Dorothea Hess

Zwei Dinge prägen das Leben von Dorothea Hess seit frühester Jugend:
Gestaltung und Nachhaltigkeit. Nach ihrem Designstudium, das ihr die
wesentlichen Grundlagen guter Gestaltung vermittelte, und ihrem
persönlichen Interesse an ökologischen Themen, fiel ihr Augenmerk
zunächst auf Unternehmen, die im Biosektor angesiedelt waren. Da fast all
diese Produkte ein optisches Manko aufwiesen, war dies für sie ein
interessantes Aufgabengebiet.

Ein weiterer Anreiz zeigte sich im Bekleidungssektor, denn naturbelassene
Textilien waren in den Siebziger Jahren fast nicht im Handel zu finden.
Dies war 1976 die Initialzündung zur Gründung eines Unternehmens für
Naturtextilien für die ganze Familie, der Geburtsstunde von hess natur.
1982 eröffnete sie darüber hinaus ihr Büro für Life-Cycle-Design.
1994 begann das kooperative Forschungsprojekt zu den
“earthCOLORS®”, ein völliges Novum auf dem Druckfarbenmarkt.

Dorothea Hess ist Dozentin an der ecosign in Köln und war 2008
Mitbegründerin die Arbeitsgruppe “Design und Nachhaltigkeit” in der
Allianz deutscher Designer AGD sowie der „Charta für nachhaltiges
Design”. Sie übt ferner Beirats- und Jurytätigkeit aus und wurde in den
Projektbeirat des „Bundespreis Ecodesign” berufen. Sie arbeitet
interdisziplinär und ihre Arbeiten sowie ihr Büro (übrigens im
“Geburtshaus” von hess natur) wurden mehrfach ausgezeichnet.

Weitere Informationen: http://www.hessdesign.de/

 

Interview mit Dorothea Hess

Was macht für Sie den Wert der Nachhaltigkeit eines Kleidungsstücks aus?

Es soll bequem sein, leicht zu pflegen, angenehm zu tragen, gut zu
kombinieren, funktionell sein, gut aussehen, die Persönlichkeit
unterstreichen und im Idealfall zum Lieblingsstück werden. Und natürlich
soll es inklusive Garn und Knöpfen aus humanökologischen
Gesichtspunkten und Aspekten der Umweltfreundlichkeit aus natürlichen
Grundstoffen bestehen.

Wann wissen Sie als Designerin, dass Ihr Produkt vollendet ist?
Wenn nichts mehr hinzuzufügen ist?

Fachkenntnis, Kreativität und persönliche Erfahrung lassen ein Produkt
reifen. Hinzu kommen Zeitgeschmack und modische Trends, die ebenfalls
zu berücksichtigen sind. Insofern gehört sehr viel Intuition und ein
gewisser Mut dazu, das Optimum zu erkennen, soweit man unter dem
Aspekt des steten Wandels von Optimum sprechen kann.

Ins Design eines Textils fließen etliche Faktoren mit ein: Ökonomie, Komfort, Markenidentität und Ökologie. Welche Bereiche bereiten die größten Schwierigkeiten, weil sie die meisten Zugeständnisse verlangen?

Alle Bereiche haben die gleiche Wertigkeit und erfordern Erfahrung und
Fingerspitzengefühl, um tragbare Mode aus naturbelassenen Materialien
produzieren zu können. So wurde auch hess natur von Anfang an zu einer
signifikanten Marke mit großem Wiedererkennungswert.

Was bedeutet das Kreieren von Mode, Gestaltung und Formgebung
für Sie? Die Bewegung zwischen zwei gegensätzlichen Elementen, Ruhe
und Stress, Stimulation und innerer Sammlung…

Zunächst Ruhe und Entspannung, um dann in höchster Konzentration
Mode zu kreieren oder Modelle zu optimieren, die meinen ureigensten
Maximen ökologischer und ökonomischer Anforderung entsprechen.

Die Kunst, Kleidermode zu lesen, hatte schon Walter Benjamin in seinem zwischen 1927 und 1940 entstandenen Passagen-Werk
fasziniert: „Jede Saison bringt in ihren neuesten Kreationen irgendwelche geheimnisvollen Flaggensignale der kommenden Dinge.“ Was bedeutet Ihnen diese Aussage?

Künstler, auch Mode-Designer, zeigen in ihren Entwürfen häufig Anzeichen
oder Signale späterer Trends, die zunächst irritieren, sich aber Jahre
später als vorausschauend erweisen.

Bereits 1974 war es mir als Designerin und Mutter wichtig, für mein Kind
schöne und gesunde Kleidung zu finden. Da es diese fast nicht gab,
schneiderte und strickte ich selber. Darüber hinaus beschäftigte ich mich
intensiv mit dem Thema „Mensch und Bekleidung”, den möglichen Folgen
der zunehmenden Synthetisierung sowie den Auswirkungen der Textil-
Ausrüstung und der Farbstoffe auf die menschliche Haut. Dies war für
mich deutlich eine Bestätigung meines Engagements für die
ausschließliche Verwendung von Naturmaterialien.

Warum sollte ein Designer seinen eigenen Ideen gegenüber immer
der schärfste Kritiker sein? Um zu verhindern, ein Sklave seiner ersten guten Idee zu werden?

Weil ein erster Entwurf überwiegend zu optimieren ist. Hier gibt es
allerdings keine Faustregel. Was nach intensiver Prüfung meinen Anspruch
an Ästhetik, Ökologie und Ökonomie erfüllt, kann ich guten Gewissens in
die Tat umsetzen. Dieses Konzept hat bestens funktioniert, was sich an
dem schnellen Wachstum von hess natur gezeigt hat.

Was macht Modeschöpfer zu innovativen Designern?

Es ist Intuition, vor dem Mainstream tätig zu werden, jedoch in einer
Sprache, die aktuell verstanden wird. Dazu gehört Fingerspitzengefühl, die
Idee in die Realität zu transportieren und eine „Sprache”, die in dieser Zeit
von den Menschen verstanden wird.

Sehen Sie sich selbst als eine Art Vermittlerin zwischen Ihren eigenen Ideen und den Wünschen und Anforderungen der Kunden?

Ja selbstverständlich. Hier spielt die Erfahrung eine große Rolle, um
Innovationen bzw. Kreationen umzusetzen, egal ob im Textil- oder
Kommunikationsbereich, ferner den Geschmack der Kunden zu treffen,
und darüber hinaus mit dem vorhandenen Budget auszukommen.

Wenn es der Markt ist, der das Image einer Marke und den Erfolg einzelner Produkte bestimmt, welche Rolle können Sie als Designerin dabei spielen?

Der Erfolg einer Marke wird bestimmt durch das Image, seine Ästhetik
und die Funktion. Um dies zu erreichen, ist eine enge Zusammenarbeit
zwischen Designern und Unternehmen erforderlich, und zwar in der
Konzeptionsphase, bereits zu Beginn bei der Planung, wie sich bei der
Gründung von hess natur erfolgreich gezeigt hat.

Ist das Entwerfen nicht wie eine Reise ins Unbekannte, bei der
sich der Designer nicht sicher ist, ob er sein Ziel je erreichen wird,
weil sich die Reiseroute ständig ändert?

Ein Designer – gleich welcher Sparte – hat ja gewisse Vorgaben. Seine
eigenen Ziele richten sich nach ganz bestimmten Design-Richtlinien, dem
Briefing seiner Auftraggeber, Zielvorgaben, der angestrebten
Positionierung und natürlich auch dem Budget, das zur Verfügung steht.
Insofern macht man sich mit einem “Rucksack” an Vorgaben auf eine
Reise mit einigen Unbekannten, muss mitunter auch mal umsteigen, um
zum Ziel zu kommen. Doch auch Fehler bergen neue Chancen!

Wie gehen Sie vor, um Ihre Entwürfe zu verwirklichen?

Es ist ein Prozess, die Idee zu materialisieren. Eine Mischung aus Intuition,
Recherche, Tests was funktionieren kann, Konzeptentwicklung und dem
Mut, eine Entscheidung zu treffen.

Was bedeutet Ihnen mehr: der Prozess (die Reise) oder das Produkt (die Ankunft)?

Beides ist wichtig: der Prozess, um zu einem guten Produkt zu kommen,
d.h. eine Idee, ein gutes Konzept und dann die entsprechende
Umsetzung. Das Produkt muss letztendlich in einem schlüssigen
Gesamtkontext stehen.

Wie bleiben Sie offen für Inspiration?

Mit offenen Augen durch die Welt gehen, Kontakt mit unterschiedlichen
Menschen, vor allem potentiellen Kunden, aus Beobachtungen Schlüsse
ziehen, sich in Ruhe sammeln, reflektieren und Fragen stellen.

Was ist Ihrer Ansicht nach der größte Feind von Inspiration?

Sich ausruhen – stehen bleiben – sich auf Erfolg ausruhen und zu große
Zufriedenheit.

Wann haben Sie Ihre kreativsten Momente?

Das ist sehr unterschiedlich: Meist in Ruhephasen, beim Spazierengehen,
vor dem Einschlafen (mit Notizblock am Bett), aber auch durch anregende
Gespräche und Inspirationen auf Ausstellungen und Messen.

Wie würden Sie Ihre Arbeitsmethode beschreiben? Basiert Ihre Arbeit ausschließlich auf Intuition, beginnt alles mit einem Gefühl?

Meine Ideen entstehen auf unterschiedlichste Weise. Ich verorte sie in
einem Konzept, in dem sich dann klärt, was standhalten kann und was
weiter entwickelt werden muss.

Arbeiten Sie jeweils immer nur an einer Idee?

Jede Idee benötigt ihren eigenen Raum und ihre eigene Zeit, um zu
gelingen. Sie benötigt Konzentration und wenn ich verschiedene Ideen
habe, räume ich jeder den erforderlichen Platz ein.

Welches Arbeitsmittel ist für Sie am wichtigsten?

Kopf und Herz, Papier, Stifte, Bücher, Rechner, Kamera, offene Augen,
Papier zum Schreiben und Skizzieren.

Wie muss ein Material beschaffen sein, um Ihrem Designanspruch
zu genügen?

Es muss Nachhaltigkeitskriterien standhalten, d.h. den Spagat zwischen
ökologischen, ökonomischen und sozialen Kriterien erfüllen und zudem
noch ästhetischen Anforderungen genügen.

Wurzelt die Kunst des Entwerfens in der Kunst des Lebens?

Mit Sicherheit: Gewisse Bescheidenheit im Leben und zugleich
Großzügigkeit im Denken, Neugier und Spaß an allem, was einem im
Alltag begegnet sind eine gute Voraussetzung für kreative Gedanken.
Nicht fehlen sollte eine Wertschätzung für Leistungen der Vergangenheit
und die Neugier, daraus Neues zu schaffen.

Welche Geschichte ist mit Ihrer Anfangszeit als Designerin
verbunden?

Der Wunsch und Wille zum Gestalten lag mir wahrscheinlich im Blut.
Schon als Kind begeisterte ich mich für Stoff und Papier und was daraus
zu machen war, immer unterstützt von meiner Mutter als Schneiderin.
So wurde z.B. der rote Westfalenstoff “Hähnchen”, der mich von Klein auf
begeisterte, als “Westfalenkittel” der verkaufsstärkste Artikel in der
Startphase bei hess natur.

Als Diplom-Designerin mit Schwerpunkt Ökologie und ganzheitlicher
Sichtweise sollte mein Engagement der Reform- und Ökobranche zur
einem besseren, sympathischeren und dennoch authentischen Image
verhelfen.

Als Mutter von zwei Söhnen stellte ich mich den Herausforderungen der
70-er Jahre, denn mir war wichtig zu zeigen, dass es Alternativen zu den
problematischen Entwicklungen der Textilindustrie geben kann.

Warum sollten Designer auch Visionäre sein und Utopien
entwerfen?

Weil es nahe liegt, da sie von Natur aus Querdenker sind und ihr Blick
nicht am Tellerrand endet.

Was ist Ihrer Meinung nach für die Mode- und Textilindustrie in
den kommenden Jahren entscheidend?

Bei zunehmender Bevölkerung weltweit und der Verschwendungssucht
vieler Menschen besteht als erstes ein Rohstoffproblem verbunden mit
Energie-, Abfall-, und Produktionsproblemen. Wir benötigen daher ganz
neue Konzepte auf der Grundlage von Respekt, Wertschätzung und
Sparsamkeit - weg von der Verschwendung, Ausbeutung und
Massenproduktion.

Es sollte ein Bewusstsein entstehen für hochwertige und funktionsfähige
Bekleidung, was die Mode- und Textilindustrie unterstützen kann durch
gute Kombinationsmöglichkeiten und veränderte Modezyklen. Praktisch
weg von den Billigartikeln und hin zu Qualität, was allerdings in den
Köpfen der Menschen erst bewusst werden muss. Das trifft leider auf alle
Lebensbereiche zu - eine echte Herausforderung!

Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit sich
Ökonomie und Ökologie im Designbereich fruchtbar miteinander
verbinden?

Die Menschen müssen es wollen und nicht aus Profitgründen immer neue
Ausreden erfinden, warum es nicht geht. Es sind Wahrhaftigkeit,
Redlichkeit und Fairness erforderlich.

hess natur – angefangen von Heinz und mir, über die vielen engagierten
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – hat bewiesen, dass Ökologie und
Ökonomie zusammen funktionieren.

Weshalb muss ein Unternehmen, wenn es nachhaltig erfolgreich
sein will, bei seinen Mitarbeitern ständig neue Denk- und
Handlungsweisen freisetzen?

Ein Unternehmen, das ökologisches Denken und Nachhaltigkeit in allen
Phasen der Wertschöpfungskette erfolgreich realisiert, thematisiert und
überzeugend vermittelt, gibt diese Haltung automatisch an seine
Mitarbeiter weiter. Die Kommunikation nach innen und außen muss
allerdings ehrlich, stimmig und fair sein. Ferner sollten Bildungsarbeit und
interne Schulungen ein gemeinsames erfolgreiches Wachsen ermöglichen.

Worin liegt für Sie das Wesen der Kreativität und Leidenschaft?
Und was macht es zum Zukunftskapital von Unternehmen?

Die Hauptaufgabe von Designern besteht aus Planen und Entwerfen sowie
der Realisierung, und zwar nicht nur für heute und morgen, auch für die
Zukunft und in langen Zyklen.

Wenn Form und Funktion, ökologische und ökonomische Aspekte im
Einklang sind, sowie ein überzeugender Leitfaden etabliert wird, ist die
Zukunft für ein Unternehmen auf einem guten Weg.

Weshalb wird Kreativität die Arbeitsmärkte der Zukunft
dominieren?

Unsere Arbeitswelt ist einem steten Wandel unterworfen. Sicherheit und
Zukunftsplanung wird immer schwieriger. Daher sind Kreativität und
Erfindungsgeist gefragt, um neue Produktions- und Wertkonzepte, neue
Lebensmuster und Zukunftsmodelle zu entwickeln.

Was verbindet innovative Menschen und innovative Unternehmen,
und was fördert die Kultur der Innovation?

Freiheit und Weitblick, eine starke Vision, konzentrierte Vorgehensweise
und Mut zu Neuem. Aushalten können, dass man erst als Spinner
ausgelacht, bei Erfolg aber als Star gefeiert wird. Mut zu innovativen
Ideen und eine gegenseitige Wertschätzung vielfältiger Leistungen, die
nur in einem offenen Dialog ohne Vorurteile gestemmt werden können.

 

Das Interview erschien gekürzt unter dem Titel „Wie wir von Ausbeutung, Massenproduktion und Billigartikeln im Textilsektor zu Qualität und Nachhaltigkeit kommen“ am 9.11.2015 in der Huffington Post:  http://www.huffingtonpost.de/alexandra-hildebrandt/

Stand: November 2015