Christian Frommert

Christian Frommert war 15 Jahre lang bei der Frankfurter Rundschau tätig, darunter acht Jahre als Wirtschafts-Redakteur, Chef vom Dienst und Geschäftsführer der Verlags-Tochtergesellschaft main.sign GmbH. Von 2005 bis Ende 2008 zeichnete er als Head of Corporate Sponsoring and Sponsoring Communications der Deutschen Telekom AG/T-Mobile International für das Rad-Engagement des Konzerns (T-Mobile Team) verantwortlich. Im Jahr 2006 verkündete er einen Tag vor dem Start der Tour de France die Suspendierung des Rad-Superstars und Toursiegers von 1997, Jan Ullrich, wegen dessen mittlerweile rechtskräftig bestätigten Verstrickung in den Fuentes-Doping-Skandal. Seit mehr als fünf Jahren leidet Frommert an Magersucht. Er lebt und arbeitet heute als selbstständiger Kommunikationsberater in Bensheim, Hessen.

Dann iss halt was!

Interview mit Christian Frommert zu seinem gleichnamigen Buch

In Ihrem Buch beschreiben Sie Ihre Magersucht ganz offen. Wie, glauben Sie, wird die Öffentlichkeit darauf reagieren?
 

Ich hege diesbezüglich keine bestimmten Erwartungen. Vielmehr habe ich eine Hoffnung, die ich mit dem Buch verbinde: die Enttabuisierung einer Krankheit, die entweder verschwiegen oder aber als solche gar nicht akzeptiert wird. Ich erwarte auch kein Mitleid. Denn ich habe mir alles selbst zuzuschreiben, ich mache niemanden verantwortlich, hadere nicht. Und natürlich wird es Stimmen geben, die sagen: Jetzt will er an seinem Leid verdienen.
 

Wie gehen andere mit Ihrer Erkrankung um? Wie sind die Reaktionen in Ihrem Umfeld?
 

Viele Menschen haben versucht, mir zu helfen, ich habe alle Versuche abgeblockt, viele vor den Kopf gestoßen, sie nahezu verjagt. Erst spät habe ich wenige, aber wichtige Menschen wieder an mich heran gelassen. Das Buch hat für erstaunliche Reaktionen gesorgt. Die meisten beschrieben ihre Eindrücke zunächst mit einer Art faszinierter Fassungslosigkeit. Sie waren erschüttert, beeindruckt von der Offenheit und teilweise gar amüsiert ob der Selbstironie. Auf jeden Fall haben mich alle nun von einer anderen Seite kennengelernt und der Tenor war: Damit hatten wir nicht im Geringsten gerechnet. Diese Krankheit ist für viele ein Buch mit sieben Siegeln. Ich freue mich, wenn ich einige brechen kann.
 

Sie sind als Kommunikationsberater tätig. Woher nehmen Sie die Kraft, neben Ihrer Erkrankung weiter zu arbeiten?
 

Ich stehe ständig auf Stand-by, mein rotes Lämpchen ist immer an. Stets droht ein Leerlauf, den ich füllen muss. Ich bin getrieben und definiere mich über die Arbeit. Das ist einerseits beklagenswert. Aber diese Unruhe hat mir auch geholfen, mich nicht ganz zu verlieren. Insofern müsste ein Wort für diesen Zustand noch gefunden werden, was ist das Gegenteil von Burnout?
 

Für Männer ist der Umgang mit psychischen Erkrankungen schambesetzter als für Frauen, gerade in einem Umfeld, in dem die Leistungsfähigkeit eine große Rolle spielt. Sehen Sie Chancen, dass sich hier etwas verändert?
 

Ich bin nicht so naiv zu denken, ich würde viel verändern mit meinem Buch. Wenn man sich das Beispiel Robert Enke anschaut, sieht man ja, wie es mit solchen Themen ausgeht. Der Suizid des Fußball-Nationaltorhüters hat eine Zeitlang eine öffentliche Betroffenheit ausgelöst, ein Bewusstsein geschaffen. Was ist davon geblieben? Immerhin: Das Thema ist in der gesellschaftlichen Diskussion verankert, aber noch immer nicht ohne Vorbehalte und viele Wenns und Abers.
 

Viele Hilfsangebote medizinischer und therapeutischer Art sind immer noch mehr auf Frauen oder junge Mädchen ausgerichtet. Ein an Anorexie erkrankter Mann hat es daher in der Regel schwerer eine geeignete Betreuung zu bekommen. Was würden Sie sich zur Verbesserung dieser Situation wünschen?
 

Mir geht es gar nicht so sehr um Mann und Frau und jung oder alt. Das Angebot muss individueller werden. Magersucht mag in vielen Fällen einen gleichen Verlauf nehmen und auch ähnliche Auslöser haben. Aber es kann nicht sein, dass es so etwas wie eine allgemeingültige Behandlung gibt. Ein Konzept, ein Ansatz, an dem sich alle und alles bemisst. Alles, was nicht ins gewohnte Raster passt, flößt den Therapeuten und Kliniken offenbar derart hohen Respekt ein, dass sie über Ansätze – wenn überhaupt – nicht hinausgehen.
 

Welche Hilfe nehmen Sie zurzeit in Anspruch und was haben Sie dabei am ehesten gelernt?
 

Ich befinde mich derzeit in einer individuellen Therapie. Als älterer und kommunikativer Mann bedeutet man als Patient viel Arbeit für den Psychologen, daher wurde ich zuvor oft von Therapeuten abgelehnt. Da wünsche ich mir einfach mehr Selbstbewusstsein. Wie es sein kann, erfahre ich immer wieder montags in meiner Therapie. Ich habe in den Sitzungen mehr Aha-Effekte, Einsichten und Erkenntnisse gewonnen, als in vielen Monaten Klinik. Ich lege aber auch Wert auf die Feststellung, dass dies meine subjektive Sicht der Dinge ist.
 

Wie würden Sie diese Art der Therapie beurteilen?
 

Sie ist von Empathie getrieben, von einer enorm hohen Kompetenz, von Sensibilität und auch von unausgesprochenem Druck. Die Mischung macht es. Es geht darum, sich selbst zu erfahren, den Dingen auf den Grund zu gehen. Ein guter Therapeut versteht es, einen zur Selbsterkenntnis zu führen. Er sagt dir nicht: So und so ist es und deshalb musst du dieses und jenes machen. Die Therapie ist Begleitung auf einem langen Weg, schubst einen in verschiedene Richtungen und ist stark genug, einen sich auch mal verirren zu lassen.
 

Sie beschreiben Ihre Scham- und Schuldgefühle, Ihre Angst und Unruhe. Welches Gefühl war für Sie am schwersten zu ertragen?
 

Eine gewisse innerliche Panik und ein Auf-der-Flucht-sein-Gefühl. Das Leben läuft weg und man sieht genau und bewusst, was passiert. Man fragt sich: Wann will ich wieder leben, will ich es überhaupt? Warum mache ich das alles, warum tue ich mir das an? Man stellt Fragen, ohne sich Antworten geben zu wollen.
 

Wenn Sie nur Stichworte benutzen dürften: Was braucht ein magersüchtiger Mensch an allererster Stelle?
 

Kein Mitleid, Hilfe, hartnäckige, schonungslose Freunde, Ausdauer, schließlich Selbsterkenntnis.
 

Für Sie hatte das Aufschreiben Ihres Krankheitsverlaufs eine therapeutische Wirkung. Können Sie sich diese Art der Verarbeitung als feste Größe im Therapie-Programm für Magersucht vorstellen?
 

Natürlich. Es wird ja auch gemacht in Form von Briefen, die man in der Therapie verfasst oder einer Art Protokoll. Es kommt aber eben auf die Intensität an und die Lehren, die man daraus zieht. Es aufzuschreiben, damit es schwarz auf weiß dasteht und man es frei nach Goethe getrost nach Hause tragen kann, bringt nichts. Es muss eine Wirkung haben, sonst kann man es lassen. Vor allem aber muss das, was in der Magersucht täglich Brot ist, vom Blatt gestrichen werden. Der Selbstbetrug.
 

Wie viel Einfluss auf den Heilungsprozess messen Sie der Beschäftigung mit den Ursachen bei?
 

Es ist die Basis, um in kleinen Schritten Rituale zu ändern, Verhaltensweisen zu überdenken und vielleicht auch den neuen Erkenntnissen anzupassen. Eine stärkere Abgrenzung zum Beispiel gegen die Einflüsse, die einen immer wieder belasten, negativ beeinflussen. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt – das ist aber eine irrige Annahme. Das Wissen um die Ursachen ist eine Komponente von vielen. Diese Krankheit nagt. Ständig.
 

Bei Anorexie kommen in der Regel mehrere Ursachen für die Erkrankung zusammen. Können Sie eine Art Ranking Ihrer persönlichen Faktoren aufstellen?
 

Nein, das will ich auch gar nicht. Es ist die Summe aus vielen Dingen. Aus in der Kindheit gemachten Erfahrungen, aus Verletzungen, subjektiven Empfindungen, Vorstellungen, Ansprüchen, Realitäten, Wahrheiten und Pseudowahrheiten. Irgendwas und irgendjemanden in erster Linie verantwortlich machen zu wollen, wäre grundfalsch und würde der Krankheit nicht gerecht.
 

Ist Ihr Bericht eine Art Abrechnung mit anderen oder auch mit Ihnen selbst?
 

Ich rechne mit niemandem ab. Aber wenn es jemanden gibt, den ich mir so richtig vornehme, dann bin ich das selbst. Ich suche die Schuld nicht bei anderen, sondern halte mir einen Spiegel vor. Manche Menschen sagen auch, dass sie erstaunt sind, wie viel, wie offen und schonungslos ich mein Leben der vergangenen Jahre preisgebe. Dazu kann ich nur sagen: Ursprünglich war das Buch doppelt so dick.
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Sie haben immer funktioniert. Können Sie sagen für wen?
 

Für mich, für mein Selbstverständnis. Weil ich denke, dass man mich nur mag, wenn ich etwas dafür tue. Es ist der Anspruch an mich: Ich muss funktionieren. Immer, überall.
 

Ist es für Sie nun an der Zeit für sich selbst zu sorgen?
 

Ich versuche mich mehr mit Menschen und Aktivitäten zu beschäftigen, die mir gut tun. Das geht nicht immer. Aber man muss auch vertretbare Kompromisse als heilsame Empfindungen einordnen. Das Buch hat mir sehr geholfen mir über Einiges klar zu werden. Darin finden sich also auch die populärsten Irrtümer meines Lebens. Und glauben Sie mir: Es sind eine Menge...
 

Sie sagen, dass Sie das Buch für diejenigen geschrieben haben, die im Stillen einen ähnlichen Kampf führen. Ist das Buch eine Klage Ihres Leides?
 

Als Nebenprodukt ist es wohl auch zur Unterstützung für andere gedacht. Ich übersetze und erkläre mich selbst und damit auch andere Betroffene. Ich klage nicht, denke ich. Ich beschreibe. Ich hoffe, dass es helfen kann, Verständnis zu schaffen, Einblicke zu gewähren. Jeder muss selbst entscheiden, ob und was er daraus zieht.
 

Denken Sie, es ist leichter, in der Anorexie zu bleiben, als dagegen anzukämpfen?
 

Das ist ja das Absurde: Man leidet wie ein Hund, aber die Rituale und Ängste sind immer stärker als die Ratio. Insofern ist die Magersucht eine Art sicherer Hafen vor den Wellen und tosenden Stürmen des Lebens. Sie schafft eine Art Sicherheit vor der Außenwelt, denn man lebt ja nur nach innen. Alles selbstbestimmt.
 

Sehnen Sie sich nach dem Licht der Öffentlichkeit? Warum?
 

Das Versagen wird schwerer, wenn es Instanzen gibt, die einen überprüfen und das in aller Öffentlichkeit. Sie ist eine Möglichkeit zur Selbstüberprüfung. Auf manche Plattformen begebe ich mich sehenden Auges. Das ist dann so, als würde man sich auf den Marktplatz stellen. Ich setze mich dadurch unter Druck. Gehört zu werden ist wichtig. Aber ich bin nicht blauäugig. Wenn das Buch überhaupt Beachtung findet, was ich mir wünsche, dann wird das natürlich auch bald wieder in der Welle anderer Themen untergehen.
 

Was würden Sie im Nachhinein in Ihrem Leben anders machen, gerade im Hinblick auf Ihre Krankheit?

 

Ich würde sicher versuchen, mich weniger über die Meinung und Erwartungen anderer zu definieren. Zumal man sich derlei oft nur selbst einredet. Mehr Vertrauen auf die echten Emotionen. Sich mal fallen lassen, nicht immer versuchen, alles steuern und im Griff haben zu müssen.
 

Wie geht es Ihnen heute und was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft?
 

Ich möchte mich künftig stärker auf mich selbst konzentrieren. Vor allem will ich mehr Vertrauen setzen in die Worte anderer und nicht immer die Schere im Kopf haben. Ich will glauben, dass man mich um meiner selbst willen mag und nicht ständig dafür etwas leisten müssen. Das geht zwar zum Teil schon wieder, aber das muss noch besser werden. Meine Therapeutin sagte einmal: Ich würde das Licht vieler Menschen tragen, weil ich immerfort ihre Probleme zu den meinen machen und damit ihre Hoffnungen tragen würde. Ich versuche also nun, auch Licht auf mich selbst scheinen zu lassen.
 

Wie sehen Sie Ihre Zukunft, beruflich und privat?
 

Ich werde auf allen Feldern an mir arbeiten und wünschte mir sehr, herausfordernde Arbeiten angehen zu können, einen klaren Fokus legen und beweisen zu können, was ich kann und auch sagen, was ich nicht kann. Gelassener werden, Zukunftsangst ablegen. Das wünsche ich mir.
 

Für wie wahrscheinlich halten Sie einen Rückfall? Ist die Gefahr schon gebannt?
 

Diese Frage ist nicht zu beantworten. Gebannt ist die Gefahr nie. Ich werde nie mehr ein normales Verhältnis zum Essen haben. Aber ich kenne nun viele Risiken. Ich habe noch immer schwankende Phasen. Es bleibt noch viel Arbeit.
 

Was würden Sie Ihren Lesern gerne mit auf den Weg geben?
 

Es steht mir nicht zu, Ratschläge zu erteilen. Ich wünsche mir, dass jeder seine eigenen Schlüsse aus dem zieht, was er liest. Nur so sind die Eindrücke, Entscheidungen und Empfindungen authentisch. Und nur darauf kommt es an. Daran bemisst sich alles. Anweisungen von außen sind ebenso wenig wert wie das Sich-selbst-Definieren über die Meinung anderer.

Quelle:  http://www.randomhouse.de/Christian_Frommert_im_Interview_ueber_seinen_K...

Das Buch:

Christian Frommert: "Dann iss halt was!". Meine Magersucht – wie ich gekämpft habe – wie ich überlebe, 320 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-442-39246-9
€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 28,50* (* empf. VK-Preis)
Mosaik Verlag