Daniel Kerber

Daniel Kerber wurde 1970 in Frankfurt am Main geboren und lebt heute in Hamburg und Berlin. Nach dem erfolgreichen Abschluss seines Kunststudiums in Paris und Düsseldorf im Jahr 2000, arbeitet Daniel Kerber an verschiedenen Museen und Universitäten von Tokio bis New York. Seine künstlerischen Arbeiten werden in zahlreichen Ausstellungen in Amerika, Italien, Österreich und Deutschland ausgestellt. Auf Forschungsreisen und bei Stipendienaufenthalten lernt er die Probleme und Armut der vieler Menschen kennen. Schon bald verschiebt sich sein Hauptfokus auf die künstlerische Forschung und Bearbeitung der vorgefundenen sogenannten informellen Architektur von Slums und Flüchtlingslagern. Daniel Kerber arbeitet somit an der Schnittstelle zwischen Architektur, Design und Kunst und beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren in weitreichender Forschung mit informeller Architektur in Krisenregionen. Anfang 2012 bündelt er alle nötigen Konpetenzen und gründet das Sozialunternehmen morethanshelters, um sein kreatives Schaffen mit einer Wirkung für die betroffene Bevölkerung zu verknüpfen. morethanshelters realisiert ausschließlich Design- und Architekturkonzepte für humanitäre Zwecke. Als Geschäftsführer von morethanshelters arbeitet er momentan mit einem 10köpfigen Team an der Realisierung der ersten modularen sowie mobilen Notunterkunft, die Flüchtlingen und Slumbewohnern weltweit menschenwürdiges Wohnen ermöglicht.

Weitere Informationen:
www.morethanshelters.org


Was geht Ihnen zunächst durch den Kopf, wenn sie den Begriff "Nachhaltigkeit" hören?

Der Begriff Nachhaltigkeit wird leider für viele Interessen eingesetzt. Er ist dadurch etwas verwässert und schwammig geworden. Dabei geht es doch um eine grundlegende Einsicht: Alle materiellen Ressourcen befinden sich in einem immerwährenden Kreislauf und alle Taten und Ideen, die mit diesen Ressourcen umgehen, können sich langfristig nie diesem Naturgesetz entziehen. Der Begriff sollte also weniger als ein wie auch immer geartetes verhandelbares Konzept eingesetzt werden, sondern in aller Klarheit als unsere natürliche und umfassende Lebenswirklichkeit definiert werden

Woran liegt es, dass wir uns so schwer tun eine nachhaltiger handelnde Gesellschaft zu werden?

Vielleicht liegt es daran, dass wir auf der einen Seite gerade erst erkennen dürfen, wie jede unserer Handlungen in globale Zusammenhänge eingebunden ist und auf der anderen Seite im täglichen Erleben nur einen winzigen Teil der globalen Lebensrealität erfassen können. Wir lernen erst zu verstehen, dass alle Dinge, alle Ideen mit den denen wir agieren irgendwo herkommen und irgendwo hingehen. Als moderne Gesellschaften haben wir uns den Luxus erlaubt, den ganz kurzfristigen Verbrauch, bis hin zur Verschwendung, in den Fokus zu stellen. Die langfristigen Zusammenhänge werden jetzt aber deutlich sichtbar. Wir befinden uns also in einem Übergangszeitraum in dem alte Gewohnheiten mit neuen Einsichten kämpfen. Das ist ein sehr umfassender und tiefgreifender Prozess, der völlig neuer Handlings- Produktions- und Denkmuster bedarf. Das fordert den Einzelnen und auch die Gesellschaft heraus, sozial, ökonomisch und ökologisch völlig neue Wege zu gehen und Verantwortung zu übernehmen. Auch mit alten Gewohnheiten zu brechen. Das kann mitunter auch schwer falle


Sie arbeiten seit 15 Jahren an der Schnittstelle zwischen Architektur, Design und Kunst. Was hat Sie bewogen morethanshelters zu gründen?

Das was ich als Künstler in Ausstellungen oder als Gestalter im urbanen Kontext in der sogenannten ersten Welt erreichen durfte, war großartig. Es waren dann aber sehr persönlich Erlebnisse in Krisenregionen der Welt, die mich veranlasst haben mir die Frage zu stellen, ob meine Kompetenzen als Lebensraumgestalter nicht dort wirksamer sein könnten als in unserem gewohnten Kontext. Diese Frage trug ich dann einige Jahre mit mir herum und fasste dann einen wichtigen Entschluss, entweder richtig oder gar nicht. Daher gab ich alles Andere auf und habe morethanshelters als erstes Design- und Architekturbüro in Deutschland gegründet, dass sich ausschließlich mit humanitären Projekten beschäftigt.


Mit welchen Partnern haben Sie das erste modulare Notunterkunftssystem entwickelt und an welchen Pilotprojekten arbeiten Sie gerade?

Flüchtlingslager oder Slums sind extrem komplexe gestalterische Herausforderungen.Es war von Anfang an klar, dass viele Kompetenzen miteinander arbeiten müssen, um in diesen Situationen nachhaltig positive Wirksamkeit zu erzeugen. Interdisziplinarität und Kooperationen standen so seit Beginn von morethanshelters im Mittelpunkt. So sind im Team Disziplinen wie Architektur und Design vernetzt mit Politologie, Unternehmertum, Entwicklungszusammenarbeit und Prozessentwicklung. Daneben konnten wir schnell wichtige Partnerschaften eingehen mit Fraunhofer Instituten, Universitäten und herausragenden Persönlichkeiten wie Professor Braungart, der Cradle-to-Cradle als Nachhaltigkeitsprinzip definiert hat.
Daneben wissen wir immer, dass wir hier in unserem Umfeld immer weniger wissen, als die Menschen vor Ort, so dass wir die Betroffenen immer als Spezialisten verstehen, mit denen wir gemeinsam ihren Lebensraum gestalten. Im Jahr 2014 planen wir fünf Pilotprojekte in Flüchtlingslagern und Slums, um mit den betroffenen Gemeinschaften vor Ort einen sogenannten social Design Prozess zu absolvieren. Das erste dieser On-Site-Innovation Projekte wird in Partnerschaft mit dem THW in einem Flüchtlingslager in Jordanien stattfinden

Warum ist es so wichtig den Fokus der Menschen in einem wohlhabenden Land wie Deutschland auf Flüchtlingslager zu lenken?

Laut den Vereinten Nationen müssen wir davon ausgehen, dass im Jahr 2050 etwa ein Drittel der Menschheit unsicher und ungesund leben wird. Deutlicher gesagt werden drei Milliarden Slumbewohner, Flüchtlinge und Obdachlose nicht einmal notdürftigst mit menschenwürdigem Wohnraum ausgestattet sein. Das dürfen wir als globale Gemeinschaft nicht einfach geschehen lassen. Gerade das Thema Nachhaltigkeit zeigt uns ja, dass alles miteinander zusammenhängt, da spielen Nationalgrenzen nur eine marginale Rolle. Wir sollten die Chance nutzen, wenn wir in einem priviligierten Lebensumfeld leben, unser Wissen und unsere Kraft für Menschen in Not einzusetzen, damit wir alle eine lebenswerte Zukunft haben.

Welche Vision verfolgen Sie mit morethanshelters?

Die Vision ist es, innovative Methoden, Werkzeuge und Ideen zu entwickeln, um nachhaltige Lebensräume in Krisenregionen aktiv positiv gestalten zu können. Mein Team und ich möchten, dass unsere Arbeit die maximale Wirksamkeit entwickelt. Unsere Mission ist es, dass die düstere oben beschriebene Prognose für das Jahr 2050 nicht eintritt. Ich bin immer noch der Überzeugung, dass der Mensch mit seiner Gestaltungsfreude den Planeten nicht zwangläufig zerstören muss, sondern im Gegenteil eine lebensfreundliche Wirklichkeit für Alle möglich ist

Was zeichnet Ihre "Handschrift" aus? Was soll als Botschaft von ihr bleiben auf diesem Planeten?

Mich beschäftigt seit langem eine wesentliche Frage: Wie kommt das Neue in die Welt und wie können wir innovativ unser zukünftiges Zusammenleben besser gestalten. Ich glaube das geht am Besten, wenn wir innere und äußere Grenzen überschreiten und miteinander ins Arbeiten kommen. Ins Erfinden. Indem ich versuche dieser Idee gerecht zu werden, enstehen Ergebnisse und Methoden. Die Beurteilung der Wirksamkeit meiner Arbeit muss ich der Zeit überlassen und anderen Menschen. Die Grundhaltung und Botschaft könnte aber grundsätzlich sein: Lasst uns aus lähmenden Gewohnheiten rausgehen und gemeinsam kreativ unsere Zukunft gestalten. JETZT!

Das Interview führte Hauke Schwiezer.