Anselm Bilgri

Anselm Bilgri, Jahrgang 1953, war Benediktinermönch und Prior von Kloster Andechs. Seit seinem Ausscheiden aus dem Orden 2004 arbeitet er als Unternehmensberater im Bereich Wirtschaften und Werte. Zusammen mit Partnern hat er vor kurzem die Akademie der Muße gegründet, die sich an Menschen wendet, die zunehmend unter den negativen Auswirkungen der beschleunigten Leistungsgesellschaft leiden, die mehr Erfüllung in ihren Tätigkeiten suchen, die ihr Leben tiefer und sinnvoller empfinden möchten und die nach mehr Achtsamkeit für sich und ihre Umgebung streben. Die Akademie hat spezielle Angebote für Manager und Führungskräfte sowie für Angestellte in Unternehmen oder Branchen mit hohem Stress-Potenzial.

Weitere Informationen:
www.akademie-der-musse.de

 

Vom Umgang mit der Ressource Mensch
Was Nachhaltigkeit mit Muße zu tun hat

Nachhaltigkeit ist ein inzwischen inflationär gebrauchter Begriff geworden. Alles und jedes muss betonen, dass es in irgendeiner Weise nachhaltig ist. Das Geschäftsgebaren einer Investmentbank genauso wie der Gemüseanbau eines Biobetriebs. Sogar die Bundesregierung machte eine Kehrtwende und setzt nun auf nachhaltige Energiegewinnung. Auch die katholische Soziallehre hat die Nachhaltigkeit seit neuestem zu ihrem vierten Grundbaustein der Gesellschaft neben den bekannt drei anderen erklärt: Personalität, Solidarität und Subsidiarität.

Was wenige wissen: das Wort Nachhaltgkeit stammt im Deutschen aus der Feder des sächsischen Berghauptmanns Hans Carl von Carlowitz , den schon im 18. Jh. die Sorge um die für die Gruben und Schmelzwerkstätten notwendige Energiequelle umtrieb. Bei seiner Vorstellung von Nachhaltigkeit ging es darum, dass man nicht mehr Holz verbrennen dürfe, als in den Wäldern nachwachse. Salonfähig wurde Nachhaltigkeit allerdings erst durch den Bericht des Club of Rome und die Brundtland-Kommission der UNO in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Letztere veröffentlichte ihren Abschlußbericht unter dem Titel „Unsere gemeinsame Zukunft“.

Die Genese macht zweierlei deutlich: Nachhaltigkeit ist ein Begriff, der aus der Wirtschaft kommt, schon die Schrift, in dem Carlowitz ihn zum ersten mal verwendet, trägt den Titel „sylvicultura oeconomica“, wirtschaftlicher Waldbau. Sodann ist Nachhaltigkeit zu einem der weltweit gültigen Werte wenn nicht zu dem Leitwert des ökonomischen Weltethos geworden, der die Zukunft der Menschheit in ihrer Umwelt sichern soll, indem wir ressourcen-schonend wirtschaften und global handeln.

Was heißt das aber für die „Ressource“ Mensch? Wenn schon die vermeintlich meist rational agierende Betriebswirtschaft die Arbeitskraft als die teuerste Ressource definiert, ist er auch die wertvollste Säule eines Unternehmens. Dann gebührt dem Menschen im Unternehmen auch die größte Aufmerksamkeit. Achtsam muss er geführt werden, um den nachhaltigen, dauerhaften, generationenübergreifenden Erfolg eines Unternehmens zu gewährleisten.

Das wird leider oft vergessen, wenn Führungskräfte in Unternehmen daran gehen, „Prozesse zu optimieren“. Dann denken sie sich Unternehmen als eine Maschine, die geölt werden muss, deren Zahnräder auszutauschen sind und deren Betriebsspannung zu erhöhen ist, um den Output zu verbessern. Zum Problem wird diese Sichtweise, wenn Unternehmen immer mehr vom Engagement, vom Wissen und von der Kreativität ihrer Mitarbeiter abhängen. Von Menschen also, die ihren Job begeistert oder frustriert machen können. Die morgens mit Freude und Ideen ins Büro gehen – oder gleichgültig und innerlich gekündigt. Die Energie ins Unternehmen bringen – oder deren Job ihnen Energie und Gesundheit raubt.

Wenn Menschen ihre Arbeit als ein ständiges Beschleunigen und Verdichten erfahren, oft genug ohne Sinn und Verstand, fördert andauernde Prozessoptimierung genau das Gegenteil des ursprünglich Angestrebten. Denn wir sind keine Zahnräder, keine Prozessoren und keine Software. Wir benötigen einen für uns passenden Rahmen, der nicht nur aus Leistung bestehen darf. Dass zur An- immer auch Entspannung gehören muss, darauf hat schon der Heilige Benedikt in seiner Mönchsregel großen Wert gelegt und den Tagesablauf eingeteilt in ora und labora. Heute spricht man zwar viel von Work-Life-Balance, aber bei vielen Freizeitaktivitäten habe ich meine Zweifel, ob es sich dabei nicht doch eher um eine weitere Form von labora handelt: wer wagt denn zuzugeben: dass er faulenzt, rumhängt und einfach nichts tut?

Der heute etwas antiquiert klingende Begriff der Muße meint dagegen die Freiheit von äußeren Anforderungen für eine gewisse Zeit und damit Freiraum für Kreativität, für Spiritualität, für neue Impulse. Solche Momente der Muße wieder neu zu entdecken und einzuüben ist in einer beruflich wie privat so extrem beschleunigten Zeit unabdingbar für ein gesundes und Sinn-volles Leben. Wir tun ja heute so, als sei es ein Naturgesetz, dass alles immer schneller, dichter, zeit- und geldoptimierter wird. Dabei hat Muße die abendländische Kultur genauso geprägt, wie das hohe Arbeit­sethos, dem sich der moderne Mensch verpflichtet fühlt.

In der Antike war das anders. Wer sich damals mit Erwerbsarbeit sein Leben verdienen musste, gehörte zur Unterschicht. Heute hingegen beziehen viele ihren Selbstwert daraus, wie wahnsinnig beschäftigt sie sind. Wenn ich aber in mir zu ruhen lerne, wenn ich meinen Wert darin sehe, was in mir ist, in meinen Gedanken, Ideen, Emotionen, wenn ich also nicht nur das sehe, was ich (geleistet) habe, sondern, was ich bin und auch, wie ich mit anderen Menschen umgehe, dann ist das gesünder. Hierfür wieder die Achtsamkeit zu schulen und aus verschiedenen spirituellen und philosophischen Traditionen Ansatzpunkte dafür aufzuzeigen, ist das Ziel unserer Akademie der Muße, um neue Zugangswege dafür zu eröffnen, was wirklich wichtig für das eigene Leben ist.

Meine Erfahrung als Prior und Geschäftsführer der Klosterbetriebe von Andechs sagt mir, dass solche innerlich ruhenden, ausbalancierten Menschen auch im Job kreativer und leistungsstärker sind. Hier sind sie als Vorbilder gefragt, die in das Unternehmen hinein wirken können und die Balance von An- und Entspannung auch im Job überzeugend praktizieren. Übersetzt in eine dieser beliebten Formeln heißt das: Management-by-Loslassen“: abschalten, sich zurücknehmen, Dinge auch mal gut sein lassen. Genau hier könnte eine kluge Führungskultur ansetzen und neben allen Anforderungen auch Freiräume zulassen oder sogar bewusst schaffen. Wieso stellen Unternehmen heute zwar hochwertige Espressoautomaten und Flipperkästen auf, während Ruheräume mit Liegen, Decken und gedämpftem Licht die ganz große Ausnahme bleiben? Wieso gehen Teams häufig in Hochseilgärten, aber nicht in die Pinakothek, die Philharmonie – oder einfach nur spazieren? Womöglich im Wald, inmitten nachhaltiger Waldbewirtschaftung?

Achtsamer Umgang mit anderen setzt aber achtsamen Umgang mit sich selbst voraus, wie schon der ethische Grundsatz des Neuen Testaments fordert: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Nachhaltigkeit ist eine Funktion auf der Zeitschiene: Es geht im Jetzt, Hier und heute um Zukunftssorge. Zeit, Psychologen sagen sogar pointierter „Eigenzeit“ ist die wichtigste Ressource im Umgang mit sich selbst. Zeit, die nicht fremdbestimmt ist. Sich bewusst zu machen, dass man sich selbst immer wieder Eigenzeit gönnen muss, ist daher ein erster Schritt zum Wert der Nachhaltigkeit. Dann vermag das Wort dem inflationären Gebrauch zu überleben und behält seine Bedeutung und seine Kraft, gemeinsam Zukunft zu gestalten.