Christian Kugelmeier

Dr. iur. Christian Kugelmeier M.C.L. ist Rechtsanwalt und geschäftsführender Gesellschafter der HealthVision GmbH in Heidelberg.

Er studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten Heidelberg, Strasbourg, Mannheim und Adelaide mit den Schwerpunkten Arbeitsrecht, Handelsrecht und Internationale Rechtsvergleichung. Nach dem Ersten Staatsexamen erfolgte die Zulassung zur Promotion an der Juristischen Fakultät der Universität Heidelberg. Thema: „Das in Deutschland beheimatete Ausländerkind – rechtliche Würdigung eines modernen Migrationsphänomens“. In seiner Master-Thesis zur Erlangung des Master of Comparative Laws beschäftigte er sich mit einer Strukturanalyse des Peacekeeping der Vereinten Nationen.

Christian Kugelmeier bekleidete mehrere hochkarätige HR-Funktionen, er war unter anderem Bereichsleiter Personal bei der MLP AG, Personalvorstand der 1&1 Internet AG und Personaldirektor der Frankfurter BHF-BANK.

Seit Oktober 2009 bekleidet er ein Vorstandsamt im Heinrich-Vetter Forschungsinstitut für Arbeit und Bildung in Mannheim, das die Verzahnung von Wissenschaft und Praxis der Arbeitswelt zum Gegenstand hat.

Ebenso hat er einen Lehrauftrag für Human Resources Management an der Mannheimer Hochschule der Wirtschaft für Management inne.

 

HR-Floskeln braucht kein Mensch mehr –  wir brauchen den gesunden Menschen !

Ich weiß nicht genau, woher ich meinen Hang zu Menschen und mein generelles Vertrauen in die Menschen habe. Vermutlich waren meine Eltern sehr früh sehr lieb zu mir und haben mir freundlich aber bestimmt eingebläut, dass die oder der Gegenüber generell gut ist, bis man eventuell vom Gegenteil überzeugt wird.

Ich habe jedenfalls bis dato das Leben mit dieser Einstellung als sehr angenehm empfunden, denn in 99% aller Fälle ist das oben gesagte richtig.

Großartigerweise musste ich diese Einstellung auch in knapp 9 Berufsjahren bis dato nicht korrigieren – ganz im Gegenteil. Der Mensch ist nach meiner Beobachtung generell sehr willens, vertrauensvoll und maximal leistungsbereit mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten. Wenn die Bedingungen hierzu stimmen, gibt es für den Menschen auch nahezu nichts Schöneres, als gemeinsam mit anderen ein Projekt, eine Aufgabe oder generell Arbeit als solche zu verrichten. Die kranksten Menschen in Deutschland sind die Arbeitslosen – ein beredteres Zeugnis für die Tatsache, dass Menschen Arbeit brauchen und dass Arbeit ein überragender Gesundheitsfaktor sein kann, kann es nicht geben. Jeder von uns, der einmal länger als einen Tag krank war, war genervt davon, „nichts machen zu können“.

Das vorausgeschickt muss man sich fragen, was denn da eigentlich da draußen in der Arbeitswelt so los ist, dass so viele Menschen sich bei der Arbeit unwohl oder überlastet fühlen, ihr kompensatorisches Heil jenseits der Arbeit in Yoga oder sonstiger spiritueller Ertüchtigung suchen, reflexartig auf „die anderen“ (bevorzugt Chefs) schimpfen, oder im schlimmsten Fall in Kliniken landen, weil sie einfach nicht mehr können.

Wir haben alle Zugang zu immer mehr Informationen, werden potentiell  also alle immer schlauer, sind generell auch alle unheimlich motiviert, unsere Arbeit gut zu machen und schaffen es kollektiv doch irgendwie nicht, diese für alle (Unternehmen, Individuum, Gesellschaft)  belastende und nebenbei volkswirtschaftlich unendlich teure Misere zu bereinigen.

Komisch, oder ?

Es ist nicht komisch, sondern grotesk.

Wo sich die Welt mit Lichtgeschwindigkeit dreht, verharren viele Unternehmen systemisch in der Welt der Dampfmaschine – in der Welt von Weisung und Kontrolle, Vorgesetzten und Untergebenen, Strategie und Exekution, kurz: in der Welt der generellen Trennung von Denken und Handeln aus dem letzten und vorletzten Jahrhundert. Dass selbstverständlich von jedem Mitarbeiter dann gleichwohl „Unternehmergeist“, „Kreativität“, „Outside-the-Box-Denken“ usw. gefordert werden, macht die Quadratur des Kreises für den Einzelnen komplett.

Die systemischen Hürden und die (nahezu immer unbeabsichtigten) Kollateralwirkungen diverser Instrumente in Unternehmen sind derartig zahlreich, dass alle gewünschten Charakteristika des Menschen, der den Job bekleiden soll, wie Floskeln wirken.

Kurze Beispiele gefällig?

Wie kann und soll ich kreativ und verantwortungsvoll im Sinne des immer unberechenbarer werdenden Marktes handeln, wenn Vereinbarungen mich an Ziele binden? Wie soll ich irgendwie im Sinne des Teams arbeiten, wenn ein fixer Bonuspool die einzelnen Mitglieder des Teams nach ihrer individuellen Leistung vergütet?  Wie soll ich mich um den Kunden kümmern, wenn ich ständig irgendwelche Reporting-Sheets, Projektpläne oder sonstige Papiertiger bedienen muss? Wie kann ich überhaupt arbeiten, wenn ich ständig Dinge tun SOLL, die ich nicht tun WILL? Ich bin doch gerade deswegen eingestellt worden, weil ich diese Dinge alle tun KANN, und weil ich dachte, dass man mir vertraut!? Und ich WILL doch unbedingt Verantwortung übernehmen, weil ich das, was ich hier tue, wirklich gut kann.

Der gut ausgebildete, aufgeklärte, intrinsisch leistungsbereite Mensch begibt sich in der Arbeitswelt vielfach in ein Spagat zwischen geforderter Leistung und gleichfalls gefordertem Wohlverhalten entsprechend der hergebrachten Usancen.

Ein psychischer Drahtseilakt, von dessen gesundheitlichen Folgen wir täglich in der Zeitung lesen können, und dem ich in meinem beruflichen Umfeld mehr als einmal begegnet bin. Sind die Menschen zu schwach? Glaube ich nicht. Sind die Menschen nicht leistungsbereit? Dass ich nicht lache.

Was also kann der Einzelne tun? Wieder gehen, nur um anderenorts ähnliche Miseren vorzufinden oder – wie Reinhard Sprenger es ausdrückt - „den Tanz mittanzen, ohne zynisch zu werden“, sich also mental abzukoppeln und Emotionen vom Arbeitsplatz ausblenden?

Egal wie – es ist ein potentiell gesundheitsschädlicher und alles andere als nachhaltiger Cocktail, den die ungeheuer schnelle und komplexe Arbeitswelt Menschen heute serviert. Dass der systemisch längst tote Gaul noch weiter und weiter gepeitscht wird („Endlosschleife des Optimierungsgequatsches“ – die grandiose Dokumentation  „WorkHard-PlayHard“ sei an dieser Stelle jedem empfohlen!), verschärft diese Symptomatiken täglich.

Unternehmenslogiken von gestern treiben die aufgeklärten Menschen von heute mit Hilfe dieser Praktiken in die Vereinzelung, in Grabenkämpfe, die innere Isolation und – je nach Resilienzlevel - in die Krankheit.

Wirklich faszinierend aber ist, dass im überlieferten System als solchem alle alles richtig machen: jeder folgt seiner Job Description, jeder tut so gut er kann wie ihm geheißen. Auch Vorgesetzte sind meist nicht an dieser Misere schuld, denn sie tun ihr Möglichstes, das System ihres Unternehmens zu bedienen – schließlich hängt daran ihr Job. Das Schwarze Peter–Spiel führt also (wie fast immer) zu nichts.

Aber genauso, wie Dampfmaschinen es nicht schaffen, heute noch einen ernsthaften Wertbeitrag zum Überleben der Welt beizutragen, genauso wenig schaffen es Unternehmensstrukturen, die wir aus der Zeit der industriellen Revolution noch mitschleppen, dem Menschen von heute eine adäquate Umgebung für echte Leistungserbringung zu bieten.

Apropos Leistung. Was ist das eigentlich? Entsteht echte Leistung nicht ausschließlich in Teams? Ist individuelle Performance, erst Recht in komplexen Zusammenhängen, nicht in Wirklichkeit eine bequeme Schimäre? Und deren Messbarkeit erst Recht? Und wenn dem so ist, muss ich als Unternehmen nicht alles dafür tun, dass Menschen auch wirklich produktiv, sachorientiert und angstfrei zusammenarbeiten können? Ist es nicht das, was den Menschen regelrecht positiv auflädt: gemeinsam mit anderen an einer tollen Idee zu arbeiten?

Mitarbeitermotivation? Was bitte soll das sein? Jeder, der von uns schon einmal einen neuen Job angetreten hat, war an dem Tag geradezu elektrisiert motiviert. Da hatte das Unternehmen noch noch gar nichts für uns getan – nicht einmal Gehalt überwiesen. Die Kunst des Unternehmens ist es, diesen nahezu euphorischen Zustand im Mitarbeiter zu konservieren und bestenfalls durch leistungsermöglichende Rahmenbedingungen sogar noch zu intensivieren. Das hat mit Motivation nichts zu tun, sondern nur mit Nicht-Demotivation.

Gemeinsames Denken und gemeinsames Handeln ist angesagt – sachorientiert, mutig und uneitel. Und zwar AM System und nicht IM System.

Am System zu arbeiten bedeutet zuvörderst, sich die zentralen Bedingungen für menschliche Leistungserbringung vor Augen zu führen. Wir bleiben hier aus Gründen der Kürze mal bei der essentiellsten Bedingung aller: der Gesundheit!

Gesundheit wird durch unendlich viel mehr determiniert als nur durch die Absenz von Krankheit. Wir assoziieren mit Gesundheit gemeinhin den grünen Apfel und körperliche Ertüchtigung.  Für unsere Wertschöpfungsfähigkeit in der Arbeit aber ist die psychosoziale Gesundheit ungleich entscheidender. Wenn wir uns sicher fühlen, wenn wir vertrauen können, wenn wir als die, die wir sind, toleriert und geschätzt werden, sind das Turbolader für unsere Produktivität. Sich bei der Arbeit gegenseitig wertzuschätzen ist also kein sozialromantischer Traum, sondern betriebswirtschaftlich höchst geboten. Spannend ist, dass sich in Studien gezeigt hat, dass ein kontinuierlicher Mangel an Wertschätzung gesundheitlich ähnlich negative Implikationen hat wie das Rauchen.

Google hat die Zeichen der Zeit erkannt und als (oberstes!) Unternehmensziel ausgegeben, die gesündeste Company der Welt zu werden.

Weil Google sieht, dass Nicht-Gesundheit der Wertschöpfungskiller Nummer 1 ist bzw. dass – positiv ausgedrückt – aus Gesundheit alles folgt.

Wann also ist der Mensch psychisch-sozial gesund und wie bleibt er es? Kurz und knapp gesagt dann, wenn er so sein kann und darf, wie er im Kern seines Wesens ist. Wenn er sich in die Unternehmung als er selbst einbringen kann – mit allen Eigenheiten, die ihre Grenze nur in der Freiheit des anderen finden und nicht in irgendwelchen exzessiven Regelwerken oder Policies als Ausfluss angstbeflissener Kontroll- und Steuerungssysteme. Wenn die soziale Gemeinschaft bei der Arbeit durch Prinzipien („Don’t do evil!“) und nicht durch aufoktroyierte Richtlinien zusammengehalten wird, entsteht sozialer Kitt und reflexiv wechselseitige soziale Kontrolle, die immer stärker ist als jede Autorität.

Nur wenn auf diese Weise das Wirken von gegenseitigem Vertrauen begleitet wird, kann in Menschen aus einem Kollektiv heraus echte Leistung entstehen.

„Arbeitsbedingte Ressourcen“ nennen wir in unseren Untersuchungen die Faktoren, die in der Arbeitswelt auf die psychische Gesundheit einzahlen. Das sind Faktoren wie „Wertschätzung und Gratifikation“, „Unterstützung durch Vorgesetzte“ oder „Vertrauen und Kollegialität“. Liegen diese konsequent vor, betragen die alternsinduzierten gesundheitsbedingten Produktivitätsverluste bei Menschen jenseits der 45 Jahre bei nahezu Null, bis weit jenseits der 60.  Das heißt, dass auch alternde Mitarbeiter weiterhin so wertschöpfungsfähig bleiben wie sie es zuvor waren. Altern bei guten Arbeitsbedingungen ist also für die Produktivität schlichtweg egal.

Eine kraftvollere Botschaft für uns alle in Sachen Nachhaltigkeit kann es kaum geben!

Aus dem Zeitalter der Maschine kommend, brechen wir nun in das Zeitalter des Menschen in der Arbeit auf. Dass daher alle Logiken der Arbeit  überprüft gehören, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Es kann nicht sein, dass wir weiterhin insgeheim hoffen, intelligenten Menschen mit den Logiken von Effizienz und Steuerbarkeit beikommen zu können, wie wir es jahrzehntelang mit Maschinen und schlecht ausgebildeten Arbeitern erfolgreich getan haben.

Die Quittung dieser Glaubenssätze ist tagtäglich in deutschen Unternehmen zu besichtigen: 24% aller Arbeitnehmer in Deutschland haben innerlich gekündigt, 61% machen „Dienst nach Vorschrift“ (Gallup Engagement Index 2012).

Unternehmen werden sich zukünftig nur dann marktdynamisch erfolgreich differenzieren können, wenn sie es schaffen, die Energie Vieler intelligent zu bündeln. Effizienz war gestern – heute ist Synergie. Wir sind mittlerweile sehr solide im Informations- und Wissenszeitalter beheimatet, dessen innovative Grundlage die Entwicklung der Computertechnologie darstellte. Aus den plötzlichen Möglichkeiten der Informationsverarbeitung in Echtzeit ergab sich in den letzten zwei Jahrzehnten eine gewaltige Produktivitätssteigerung, die nun im Menschen ihre Grenzen findet. Ein noch schnellerer Computer wird uns nicht noch schneller arbeiten lassen: Ich kann nur die Anzahl an Emails lesen, die ich eben lesen kann und nicht die Anzahl, die der Computer mir serviert.

Zukünftig wird der Faktor Gesundheit zum neuen Wachstumsmotor und zum treibenden Innovationsfaktor globaler Wertschöpfung werden. Der Erfolg von Volkswirtschaften wird in Zukunft vom Grad des psycho-bio-sozialen Gesundheitszustandes der Bevölkerungen abhängen. Arbeitsplätze werden zunehmend im immateriellen Bereich aus sozio-kreativer Tätigkeit bzw. Gedankenarbeit verortet sein, zu deren Bewältigungsnotwenigkeit Gesundheit als zentrales Gut gehören wird.

Je mehr Mensch wir in der Arbeit sein können, desto rascher werden sich die Gesundheitsthematiken der Arbeitswelt relativieren. Hierzu müssen wir die strukturellen und kulturellen Überbleibsel der Industrialisierung überwinden und Arbeit als solche nachhaltig neu erfinden.

Ich bin unbändig und von tiefer Überzeugung in den Menschen getrieben, meinen Teil zu einer besseren, wertschöpfungsfähigeren Arbeitswelt beizutragen.