Andreas Thiel

Andreas Thiel, 1966 im rheinland-pfälzischen Sobernheim geboren, studierte Wirtschafts- und Sozialgeografie, Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit 1994 widmete er sich in verschiedenen Regionen Deutschlands Aufgaben der Regionalentwicklung, seit 2000 vor allem der Wirtschaftsförderung. Seine Tätigkeit in den 90er Jahren beim damaligen Regionalverband Harz, die Naturparkarbeit, Kulturförderung und Wirtschaftsförderung in sich vereinte, hat ihn für eine ganzheitliche Herangehensweise an Regionalentwicklung geprägt. Als Geschäftsführer der Regio Augsburg Wirtschaft GmbH nutzt er die vorhandenen regionalen Ansätze im Bereich technologieorientierter Ressourceneffizienz, Umweltkompetenz sowie zahlreiche Nachhaltigkeits-Initiativen, die u.a. 2013 in der Auszeichnung der Stadt Augsburg als nachhaltigste Großstadt kulminierten, um nachhaltiges Wirtschaften als ein junges, ambitioniertes und vor allem  notwendiges Thema in der Wirtschaftsförderung zu etablieren. Über das BMBF-geförderte Forschungsprojekt ADMIRe A³ versucht er mit der Regio Augsburg Wirtschaft GmbH auch bundesweit Nachhaltigkeits-Impulse im Bereich Wirtschaftsförderung zu setzen.

Weiterführende Informationen:
www.admire-A3.de
www.region-A3.com

Wirtschaftsförderung und Nachhaltigkeit – ein Gegensatzpaar?

Wirtschaftsförderung, eine freiwillige Leistung von Kommunen zur Unterstützung der ansässigen Wirtschaft oder auch zur Ansiedlungsförderung, verbindet man in ihrer üblichen Ausprägung nicht sofort mit dem Thema Nachhaltigkeit – weder  in der äußeren Wahrnehmung noch von der Agenda, die sich die Wirtschaftsförderung allgemein und insbesondere die Wirtschaftsförderungs-Gesellschaften in Deutschland bislang selbst gegeben haben. Umfragen nach dem bedeutendsten Themen der Wirtschaftsförderung ergeben auf der einen Seite immer wieder ein ähnliches Bild: Die Betreuung der Unternehmen vor Ort, das Aufbauen von Clustern, die Standortwerbung  und die Ansiedlung von Unternehmen, die damit verbundene Vermarktung von Gewerbeflächen und Gewerbeimmobilien, die Beratung und Betreuung von Gründern stehen immer sehr weit oben auf den entsprechenden Rankings der Portfolios der Wirtschaftsförderungsgesellschaften. Von immer größerer Bedeutung in den letzten Jahren wurde der Punkt ‚Fachkräfte’, basierend auf dem wiederholt diagnostizierten wie auch diskutierten Thema des Fachkräftemangels. Aber auch die Energiewende und das schon ‚ältere‘ Thema Klimaschutz haben auf der anderen Seite neu Eingang in die Agenda der Wirtschaftsförderung gefunden, nicht nur im Sinne der Umwelttechnologie, sondern auch über die Beschäftigung von Wirtschaftsförderungsgesellschaften oder Regionalmanagements mit Klimaschutzprojekten und -konzepten. Sensibilisierung und Beratung zu Corporate Social Responsibility, kurz CSR, findet sich zwar nicht unter den Top-Themen der Wirtschaftsförderung wieder, hat aber in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen, übergreifend auf Themen von Produkt und Markt, Personal und Fachkräfte wie auch auf Ökologie und Soziales – die Gesellschaft -  ausgerichtet. Von der Beschäftigung mit CSR hin zur Nachhaltigkeit bzw. zu nachhaltigem Wirtschaften ist der gedankliche Sprung dann nicht mehr groß.

Lenkt man den Fokus einer Wirtschaftsförderungsgesellschaft – und bei regionalen Gesellschaften ist dies oft der Fall – weniger auf die einzelbetriebliche Förderung und Beratung, sondern darauf, gerade die mittelständischen Unternehmen, kurz KMU, für langfristig wichtige Entwicklungen zu sensibilisieren, so steht meines Erachtens heute jede kommunale und regionale Wirtschaftsförderung vor der Frage, wie sie sich mit dem Thema Nachhaltigkeit in einer langfristigen Perspektive auseinandersetzten möchte. Die Fragen, die sich hier stellen, reichen von der Frage der Zuständigkeit, gerade auch bei Wirtschaftsförderungen innerhalb von Verwaltungen, bei denen der Themenbereich oft dem Komplex Umwelt zugeordnet ist, bis hin zur Frage des richtigen Timings. Ist heute die Zeit reif, um lokal oder regional mit den Wirtschaftsakteuren nicht nur über Nachhaltigkeit zu diskutieren, sondern auch konkrete Schritte in Richtung nachhaltiges Wirtschaften anzugehen? Diskussionsprozesse und die darauf basierenden konkreten Aktionen brauchen in einer größeren Region für einen notwendigen Konsens Breite, Tiefe – und damit (viel) Zeit. Und trotzdem brauchen große Ziele, wie sie sich etwa die Bundesrepublik Deutschland im Bereich Klimaschutz gesetzt hat, und wie die Energiewende klar macht, auch schon sehr kurzfristige und damit oft kleine und lokale oder regionale Umsetzungsschritte. Das Thema Nachhaltigkeit kann man dazu durchaus parallel betrachten. Auch wenn es auf der einen Seite um globale Ansätze von fairem Handel oder ökologischer Nachhaltigkeit geht, so ist es durchaus möglich, auch im Bereich der Wirtschaft, schon jetzt konkrete (kleine) Schritte zu tun. Auch die Verbraucher sind zunehmend sensibilisiert für Themen der Nachhaltigkeit. Oft sind hier die zivilgesellschaftlichen Initiativen, in der Stadt Augsburg beispielsweise getragen von der Agenda 21, schon sehr viel weiter und versuchen genau jetzt, auch die Wirtschaft zu involvieren. Hier kann die Wirtschaftsförderung im Zweifelsfall auch ein gut geeigneter Katalysator sein, um zivilgesellschaftliche Initiativen mit Ansätzen der CSR oder der Nachhaltigkeit mit dem Unternehmen zu verknüpfen.

Was machen die Regio Augsburg Wirtschaft GmbH und ihre Partner konkret auf dem Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaftsregion Augsburg? Viele kleine Schritte und Mosaiksteinchen beherrschen das Bild: Sie bieten insbesondere für KMU Seminare zum richtigen Umgang mit CSR-Maßnahmen an, die Stadt Augsburg versucht mit einer eigenen Mitarbeiterin corporate volunteering zu stärken und bietet Einsatzmöglichkeiten für Freiwillige. Ökoprofit ist als Instrument der Region fest verankert. Die Region hat eine Energieagentur aus der Taufe gehoben, ein Klimaschutzkonzept auf den Weg gebracht und stellt demnächst Klimaschutzmanager ein. Die Fachkräfte Initiative Wirtschaftsraum Augsburg versucht speziell KMU im Bereich der Personalentwicklung nachhaltige Instrumente an die Hand zu geben. Die Vereinbarkeit von Beruf & Familie ist in einer eigens bei der Wirtschaftsförderung eingerichteten Servicestelle regional verankert. Fair Trade wird nicht nur von der Stadt Augsburg für die von ihr verwendeten Produkte angewandt. Erste Unternehmen haben einen Nachhaltigkeitsbericht vorgelegt. Ressourceneffizienz ist in Forschung und Wirtschaft ein Schwerpunkt der Region, ähnlich wie Umwelttechnologie – und wird von der Wirtschaftsförderung mit dem Leuchtturmprojekt „Augsburg Innovationspark – Zentrum für Ressourceneffizienz“ vorangetrieben. Bewerbungen um Umweltpreise, Nachhaltigkeitspreise, CSR-Preise werden systematisch von Kommunen, Verbänden, der Wirtschaftsförderung und Unternehmen vorangetrieben. Agenda 21 und Wirtschaftsförderung arbeiten zusammen und befruchten ihre Arbeit gegenseitig, etwa bei einem Konsumentenportal für regionale Produkte. Viele kleine Projekte, lokal, regional, von der Wirtschaft, von Kommunen initiiert kommen hier zusammen. 

Doch auch ein großangelegtes Projekt gehört zum regionalen Nachhaltigkeits-Portfolio: Die Region Augsburg hat als aufstrebendes Zentrum für Ressourceneffizienz, mit technologischen Schwerpunkten im Bereich Materialeffizienz, Energieeffizienz, Mechatronik & Automation, mit einem Schwerpunkt im Bereich der Umwelttechnologie und einem hervorragenden Besatz nicht nur im wissenschaftlichen Bereich, sondern auch in dem Bereich der Unternehmen eine gute Ausgangsposition. Auch die Friedensstadt Augsburg eingebettet in ein starkes zivilgesellschaftliches Engagement bietet gute Ansatzpunkte für das Thema Nachhaltigkeit. Hier sei nochmals auf die Preisverleihung als nachhaltigste Großstadt in 2013 verwiesen. Auf dieser Basis und den oben genannten vielen Mosaiksteinchen fällt es auch einer Wirtschaftsförderungsgesellschaft leichter, aus den Herausforderungen des demografischen Wandels und der Fachkräftesicherung, des (regionalen) Klimaschutzes, der stetigen Herausforderungen von Ressourceneffizienz und Innovation heraus regional wegweisende Projekte zu entwickeln, die sich mit der langfristigen Nachhaltigkeit in der Region, deren Transformation hin zu einem nachhaltigen Wirtschaften beschäftigen, wie dies beim Forschungsprojekt ADMIRe A³ der Fall ist. Dort wird zusammen mit der Universität Bayreuth und dem Forschungsinstitut F10 – Institut für nachhaltiges Wirtschaften versucht, Strukturen und auch Projekte zu entwickeln, die die Region Augsburg mit allen ihren Akteuren, vor allem aber mit einem Fokus auf dem Bereich der Wirtschaft, hin zu einer beispielhaften Nachhaltigkeitsregion entwickeln. Innerhalb dieses Projektes wurde und wird auch die Brücke von zivilgesellschaftlichen Initiativen hin zu den Vertretern der Wirtschaftsverbände und der Unternehmen geschlagen. Projekte wie ADMIRe A³ bieten die Möglichkeit, mit entsprechender Unterstützung wie hier durch das BMBF in einem dreijährigen Prozess einen Weg zu identifizieren, Konzeptionen zu entwickeln und auch erste Umsetzungsmaßnahmen auf den Weg zu bringen, wie langfristig der Weg in eine nachhaltig wirtschaftende Region gefunden werden kann. Die Wirtschaftsförderung und eine Vielzahl unterstützender Akteure sind in Augsburg gerade Anfang 2014 auf dem Weg, ein Programm für eine Region mit einem Horizont bis 2030 zu entwickeln. Augsburg und seine Region sind beim Thema ‚nachhaltiges Wirtschaften’ als Topthemen der Wirtschaftsförderung sicherlich noch eine Ausnahme und möchten dies auch im positiven Sinne bleiben, nämlich als beispielhaft. Sicherlich wird aber die Frage, wie sich Wohlstand und Wachstum mit Nachhaltigkeit verbinden lässt, zunehmend auch auf der Agenda der Wirtschaftsförderungsgesellschaften insgesamt an Bedeutung gewinnen.