Ben Förtsch

Die Hoteliers Klaus und Ben Förtsch stehen für den Wandel der Nachhaltigkeit und das Innovationspotenzial im Ökomanagement eines Familienhotels – u.a. anhand des CSR-Projekts „Das nachwachsende Hotelzimmer“. Klaus Förtsch, geboren 1954, ist Ökohotelier mit Leib und Seele. Das Leben als Gastgeber eines Familienhotels hat er von der Pike auf gelernt. Nach einer Kochlehre mit Gesellenzeit in verschiedenen Hotels in der Region Nürnberg stieg er mit 30 Jahren in den elterlichen Hotelbetrieb ein. Der Grundstein für das heutige Creativhotel Luise in der Sophienstraße 10 in Erlangen wurde von den Eltern Heinz und Marga Förtsch mit dem Neubau des Hotels Luise 1956 gelegt. Dank eines Grundstückstausches mit dem großen Nachbarn Siemens war genügend Platz vorhanden, um in 60 Jahren Hotelgeschichte die Entwicklung des Wirtschaftsstandorts Erlangen zu begleiten. Der Bedarf an Hotelzimmern wuchs in diesen Jahren ständig und damit auch das Hotel. Das „grüne“ Businesshotel in der Stadt hat derzeit 30 Mitarbeiter und 95 umweltfreundliche Gästezimmer. Für die Vorreiterrolle im Umweltschutz wurde Familie Förtsch in den letzten 25 Jahren vielfach ausgezeichnet. Seit 2014 leitet Sohn Ben Förtsch das klimaneutrale Creativhotel Luise und führt das Ökomanagement in dritter Generation mit kreativen Innovationen in eine noch nachhaltigere Zukunft. Für das Projekt „Das nachwachsende Hotelzimmer“ wurde der kreative Junghotelier mit dem ADAC Tourismuspreis Bayern 2017 mit dem Sonderpreis Nachhaltigkeit ausgezeichnet.

Weitere Informationen: http://www.creativhotel-erlangen.de

Foto: Ökopionier Klaus Förtsch (re.) und Ökocreativer Ben Förtsch, Gastgeberfamilie des Erlanger Businesshotels Creativhotel Luise © Creativhotel Luise
 

Vom belächelten „Grünen Spinner“ zum ausgezeichneten Ökopionier
 

Herr Förtsch, was heißt für Sie Unternehmertum als Hotelier des Creativhotels Luise?

Unternehmertum heißt für mich und meine Familie verantwortungsvoll handeln und nicht kassieren. Als Familienunternehmen denken wir in Generationen und sind uns unserer Verantwortung für die Zukunft bewusst. Der Balanceakt zwischen hohen ökologischen Zielen und wirtschaftlichen Aspekten ist nicht immer einfach gewesen. Aber unsere langjährigen Mitarbeiter, unsere vielen Stammgäste und die zahlreichen Auszeichnungen für Umweltschutz und Ökomanagement beweisen, dass wir unseren nachhaltigen Hotelbetrieb erfolgreich führen. Wir sehen uns als Vorbild und kreativer Motivator für andere Hotel- und Gastronomiebetriebe - ohne erhobenen Zeigefinger. Wir sind ein Familienbetrieb und arbeiten mit einem Team von langjährigen und fest angestellten Mitarbeitern, die wir sehr wertschätzen und fair entlohnen. Diese Wertschätzung bringen wir auch unseren Gästen entgegen. Das Persönliche im Umgang mit unseren Gästen verleiht unserem Haus seinen Charakter. Unsere Gäste sind Menschen, welche oft zu Freunden werden. Jeder ist anders und wird von uns persönlich und individuell angesprochen. Unser ältester Stammgast kommt seit 42 Jahren in unser Haus, das freut uns sehr. Unsere Gäste gehen nicht zum Italiener um die Ecke, sondern zum „Giovanni“! Das erklärt den feinen Unterschied.

In den Medien wurden Sie früher als Grüner Spinner tituliert. Mit welchen Maßnahmen haben Sie grüne Ideen umgesetzt?

Die 80er Jahre waren die Steinzeit in der Biobewegung. Auch wenn wir in den frühen Jahren oft belächelt wurden, sind wir in Sachen Umweltschutzmaßnahmen immer die Ersten gewesen. Beispiel: In 60 Betriebsjahren ist unsere Hotelfläche auf mehr als 3000 m² gewachsen. Wir haben es als Stadthotel geschafft, rund die Hälfte als Grünfläche zu erhalten und pflegen einen Biotop-Garten. Seit 1991 wird unser Engagement als „Umweltbewusster Hotel- und Gaststättenbetrieb“ regelmäßig mit dem goldenen Umweltsiegel des Bayerischen Umweltministeriums ausgezeichnet. Mit der Entwicklung des Solarenergiemarktes in Deutschland haben wir bereits 1996 die damals größte gewerbliche Solarthermieanlage Erlangens auf dem Hoteldach installiert und erzeugen seitdem Wärmeenergie von 10.000 KWH/Jahr. Mit Investitionen in Solaranlagen, der Regenwassernutzung für die Brauchwasserversorgung sowie der Umsetzung von ressourcenschonenden Prozessen für die Bewirtschaftung des Hotels engagieren wir uns mit vielen freiwilligen Leistungen im Klima- und Umweltschutz. Seit 1997 engagieren wir uns als „Umweltpaktteilnehmer der ersten Stunde“ im „Umweltpakt Bayern“ für Klima- und Umweltschutz. Und als erstes Hotel in ganz Bayern wurde 1998 das Hotel Luise durch das EG-Ökoaudit validiert.

Nachhaltiges Hotelmanagement bedeutet für uns Denken und Handeln in Generationen und stets moderne Innovationen mitzuentwickeln und einzusetzen. Wir sind immer konsequent unseren Idealen gefolgt und haben unsere ökologische Wertehaltung in jedem Detail im Hotelalltag gelebt. Dazu gehört auch der Strohhalm, der eben nicht aus Plastik ist. Nur der Erste zählt, das war uns schon früh bewusst! Wir sind stolz darauf, dass wir seit 25 Jahren regelmäßig für unser ökologisches Engagement ausgezeichnet werden und seit 2015 die Auszeichnung der Exzellenzinitiative als „Klimaschutz-Unternehmen Deutschland“ tragen.

Wer oder was hat Ihre grünen Ideen und ihre Überzeugung inspiriert?

Meine Vorbilder hatte ich schon in den 70er Jahren in Dr. Dieter Hahlweg, dem Oberbürgermeister von Erlangen und Dr. Franz Ehrensperger, Unternehmer der Neumarkter Lammsbräu. Beide stehen bis heute als Vordenker und Visionäre im konsequenten Einsatz für Umweltschutz und der gleichwertigen Behandlung von Ökologie und Ökonomie in der Öffentlichkeit. Dr. Hahlweg hat bereits in den 70er Jahren die „Radfahrerstadt“ Erlangen geprägt. Dr. Ehrensperger hat ab 1971 Neumarkter Lammsbräu zum ökologischen Vorzeigebetrieb weiterentwickelt. Beide leben Nachhaltigkeit in allen Bereichen ihres Tuns mit Überzeugung: Als Unternehmer, Politiker und Mensch. Das hat mich inspiriert als Familienmensch und als Hotelier - bis heute.

Zu jeder Zeit die richtigen Taten: Ob Leihfahrräder, Car-Sharing-Auto oder Elektromobilität, unser biozertifiziertes und regionales Frühstücksbuffet sowie die Bewirtung mit ökologischen Bierspezialitäten u.a. von Lammsbräu und natürlich Energieeffizienzmaßnahmen in allen Bereichen gehören seit deren „Erfindung“ zu unserem Hotel.

Wie kommunizieren Sie Ihr Ökomanagement?

Wir tragen unser Engagement nicht mit der Fahne vor uns her. Wir leben die Nachhaltigkeit im Hotelalltag über unser Ressourcenmanagement vor und investieren in umweltfreundliche Gästezimmer und Regionalität vom Handwerker bis zum Lebensmittel. Die Achtsamkeit für die Umwelt lebt unser Team täglich in vielen kleinen Aufmerksamkeiten vor. Das ist jedem in Fleisch und Blut übergegangen. Wir sind ein Businesshotel mitten im Herzen von Erlangen. Für den Gast zählt in erster Linie Komfort und ein Zimmerpreis, der unserem 3 Sterne-Superior-Standard entspricht. Es ist halt so, dass sich der Standard-Businessgast nicht für Öko an sich interessiert und der 100 Prozent Öko-Gast in ein Öko-Design-Hotel geht. Unser Öko-Management wird aber sehr wohl von der Öffentlichkeit wahrgenommen und in Form von Preisen und Auszeichnungen honoriert. Der Gast honoriert den Komfort im Creativhotel Luise mit sehr guten Hotelbewertungen bei Tripadvisor und HolidayCheck.

Welches sind die Meilensteine in der 60-jährigenHotelgeschichte des Creativhotels Luise?

Unsere gute Nachbarschaft zu Siemens war für unser schnelles Wachstum in den Gründungsjahren sicher ein Garant. 1989 erfolgte der Spatenstich für den großen Neubau, weitere Um- und Anbauten folgten. Im Jahr 2000 haben wir unsere WellnessOase Lunyu eröffnet, die nach Feng-Shui-Richtlinien unseren Businessgästen Erholung bietet. Wir haben es dabei geschafft, Komfort und Wellness auch nach ökologischen Standpunkte zu vereinbaren und sehr energieeffizient zu wirtschaften. Wir sind stolz darauf, dass wir seit 2010 einen zertifizierten CO2-Fußabdruck haben und zu den ersten Hotels in Deutschland gehören, die die Auszeichnung ‚Klimaneutrales Hotel‘ tragen. Mittlerweile sind wir noch einen entscheidenden Schritt weiter: Viabono hat uns Juni 2015 als erstes Hotel mit einer klimapositiven Auszeichnung bewertet. Klimapositiv bedeutet, dass wir mehr Emissionen über Klimaschutzprojekte binden, als wir in unserem Hotelbetrieb tatsächlich produzieren. Somit haben wir sozusagen einen positiven CO2-Fußabdruck und Klimapositivität erreicht. Das hat uns im Jubiläumsjahr 2016 inspiriert noch tiefer zu hinterfragen, worin wir die Zukunftsfähigkeit in unserem familiengeführten nachhaltigen Hotelbetrieb sehen.

Und worin sehen Sie das Innovationspotenzial zu noch mehr Nachhaltigkeit?

Jede Idee hat ihre Zeit. Jede neue Umwelttechnik birgt die Möglichkeit für Innovation. Ab den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts hat uns das Thema „Jute statt Plastik“ und das Aufkommen von Solarenergie inspiriert, wenn wir Rohstoffe einsparen wollten. Im 21. Jahrhundert sind neue kreative Ideen gefragt, um Lösungen für einen umweltfreundlichen Hotelbetrieb zu finden. Nachhaltigkeit ist heute etwas ganz anderes als vor zehn Jahren. Wir sind umgeben von Kunst- und Verbundstoffen, deren Langlebigkeit ein Problem im ökologischen Kreislauf ist. Hier gilt es Lösungen zu finden, die neue Wertschöpfung im Sinne einer Kreislaufwirtschaft (siehe Cradle to Cradle®-Design-Konzept nach Prof. Braungart) möglich machen. Beispielsweise sind die Teppichfliesen im Hotel aus recycelten Fischernetzen hergestellt, die bislang als Plastikmüll in den Weltmeeren trieben und eine hohe ökologische Last darstellen.

Cradle-to-Cradle-Prinzip hat uns zu einem völlig neuartigen Nachhaltigkeits-Meilenstein inspiriert:

Das nachwachsende Hotelzimmer! Nachhaltigkeit heißt für uns durch Innovation und Erfahrung eine neue Qualität zu kreieren, quasi Sustain-novation. Gemeinsam mit dem Innenarchitekten Alexander Fehre entwickelte Ben Förtsch verschiedene Modell-Gästezimmer im Öko-Design. Ziel war es, nur solche Verbundmaterialen zu integrieren, die nach ihrer natürlichen Lebenszeit wiederum in ihre Einzelteile auftrennbar, kompostierbar oder in einem neuen Kreislauf sinnvoll einsetzbar sind. Alle Ausstattungsgegenstände in den Zimmern wie Teppich, Gardinen, Tapeten, Bett, Armaturen, etc. sind entweder zu 100 Prozent biologisch abbaubar oder zu 100 Prozent recyclebar, wobei die Rückgabe an die Hersteller schon vorab geklärt wurde. Außerdem investieren wir in den nächsten Jahren eine hohe sechsstellige Summe, um mit weiteren Energieeffizienzmaßnahmen noch umweltfreundlicher zu werden. Unsere Vision ist es „Natürliche Verbundstoffe statt Sondermüll“ im Hotelzimmer der Zukunft einzusetzen. Wir sind stolz darauf, dass wir uns auf einer neuen qualitativen Ebene von Nachhaltigkeit positionieren. Wir wollen Nachhaltigkeit für unsere Hotelgäste unwiderstehlich machen!

(Stand: Mai 2017)

Das Interview führte Andrea Lachmuth, CSR-Managerin und Kommunikationsexpertin im Bereich Nachhaltiger Tourismus.

Der Text erschien auch in: Alexandra Hildebrandt: Das Gute in der Nähe finden: Urlaub ist... wo wir uns im richtigen Leben aufgehoben fühlen von Amazon Media EU  S.à r.l. Weitere Informationen: https://www.amazon.de/dp/B01N2VCU68/ref=cm_sw_em_r_mt_dp_aZPvybZVF9TV8