Daniela Röcker

Daniela Röcker, Jahrgang 1968, ist Künstlerin, Betriebswirtin und Komplizin zukunftsfähiger und nachhaltiger Unternehmenskultur. Nach verschiedenen beruflichen Stationen in klassischen mittelständischen Unternehmen führte sie ihr Weg 2011 in den Bereich der Non-Profit-Organisationen und zum Thema CSR. Ende 2014 gründete sie gemeinsam mit zwei Kooperationspartnern die Kultur-Komplizen. Mithilfe der künstlerischen Intervention im Kraftfeld systemischer Organisationsentwicklung und –gestaltung begleitet sie Unternehmen auf dem Weg in neue Arbeitswelten mit Fokus auf die Auswirkungen von Digitalisierung. Die Komplizenschaft als Arbeitsform der Zukunft treibt sie genauso um wie das Verständnis und die Umsetzung von CSR in agilen Unternehmen. Ergänzend dazu ist sie Teil des Künstlerkollektivs Halbhöhenlage. Sie ist Gründungsmitglied des CSR Netzwerks BW und in der Stuttgarter Regionalgruppe des Cradle to Cradle e.V. aktiv.

https://www.kultur-komplizen.de/
http://www.halbhoehenlage.de/

Wozu braucht es Nachhaltigkeit?

Unser Planet verglüht voraussichtlich in 7,6 Milliarden Jahren – zumindest nach aktuellem Wissensstand. Man könnte daher denken, dass ein nachhaltig ökologisches Verhalten sinnlos ist, wenn das System Universum den Planeten sowieso nicht erhalten will. In meiner Vorstellung ist es jedoch auch denkbar, dass bis zu diesem Szenario die Spezies Mensch noch lebt. Sollte dies so sein, wäre Nachhaltigkeit die einzige Antwort, um dieses Szenario real werden zu lassen. Das würde bedeuten, dass unser Lebensumfeld noch eine sehr sehr lange Zeit intelligent gepflegt werden müsste, bevor wir uns als Nomaden des Universums aufmachen und einen neuen Planeten bevölkern. Zu weit in die Zukunft gedacht? Vielleicht. Aber es reicht auch aus, sich die Welt fünf Generationen später vorzustellen. Hier gilt das gleiche Szenario: das Lebensumfeld dieser Generationen muss lebensfreundlich sein – ohne ökologische und soziale Nachhaltigkeit ist das nicht möglich.

Verantwortung ist die Antwort auf das „Warum“

Als kulturelle Wesen haben wir schon das Potential zum Wahrnehmen von Verantwortung in der Hand, im Kopf und im Herz: Es ist unsere Fähigkeit, gestalten zu können. Diese Fähigkeit ist das, was uns als Menschen ausmacht und worin gleichzeitig unsere Verantwortung liegt. In der Verantwortung liegt das Wort ANTWORT – Verantwortung ist die Antwort auf die Frage wer und warum wir da sind.

Komplizen der Nachhaltigkeit

Mit den Kultur-Komplizen geben wir Unternehmen Impulse, selbst eine Antwort zu finden, wer und warum sie sind. Wir sind dabei Komplizen der Unternehmenskultur und beobachten und hinterfragen ihre sichtbaren und unsichtbaren Elemente um gewünschte und/oder notwendige Veränderungen intelligent und sorgsam zu realisieren. Das Modell CSR (Corporate Social Responsibility) dient uns dabei als Basis.

CSR agil und dynamisch

CSR ist für uns ein offenes System, in dem „gutes Wirtschaften“ stattfindet. Unter „gutem Wirtschaften“ ist der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen, Umwelt und Stakeholdern gemeint. Das heißt, ein nachhaltiges Wirtschaften im ursprünglichen Wortsinn von nachhaltig: Ich entnehme nur so viel, wie innerhalb eines bestimmten Zeitraums auch wieder ins System Welt hineingegeben werden kann. CSR spiegelt damit gleichzeitig die innere Haltung und das unternehmerische Handeln der UnternehmensinhaberInnen bzw. der Unternehmensführung, weil hier ein Verständnis für Systeme und deren Wirkungen wie auch ein ganzheitliches Bewusstsein vorhanden sein muss.

Bei einer langfristig erfolgreichen CSR-Strategie hat die Führung einen gesellschaftlichen Weitblick, ein wertschätzendes Menschenbild und ist intrinsisch zur Umsetzung motiviert. In diesen Firmen wird die Unternehmensführung von Mitarbeitenden ernst genommen, weil sie langfristig authentisch handelt. Auch wenn CSR in diesen Unternehmen erfolgreich ist, kann es sein, dass CSR-Potential verschenkt wird. CSR wird auch hier als „Führungsthema“ wahrgenommen.

In Unternehmen, in denen Mitarbeiter selbstbestimmt arbeiten und Führung als agil und moderativ verstanden wird, kann CSR noch mehr Gewicht bekommen. Denn hier gibt es keine CSR-Abteilungen oder CSR-ManagerInnen. CSR wäre hier eine Strategie, die alle Mitarbeitenden gleich fordert. Alle hätten die Möglichkeit, CSR-Maßnahmen zu initiieren und verantwortlich umzusetzen. Dies würde sowohl die Vielfalt der Aktivitäten fördern, als auch ein verstärktes Bewusstsein dafür schaffen, wo überall CSR drinstecken kann. Ein angenehmer Nebeneffekt wäre dann die Motivation des Einzelnen, weil sich jeder für ein CSR-Thema engagieren könnte, das seiner persönlichen Lebenswelt am nächsten steht. Bei einer solchen CSR-Strategie wäre möglicherweise ein schnellerer gesellschaftlicher Effekt zu erzielen als bei klassischen Strategien. Ein weiterer Aspekt könnte sein, dass man neben CSR auch weitere Alternativen denken könnte – hier sei nur kurz u.a. das Cradle-to-Cradle-Konzept als Weiterführung von CSR erwähnt.

CSR-Komplizen und neue Formen der Arbeit

In komplexen Systemen braucht es neue Formen von Zusammenarbeit. Die Komplizenschaft ist eine praktikable und moderne Form von Beziehung in solchen Kontexten. Komplizenschaft besteht lt. Prof. Gesa Ziemer aus drei Phasen: Entschlussfassung, Planung und Durchführung einer Tat. In einer klassischen Komplizenschaft durchlaufen die Beteiligten alle Phasen gemeinsam. Innerhalb der Komplizenschaft können durchaus hierarchische Strukturen existieren, manchmal sind diese flexibel.

Nicht nur Kriminelle brechen Regeln, sondern auch Teams müssen mit schwankenden Regeln und Grenzen arbeiten, wenn sie Neues produzieren wollen. Es besteht ein bewusster Wille, der durch einen Grund motiviert ist und auf einen Zweck gerichtet ist. Auch in der Projektarbeit kann die tatsächliche Handlung mitunter aus Nichthandeln bzw. Unterlassen von etwas bestehen.

In klassischen Komplizenschaften positiver Natur haben alle Beteiligten immer wieder Entscheidungsmöglichkeiten und können den Verlauf der Tat mitbestimmen. Die Funktionen und Rollen innerhalb der Gruppe sind hoch spezifisch, so dass die Tat ohne Zustimmung oder Ablehnung eines Einzelnen nicht durchgeführt werden könnte. Die jeweilige Kompetenz würde fehlen und sich negativ auf die Qualität und/oder Erfolg auswirken. Die Komplizenschaft funktioniert nach bestimmten Spielregeln, die einerseits den Handlungsspielraum begrenzen und fokussieren. Andererseits sorgen die sichtbaren Regeln dafür, dass sie bewusst wahrgenommen werden und animieren zum Regelbruch. Dieser wiederum kann starke Reaktionen auslösen, die eine Vielfalt an Perspektivwechseln möglich machen können.

Kunst und Nachhaltigkeit

Perspektivwechsel ermöglichen, sich selbst, das System und die Wechselwirkungen von außen anzuschauen und sein Handeln dann entsprechend anzupassen. Ist die Möglichkeit der Anpassung nicht eine Errungenschaft einer nachhaltigen Gesellschaft? Nicht die Anpassung um der Gleichheit willen, sondern Anpassung um der intelligenten und dynamischen Entwicklung willen? Der Wechsel der Perspektive ist immer auch mit einem ästhetischen Faktor verknüpft – der Wechsel erfordert immer eine sinnliche Erfahrung.

Für die Kunst ist der Perspektivwechsel sowohl Selbstverständlichkeit al s auch Notwendigkeit. Die künstlerische Betrachtungsweise ist immer ein Wechsel in der Perspektive, ein Zurücktreten, ein Umdrehen. Künstlerische Praxis erkennt Muster, macht sie sichtbar und bricht sie – oft ist dieser Musterbruch mit Lust und Vergnügen verknüpft, d.h. mit dem Spaß am Experiment. Sowohl mit den Kultur-Komplizen als auch in unserem Künstlerkollektiv ist das Experiment wesentlicher Teil unseres Wirkens. Die künstlerische oder kunstbasierte Intervention unser Medium dazu.

In Zeiten hoher Systemkomplexität scheint es notwendig aus dem Detail in die Ganzheit zu treten und diese zu betrachten. Gleichzeitig ist eine Selbstbetrachtung sinnvoll, denn das Individuum ist immer Teil des Ganzen. In der Wertschätzung der Subjektivität in Beziehung zu ihrer Umwelt und ihrem Umfeld liegt die Kraft und Energie für Neues. Shelley Sacks, ehemalige Beuys-Schülerin, formuliert es so: „Ohne ich kein wir.“

Diese Art von Kunstverständnis ins Unternehmen zu holen und Unternehmen als organische und soziale Skulpturen zu gestalten, in dem die einzelnen Individuen ihr größtmögliches Potential entfalten können – das ist die Chance von Kunst für das Thema Nachhaltigkeit in Unternehmen.

Johannes Stüttgen, ehemaliger Wegbegleiter von Joseph Beuys und Mitinitiator des „Omnibus für Direkte Demokratie, formuliert es so: „Das 21. Jahrhundert ist das Zeitalter der Kunst.“ Dem möchte ich mich im Sinne einer nachhaltigen Gesellschaft gerne anschließen.

Stand: Mai 2016