Christian Tidona

Dr. Christian Tidona, Jahrgang 1971, ist Biotech-Unternehmer und Geschäftsführer des BioRN Clusters in Heidelberg, einem der stärksten regionalen Netzwerke für Gesundheitsforschung in Europa. Er studierte Biologie an der Universität Heidelberg und promovierte dort 1999. Noch während der Doktorarbeit gründete er sein erstes Biotech-Unternehmen. In den Folgejahren war er an mehreren Biotech-Startups maßgeblich beteiligt. Im Jahr 2008 entwickelte Herr Tidona eine regionale Entwicklungsstrategie für den Biotech-Cluster Rhein-Neckar (BioRN), auf deren Basis das Bundesforschungsministerium BioRN als einen der fünf stärksten Hochtechnologie-Standorte Deutschlands (Spitzencluster) auszeichnete. Mit der neu gegründeten BioRN Cluster Management GmbH übernahm Herr Tidona 2008 die Leitung des BioRN Spitzenclusters und damit das Management der regionalen Entwicklungsprojekte mit einem Gesamtvolumen von 80 Millionen Euro. Unter seiner Leitung wurde 2011 die Health Axis Europe Allianz zwischen den in Europa führenden Biomedizin-Clustern in Cambridge (UK), Leuven (Belgien) und Heidelberg gegründet. Herr Tidona lehrt seit 2009 Entrepreneurship an der Universität Heidelberg und ist Mitglied des World Young Leaders Forum der BMW Stiftung Herbert Quandt. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Weiterführende Informationen:
www.biorn.org
www.bio.mx

 

Nachhaltige Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft

Der lange Weg von der Beutegemeinschaft zur Innovationsfabrik

Die Wertschöpfung in der heutigen globalen Wirtschaft basiert auf Wissen und unterscheidet sich damit grundlegend von der Wertschöpfung in einer agrarischen oder industriellen Ökonomie. Wir leben seit Mitte der 60er Jahre im Zeitalter des Mooreschen Gesetzes, das heißt, dass sich seit dieser Zeit die Geschwindigkeit, mit der neues Wissen generiert wird, etwa alle zwei Jahre verdoppelt. Hinzu kommt der Effekt der globalen Vernetzung, der dazu führt, dass man eine Innovationsführerschaft nur noch dann erreichen kann, wenn man in der Lage ist, die besten Köpfe der Welt in gemeinsamen Forschungs- und Entwicklungsprojekten zusammenzubringen. Isolierte Forschungsstandorte sind der Innovationskraft und -Geschwindigkeit globaler Spitzenkonsortien in der Regel hoffnungslos unterlegen.

Ein erster Schritt:

Der deutsche Spitzencluster-Wettbewerb

Die Frage, die sich seit etwa zwei Jahrzehnten viele Staatsregierungen stellen, lautet: Welche Rahmenbedingungen und Anreize sind erforderlich, damit sich im eigenen Land möglichst viele international vernetzte Spitzenstandorte entwickeln? Am Anfang einer entsprechenden nationalen Innovationsstrategie steht immer der ernst gemeinte politische Wille, Kapital und politische Aufmerksamkeit auf einige wenige Spitzenstandorte mit hohem Entwicklungspotenzial zu konzentrieren. Es ist offensichtlich, dass eine solche Strategie politisch nicht leicht durchsetzbar ist, da die Mehrheit der Wähler definitionsgemäß nicht in den Spitzenstandorten lebt. Gleichwohl hat die deutsche Bundesregierung im Rahmen ihrer Hightech-Strategie im Jahre 2007 den Mut und die Kraft aufgebracht, einen ersten Schritt in diese Richtung zu gehen: Sie schrieb den Spitzencluster-Wettbewerb aus. Das Ziel dieses in Europa beispielhaften Wettbewerbs war es, die 15 stärksten und ambitioniertesten Hochtechnologiestandorte in Deutschland zu identifizieren und ihnen durch eine Fördersumme von jeweils 40 Millionen Euro einen Impuls in Richtung der europäischen Spitzengruppe zu geben. Mit diesem Wettbewerb wurden zwei aus volkswirtschaftlicher Sicht sinnvolle Neuerungen in die deutsche Forschungsförderung eingeführt:

1. Volkswirtschaftlich relevante Leistungsk​ennzahlen

In Deutschland ist die Freiheit der Forschung im Grundgesetz festgeschrieben (vgl. Art. 5 Abs. 3 GG). Eine Ermutigung oder gar Verpflichtung zur wirtschaftlichen Verwertung öffentlich finanzierter Forschungsergebnisse zum Wohl der Gesellschaft fehlt indes. In der Ausschreibung des Spitzencluster-Wettbewerbs forderte das Bundesforschungsministerium erstmals die Anwendung volkswirtschaftlich relevanter Leistungskennzahlen (Key Performance Indicators) für die Zieldefinition und Erfolgsmessung. Als wichtige Parameter wurden die neu geschaffenen Arbeitsplätze, die mobilisierten privatwirtschaftlichen Investitionen  sowie die Rückflüsse aus der wirtschaftlichen Verwertung der Forschungs- und Entwicklungsergebnisse durch ein unabhängiges Gutachtergremium begleitend ermittelt und dokumentiert. Dadurch setzte der Fördermittelgeber erstmals einen deutlichen Anreiz für nachhaltige wirtschaftliche Wertschöpfung.

2. Zen​tralisiertes lokales Projektmanagement (Clustermanagement)

Große Veränderungen können in einem regionalen Umfeld nur erzielt werden, wenn sich die Schlüsselindividuen aus den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Kapital auf eine gemeinsame Strategie einigen und diese engagiert unterstützen. Persönliche Kontakte und gewachsenes Vertrauen zwischen den Schlüsselindividuen sind die wichtigsten Grundelemente jeder regionalen Entwicklungsstrategie. Aus diesem Grund ist das geografische Territorium, in dem ein Spitzenstandort (Cluster) seine volle Innovationskraft und Hebelwirkung entfalten kann, naturgemäß auf einen Radius von maximal 50 Kilometern begrenzt. Im Spitzencluster-Wettbewerb forderte das Bundesforschungsministerium von den Antragstellern zwingend die Einrichtung eines zentralisierten lokalen Clustermanagements, das im Schulterschluss mit allen wesentlichen regionalen Schlüsselindividuen eine Verwendung der Fördermittel im Sinne einer nachhaltigen volkswirtschaftlichen Wertschöpfung sicherstellt.

Die Herausforderung:

Nachhaltige Zusammenarbeit

Bei genauer Betrachtung wirken öffentliche Fördermittel für kooperative Forschungs- und Entwicklungsprojekte meist wie ein verwundetes Beutetier, das verschiedenste Räuber anzieht, die nur ein einziges gemeinsames Primärinteresse haben: Fressen. Es bilden sich Beutegemeinschaften, die so lange zusammenbleiben, bis der Kadaver vollends verzehrt ist. Nachhaltige Zusammenarbeit zwischen sehr unterschiedlichen Partnern (z. B. zwischen akademischer Forschung und Industrie) kann nur entstehen, wenn der Impuls der öffentlichen Fördermaßnahme konsequent für die Generierung eines gemeinsamen Erfolges genutzt wird. Aus dem Erfolg entstehen Vertrauen und gegenseitige Wertschätzung, die nach Ende der Förderung als Anreize für weitere Zusammenarbeit an die Stelle der öffentlichen Fördermittel treten. Die vorrangige Aufgabe eines lokalen Projektkoordinators oder Clustermanagers muss es also immer sein, mit einem minimalen Einsatz öffentlicher Fördermittel eine maximale Anzahl und Qualität gemeinsamer Erfolge zu erzielen. Die Ergebnisse werden anhand der zuvor genannten Leistungskennzahlen gemessen, woraus sich der volkswirtschaftliche Nutzen (Return on Investment) der jeweiligen Fördermaßnahme errechnen lässt. Als weiteres Mittel zur Vorbeugung gegen Beutegemeinschaften dient eine faire und transparente Governance der Mittelverteilung, die einzig und allein der Qualität der Projekte – und nicht etwa dem Proporz – als zentralem Maßstab verpflichtet ist. Die Umsetzung erfolgt erfahrungsgemäß am besten durch ein unabhängiges Gutachtergremium, dessen Mitglieder den Respekt und das Vertrauen aller Beteiligten genießen.

Missing Link:

Der Technologietransfer

In der Wertschöpfungskette von der akademischen Forschung zum marktfähigen Produkt klafft seit jeher ein tiefer Abgrund: das sogenannte Tal des Todes (Valley of Death). Ungeachtet der Höhe der öffentlichen Investitionen in Forschung und Entwicklung endet diese Wertschöpfungskette nicht selten im Labor einer Universität. Das teuer erkaufte Potenzial zur Wertschöpfung verpufft und geht der Volkswirtschaft unwiederbringlich verloren. Die Ursache ist nicht etwa eine grundsätzliche Lücke in einer ansonsten geschlossenen Prozesskette. Es ist der kulturelle Unterschied zwischen öffentlichen Forschungseinrichtungen und privatwirtschaftlichen Unternehmen. Wer beide Seiten von innen kennt, kann ermessen, wie unterschiedlich die Wertvorstellungen wirklich sind. Auf der einen Seite ist das höchste Ziel eine herausragende wissenschaftliche Publikation, auf der anderen ein patentgeschütztes Produkt, das sich möglichst profitabel verkaufen lässt. Bei der Vermittlung zwischen diesen beiden Welten kommt dem Technologietransfer an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen eine Schlüsselrolle zu. Mit Ausnahme der Technischen Hochschulen fehlt den meisten öffentlichen Forschungseinrichtungen jedoch der Anreiz für die Anbahnung einer wirtschaftlichen Verwertung ihrer Forschungsergebnisse. Vor dem Hintergrund einer Sättigung durch öffentliche Forschungsmittel spielen privatwirtschaftliche Drittmittel – und damit der Technologietransfer – an vielen deutschen Universitäten praktisch keine Rolle (vgl. USA). Ein geeigneter Anreiz wäre es, einen Teil der öffentlichen Grundfinanzierung an die Fähigkeit einer Einrichtung zu koppeln, diese durch privatwirtschaftliche Drittmittel zu komplementieren. Die wirtschaftliche Verwertung von Forschungsergebnissen würde dadurch zum Leistungskriterium erhoben. Somit hätten Wissenschaft und Wirtschaft in Deutschland erstmals einen gemeinsamen Wertemaßstab als Basis für eine nachhaltige erfolgreiche Zusammenarbeit.

Das eigentliche Ziel:

Die Talente der Welt

Politisch getriebene Regionalentwicklung hat bei genauer Betrachtung nur ein einziges vorrangiges Ziel: die Erhöhung des Gewerbesteuer­aufkommens. Dies wird einerseits durch die Unterstützung der Bestandsunternehmen bei Erweiterungsvorhaben erreicht, andererseits aber auch durch die Gründung und Ansiedlung neuer Unternehmen. Als Anreiz dienen in der Regel Subventionen, die den Kapitalbedarf während der Aufbauphase niedrig halten. Ein Paradebeispiel für diese Art der Wirtschaftsförderung ist Singapur: Exzellente Infrastruktur, beispielhafter Service (geringe Bürokratiehürden) und attraktive Subventionspakete haben dazu geführt, dass der Stadtstaat in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehr Niederlassungen von globalen Großunternehmen als die meisten anderen Spitzenstandorte weltweit ansiedeln konnte. Doch selbst diese Masse an neuen Unternehmen führte bislang nicht zum erwarteten Wirtschaftswachstum. Der Grund hierfür ist relativ einfach. Neben der »Verpackung« wurde der eigentliche Inhalt vernachlässigt: die hochqualifizierten Köpfe, die in den Unternehmen arbeiten und wirtschaftliche Wertschöpfung betreiben. Nachhaltige Regionalentwicklung muss sich daher auf die Schaffung eines lokalen Innovationsraumes mit kritischer Masse und internationaler Strahlkraft konzentrieren, der Top-Talente aus aller Welt anzieht und auf sich vereinigt. Das Kapital und die innovativen Unternehmen zieht es von selbst dorthin, wo die besten Talente zuhause sind – sofern die Qualität stimmt sogar ohne Subventionen.

Die Zukunft:

Internationale Innovations-Allianzen

Der weltweit mit großem Abstand führende Innovationsstandort ist nach wie vor das Silicon Valley in den USA. Betrachtet man verschiedene Indikatoren wie die Anzahl hochqualifizierter Arbeitsplätze in der Hochtechnologie, die Menge jährlich investierten Risikokapitals, die Anzahl jährlich gegründeter Hochtechnologie-Unternehmen, die Anzahl wirtschaftlich erfolgreich verwerteter Patente oder den Grad der inneren Vernetzung: Die 30 führenden Innovationsstandorte in Europa – allen voran Cambridge in Großbritannien – liegen alle um ein bis zwei Größenordnungen darunter. Europa ist fragmentiert. Trotz des gemeinsamen Euros führen sprachliche, kulturelle und gesetzliche Barrieren dazu, dass Partikularinteressen dominieren und eine gemeinsame Vision sich nicht durchsetzen kann – zumindest noch nicht. Für die Politik ist es zu früh, Kapital und politische Aufmerksamkeit konsequent auf wenige Spitzenstandorte zu konzentrieren. Der Aufstieg eines einzelnen europäischen Innovationsstandorts in die globale Champions League ist daher höchst unwahrscheinlich.
Einen Ausweg aus diesem Dilemma bieten paneuropäische Innovations-Allianzen, in denen starke Standorte ihre Ressourcen und ihre Innovationskraft bündeln. Vor diesem Hintergrund wurde im Juni 2011 die »Health Axis Europe« zwischen den in Europa führenden Biomedizin-Clustern in Cambridge (Großbritannien), Leuven (Belgien) und Heidelberg gegründet. Jeweils zehn Schlüsselindividuen der drei Partnerstandorte­ definieren gemeinsam die strategischen Ziele und Projekte der Health Axis Europe und setzen diese konzertiert um. Ein erstes Ergebnis nach nur einem Jahr der Zusammenarbeit ist eine gemeinsame paneuropäische Online-Plattform für Gesundheitsforschung (www.health-axis.eu). In ihr werden Top-Lebenswissenschaftler aus Akademia und Industrie aus ganz Europa und Partnerländern wie Israel systematisch mit großen öffentlichen Ausschreibungen (insbesondere der Europäischen Kommission) in Kontakt gebracht. Zertifizierte Koordinationsbüros sorgen für eine direkte Anbindung der Wissenschaftler an die Innovationskraft der Health Axis Europe und ihrer Leistungsträger. Die Arbeitshypothese der Plattform ist es, dass sich damit der Vernetzungsgrad der besten Köpfe in Europa und somit die Leistungsfähigkeit des gesamten Systems nachhaltig steigern lässt. Sofern es gelänge, mit dieser Strategie in den nächsten Jahren sichtbare gemeinsame Erfolge zu erzielen, so wäre dies eine gute Basis für eine nachhaltigere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft in Europa.