Daniel Schmid

Daniel Schmid, Jahrgang 1967,  ist Leiter Nachhaltigkeit bei der SAP AG. Der Diplom-Wirtschaftsingenieur begann seine Karriere 1992 als Berater bei Kiefer & Veittinger, einem CRM-Unternehmen (Customer Relationship Management), das von SAP 1997 erworben wurde. Er wurde Consulting Director bei SAP Labs Mannheim und übernahm dann die Verantwortung für SAP CRM Consulting. Als Vice President leitete er die Integration von SAP CRM Consulting in SAP Deutschland und führte bis 2004 die Consulting Division CRM. Ab 2004 hatte Daniel Schmid verschiedene leitende Positionen inne im Bereich SAP Consulting in der Region Europa, Mittlerer Osten und Afrika. Ab Mitte 2008 leitete Schmid im Rahmen eines ganzheitlichen Nachhaltigkeitsprojektes das Teilprojekt „Nachhaltige SAP“. Im März 2009 wurde dies in den globalen Geschäftsbereich „Sustainability Operations“ überführt. Schmid gehört dem Lenkungskreis von econsense an, dem Forum für nachhaltige Entwicklung der deutschen Wirtschaft, und ist Jury-Mitglied beim Baden-Württembergischen Mittelstandspreis LEA (Leistung, Engagement, Anerkennung).

Weitere Informationen:
www.sapintegratedreport.com

 

Interview

Was verbinden Sie mit dem Begriff Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit hat viel damit zu tun, wie wir mit unseren Ressourcen umgehen, und wird im Unternehmenskontext schnell mit Effizienz in Verbindung gebracht. Letztere ist gut und wichtig, reicht aus meiner Sicht aber alleine nicht aus. Wir müssen vielmehr die Dinge anders tun. Nachhaltigkeit ist für mich deshalb ein Treiber für Innovation. Sie fordert und fördert die Entwicklung ganz neuer Lösungen und Herangehensweisen, die ökologische, soziale UND finanzielle Aspekte ganzheitlich betrachten und in Balance bringen.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit für Ihr Unternehmen?

91% unserer Belegschaft hält es für wichtig, dass wir Nachhaltigkeit ernsthaft verfolgen. Was für eine tolle Rückendeckung, verbunden mit der Forderung, Nachhaltigkeit durchgehend einzubetten - ob in unserer Strategie oder bei unseren tagtäglichen Handlungen und Entscheidungen!

Unsere große Kundenbasis - weltweit haben wir über 200.000 Kunden - hat uns vor wenigen Jahren veranlasst, unsere Vision neu zu formulieren: Wir möchten die Abläufe in der weltweiten Wirtschaft verbessern und die Lebensqualität der Menschen erhöhen. Damit haben wir Nachhaltigkeit ganz stark in unserer Unternehmensvision verankert.

Unsere Kunden erwarten von uns, dass es nicht bei der Vision bleibt. Sie erwarten, dass wir sie realisieren und ihnen mit unseren Softwarelösungen und Dienstleistungen helfen, nachhaltiger zu werden. Wir spüren einen immensen Bedarf, Nachhaltigkeitskriterien und -prozesse in unser Lösungsportfolio einzubauen.

Wie lebt SAP Nachhaltigkeit vor?

Auf ganz vielfältige Art und Weise. In unserem Bericht - www.sapintegratedreport.com - finden Sie die komplette Transparenz. Dort erkennen Sie, wo wir stehen, wo wir Fortschritte erzielen, aber auch wo wir noch nachlegen müssen. Beispielsweise müssen wir noch mehr tun, um unser Ziel von 25% weiblichen Führungskräften zu erreichen.

Stolz sind wir auf die Anerkennung durch verschiedenste Auszeichnungen und Ratings, wie dem ersten Platz im Software-Sektor des Dow Jones Sustainability Index seit sechs Jahren in Folge oder dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis in 2011. Sie bestätigen uns zusätzlich, auf dem richtigen Weg zu sein.

Auf unserer Reise haben wir als Unternehmen strukturelle Änderungen angepackt, um Nachhaltigkeit in unsere Organisation und Prozesse zu integrieren. Beispiele reichen vom Personalwesen, über Einkauf, Gebäudemanagement, IT, Logistik, bis hin zu unserer Software-Entwicklung und vielen mehr. Die Menschen sind jedoch das Wichtigste - auf sie kommt es an.

Können sie dieses bitte weiter konkretisieren? Was genau heisst das?

Zwei Aspekte sind entscheidend.

Erstens: Wir sind als Software-Anbieter noch mehr ein „People business“ als viele Unternehmen anderer Branchen. Unsere wichtigste „Ressource“ sind in der Tat unsere Mitarbeiter. Mit ihnen gilt es, nachhaltig umzugehen.

Zweitens: Unser wichtigster Hebel, selbst nachhaltiger zu werden, sind ebenfalls unsere Mitarbeiter. Wir haben keinen Fertigungsprozess oder Maschinen, die wir nachhaltiger gestalten können. Wir können nur sozial, ökologisch und ökonomisch verantwortungsvoll handeln, wenn unsere Mitarbeiter mitziehen.

Beobachten Sie, dass sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer mehr für Nachhaltigkeit interessieren und diese auch umsetzen wollen?

Oh ja! Es ist für mich immer wieder sehr inspirierend, die Beispiele zu sehen. Wir haben viele Mitarbeiter, die schon sehr engagiert sind – allen voran unsere Sustainability Champions, wie wir sie bei uns nennen. Sie und ihre Mitstreiter wirken lokal und in ihren Abteilungen, indem sie Nachhaltigkeits-Workshops auf die Beine stellen, Vortragsreihen organisieren, Freiwilligenaktivitäten  und Aktionswochen unterstützen. Einerseits schreiten Sie als Vorreiter voran und motivieren andere, ihnen zu folgen. Andrerseits leisten Sie Aufklärungsarbeit und schaffen Gelegenheiten für Kollegen, Nachhaltigkeit zu erleben und mitzumachen.

Der Erfolg ist meßbar: Zahlen zu mehr Freiwilligenstunden, mehr Teilnehmern bei den Angeboten unserer weltweiten „Health for Innovation Week“, verändertem Pendelverhalten zur Arbeit oder reduziertem Energieverbrauch am Arbeitsplatz belegen dies.

Darüber hinaus läßt sich die schrittweise Veränderung im Denken und Handeln daran ablesen, wie Mitarbeiter sich mit neuen Ideen zu mehr Nachhaltigkeit einbringen. „TwoGo“ ist ein tolles Beispiel. Hier hatten ursprünglich zwei Mitarbeiter die Idee zu einer Software, mit Hilfe derer SAP-Kollegen, die auf dem Weg zur Arbeit mit anderen mitfahren oder andere mitnehmen wollen, zusammengebracht werden. Inzwischen sind über 6000 SAP-Mitarbeiter allein in Deutschland auf dieser Mitfahrplattform registriert und eine marktreife Softwarelösung ist entstanden, die wir nun auch unseren Kunden anbieten. 

Die Beiträge unserer Mitarbeiter sind, wie Sie sehen, sehr vielfältig und machen mich außerordentlich stolz.

Wie wichtig sind Führungskräfte bei der Umsetzung nachhaltiger Themen?

Sie sind ausgesprochen wichtig. Für sie gilt die Vorbildfunktion noch deutlicher. Verhält sich eine Führungskraft nachhaltig, hat das eine unglaubliche Strahlkraft und animiert mehr zum Nachahmen als hundert Reden. Wenn eine Führungskraft beispielsweise langfristig ausgerichtete Entscheidungen trifft und nicht nachhaltige Lösungen hinterfragt, Wochenenden respektiert oder gezielt eine Reise zugunsten einer virtuellen Teilnahme an einem Meeting absagt, nehmen Mitarbeiter dies sehr bewußt wahr und sind viel eher bereit, dieses Verhalten zu übernehmen.

Außerdem geben Führungskräfte Orientierung und helfen dabei, Nachhaltigkeit auf den Kontext des eigenen Teams zu übertragen. Sie übersetzen gewissermaßen, was der für viele zunächst abstrakt wirkende Begriff in der täglichen Arbeit bedeutet und was der einzelne Mitarbeiter konkret in seiner Rolle beitragen kann. Da haben wir noch Nachholbedarf.

Wie sieht dieser Nachholbedarf aus?

Wir haben bisher viel erreicht, wie Mitarbeiter im Umfeld, ihrer Arbeit  nachhaltiger handeln. Wie schon erwähnt, kommen sie umweltschonender zur Arbeit, achten mehr auf ihre Gesundheit, usw.

Neue Potenziale lassen sich für uns erschliessen, wenn wir mehr in das Kerngeschäft bzw. den eigentlichen Inhalt ihrer Arbeit vordringen. Die Relevanz für den Einzelnen und der Nachhaltigkeitseffekt werden dadurch viel größer. Wieviel mehr Wirksamkeit erzielt eine Entwicklerin, die durch spezielles Coding, eine Software bei Hunderten von Kunden energie-effizienter im Betrieb macht –. Oder ein Marketing-Mitarbeiter, wenn er bei einem Event für tausende Teilnehmer auf gedruckte Veranstaltungsunterlagen zugunsten einer mobilen Agenda-App verzichtet.

Da wollen wir im Dialog mit unseren Mitarbeitern hin. 

Welche weiteren Herausforderungen sehen Sie auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit in Ihrem Unternehmen?

Eine Herausforderung besteht darin, die Durchdringung zu erhöhen und alle zu erreichen. Wir setzen hier auf den Schneeballeffekt und glauben daran, dass sich der Prozess viral beschleunigen wird. Dabei gilt es allerdings, kulturelle Unterschiede zu berücksichtigen und je nach Land unterschiedliche Schwerpunkte, Methoden und Argumente zu wählen.

Schwieriger wird es, über ein Strohfeuer hinaus das Verhalten langfristig zu verändern. Schließlich fällt es nicht jedem leicht, lieb gewonnene Gewohnheiten abzulegen.

Welche Botschaften liegen Ihnen noch am Herzen?

Ich wünsche mir, dass möglichst viele neben dem Ernst auch den Spaß an der Sache erkennen. Nachhaltigkeit ist kein Spielverderber und heisst nicht Verzicht. Nachhaltigkeit bedeutet vielmehr Innovation, neue Sichtweisen, mit Freude anders an Dinge heranzugehen

Ich persönlich meine, dass kein Weg daran vorbei führt. Unternehmen müssen nachhaltig sein, um dauerhaft am Markt erfolgreich zu sein. Parallelen zur Entwicklung des Internets sind unverkennbar – anfangs noch eine Spielerei für die Experimentierfreudigen und jetzt aus den Geschäftsabläufen der Welt ebenso wie aus privaten Haushalten nicht mehr weg zu denken.