Andreas Marth

Andreas Marth, Jahrgang 1964, absolvierte von 1980 bis 1983 eine Lehre zum Zentralheizungsbauer, Gesellentätigkeit von 1983 bis 1986. Es folgte eine Ausbildung zum Meister im Zentralheizungs- und Lüftungsbauer–Handwerk (1986–1987). Er war kaufmännisch-technischer Angestellter (1987) und wurde von 1988 bis 1990 zum staatlich geprüften Techniker HLK ausgebildet. Es folgte 1990 eine Ausbildung zum Betriebswirt des Handwerks. Von 1990 bis 1992 war Marth Projektleiter Technische Gebäudeausrüstung und von 1992 bis 1994 selbstständiger Handwerksmeister, danach Projektleiter TGA Großprojekte (1994–1997), selbstständiger Projektsteuerer (1997-1998), Projektmanager Deutsche Effekten und Wechsel Beteiligungsgesellschaft (DEWB AG, 1998–2001).

Seit 2001 arbeitet er bei der Aareal Bank Gruppe, wo er heute als Abteilungsleiter für die  Aaereal Bank AG, einem internationalen Immobilienfinanzierer, tätig ist. Auf Grund seines Werdegangs durch viele bürgerliche Schichten kennt er die Ungleichbehandlung in der Gesellschaft  sowie die  Bedürfnisse und Zwänge von KMUs bis zu Konzernen. Dieses Wissen war maßgeblich für sein gesellschaftliches Engagement: 2006 gründete er die Fit For Family Care gGmbH, Wiesbaden. 2011 folgte die Gründung der Garantis GmbH als Muttergesellschaft für Social  Business. 2012 wurde er Stifter der gemeinnützigen Organisation green blue social you Stiftung. Andreas Marth ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Weitere Informationen:

http://www.fit-for-family-care.com
http://green-blue-social-you.org/

http://www.garantis.org

 

Die green blue social you Stiftung

Interview mit Andreas Marth, Gründer und Mitglied des Kuratoriums der green blue social you Stiftung in Wiesbaden

Herr Marth, was war der Auslöser für Ihr gesellschaftliches Engagement?

Meine Kinder gaben den Anstoß, mich mit der Zukunft und sozialen Strategien auseinanderzusetzen. Vorhandene soziale und nachhaltige Konzepte überzeugten mich nicht wirklich. Was fehlte, war eine sozialgeprägte Organisation, welche die betriebswirtschaftliche Situationen der Unternehmen berücksichtigt und mit entsprechendem Augenmaß Lösungen und praktische Unterstützung anbietet, um somit reale Werte zu schaffen.

Wofür steht die green blue social you Stiftung?

Sie soll vor allem Unternehmen eine Möglichkeit bieten, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten nachhaltig zu engagieren. Wir möchten als „die“ Stiftung der Wirtschaft wahrgenommen werden, die nicht mit erhobenen Zeigefinger die Vergehen aufzeigt, sondern unter Berücksichtigung der Unternehmensbedürfnisse und wirtschaftlichen Zwänge den Firmen eine Plattform geben.

Was ist das Besondere Ihrer Stiftung?

Wir legen unseren Fokus ausschließlich auf Unternehmen als Stifter und Förderer. Gelder von Privatpersonen nehmen wir nicht. Wir möchten insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen (KMUs), die keine eigenen Ressourcen für ihr soziales Engagement oder Nachhaltigkeit haben, mit unserem Konzept zu unterstützen.

Welche Rolle haben Sie innerhalb der Stiftung?

Ich habe die Ideen, erstelle Konzepte und beginne einfach, spreche Stifter an  und bin letztlich mit dem Aufbau und der Ideenverbreitung beschäftigt  – meine Frau als Juristin und Geschäftsführerin verantwortet mit ihrem Team die fachgerechte Umsetzung, übernimmt den administrativen Bereich und steuert die Maßnahmen.

Weshalb trägt die Stiftung nicht Ihren Familiennamen?

Es ging uns nicht darum, uns selbst darzustellen, sondern um den Inhalt. So suchten wir nach einem Namen, der vieles assoziiert. Insbesondere die Stifter sollen somit eine ganz besondere Bindung zur green blue social you erhalten und die Stiftung als ihre eigene annehmen. Zudem zeigen wir nicht mit Fingern auf etwaige negative Produktionsprozesse der Unternehmen, sondern sehen uns als Partner dieser Unternehmen, um diesen eine Möglichkeit zu bieten, eigenaktiv zu werden.

In welchen Regionen ist die Stiftung tätig?

Wir sind bei unseren Projekten nur in Deutschland tätig, damit unsere Arbeit vor Ort stattfindet – letztlich kann jeder Stakeholder des Unternehmens vor Ort die geförderten Projekte besichtigen. Darüber können Stifter oder Förderer eigene Ideen einbringen oder gar in einer eigenen Stiftung tätig werden. Wir gründen gerne die Stiftung und managen diese auch mit unserer gemeinnützigen GmbH, sodass der Stifter auch hier keine eigenen Personalressourcen aufwenden muss.

Was tun Sie, um andere Menschen für Ihre Stiftung zu begeistern?

Zu allen unseren Projekten haben wir einen persönlichen Bezug. Um dieses unseren neuen Stiftern / Förderern oder Dritten zu vermitteln, ist uns das persönliche Gespräch wichtig.

Welchen Zuspruch fand Ihr Engagement bislang?

Der Zuspruch ist sehr positiv. Es gibt auch Unternehmen welche uns fördern und nicht genannt werden möchten. Unser Engagement findet Anklang, weil wir uns persönlich kümmern. Wir verstehen die Zwänge der Unternehmen und setzen die Maßnahmen mit dem notwendigen Augenmaß um. Wir „jammern“ nicht, sondern überzeugen damit, dass wir selbst voran gehen.

Inwiefern kommen Ihre Erfahrungen als Finanzexperte der Stiftung zugute?

Ich bin kein Bankfachmann, sondern als Abteilungsleiter für die technische Betriebssicherheit der Bank verantwortlich. Meine Erfahrung nehme ich aus meiner beruflichen Entwicklung – von der Lehre über viele Ausbildungen bis zur heutigen Position. Das hilft mir, Ideen zu entwickeln und gibt mir den Mut zur Umsetzung und den damit verbundenen Investitionen. Ich bin Praktiker und mein Motto lautet: weitermachen, einfach immer weitermachen! Meine Frau ist als Volljuristin der Gegenpart und entschleunigt meinen Elan ein wenig. Sie steuert die Prozesse mit einem hervorragenden Team.

Woran orientieren Sie sich bei Ihrer Arbeit?

An den allgemeinen CSR-Grundsätzen und den Empfehlungen der ISO 26.000, dem Leitfaden für gesellschaftliche Verantwortung. Hierzu zählen u.a. Verantwortlichkeit, Transparenz und ethisches Verhalten. Als Muttergesellschaft von gemeinnützigen NGOs und NPOs sind wir daran interessiert, dass ausreichend Gelder für soziales Engagement oder nachhaltige Investitionen zur Verfügung stehen. Korruption verhindert dies und beeinflusst direkt die Bekämpfung von Armut und vergrößert das soziale Ungleichgewicht. Sie untergräbt das Vertrauen in die Integrität und Funktionsfähigkeit des Staates, der Industrie und der Politik und verursacht erhebliche volkswirtschaftliche Schäden.

Auf welcher Basis entscheiden Sie, wo die finanziellen Mittel am meisten bewirken können?

Wir haben eigene Ideen – stimmen diese mit den Stiftern und Förderern ab. Innerhalb der Stiftung haben aber auch andere gute Ideen die uns begeistern und überzeugen. Zudem bekommen wir natürlich Anfragen. Sofern diese in unser Konzept passen, dann sind wir dabei.

Anhand welcher Kennzahlen lässt sich ablesen, ob ein gefördertes Projekt etwas erreicht hat? Woran erkennen Sie Wirkung?

Bei vielen Anfragen helfen wir anonym, z.B. in Schulen: die Kinder oder Familien wissen nicht, dass die Gelder durch uns zur Verfügung gestellt wurden. Hier erhalten wir immer wieder nette Rückmeldungen durch die Klassenlehrer/innen - sei es mit einem Brief oder persönlich. Und natürlich an der Zufriedenheit unserer Förderer, die uns über das Kuratorium unmittelbar gespiegelt wird.

Warum dient eine Stiftung wie Ihre dem Gemeinwohl nur im Jetzt?

Die einzelne Not wird nur im Jetzt wahrgenommen. Und dort, wo jeder gerade steht: vor der eigenen Haustür.

Wofür steht die Marke "Fit for family"?

Fit For Family Care steht für eine sehr hochwertige und zeitgemäße Kinderbetreuung in Wiesbaden. Wir treten als wirkliche Dienstleiterin auf, wir erwarten von den Eltern keine Mitarbeit – denn sie haben ja schon eine Arbeit, deshalb lassen sie ihr Kind bei uns betreuen. Wir bieten den berufstätigen Eltern die Möglichkeit, in Ruhe ihrer Tätigkeit nachzugehen und ihr Kind in guten Händen zu wissen. Da meine Frau und ich aus der freien Wirtschaft kommen, wissen wir, welchen Umgang unsere Eltern im Geschäftsleben pflegen und so begegnen wir ihnen.

Wie hat alles begonnen?

Unser Sohn Hendrik kam zur Welt. Jetzt waren wir eine richtige Familie. Nun brauchten wir - wie so viele Eltern – irgendwann einen Krippenplatz. Aber so sehr wir uns auch bemühten – es war zwecklos. Nicht für Geld und gute Worte – es standen keine Betreuungsplätze in Wiesbaden zur Verfügung. Nachdem sich meine Frau mangels Krippenplatz schon langsam mit dem Berufsausstieg anzufreunden begann, entwickelte sich die Idee, eine eigene Betreuungseinrichtung zu organisieren. Wenn es so viele Familien gibt, die das gleiche Problem haben, so musste es doch möglich sein, Eltern zu finden, die bei der Gründung eines Vereins zum Betrieb einer Kinderkrippe mitmachen möchten.

Einfacher gesagt als getan?

Ja, so viele Familien wir auch ansprachen, Kinderkrippen wollte zwar jeder, aber ohne Risiko und ohne Arbeit.  Damit waren wir wieder allein. Also - kein Verein! Getrieben aus Not und Neugier entschlossen wir uns spontan, die Finanzierung der Krippe alleine in die Hand zu nehmen. Unser Weg führte zu einer Deutschen Großbank, wo man uns ein wenig ungläubig ansah. Selbst Freunde und Familienangehörige erklärten uns für verrückt: Eine Kinderkrippe! - als gemeinnützige GmbH – ohne Anspruch auf Gewinn?! Wo ist der Nutzen? Das verstehen nur junge Familien mit weit entfernt wohnenden Großeltern und dem Zwang einen Betreuungsplatz zu bekommen.

Die Bank hatte sich entschieden, in ihr erstes Abenteuer Kinderkrippe mit Ihnen gemeinsam aufzubrechen?

Genau, wir hielten die Finanzierungszusage in den Händen und gründeten Fit For Family Care als gemeinnützige GmbH.

Dennoch war der Weg nicht leicht. Welche konkreten Herausforderungen mussten gemeistert werden?

Um die Genehmigung zum Betrieb einer Krippe zu erlangen, reicht die Idee alleine leider nicht aus. Die anschließenden Monate waren ausgefüllt mit schlaflosen Nächten,  vielen persönlichen Gesprächen mit einer auf gemeinnützige Institutionen spezialisierten Beraterin, dem Finanzamt - wegen der Anerkennung der Gemeinnützigkeit , dem Jugendamt, um die Anforderungen für die Betriebserlaubnis zu erörtern, einer großen Kinderhilfsorganisation, der Berufsfeuerwehr Wiesbaden sowie  der Baubehörde und vielen weiteren Institutionen, um alle notwendigen Auflagen zu erfüllen. Darüber hinaus mussten geeignete und genehmigungsfähige Räume gefunden und etliche Bewerbungsgespräche geführt werden, um die besten Betreuerinnen für Hendrik und seine zukünftigen Spielgefährten zu bekommen. Neben der Kompetenz jeder Eltern, Windeln zu wechseln und ganz selbstverständlich 24 Stunden am Tag da zu sein, fehlte uns zu diesem Zeitpunkt gänzlich die Erfahrung für eine Kinderkrippe.

Hatten Sie zwischendurch den Gedanken aufzugeben?

Wir haderten zeitweise immer wieder mit uns, die Idee fallen zu lassen. Schließlich waren da noch die tägliche Arbeit und die Familie mit mittlerweile zwei kleinen Kindern, die uns forderten. Man hatte uns gewarnt, dass es nicht einfach werden würde – aber ein so aufwendiges Hobby hatten wir uns wirklich nicht vorgestellt. Jede Verzögerung kostete Geld – jede Niederlage fraß an den Nerven. Aber aufgeben? Nein ! Weitermachen – einfach immer weitermachen! Und Immer getreu nach dem Motto, wenn der Wind der Veränderung weht, dann setzen wir Segel!

Wohin führte Sie der weitere Kurs?

Wir machten uns weiterhin auf die Suche: Zuerst musste eine qualifizierte pädagogische Leitung gefunden und ein fachlich gutes Konzept erarbeitet werden, das unserer Vorstellung einer vollumfänglichen Betreuung entsprach. Nach vielen Gesprächen hatten wir endlich Glück. Hendrik reagierte sehr positiv - und so blieb es dabei. Wir hatten unsere Krippenleiterin und somit auch unsere erste Angestellte –  Athina. Ab sofort kümmerte sie sich nun um ihn und beriet uns bei einem mit unseren Vorstellungen zu vereinbarendem, zeitgerechten und lebensnahen Betreuungskonzept. Das FIT KIDS-Konzept fand bei allen großen Anklang und somit stand die Krippe nun auf sicheren pädagogischen Füßen. Indessen suchten wir weiterhin geeignete Mieträume und qualifiziertes Fachpersonal.  Nachdem wir endlich alle Auflagen zur Genehmigung erfüllen konnten, stellten wir unseren Antrag bei der Stadt. Dann vergingen viele Monate. Wir zahlten Miete und Gehälter und hofften auf ein gutes Ende…

Haben sich die vielen schlaflosen Nächte gelohnt?

Fit For Family Care ist in Wiesbaden angekommen. Nach Hendriks Schwester Paulina profitieren viele weitere Kinder bis heute  von Hendriks Pionierarbeit. Nachdem wir 2007 mit 12 Krippenkindern unsere ersten Gehversuche unternahmen, bietet die Einrichtung Fit For Family Care heute eine hochwertige Betreuung für über 120 Kinder zwischen dem 10. Monat und 6. Lebensjahr , sowie Schülern eine Betreuung ab der 1. Klasse. Seit 2010 erhielt die Einrichtung die Anerkennung als Praxisstelle durch die Hochschule Rhein - Main. Das qualifiziert uns, die Studentinnen und Studenten der sozialen Arbeit, sowohl im sozialadministrativen, als auch im sozialpädagogischen Praktikum auszubilden.

Welche persönlichen Werte liegen Ihrer Arbeit zugrunde?

Unsere Kinder gaben den Anlass für unsere Arbeit. Wir engagieren uns in der Hoffnung, dass unsere Kinder niemals in solche Situationen geraten, die uns heute veranlassen zu helfen. Achtsamkeit im Umgang mit Ressourcen ist uns sehr wichtig geworden. Nachdem wir früher ökologisch denkende Menschen oder Vegetarier ein eher ungläubig angeschaut haben, haben wir seit langem unsere Meinung revidiert und bewundern, wie konsequent einige Menschen die Nachhaltigkeit leben.

Das Gespräch führte Dr. Alexandra Hildebrandt

Stand: November 2014