Anja Kersten

Anja Kersten wurde 1983 geboren. Sie begann nach dem Abitur zunächst ein
Psychologiestudium an der Technischen Universität Dresden, das Sie 2005 nach
erfolgreichem Abschluss des Vordiploms beendete. Danach erfüllte Sie sich ihren
Kindheitstraum und begann Humanmedizin zu studieren. 2012 absolvierte Sie ihr
zweites Staatsexamen und ist seitdem Ärztin.

Im Laufe ihres Studiums war Anja Kersten vier Semester lang als Tutorin im
Medizinischen Interprofessionellen Trainingszentrum der Medizinischen Fakultät
in Dresden tätig. Dort beschäftigte Sie sich im Rahmen eines standardisierten
Patientenprogramms mit der Arzt-Patient-Kommunikation. Durch ihre Tätigkeit und
ihr gleichzeitiges ehrenamtliches Engagement in der Ausbildung von Ersthelfern
eignete sie sich zudem umfassende Fähigkeiten im Bereich der Wissensvermittlung
an.

Im Januar 2011 gründete Sie gemeinsam mit ihrem Kommilitonen Johannes Bittner
und dem Diplom-Informatiker Ansgar Jonietz das Internetportal "Was hab' ich?".
Seit Januar 2012 ist sie zusammen mit ihren Mitgründern geschäftsführende
Gesellschafterin der "Was hab' ich?" gemeinnützigen GmbH. Im November 2012 wurde
Anja Kersten in den Kreis der Ashoka Fellows aufgenommen.

www.washabich.de

 

Kennen Sie das?

Sie sind beim Arzt, er teilt Ihnen Ihren Befund mit und Sie verstehen kaum, worum es eigentlich geht. Am Ende des Gesprächs erhalten Sie den Arztbrief.  Zum Glück, könnte man meinen – um Zuhause noch einmal alles in Ruhe nachlesen zu können. Doch das Medizinerlatein in Arztbriefen bringt die meisten Menschen schnell an ihre Grenzen. Leider. Denn der moderne Patient strebt danach, über Krankheiten und Behandlungen informiert zu sein und mit dem Arzt gemeinsame Entscheidungen zu treffen. Dafür ist ein umfassendes Wissen über den eigenen Körper, die Krankheitsprozesse und Therapiemöglichkeiten nötig. Und dieses Wissen sowie die damit verbundene Gesundheitskompetenz sind sogar heilsam: Studien zufolge steht eine geringere Gesundheitskompetenz im Zusammenhang mit schlechteren Behandlungsergebnissen, mehr Krankenhausaufenthalten, einem schlechteren Einnahmeverhalten von Medikamenten und im Endeffekt sogar mit einer kürzeren Lebenszeit. 

Doch die Zeit im Behandlungszimmer reicht häufig nicht für ausführliche Informationen. Bis zu 80 Prozent der im Arzt-Patient-Gespräch vermittelten Informationen werden darüber hinaus vergessen, sobald der Patient das Arztzimmer verlässt. Eine Tatsache, die es schwer macht, gute Gesundheitsinformationen individuell und nachhaltig für den Betroffenen bereitzustellen. 

Auf die Idee, hier eine Lösung zu schaffen, brachte mich im Januar 2011 eine Freundin. Sie hielt den Arztbrief ihrer viele Jahre zuvor an Brustkrebs erkrankten Mutter in den Händen: „Verdacht auf Metastasen“, stand dort gemeinsam mit vielen anderen für Laien unverständlichen Begriffen. Sie hatte Angst und bat mich um Hilfe, da ich Medizin studierte. Ich übersetzte und erläuterte ihr den Befund. Danach fragte ich mich, wie andere Menschen in dieser Situation Hilfe finden. Am nächsten Tag berichtete ich zwei Freunden von meinen Gedanken und wir beschlossen, zusammen eine Lösung zu schaffen: Vier Tage nach dem Hilferuf meiner Freundin starteten Johannes Bittner, Ansgar Jonietz und ich das Internetportal „Was hab’ ich?“ – mit durchschlagendem Erfolg.

Die Lösung war und ist denkbar einfach: „Was hab’ ich?“ bietet Unterstützung für Patienten, die ihre Arztbriefe verstehen möchten. Der Patient sendet dazu sein medizinisches Dokument anonym und sicher auf https://washabich.de ein und erhält nach wenigen Tagen kostenlos eine ausführliche Erläuterung des Dokuments, die er passwortgeschützt online abrufen kann. Die „Übersetzung“ in laienverständliche Sprache wird ehrenamtlich von einem engagierten Team aus Medizinstudenten höherer Semester erstellt. Bei komplexen Befunden stehen den Studenten ein Ärzteteam sowie zwei Psychologen beratend zur Seite. 

Auf diese Weise erhält jeder Patient transparente und individuelle Gesundheitsinformationen. Sie können ausgedruckt werden und stehen so jederzeit zum erneuten Nachlesen bereit. Mit dem gewonnen Wissen wird der Patient befähigt, im Arztgespräch auf Augenhöhe mitzureden und gezielte Fragen zu stellen. Das hilft nicht zuletzt auch dem Verhältnis zwischen Arzt und Patient. Doch damit nicht genug: Auch die Mediziner profitieren, denn sie bilden sich mit jeder Übersetzung fachlich weiter und lernen, komplexe medizinische Sachverhalte laienverständlich zu erklären. Eine wichtige Erfahrung, da die Kommunikationsausbildung im Medizinstudium bei weitem nicht die Aufmerksamkeit erhält, die ihr angesichts der täglichen Arbeit von Medizinern zustünde.

Warum schreibt der Arzt aber nicht direkt einen für den Patienten verständlichen Befund? Wenn man bedenkt, wofür der Arztbrief eigentlich gedacht ist – nämlich für die Kommunikation zwischen Ärzten – liegt die Antwort nahe: Jede Fachsprache, auch die Medizinische, hat ihre Legitimation darin, dass sie kurz und unmissverständlich die wichtigsten Informationen bereitstellen kann. 

So führt die Übersetzung eines medizinischen Befundes in verständliches Deutsch bei „Was hab’ ich?“ häufig zu einer vier bis fünf Mal längeren Erklärung. Trotz der aufwändigen Übersetzungen konnten bei „Was hab’ ich?“ innerhalb der ersten zwei Jahre bereits mehr als 10.000 Befunde übersetzt werden. Ein Erfolg, der jedoch bei weitem nicht die Nachfrage deckt. 

Angesichts des offensichtlichen Bedarfs auf Patienten- und Medizinerseite suchten wir bald geeignete Partner, um unser Ziel einer besseren Arzt-Patient-Kommunikation auf starke gemeinsame Füße zu stellen. Enge Kooperationen und Austauschmöglichkeiten entstanden so bereits nach wenigen Monaten unter anderem mit der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, der Bertelsmann Stiftung, dem Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg und dem AOK Bundesverband. 

Verschiedene Auszeichnungen und Preisgelder, wie beispielsweise 2012 der Startsocial-Bundessieg und der Initiativpreis Deutsche Sprache halfen gemeinsam mit einer enormen Medienpräsenz, schnell die Bekanntheit von „Was hab’ ich?“ voranzutreiben und in der Startphase finanziellen Freiraum zu schaffen. Inzwischen steht die Finanzierung von „Was hab’ ich?“ auf verschiedenen Säulen, die sich aus Spendengeldern, Sponsorings und verschiedenen Projektarbeiten zusammensetzen. Ziel ist dabei eine langfristige sichere Finanzierung zu etablieren, die die Unabhängigkeit und Handlungsfähigkeit von „Was hab’ ich“ gewährleistet.

Im Januar 2012 gründeten wir daher die „Was hab’ ich?“ gemeinnützige GmbH. Die Tatsache, dass wir noch immer gemeinsam unsere ganze Aufmerksamkeit der Arbeit bei „Was hab ich?“ widmen können, ist nicht zuletzt auch der Ernennung zum Ashoka Fellow im November 2012 zu verdanken.

Die Verbesserung der Kommunikation in der Medizin ist ein wichtiges Ziel, das flächendeckend umgesetzt werden kann, wenn alle Beteiligten – Ärzte, Patienten, Krankenkassen und Gesetzgeber – gemeinsam mit anpacken. „Was hab’ ich?“ hat seinen ersten wichtigen Schritt dafür bereits getan: Es hat den riesigen ungedeckten Bedarf bei Patienten offengelegt und dabei eine Lösung mitgeliefert, die durch ihre Schlichtheit und den allseitigen Nutzen besticht. Die Tatsache, dass fast alle Nutzer die Befundübersetzung bei „Was hab’ ich?“ als hilfreich empfinden, stimmt uns zuversichtlich, weiterhin unseren Beitrag leisten zu können für eine gute Arzt-Patient-Kommunikation durch aufgeklärte Patienten und eine heranwachsende Generation von Ärzten, die für eine laienverständliche Kommunikation sensibilisiert ist.