Christine Pehl

Christine Pehl ist zertifizierter Business Coach und Expertin für werteorientierte Unternehmensführung, berufliche Schlüsselstellen sowie für persönliche Umbruchsituationen.

Sie ist Dozentin für den Studiengang „CSR-Manager/-in“ an der Fundraising Akademie gGmbH und spezialisiert auf werteorientierte Unternehmensberatung in Firmen und Organisationen. Als Business Coach unterstützt sie Führungskräfte in der Analyse ihrer Werte-Themen und der Umsetzung.

Sie studierte Geschichte und Politikwissenschaft. Bis 2010 arbeitete sie als CSR-Referentin bei betapharm Arzneimittel GmbH und Stiftungsbeauftragte der betapharm Stiftung. In dieser Zeit erhielt betapharm zahlreiche Auszeichnungen, z.B. das Gütesiegel „Ethics in Business“.

Zudem war sie Mitglied der Geschäftsleitung des elterlichen Maschinenbaubetriebs Martin Pehl GmbH und begleitete den Teilverkauf des Unternehmens 2011.

Ihr besonderes Augenmerk liegt auf der Netzwerkarbeit in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und sozialen Einrichtungen. Dabei geht es ihr um die Idee des „guten Lebens“: Wie lebt der Einzelne? Wie leben wir gut miteinander?

Weitere Informationen unter www.pehl-beratung.de


Vom guten Leben

Menschenbild und Nachhaltigkeit

CSR und Nachhaltigkeit sind in Mode gekommen. Jeder spricht und schreibt darüber, alles scheint irgendwie schon gedacht und besprochen. Weiterentwicklung? Neues? Als eine der ersten CSR-Referentinnen in Deutschland mag ich manches kaum mehr hören. CSR, Nachhaltigkeit, Verantwortung – ja natürlich. Dann die sich ständig wiederholende Kritik im Sinne von „green washing“ – auch das hat seine Originalität verloren. Der Anfang vom Ende?

Ich glaube nicht!

Man mag mich als unverbesserliche Optimistin bezeichnen, das bin ich gerne. Ich glaube nach wir vor an die Kreativität von Unternehmen – und Menschen. Ein Unternehmen ist eine Ansammlung von Menschen, die gemeinsam etwas hervorbringen – was auch immer. Maschinen, Brote, Pflanzen, Ideen aller Art, Dienstleistungen. Und Menschen wollen leben, gut leben. Ich glaube, dass dieser intensive Wunsch nach einem guten Leben kein naives Gutmenschendenken ist, sondern dass er sich seit Jahren immer deutlicher artikuliert.

Der Wunsch nimmt nur punktuell Gestalt an. Gewinnstreben und Konsum sind die dominanten Triebfedern unternehmerischen und menschlichen Handelns. Doch woher kommt z.B. seit einigen Jahren der inflationäre Einsatz des Slogans „Der Mensch im Mittelpunkt“? Ich kann nicht zählen, wie viele Unternehmen vom Einzelkämpfer bis zum Konzern in Leitbildern und Kampagnen den „Mensch“ in den Mittelpunkt stellen. So viele, dass es kaum noch ernst genommen wird.

Gutes Arbeitsleben – Lebensbalance

Aber dennoch beobachte ich: Hier bricht sich ein Leitbild Bahn, das auch unternehmerisches Handeln verändern wird. Um was geht es hier eigentlich? Wie wollen wir leben – gut leben? Es geht nicht um die sprichwörtlichen goldenen Wasserhähne. Gutes Leben hat für mich mit guter Arbeit zu tun. Aber nicht in dem Sinn, dass wir eine gut bezahlte Arbeit haben, um unser Leben zu finanzieren. Das war nach dem zweiten Weltkrieg wichtig, als materielle Not herrschte.

Die Generation der 60er und 70er erlebte bereits einen gewissen Wohlstand, der sie – heute mitten im Berufsleben – manchmal in eine Wertekrise, eine Sinnkrise, und immer öfter in einen Zusammenbruch führt. Der Burn-out als Modekrankheit.

Ich meine „gute Arbeit“ auch nicht im Sinn einer Work-Life-Balance, wo Arbeit und Leben – meist mit ihrem Zeitbudget – getrennt gegeneinander aufgewogen werden.

Für mich gehören Arbeit und Leben künftig zusammen: „Lebensbalance“.

Das gute alte Kompositum „Arbeitsleben“ in einem neuen, ganzen Sinn: Ein gutes Leben mit Arbeit.

Wenn uns das vorschwebt, dann stehen wir an der Schwelle zu neuen Unternehmen.

Mehr Fragen als Antworten

Mir fehlt ein fertiges Bild von dem, wie das Unternehmen der Zukunft in diesem menschlichen Sinn aussieht. Ich habe mehr Fragen zu dem, was sich heute zeigt, als Antworten zum Zielbild. Aber es gibt Unternehmensbeispiele, oder Teilbereiche, die ahnen lassen, wie das Arbeitsleben der Zukunft aussehen könnte, wenn Menschen mit ihren Ideen, Fähigkeiten und Lebenswünschen ernst genommen werden.

Die Generation der 80er und 90er stellt ganz neue Fragen bzw. favorisiert neue Themen. Es ist ein Sammelsurium: vegan, Frauen in Führung, weniger arbeiten, mehr Zeit für Freunde, eigene Wege, Selbstausdruck … Kommunikation ist ihnen eine Selbstverständlichkeit, die jederzeitige Verfügbarkeit von Informationen ebenfalls. Was bedeutet das für überholte Unternehmensstrukturen mit kontrolliert-dosierten Informationshierarchien? Wie wichtig ist erlerntes Wissen, Schulnoten? Wie fördern Unternehmen eigenverantwortliche Aneignung und Anwendung von Wissen? Wissende Menschen aber bleiben nicht in der Opferhaltung des nicht-Verstehens, sondern hinterfragen Strukturen, Gegebenheiten: vom Angebot in der Kantine über familienfreundliche Besprechungstermine bis hin zu mehr Freiheit und Eigenverantwortung.

Wie sieht Führung aus, wenn sie nicht auf Besserwissen beruht?

Wie könnte ein Unternehmen der Zukunft aussehen? Welcher Geist wäre erfolgversprechend?

Ich möchte hier nicht über Rahmenbedingungen und Gesetze sprechen. Mir geht es auch nicht um das xte Unternehmensberatungskonzept „How to …“. Ich habe kein fertiges Konzept, ich bin sogar überzeugt, dass uns immer mehr „Rezepte“ nicht weiterbringen. Mir geht es um den freien Geist, die Fantasie, die Kreativität in „Sachen Mensch“.

Human Ressource, Humankapital, Faktor Mensch – diese Begriffe kommen aus der Welt der Verbilanzierung, der Verzweckung des Menschen. Diese Sprache wiederspiegelt eine Haltung im Umgang mit Arbeitskräften. Das Ergebnis: 80 % der Mitarbeiter in Deutschland fühlen sich innerlich nicht beteiligt an ihrem Unternehmen. Hat das Zukunft? Ist das nachhaltig?

Gedanken wie diese kennen Sie vermutlich und immer wieder höre ich, wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Stimmt das wirklich?

Was sind unsere Erkenntnisse für ein gutes Zusammenleben?

Woran liegt es, dass viele Menschen täglich an einen Arbeitsplatz gehen und „irgendetwas“ tun? Da findet sich viel Sinnlosigkeit, sie arbeiten um zu überleben, um Geld zu verdienen für ihre eigentlichen Interessen. Die Rente ist das Ziel, damit sie sich endlich selbst verwirklichen können.

Viele Unternehmen schreiben exakt vor, was zu tun ist, banale Abfolgen von Tätigkeiten. Kreativität ist, wenn überhaupt, nur in vorgegebenen Grenzen erlaubt. Frei-Raum ?

Ein freier Geist benötigt Freiraum. Niemand wird diesem Satz widersprechen, doch kaum ein Unternehmen beschäftigt sich mit diesem Freiraum. Ich bin keine Träumerin, ich weiß, dass Unternehmen Geld verdienen müssen, aber Nachhaltigkeit bedeutet, dass sie es auch übermorgen noch verdienen. Die Menschen funktionieren aber nicht mehr wie früher, sie wandeln sich.

Freiraum heißt nicht Spielwiese, sondern Entwicklung

Freiraum im unternehmerischen Sinn ist für mich keine Spielwiese. Freiraum heißt Entwicklung, Freiraum für Gaben, Freiraum für Talente. „Wo die Gaben, da die Aufgaben.“ Dieses Zitat stammt von Peter Walter, einem Unternehmer, der CSR bereits umsetzte, als er den Begriff noch gar nicht kannte. Er fragte die Menschen, was sie arbeiten wollten, er erfüllte ihre Wünsche – und die meisten waren mit Feuereifer dabei, waren erfolgreich, mitsamt ihrem Unternehmen.

Sobald man den Menschen als eigentlichen Baustein zum Erfolg erkennt, gibt es nur eins: Man muss ihn ernstnehmen – und zwar auf jeder Ebene. Wie ist es da um die Führungsebene bestellt? Wer brennt für seine Arbeit, ohne sich zu verbrennen? Wer schafft sich selbst den Freiraum, um neue, auch persönliche Entwicklungen zuzulassen? Ist das Gehalt der Maßstab für Erfolg? Oder ist es ein Schmerzensgeld für das, was man tun muss?

Ist Kreativität zielgerichtet?

Unternehmerisches Tun hat immer ein Ziel. Doch im Malen von immer neuen Zielbildern um uns weiter zu motivieren, verlieren wir uns oft in hektischer Betriebsamkeit oder Resignation. Wir erkennen keinen Sinn. In der durchorganisierten Struktur von Targets, Milestones, Lines, Reports und Meetings bleibt wenig Raum für echte Kreativität.

Ist die Ausgeglichenheit zwischen Arbeit und Leben eine Utopie? Sind Freiraum und Kreativität Hirngespinste?

Wo sind die kreativen, fantasievollen Menschen, die die Zukunft gestalten? 

Ich bin überzeugt davon, dass kreative Menschen in die Führungsebene gehören, dass sie dort vermutlich auch arbeiten – aber in der Regel arbeiten sie im zum Teil selbst miterschaffenen Korsett der Strukturen. Nicht dass Sie mich falsch verstehen: Es geht nicht darum, dass jeder tut, was er will. Selbstverständlich braucht es auch Ziele, Pläne und Strukturen. Nur dürfen sie nicht wichtiger sein als der Mensch. Freie (Führungs-) Geister interessieren sich für die Menschen und fragen nach ihren Vorstellungen und Ideen. Und Führungskräfte dürfen sich selbst Frei-Raum dafür schaffen.

In meiner Coaching-Tätigkeit erlebe ich immer wieder, wie erfolgreiche Menschen Zweifel bekommen und den Sinn ihrer Arbeit hinterfragen. Die Lösung ergibt sich oft aus zwei scheinbar einfachen Fragen: Was willst Du wirklich? Was ist Dir wichtig? Der Mensch im Mittelpunkt – das gilt auch für den Führenden selbst. Doch es erfordert Mut und Ehrlichkeit, sich dieses Feedback zu geben. Wenn die Erkenntnis da ist, ist meist auch der Weg einfach.

Übertragen auf die Unternehmensführung heißt das: Wer holt und gibt sich in der Führung ehrliches Feedback? Jeder will Karriere machen, wie steht es da mit der Ehrlichkeit? Wer lehnt einen unangenehmen Job ab, obwohl er der weiteren Karriere dienen würde? Wer fragt sich, wie er sich bei seinem Job fühlt? Welches Unternehmen holt sich echt anonymes Feedback von seinen Mitarbeitern – und reagiert darauf, nimmt also die Menschen ernst?

Wie können wir gut zusammenleben und -arbeiten?

Ich bin überzeugt: Gutes Leben entsteht nur von innen nach außen. Alles ist schon da. In der Natur und der Umwelt ebenso wie in jedem von uns. Es ist gut. Die Herausforderung ist, es von innen nach außen zu tragen. Nur wer innerlich eine positive Haltung hat, wer sich selbst mag und entsprechend seinen wichtigsten Werten versucht zu handeln, wird in seinem Unternehmen nachhaltige Leistung bringen, wird sich aus eigenem Antrieb engagieren, mit Freude an der Arbeit und am Leben.

Die Wege dorthin sind sattsam bekannt, das Instrumentarium der Trainer und Coaches ist üppig. Doch häufig arbeiten sie systemerhaltend, müssen so arbeiten, damit sie den Auftrag erhalten. Womit wir wieder beim Freiraum wären: Welches Unternehmen gibt einem Coach die Freiheit, ergebnisoffen zu arbeiten? Wirklich den Menschen ernst zu nehmen und eine Erkenntnis hinzunehmen, die nicht die Fortschreibung des Bisherigen bedeutet?

Ich glaube nicht, dass wir nur ein Umsetzungsproblem haben. Wir haben auch ein Erkenntnisproblem. Wir haben oft nicht einmal den Mut, Erkenntnis zuzulassen. Wer aber Nachhaltigkeit und CSR wirklich ernst nimmt, darf sich selbst ernst nehmen.

Stand: Juli 2014