Daniel Anthes

Daniel Anthes, Jahrgang 1986, ist passionierter Nachhaltigkeitsaktivist und -Blogger. Er sammelte schon während seines Diplomstudiums der Wirtschaftsgeographie, BWL und Publizistik an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz vielfältige Erfahrungen in privaten und öffentlichen Organisationen, die sich dem Thema Nachhaltigkeit widmen.

Dazu gehören beispielsweise die Nichtregierungsorganisation ONE, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik (DIE).

Derzeit ist er als Sales Operations Manager und Nachhaltigkeitsbeauftragter bei IHS Global GmbH in Frankfurt am Main beschäftigt. In seiner Freizeit arbeitet er zudem als Vorstandsmitglied bei ShoutOutLoud e.V., einem sich im Rhein-Main-Gebiet im Bereich Nachhaltigkeit und ökologische Tragfähigkeit engagierenden Verein.

Außerdem betreibt der vom Umweltinstitut Offenbach zertifizierte Corporate Responsibility (CR)-Manager mit Sustainable Natural Resource Management eine eigene Webseite, auf welcher er regelmäßig zu den Themen Nachhaltigkeit, Ressourcenmanagement und CSR bloggt. Aufgrund seiner Expertise in diesem Bereich konnte er auch schon mehrfach Beiträge auf größeren Nachrichtenportalen (bspw. UmweltDialog) und Onlinezeitungen (bspw. Huffington Post) publizieren.

Weitere Informationen:
http://www.managingnaturalresources.com/
 

Meine Story - oder warum ‚Nachhaltigkeit' für mich immer noch mehr ist als ein zu häufig benutztes Wort

„Ungefähr 12.100.000 Ergebnisse“ präsentieren sich mir, wenn ich in Google nach dem Wort ‚Nachhaltigkeit' suche. 113.000.000 gar, wenn ich „Sustainability“ eingebe. Ob Bundesregierung, REWE Group, Werner & Mertz oder Germanwatch - scheinbar jeder scheint sich zur Zeit ‚Nachhaltigkeit' auf die Flagge zu schreiben. Es ist schlichtweg en vogue und da darf man natürlich nicht hintenanstehen. Egal ob man an dieser Stelle Regierung, Großkonzern, mittelständisches Unternehmen oder Nichtregierungsorganisation ist. Würde ich die Ergebnisse nun aber auf Authenzität und Ernsthaftigkeit überprüfen, fiel bestimmt ein Großteil durch und ‚Greenwashing' löse  ‚Nachhaltigkeit' ab. Doch was bedeutet das für jene, die aufrichtig und dementsprechend glaubwürdig versuchen, etwas in der heutigen Welt zu bewegen?

Schauen wir erst einmal auf die Ausgangslage: Klimawandel, Ressourcenverknappung, Armut, Hunger, Urbanisierung, Demographischer Wandel - you name it. Wir sehen uns heutzutage mit einer Vielzahl von fundamentalen Herausforderungen konfrontiert. Diese prägen und beeinflussen unser Handeln in allen Lebensbereichen und auf allen Ebenen - lokal bis global, gegenwärtig und vor allem zukünftig. Momentan scheint es aber so, dass wir in Anbetracht dieser Tiefenströmungen des Wandels in Zukunft auf eine Katastrophe zusteuern.

Stichwort Klimawandel: Mittlerweile ist es wissenschaftlicher Konsens, dass der Klimawandel real ist und der Mensch mit seinem wirtschaftlichen Handeln seit der Industrialisierung entscheidenden Einfluss darauf nimmt. 2014 war das wärmste Jahr seit der Wetteraufzeichnung und die CO2-Konzentration der Atmosphäre ist die höchste seit 800.000 Jahren - mit mehr als 400 Millionen Teilchen pro Millionen wurde dabei vergangenen März ein neues Rekordniveau erreicht. Die Verbrennung fossiler Energieträger wie Öl, Gas und Kohle gilt als Hauptverursacher dieses Anstiegs und damit der Forcierung der globalen Erderwärmung. Die Auswirkungen für Mensch und Natur sind dabei schon heute zu sehen: Schmelzende Gletscher, ansteigender Meeresspiegel, zunehmende Wetterextreme und Schäden an Ökosystemen. Klar ist mittlerweile auch, dass so die Chancen das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen verschwindend gering geworden sind - und damit auch die Möglichkeit, unseren Planeten vor irreparablen Schäden zu bewahren

Stichwort Ressourcenverknappung: Rapides Bevölkerungswachstum, steigender Wohlstand und sich verändernde Konsummuster, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern, erhöhen den ohnehin schon enormen Druck auf die weltweiten Naturressourcen. Ursächlich ist aber vor allem der Konsumhunger und damit immense ökologische Fußabdruck in der bereits industrialisierten Welt. Weltweit sind 24 Prozent der Landesflächen von Degradierung betroffen, wobei jedes Jahr weitere 24 Milliarden Tonnen fruchtbarer Erde aufgrund von Erosion, Bebauung, Verdichtung und Ressourcenausbeutung verloren gehen. Prognosen zufolge übersteigt die globale Nachfrage nach Wasser bis 2030 das heute zur Verfügung stehende Süßwasserangebot um 40 Prozent. Und mit u.a. Kupfer, Wolfram, Tantal, Indium und Zinn werden innerhalb der nächsten Jahrzehnte für eine Bandbreite bedeutender Zukunftstechnologien, wie z. B. Photovoltaik und Elektroauto-Batterien, fundamental wichtige Rohstoffe ausgehen.

Stichwort Armut & Hunger: Die UNO beziffert die weltweite extreme Armut auf 1,2 Milliarden Menschen - d.h. mehr als jeder siebte Mensch muss mit weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag auskommen. Leider ist auch das Recht auf Zugang zu sauberem Trinkwasser und Sanitäranlagen immer noch kein Universales. Außerdem leiden weiterhin rund 800 Millionen Menschen unter Hunger, während  in den Industrieländern teilweise bis zu 50 Prozent der produzierten Lebensmittel weggeworfen werden. Wenn man sich in diesem Kontext die Frage stellt, wie wir die bis 2050 prognostizierten zehn Milliarden Menschen auf der Welt satt bekommen können, so ist nicht zwingend die Steigerung der Nahrungsmittelproduktion zu nennen - wir müssen zu aller erst das globale Verteilungsproblem lösen.

Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen in Städten leben und die Weltbevölkerung regional unterschiedlich vom demographischen Wandel gekennzeichnet ist - zur Mitte des Jahrhunderts sollen fast 70 Prozent der Menschen weltweit in urbanisierten Lebensräumen vorzufinden sein, ein Großteil davon unter 18 Jahre alt. Als Orte des Wandels und der Innovation sind Städte dabei für die globale Nachhaltigkeit Herausforderung und Chancengeber zugleich.

Letztlich können aber selbst diese Megatrends nur einen Teilausschnitt der mittlerweile hochkomplexen und multipolaren Welt darstellen - allein aus dem Grund, weil wir eben ständigem Wandel ausgesetzt sind. Um diesen aber möglichst zukunftsfähig und damit ökologisch wie auch sozial tragfähig zu gestalten, bedarf es an nachhaltigem Denken und Handeln.

Also zurück zum Begriff ‚Nachhaltigkeit': Obwohl dieser mittlerweile aufgrund seines inflationären Gebrauchs arg verwässert und wenig konkret geworden ist, so ist der eigentliche Kerngedanke dahinter doch kaum missverständlich. Denn ob Begriffsentwicklung durch Hans Carl von Carlowitz oder Brundtland-Kommission, Club of Rome oder Rat für Nachhaltige Entwicklung  - ‚Nachhaltigkeit' meint Langfristigkeit im Sinne intergenerationaler Gerechtigkeit. Und damit die Möglichkeit, unseren Kindern und Enkelkindern ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge zu hinterlassen, sodass diese uneingeschränkt ihre Bedürfnisse befriedigen können.

2015 kann nun ein Jahr werden, in welchem wir Geschichte schreiben - Nachhaltigkeitsgeschichte, wenn man es genauer nimmt. Viele mögen mich als Idealist, Optimist oder gar Romantiker bezeichnen, wenn ich sage, dass ich die Hoffnung hierfür noch lange nicht aufgegeben habe. Ob in Addis Abeba in puncto Entwicklungsfinanzierung, in New York in puncto weltweit geltender Nachhaltigkeitsziele (SDGs) oder in Paris in puncto globaler Klimaschutz - wir haben in diesem Jahr auf gleich drei großen Bühnen die Chance, uns zu mehr Nachhaltigkeit bzw. nachhaltiger Entwicklung in der Welt zu verpflichten.

Die Skeptiker verweisen an dieser Stelle jedoch - nicht unbegründet - auf frühere UN-Gipfel, die nicht annähernd die an sie gestellten Erwartungen erfüllen konnten. Trauriger Höhepunkt in Sachen Klimaschutz war dabei beispielsweise die Klimakonferenz von Kopenhagen vor sechs Jahren, bei welcher nach rund zwei Wochen Verhandlungen nicht einmal das Abschlussdokument konsensfähig war.

Doch es ist natürlich nicht immer nur die große politische Bühne vonnöten, um etwas zu bewirken. Jeder kann mit seinem individuellen Handeln einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leisten. Aus Erfahrung weiß ich, dass hier gerade Nichtregierungsorganisationen und Vereine - oft nahezu unbemerkt - viel auf lokaler Ebene anstoßen und damit letztlich zu wirklichem Wandel beitragen - ganz nach dem Motto „Veränderung beginnt mit dir“.

Ein mittlerweile von der Bundesregierung ausgezeichnetes Beispiel hierfür wäre ShoutOutLoud, ein in Frankfurt ansässiger Verein, welcher sich im Rhein-Main-Gebiet im Bereich Nachhaltigkeit und ökologische Tragfähigkeit engagiert. Seit geraumer Zeit habe ich die Ehre und Freude, als Vorstandsmitglied dieses mehr als 20 Personen-starken Vereins unmittelbar an der Planung, Kommunikation und Durchführung von Vereinstätigkeiten mitzuwirken. Dabei beschäftigen wir uns u.a. mit den Themen Lebensmittelverschwendung und Plastikabfall, welchen endlich auch zunehmend die mediale Aufmerksamkeit zuteilwird, die sie verdienen. Denn letztlich sind dies zwei mögliche und dabei im Alltag zentrale Stellschrauben, mithilfe welcher jeder Einzelne auf einfachste Art und Weise den Druck auf unsere weltweiten Naturressourcen verringern kann - nämlich durch seinen persönlichen Konsum.

Ganz egal ob Ernährung, Kleidung oder Reisen - die Lebensstile eines jeden Einzelnen und damit der Kauf sowie die Nutzung von Produkten und Dienstleistungen haben ein großes Potential im Hinblick auf den Umgang mit den oben genannten Megatrends. Durch bewussten Konsum können Umwelt- und Sozialaspekte in der Wertschöpfungskette berücksichtigt bzw. implizit nachgefragt und so im Hinblick auf nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster optimiert werden.

In diesem Kontext ist aber ein entsprechendes Bewusstsein bzw. Hintergrundwissen von grundlegender Bedeutung. Was bringt es, wenn ich mich anstelle des Discounter-Hackfleisches für das des Bio-Metzgers entscheide, und dabei meinen Fleischkonsum auf einmal pro Woche beschränke? Überhaupt, was ist schon dabei, wenn meine T-Shirts nur fünf Euro kosten? Und natürlich brauche ich jedes Jahr das neue iPhone! Leider ist immer noch vielen Menschen nicht wirklich bewusst, dass sie durch ihre Nachfrage indirekt die Art mitgestalten, auf welcher der Privatsektor wirtschaftet. Durch meinen eigenen Blog Sustainable Natural Resource Management ist es mir deshalb ein persönliches Anliegen, hier zur mehr Aufmerksamkeit und Bewusstseinsbildung ob dieser Zusammenhänge beizutragen - und im gleichen Atemzug Alternativen zu nennen, die einen Mehrwert für die globale Nachhaltigkeit bedeuten.

Damit finde ich mich grundsätzlich an einer Front wieder, welche erfreulicherweise zurzeit immer bedeutender zu werden scheint. Die Generation Y oder die sog. LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) verschieben die Koordinaten des Gesellschafts- und eben auch Wirtschaftssystems immer mehr in Richtung einer neuen persönlichen Lebens- und Business-Moral, de facto einer Mischung aus Ökonomie, Ökologie und gesellschaftlichem Engagement. Konzernkarrieren werden von sinnstiftenden Jobs in Startups abgelöst - das sog. Social Entrepreneurship, oder einfach nur selbstbestimmt Arbeiten und mit Unternehmergeist gesellschaftliche Probleme lösen, ist das Nummer 1-Ziel der aktuellen Berufsanfänger. In Deutschland allein sind es laut McKinsey 38 Prozent aller Hochschulabsolventen, die Ihre Zukunft in einem Sozialunternehmen verwirklichen wollen. Die WiWo geht gar so weit und nennt diesen Schlag von jungen, gut ausgebildeten Menschen „Karriereverächter“.

Keine Frage, Nachhaltigkeit wird immer bedeutender - und dies nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass es mittlerweile auch wirtschaftlich Sinn macht. Einst rein moralische, soziale oder ökologische Fragen ökonomisieren sich. Und dies ist schlichtweg aus der Not gedrungen. Im übertragenen Sinne leben wir bereits heute auf eineinhalb Planeten, und bis zur Mitte des Jahrhunderts bräuchten wir gar drei Planeten Erde, um unsere derzeitigen Lebensstile zu befriedigen. Logisch nur, dass wir vor dem Hintergrund dieser Überschreitung der Tragfähigkeitsgrenzen und der sich offenbarenden o.g. Herausforderungen unweigerlich auf eine Katastrophe zusteuern

Klar ist, dass business as usual in diesem Zusammenhang keine Option mehr darstellt. Nachhaltigkeit' ist eben kein „nice to have“ mehr, sondern bittere Notwendigkeit. Ein Wirtschaftssystem, das ausschließlich monetäres und materielles Wachstum anstrebt, wird hier nicht mehr funktionieren. Wir müssen grundlegend überdenken, wie wir die uns zur Verfügung stehenden Naturressourcen nutzen. Um an dieser Stelle auch das globale Verteilungsproblem zu lösen, bedarf es einem prinzipiellen Wandel hin zu nachhaltigeren Produktions- und Konsummustern vor allem in der industrialisierten Welt. Die enormen Mengen an Abfall und schier grenzenlose Verschwendung (v.a. in der Lebensmittelindustrie) stellen hierbei mögliche Aktionsbereiche dar, wie wir unseren ökologischen Fußabdruck senken und damit den Planeten zukunftsfähiger gestalten können.

Klar ist aber auch, dass es ein Patenrezept oder Masterplan für die gleichzeitige Lösung aller Herausforderungen und Probleme nicht gibt. Doch es gibt definitiv Ansätze, die uns als Gesellschaft auf den richtigen Kurs bringen können. Ob Umlenkung von Finanzströmen zu nachhaltigen Investitionen, Schutz des Naturkapitals, effizienterer Produktion, Anpassung des Konsums und allgemein eine gerechtere Ressourcenverteilung - das Wissen für den notwendigen  Paradigmenwechsel hin zu wirtschaftlicher Prosperität bei gleichzeitiger ökologischer Tragfähigkeit und sozialer Inklusion ist da, es muss nur noch umfassend in der Praxis umgesetzt werden.

Es ist jedoch unabdingbar, dass hier alle Akteursgruppen am gleichen Strang ziehen - sowohl Regierungen, als auch Privatsektor und Zivilgesellschaft. Multistakeholder-Ansätze sind fraglos die Lösung des Problems. Ein Rekurs globaler gesellschaftlicher Trends offenbart uns: Nachhaltigkeit ist eben nicht mehr nur die Predigt der politischen Grünen oder Greenpeace-Aktivisten - die Thematik ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und deshalb auch oben auf der politischen und wirtschaftlichen Agenda. Um hier aber eine revolutionäre Stoßrichtung hin zu Wandel mit Wirksamkeit der Renaissance zu entfalten, bedarf es dem authentischen, ernst gemeinten und vor allem kohärenten Umgang mit dem Thema Nachhaltigkeit - von allen!

Stand: Juli 2015