Christof Jauernig

Christof Jauernig, Jahrgang 1973, arbeitete als Betriebswirt lange für die Bankenbranche. Während seiner letzten Tätigkeit als Analyst einer Unternehmensberatung gehörte das Segment der Nachhaltigkeitsbanken zu seinen Fachgebieten, hierzu koordinierte er 2012 die erste große deutsche Marktstudie. Auf persönlicher Ebene kam ihm die Nachhaltigkeit jedoch abhanden: seine innere Verbindung zu seinem kopflastigen Job, den Arbeitsinhalten und dem rauen Arbeitsumfeld schwand, und der selbstauferlegte Zwang, trotzdem weiterzumachen, führte ihn in eine tiefe persönliche Krise.

Zum Wendepunkt wurde sein Entschluss, den ihm fremd gewordenen Job Ende 2014 schließlich doch zu kündigen. Ohne Plan für danach brach er anschließend auf eine sechsmonatige Rucksackreise durch Südostasien auf. Sie wurde für ihn zu einer Reise hinaus aus intellektueller Hochtourigkeit und Zukunftsangst, hinein in eine neue Verbindung mit sich selbst und dem Augenblick. Seit seiner Rückkehr erzählt er seine Geschichte bundesweit in bebilderten Lesungen, um Menschen auch dazu zu ermutigen, innere Wahrheiten, Widerstände und Wünsche wahr- und ernst zu nehmen.

Weitere Informationen: www.unthinking.me
 

Die Segel neu gesetzt: Warum es sich lohnt, der inneren Stimme zu vertrauen

 

Mehr Energie verbrauchen, als in mir nachwachsen konnte – das war für mich ein Dauerzustand geworden. Es war nur eine Frage der Zeit, bis diese Rechnung nicht mehr aufgehen konnte.

Als Analyst einer Unternehmensberatung für Banken sichtete, analysierte und verarbeitete ich seit Jahren Daten und Fakten zur Finanzbranche. Der problematische Charakter, der den behandelten Informationen und Themen während und in Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise oft anhaftete, war nur eine der Ursachen dafür, dass meine innere Verbindung mit dem, was ich tagtäglich machte, immer mehr verloren gegangen war. Hinzu kamen das raue, umsatzfokussierte Arbeitsumfeld einer Managementberatung, in dem ich mich zunehmend fehl am Platze fühlte, sowie der, trotz Kreativität erfordernder Themen hier und da, rational-analytisch dominierte Arbeitsalltag, der in dieser Intensität einfach nicht mehr zu mir passte.

Was so viel Kraft kostete, war, die eigenen inneren Widerstände gegen all das zu verdrängen. Es war eine Mischung aus Gewöhnung an die Unzufriedenheit, gutem Gehalt und einem Mangel an Ideen zu beruflichen Alternativen, die mich durchhalten ließ. Hinzu kam die Angst davor, was ein Neuanfang mit sich bringen könnte: Den berühmten Knick im Lebenslauf, sich gegenüber neuen Herausforderungen nicht behaupten zu können, bis hin zu sozialem Abstieg – nur einige Beispiele für die Schreckensszenarien, die mein Analysieren und Planen gewohntes Hirn mir vorgaukelte. Also ignorierte ich die emotionalen und körperlichen Warnsignale und zwang mich weiterhin täglich in ein Büro, in dem ich nicht mehr sein wollte, um Dinge zu tun, die ich nicht mehr tun wollte.

Bis ich eines Tages einsah, dass das so nicht mehr weitergehen konnte. Und da kam irgendwann der Moment – ich befand mich mittlerweile in einem therapeutischen Prozess – in dem ich es plötzlich und unverhofft schaffte, meine lange ignorierte innere Stimme, mein Bauchgefühl, endlich wieder wahrzunehmen. Und darauf zu vertrauen, was sie mir rieten. Den Moment, in dem ich mich so aus tiefstem Herzen entschied, meinen mir fremd gewordenen Job aufzugeben, quittierte mein Organismus mit einem sich explosionsartig ausbreitenden Gefühl wohliger Wärme in meiner Brust. Als ich an diesem Abend schlafen ging, war diese Wärme das Letzte, nach dem Öffnen meiner Augen am nächsten Morgen das Erste, was ich spürte. Für mich ein untrügliches Zeichen, dass ich mich richtig entschieden hatte. Und all die zwanghaften Gedanken, die Sorgen vor einer ungewissen Zukunft, die mich so lange von diesem Schritt abgehalten hatten, fingen an, sich aufzulösen.

Einige Zeit später kündigte ich meinen Arbeitsvertrag, schloss bald meine Bürotür zum letzten Mal, kaufte ein Flugticket, vermietete meine Wohnung unter und ging, ohne zu wissen, wie es danach für mich weitergehen würde, auf eine sechsmonatige Rucksackreise durch Südostasien. Sie wurde für mich zur Reise meines Lebens, auf der ich die Schönheit, die in so Vielem in dieser Welt zu finden ist, wiederentdeckte. Für die mir der Blick spätestens in all den von Exceltabellen, Unzufriedenheit und Ängsten dominierten vergangenen Jahren vernebelt gewesen war. Eine Zeit tiefer Verbindung mit der Magie des Augenblicks, die mir in vielen kleinen und großen Reisemomenten begegnete und für Zukunftsangst keinen Platz mehr ließ. Und nicht für eine Sekunde verließ mich das Vertrauen, dass die Entscheidung, meinen gutbezahlten aber unglücklich machenden Job hinter mir gelassen zu haben, richtig gewesen war.

Als ich wieder zuhause war, erarbeitete ich aus Fotografien und Texten, die unterwegs entstanden waren, eine kleine Ausstellung für meine Nachbarschaft. Zu ihrer Eröffnung projizierte ich die Fotos auf eine Leinwand und unterlegte sie mit eigenen Klavierimprovisationen. Dazu las ich meine Texte, die von der Reise erzählten, aber ebenso vom Hören auf die innere Stimme, vom Loslassen ungesunder Routinen und Gedankenmuster und vom Aufbrechen zu neuen Ufern. Als ich Tränen in den Augen einiger Besucher bemerkte, dämmerte mir, dass da noch viel mehr Menschen sein mussten, die sich gefangen fühlten in ungesunden Lebenssituationen. So beschloss ich, meine Geschichte ein zweites Mal zu erzählen.

Mittlerweile toure ich mit dieser bebilderten Lesung „Vom Analyst, der ging, um die Welt mit dem Herzen zu sehen“ seit anderthalb Jahren durch das Land. Die Suche nach einer neuen Festanstellung außerhalb der Banken- und Beratungsbranche habe ich vor einem Jahr eingestellt. Mit meiner Erzählung werde ich in Burnout-Kliniken und Banken, Kirchen und Kleinkunstbühnen, Yogazentren und Cafés eingeladen. Und egal wo ich bin: überall treffe ich auf Menschen, in deren Augen und Worten ich die Sehnsucht nach anderen, ihnen mehr entsprechenden Lebensstrukturen erkennen kann.

Alles, was mein Leben seither prägt – das kreativ-künstlerische Arbeiten, das an die Stelle trockener Analysetätigkeit getreten ist, die Menschen, die sich von meiner Geschichte berühren lassen, die Empathie, die mir in den Fragerunden am Ende meiner Lesungen begegnet – ist für mich die reine Freude. Nie habe ich mich mehr im Einklang mit mir selber, zufriedener, lebendiger gefühlt. Weder die finanziellen Einschränkungen, die jetzt zu meinem Leben gehören, noch die fehlende Berechenbarkeit meiner Zukunft ändern das. Stattdessen haben die Sorte an Sprüchen aus der Ratgeberliteratur, die früher in meinen Ohren immer recht plattitüdenhaft klang, dass man nämlich das tun solle, was das Herz einem sage, und alles würde gut, meinen Respekt gewonnen. Denn nichts anderes habe ich gemacht: Das beendet, was sich falsch, und mich dem geöffnet, was sich richtig anfühlte. Und seitdem hat sich all das Schöne und Neue, von dem ich vorher nichts geplant hatte, Schritt um Schritt, kraftvoll, und wie aus sich selbst heraus in mein Leben begeben.

Wir leben in einer Zeit, in der wirtschaftlichem Wachstum und materiellem Konsum große Bedeutung eingeräumt wird. Dass dies häufig zu Lasten ökologischer Nachhaltigkeit geht, ist unübersehbar. Eine Nachhaltigkeitsproblematik, die sich hingegen oft eher im Stillen abspielt, gibt es auf der persönlichen Ebene vieler Menschen, das weiß ich jetzt. Solchen, die sich selber, um in dieser Gesellschaft mithalten zu können und anerkannt zu werden, in Arbeitsstrukturen oder Lebensmodelle zwingen, die ihnen in Wahrheit nicht oder zu wenig entsprechen, sie ein Übermaß an Kraft und Lebensfreude kosten. Lebensfreude, von der zum Beispiel alles andere als klar ist, ob eine gute Rente in einer unbestimmten Zukunft sie wiederbringen wird. Freilich kann und soll nicht jeder den Job hinschmeißen und in die Ferne reisen und meine Geschichte kann und will in dieser Hinsicht keine Blaupause sein. Aber ich glaube an das große Potenzial, das darin liegt, sich auf die Suche nach den jeweils eigenen inneren Wahrheiten und Wünschen zu machen. Darin, auf die eigene Intuition zu hören, um die persönliche Lebenssituation so gut wie irgend möglich in Einklang mit sich selbst bringen zu können. Denn das kann innere Kräfte freisetzen, von denen wir nicht wussten, dass wir sie besitzen. Und der Seelenfrieden, der dadurch erwachsen kann, hat das Zeug dazu, die Illusion vom käuflichen Glück zu entzaubern und damit einen der wesentlichen Treiber unseres Konsumstrebens. Und je öfter das passiert, desto besser wird das auch für die Nachhaltigkeit unserer Welt im Ganzen sein.

Stand: November 2017