziale Gerechtigkeit und Lebenschancen für Menschen, die direkt und indirekt von den externen Effekten der Reisewirtschaft betroffen sind. 

Was verbinden Urlauber mit nachhaltigem Reisen?

Booking.com veröffentlichte im April 2017 eine Studie zu nachhaltigem Tourismus mit folgenden Ergebnissen: Auch wenn der Begriff „nachhaltiger Tourismus” eine Vielzahl an Bedeutungen hat, ist die Rolle der Unterkünfte relativ eindeutig. Die Umfrage zeigt, dass mehr als die Hälfte der Teilnehmer (56%, Deutschland: 50%) den Aufenthalt in einer umweltfreundlichen Unterkunft als nachhaltiges Reisen bezeichnen. Dies war die häufigste Antwort auf die Frage, was nachhaltiges Reisen für sie bedeutet. Für etwas mehr als ein Drittel der weltweit Befragten (38%) und nahezu jeden zweiten Deutschen (49%) bedeutet nachhaltiges Reisen, dass sie Wasser sparen, indem sie Handtücher und Bettwäsche mehrfach verwenden. Für viele ist der Begriff nachhaltiges Reisen gleichbedeutend mit einem authentischen Erlebnis. Für knapp mehr als die Hälfte der Deutschen (53%) und mehr als ein Drittel der weltweit Befragten (38%) ist der Kauf von regional produzierten Produkten und die Unterstützung einheimischer Künstler ein Aspekt von nachhaltigem Tourismus. 36 Prozent der weltweit Befragten und 39 Prozent der Deutschen würden eine umweltfreundliche Unterkunft wählen, um ein authentischeres Erlebnis zu haben. 
Booking.com kommt zu dem Schluss: „Der Weg zu einer nachhaltigen Zukunft ist ein Gemeinschaftsprojekt, für das wir unser Wissen teilen und zusammenarbeiten müssen – und zwar auf allen Ebenen zwischen Reisezielen, Unterkünften, Reiseveranstaltern und Reisenden.”  https://news.booking.com/de/bookingcom-veroffentlicht-studie-zu-nachhaltigem-tourismus-2017/ 

Wie kann nachhaltiges Reisen erlebbar gemacht werden?

Nachhaltigkeitsstrategien sind individuell und von den globalen Trends wie Klimawandel oder Ressourcenknappheit geprägt, mit denen eine Tourismusdestination konfrontiert ist. Die Bedürfnisse der Menschen sind aber ähnlich: Der Gast möchte eine intakte Umwelt genießen, ein authentisches Urlaubserlebnis haben und ein gutes Gefühl mit den schönsten Tagen im Jahr verbinden. Ein Mitarbeiter möchte fair und mit Wertschätzung behandelt werden, einen sicheren Arbeitsplatz haben und ein Gehalt beziehen, das ihm und seiner Familie die Lebensgrundlage sichert und damit seine Menschenwürde respektiert. Die Bewohner an der jeweiligen Urlaubsdestination wiederum wünschen sich durch Infrastruktur und lokale Wirtschaft an die Wertschöpfung durch Tourismus eingebunden zu sein. Diese Ziele für Umwelt und Entwicklung mit Leben zu erfüllen heißt CSR.

Sie arbeiten seit 2010 mit zwei touristischen Familienunternehmen im Bereich Kommunikation zusammen. Beide sind Vorreiter im Engagement für nachhaltigen Tourismus. Was zeichnet sie aus?

Das eine ist das Creativhotel Luise in Erlangen, ein klimaneutral geführtes Businesshotel, das andere ist SeavisTours, ein holländischer Öko-Ausflugsanbieter in der Dominikanischen Republik. In beiden Fällen handelt es sich um traditionell wertegeleitete Familienunternehmer. Das Hotel in Deutschland hat die ersten nachwachsenden Hotelzimmer nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip entwickelt und setzt auf Naturmaterialien von regionalen Handwerkern. Im Rahmen der Energieeffizienz ist der C02-Fußabdruck schon im klimapositiven Bereich, da das Ressourcenmanagement sehr effizient ist. Das Frühstück für die Gäste erfolgt verpackungsarm über regionalen Lieferanten oder in Bioqualität. Carsharing, Fahrräder und Elektrotankstelle ermöglichen umweltfreundliche Mobilität. Alle Mitarbeiter - auch die Service- und Putzkräfte - sind fest angestellt, was in der Hotellerie nicht mehr üblich ist. 
Die Hotelierfamilie wird seit über 25 Jahren für Umweltschutz ausgezeichnet und gilt als Ökopionier in der Hotelbranche. Im Hotelbetrieb ist Nachhaltigkeit in allen Bereichen lebendig, aber ohne erhobenen Zeigefinger: „Gut schlafen, gut schmecken, gut atmen, gut erholen und wohlfühlen“ ist für den Gast erfahrbar. Nachhaltigkeit steht nicht für Verzicht, sondern für ein neues Qualitätsbewusstsein, das einen positiven Mehrwert für den Hotelgast schafft. Das ist gelebte CSR. 

Die Dominikanische Republik ist bei den Deutschen ein sehr beliebtes Fernreiseziel… 

Hier bietet der Ökotour-Anbieter abseits des Massentourismus in kleinen Gruppen Bootstouren in das Naturschutzgebiet des „Parque Nacional del Este“ an. Ausflugsziele sind die Inseln Saona und Catalina sowie die Tanama-Ranch im Dschungel am Flussufer des Rio de Chavon. Faire Preise, erstklassiger deutschsprachiger Service und eine soziale und ökologisch rücksichtsvolle Unternehmensphilosophie führen zu begeisterten Bewertungen von Tausenden von Gästen auf Tripadvisor und HolidayCheck. Die Bedeutung für Mensch und Natur wird besonders auf der Tanama-Ranch sichtbar, die nach umweltfreundlichen Standards betrieben wird. Auf der Ranch wird die Flora und Fauna des Landes kultiviert und bei botanischen Führungen erklärt. Eine Schmetterlingszucht bewahrt die Artenvielfalt der bedrohten einheimischen Falter. Ein ganzes Dorf ist bei Seavis beschäftigt, aus jeder Familie einer. Die Mitarbeiter erhalten eine Krankenversicherung und Schulgeld für die Kinder. 

Bei den Ausflügen wird die Umwelt geschont, indem Müllaufkommen, Energieverbrauch und Transportwege so gering wie möglich gehalten werden. Auf Saona wird eine Schildkrötenaufzuchtstation unterstützt, und die Brutpflege der Schildkrötenbabys trägt zum Artenschutz bei. Urlauber erleben diese Ausflüge als authentisch und nachhaltig. Viele unterstützen das Team gerne, indem sie Sachspenden abgeben. Diese werden mehrmals im Jahr an Schulen und in Dörfern im Hinterland verteilt, wo Menschen nicht vom Tourismus profitieren. 

Ist das individuelle CSR-Engagement bei beiden im Kerngeschäft verankert?

Ja, und es wird durch stete Innovation weiterentwickelt. Sowohl Hotel als auch Ausflugsanbieter beeindrucken ihre Gäste mit Authentizität und Engagement. So wird nachhaltiger Tourismus mit Emotionen aufgeladen und für die Gäste erlebbar gemacht. 

Laut Reiseanalyse 2014, die im Auftrag des Bundesumweltministeriums BMUB erstellt wurde, gibt es eine enorme Nachfrage nach umweltfreundlichen und nachhaltigen Urlaubsangeboten – aber kein ausreichendes Angebot…

Befragte, die gerne nachhaltig reisen würden, fänden es hilfreich, wenn es ein klares Siegel oder Gütezeichen für Nachhaltigkeit gäbe. Laut Befragung ist für rund 31 Prozent der Befragten die ökologische Verträglichkeit von Urlaubsreisen wichtig, 38 Prozent möchten sozialverträglich reisen. Und 42 Prozent der Bevölkerung finden es wichtig, dass sich Reiseveranstalter für Nachhaltigkeit engagieren. Von den an nachhaltigen Reisen Interessierten nannten als Hürden unter anderem fehlende Informationen (43 Prozent) und das begrenzte Angebot (32 Prozent), so die Ergebnisse der repräsentativen Befragung der Deutschen zur „Nachfrage für nachhaltigen Tourismus“.

Es gibt also noch viele Unsicherheiten und wenig Transparenz im Dschungel der Siegel und Zertifizierungen für nachhaltigen Tourismus. Bisher sind Anbieter nachhaltiger touristischer Angebote oft Leuchtturmprojekte, die auf sich alleine gestellt. Es braucht verbindliche übergreifende Strukturen im nachhaltigen Tourismus, die Anbieter und Nachfrager zusammenführen. Welche Orientierungshilfen hat ein Tourist, wenn er ein nachhaltiges Angebot wie ein Hotel oder einen Ausflug finden und buchen möchte? Ich wünsche mir sehr, dass wir 2017 im Internationalen Jahr für nachhaltigen Tourismus darauf Antworten finden.

Was ist Ihr Lebenstraum?

Ich würde gern durch die Welt reisen, nachhaltige Tourismusprojekte vorstellen und  diese mit einer CSR-Kommunikationsstrategie auf dem Reisemarkt sichtbar zu machen. Damit würde ich meinen Lebenstraum erfüllen, der mich seit meiner ersten Reise 1987 nach Peru nicht mehr losgelassen hat. 

Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt

Stand: Mai 2017

Andrea Lachmuth: Die Entwicklung der Begrifflichkeit von „Nachhaltigkeit“ in drei Jahrhunderten  - ein Abriss 

18. Jahrhundert: Als Begründer der Nachhaltigkeit gilt Hans Carl von Carlowitz. Er fordert 1713 ein nachhaltiges Nutzungskonzept in der Forstwirtschaft: Es soll nicht mehr vom nachwachsenden Rohstoff Holz geerntet werden, als in einem Regenerationszyklus nachwächst.  http://www.allianz-pro-nachhaltigkeit.de/news/nachhaltigkeit-ein-philosophischer-ansatz/  

19. Jahrhundert: Durch Bevölkerungswachstum, Industrialisierung und ungebremsten Ressourcenverbrauch wird die Endlichkeit der Ressourcen zunehmend bewusst.

20. Jahrhundert: Die Ölkrise der 70er Jahre führt die Verschwendung der fossilen Energien vor Augen. Die Umweltverschmutzung als Wachstumsgrenze wird diskutiert.

1972 postuliert der Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“. Aufgrund Wirtschaftswachstum versus ökologische Belastbarkeit des Planeten wird ein Umdenken gefordert. Im gleichen Jahr findet die erste koordinierte Umweltkonferenz der UNO statt. Das Umweltprogramm der UNO, die UNEP (United Nations Environment Programme) wird gegründet.

1987: Der Begriff „Sustainable Development erhält seine Bedeutungszuweisung im Brundtland-Bericht, verfasst von der Weltkommission der UNO für Umwelt und Entwicklung. Der Brundtland-Bericht gibt Empfehlungen für eine dauerhafte und gerechte Ressourcennutzungschance für alle Völker und für Generationengerechtigkeit. Hier wird eine Entwicklung dann als nachhaltig betrachtet, wenn sie „den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen“.
Unter dem Motto „The sky is the limit“ schafft die globale Umweltkrise eine Endzeitstimmung: Die Klimakatastrophe als Weltuntergangsszenario? 

1992: Die Agenda 21, das Aktionsprogramm der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung wird auf der RIO-Konferenz UNCED in Rio de Janeiro von 172 Staaten beschlossen und umfasst die Leitlinien für das 21. Jahrhundert. Die Agenda 21 ist ein Maßnahmenkatalog für politische Akteure, die der fortschreitenden weltweiten Umweltverstörung und Verelendung Einhalt gebieten sollen. Nachhaltigkeit ist das zentrale Anliegen. Mit der Entwicklungsvorstellung von Nachhaltiger Entwicklung (Sustainable Development) sollen durch eine veränderte Wirtschafts-, Umwelt- und Entwicklungspolitik die Bedürfnisse heutiger Generationen befriedigt werden, ohne die Chancen künftiger Generationen zu beinträchtigen. 

Die lokale Agenda 21: Viele globale Probleme lassen sich am besten auf der lokalen Ebene lösen. Unter dem Motto „Global denken – lokal handeln!“ wird deshalb jede Kommune der 178 Unterzeichnerländer aufgerufen, eine eigene (lokale) Agenda 21 zu erarbeiten. Der Prozess läuft bis heute in vielen Kommunen Deutschlands. 

2002 kam die Umsetzung der Agenda 21 auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg auf den Prüfstand. Die verstärkte Umsetzung mittels „local action 21-Kampagnen für die nächsten 10 Jahre wurde beschlossen. 

Seit 2016 ist die Nachfolgeagenda Agenda 2030 in Kraft und die Ziele für nachhaltige Entwicklung wurden in Anlehnung an den Entwicklungsprozess der Millennium-Entwicklungszielen, der Sustainable Development Goals entworfen. Nach ihnen sollen bis 2030 Armut und Hunger in der Welt verschwunden sein.

2017: 25 Jahre nach der Konferenz von Rio 1992 (UNCED) ist die rechtliche Grundlage zur CSR-Berichtspflicht in deutschen Unternehmen angekommen und gibt einer strukturierten Nachhaltigkeitsberichterstattung Raum. Unter dem ganzheitlichen Ansatz von Corporate Social Responsibility wird die unternehmerische Verantwortung für die Auswirkungen ihres ökonomischen, ökologischen und sozialen Tuns in der Pflicht genommen.

Vom politischen Nachhaltigkeitsdiskurs zur deutschen CSR-Umsetzungsstrategie: 

Sustainability und Nachhaltigkeit sind also keine neuen Begriffe oder Handlungsrahmen. Die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung für Umwelt und Gesellschaft wurden in einem sehr langen politischen und institutionellen UN-Prozess diskutiert und mündete in der EU-Strategie zur nachhaltigen Entwicklung 2001. Die Europäische Kommission verpflichtet ab 2017 große Unternehmen zur Berichterstattung über nichtfinanzielle und die Diversität betreffende Informationen. 

Deutschland richtete 2001 den Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) ein. Das  Gremium bekam die Aufgabe eine deutsche Nachhaltigkeitsstrategie zu entwickeln. Nach umfangreichen Vorarbeiten mit Experten hat der RNE 2011 die erste und 2014 eine aktualisierte Version des Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) beschlossen. Er ist ein anerkanntes Steuerungsinstrument für nachhaltiges Wirtschaften. Der DNK setzt einen branchenübergreifenden Transparenzstandard für die Berichterstattung unternehmerischer Nachhaltigkeitsleistungen und kann von Unternehmen und Organisationen jeder Größe und Rechtsform kostenfrei genutzt werden, die über nachhaltiges Wirtschaften berichten. 
Das Gesetz zur Stärkung der nichtfinanziellen Berichterstattung von Unternehmen (CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz) ist in Deutschland und EU-weit seit 1.1.2017 in Kraft. Betriebe sollen vermehrt Rechenschaft über nachhaltiges Handeln ablegen. Dabei definiert die EU-Kommission Corporate Social Responsibility (CSR) als „Verantwortung von Unternehmen für ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft“. Themen wie Angaben über Arbeitnehmer-, Sozial- und Umweltbelange, die Achtung der Menschenrechte und Korruptionsbekämpfung sind Inhalt dieser Berichtspflicht.

Stand: Mai 2017