Brun-Hagen Hennerkes

Prof. Dr. Dr. h.c. Brun-Hagen Hennerkes ist einer der führenden Experten auf dem Gebiet des Familienunternehmens. Prof. Hennerkes befasst sich seit über 40 Jahren ausschließlich mit der Beratung und Begleitung von großen Familienunternehmen in konzeptionellen Fragestellungen. Er ist Mitglied in Aufsichts- und Beiräten von bedeutenden deutschen Familienunternehmen. Prof. Hennerkes ist Gründer und Vorstand der gemeinnützigen „Stiftung Familienunternehmen“, die sich gezielt für die Interessen der größeren deutschen Familienunternehmen in Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit einsetzt. Er ist Honorarprofessor an den Universitäten Stuttgart und Witten Herdecke.

Weitere Informationen:
www.hennerkes.de
www.familienunternehmen.de

 

Wertewandel mitgestalten – wie es zu diesem Buch kam

Seit vielen Jahren ist in allen gesellschaftlichen Bereichen ein tiefgreifender Wertewandel zu beobachten. Manche sehen darin auch einen Werteverlust. In meinem Umfeld konnte ich diesen Wandel anhand der prägenden Werte der Familienunternehmer beobachten, insbesondere an den veränderten Einstellungen zwischen der Generation der Senioren und der Junioren. Einher ging damit ein Wandel auch in den Familien – weg von der Großfamilie hin zur Kleinfamilie und vielen Singles. Zugleich hat ein Umdenken stattgefunden, was den Umgang mit Ressourcen angeht. Gab es früher Zugriff auf scheinbar unbegrenzte Ressourcen, so hat die Ressourcenknappheit zu einem Umdenken und zu einer Wiederentdeckung des Prinzips der Nachhaltigkeit geführt. Schließlich müssen sich seit der Finanzkrise alle Verantwortlichen in der Wirtschaft noch stärker als bisher der Frage nach den Konsequenzen ihres Handelns stellen. In der Öffentlichkeit spielt nicht mehr allein der ökonomische Erfolg eine Rolle, sondern auch moralische Maßstäbe.

Vor diesem Hintergrund habe ich mich – gemeinsam mit dem mit mir befreundeten katholischen Theologieprofessor Dr. George Augustin, Inhaber des Lehrstuhls für Fundamentaltheologie und Dogmatik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar – entschlossen, das Thema „Wertewandel“ aufzugreifen und die Veränderungen in den verschiedenen Lebensbereichen in einem Sammelband zusammenzufassen, der insbesondere die Bereiche Gesellschaft, Wirtschaft und Politik beleuchten soll.

Unser Anliegen war es, herausragende Persönlichkeiten zu den wichtigsten Aspekten aus der Perspektive ihrer jeweiligen Lebensbereiche Position beziehen zu lassen. Sinn und Zweck des Buches ist, den Wertewandel zu beschreiben und einen eventuellen Werteverlust in unserer Gesellschaft zu identifizieren und ihm gegebenenfalls Einhalt zu gebieten.

Woran sollen wir uns halten? Diese Frage ist umso drängender, je mehr die Welt um uns herum sich wandelt. Mit neuen Herausforderungen in unserem Leben stellen manche die Wertschätzung unserer tradierten Grundlagen in Frage. Das war für uns Herausgeber der Anlass, Führungspersönlichkeiten über ihren moralischen Kompass reflektieren zu lassen und damit anderen die Chance zu geben, daran ihre eigene Haltung zu schärfen.

Wertewandel bedeutet allerdings nicht immer zwingend Veränderung. Möglicherweise ändert sich lediglich die Wahrnehmung oder der Wille, sich weiterhin an überlieferten Werten zu orientieren. Es steht jedoch fest: Keiner Generation bleibt das Ringen um die eigene ethische und geistige Orientierung erspart.

Dabei ist jedoch klar: Wir müssen bereit sein, uns auf unsere Wurzeln  zu besinnen, denn ohne Wissen um die eigene Herkunft gibt es keine Zukunft. Wer nicht weiß, woher er kommt, weiß auch nicht, wo er augenblicklich steht und wohin er gehen soll.

Verständnis und Verwirklichung von Werten wandeln sich, eben weil wir Menschen Kinder unserer jeweiligen Zeit sind. Und die Zeiten ändern sich ständig, bald schneller, bald langsamer. „Jede Epoche hat ihre Vorzüge und Mängel, jede ihre besondere Aufgabe, die nicht durch Ideologie verklärt oder gering gewertet werden darf“, sagt der Historiker Leopold von Ranke. Diese positive Einstellung zum Wertewandel steht vielfach im Gegensatz zur allgemeinen Wahrnehmung, die jegliche Veränderung als Verlust betrachtet.

Das Phänomen „Wertewandel“ hat die Menschen immer bewegt. Ende der Siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war es der amerikanische Soziologe Ronald Inglehart, der die Diskussion mit seinem Buch „Die stille Revolution“ erneut entfacht hatte. Inglehart konstatierte in der westlichen Welt eine Abkehr von eher materialistischen Werthaltungen wie Erfolg und Leistung hin zu idealistischen Werten wie Selbstverwirklichung und Ungebundenheit.

Das Buch wirft Fragen auf, deren Beantwortung uns besonders dringlich erscheint. Beim Nachdenken über die Probleme unserer Zivilisation sei er immer wieder auf das Thema „Verantwortung“ gestoßen, schreibt der verstorbene Präsident der Tschechischen Republik, Václav Havel, und plädiert dafür, unser Verständnis für Verantwortung radikal zu erneuern. Dorthin führt für ihn allerdings nur ein Weg: „Wir müssen unseren Egoismus, unsere Angewohnheit, uns selbst als Meister des Universums zu sehen, ablegen“.

In vielen Beiträgen ist daher von „Nachhaltigkeit“ die Rede – bezogen nicht nur auf den Umgang mit unseren Ressourcen, sondern auch auf das von vielen als kurzatmig empfundene Agieren in Wirtschaft und Politik. Nachhaltigkeit lässt sich am Beispiel unternehmerischen Handelns gut erklären: Nachhaltiges Wirtschaften verlangt ein doppeltes Zeichen unternehmerischer Verantwortung:

Verantwortung einerseits gegenüber der Umwelt und andererseits gegenüber allen mit dem Unternehmen verbundenen Menschen, also nicht nur den Mitarbeitern, sondern darüber hinaus den Kunden, den Lieferanten und den Finanziers.

Damit verfolgt Nachhaltigkeit als erstes ein ökonomisches  Ziel. Sie ist der Treibriemen, um den langfristigen wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens und damit seine Zukunft und die seiner Eigner und Mitarbeiter sicherzustellen. Eine zweite Zielsetzung liegt im sozialen Bereich. Nur der Unternehmer, der mithilft, auf Dauer eine zukunftsfähige und lebenswerte Gesellschaft zu schaffen, erhält die öffentliche Akzeptanz, die er braucht, um erfolgreich wirtschaften zu können.

Die Ökologische Nachhaltigkeit – um ein drittes zu nennen, ist Voraussetzung und Verpflichtung zugleich. Nur wenn es unseren Unternehmern gelingt,  Natur und Umwelt als Lebens- und Wirtschaftsraum für die nachfolgenden Generationen zu erhalten, nur dann können sie die für Familienunternehmen so wichtige Kontinuität wahren.

Unser Buch möchte als Einladung zum Nachdenken darüber verstanden werden, wie wir die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft sichern und sie verantwortlich und gut mitgestalten können.

Dabei war uns als Herausgeber bewusst, dass es im Rahmen eines derartigen Bandes nicht möglich ist, ein geschlossenes Bild zu dieser wichtigen Thematik zu erzeugen; vielmehr haben wir facettenhaft Beiträge aus den wichtigsten Lebensbereichen zu einem Mosaik ohne Anspruch auf Vollständigkeit zusammengefasst. Wir würden uns freuen, wenn unser Denkanstoß auf fruchtbaren Boden fällt.

Das Buch: Brun-Hagen Hennerkes / George Augustin (Hg.), Wertewandel mitgestalten. Gut Handeln in Gesellschaft und Wirtschaft, Freiburg i.Br. u.a.: Herder, 2012.