Dr. Christiane Michulitz

Dr. Christiane Michulitz, Jahrgang 1971, ist Beraterin für Organisations- und Personalentwicklung in Energieversorgungsunternehmen und Teamleiterin in der Managementberatung der BET, Büro für Energiewirtschaft und technische Planung GmbH, Aachen. Nach ihrem Studium der Germanistik und Biologie an der Universität Bonn und an der RWTH Aachen war sie von 1999 bis 2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin und Leiterin des Bereichs Personal & Controlling am Zentrum für Lern- und Wissensmanagement /Lehrstuhl Informatik im Maschinenbau der RWTH Aachen. Dort hat sie im Rahmen von Projekten zur Kommunikation in Organisationen Methoden und Werkzeuge für die Begleitung von Unternehmen in Veränderungsprozessen erlernt. Von 2004 bis 2008 erweiterte sie als Geschäftsführerin des Instituts für Unternehmenskybernetik e. V. ihre Ansätze um die erweiterte Wirtschaftlichkeitsbetrachtung. Christiane Michulitz arbeitet seit dieser Zeit als Trainerin für Systemisches Management bei der OSTO Systemberatung GmbH. Sie ist Mitglied im Herausgeberbeirat der Zeitschrift für Systemdenken und Entscheidungsfindung im Management,  Lehrbeauftragte an diversen Hochschulen, Aufsichtsratsvorsitzende der WGD Datentechnik AG und Autorin diverser Fachartikel.

Die Unternehmen in der Energiewirtschaft 
erweitern ihr Verständnis von Nachhaltigkeit

Die Gestaltung der Energiewende und die Bewältigung der damit verbundenen enormen innerbetrieblichen Veränderungsprozesse gehören zu den großen Herausforderungen der Unternehmen in der Energiewirtschaft. Die Fähigkeit einer ganzen Branche wird auf die Probe gestellt: Fachliche Herausforderungen zu lösen liegt im historischen Erfahrungsschatz der Unternehmen – diese Fähigkeit wird weiterhin gefordert. Doch was ist mit den überfachlichen Fähigkeiten? Wie werden Veränderungen gestaltet? Und welches Werteverständnis wird bei der Gestaltung der Unternehmen für die Zukunft angelegt? Nachhaltigkeit muss hier heißen, die Veränderungen so gestalten, dass die Betroffenen von heute Morgen noch willens und in der Lage sind, den Weg in die Zukunft mitzugehen und erfolgreich zu gestalten – doch diese Anforderung trägt (noch) keinen Namen.

Der Begriff Nachhaltigkeit wird umgedeutet

Spätestens seit deutlich wird, dass neue Anbieter von Strom und Gas und die Betreiber der Erneuerbaren Energien für die ‚Dinosaurier‘ der Branche eine ernsthafte Konkurrenz darstellen,  haben die in der Energiewirtschaft geführten Debatten an Turbulenz gewonnen. Was früher getrennt und nebeneinander lag (Versorgungsgebiete, Abnehmer, Erzeugungseinheiten) ist heute vernetzt und beeinflusst sich gegenseitig (Wettbewerb, Kunden, Smart World). Wer morgen noch erfolgreich sein will, wird sich fragen müssen, nach welchen Prinzipien er sich für die Zukunft aufstellt. Der Begriff Nachhaltigkeit ist hier von zentraler Bedeutung. Um ihn mit Leben zu füllen, bedarf es eines Verständnisses von komplexen Systemen, deren Eigenschaften und Wechselwirkungen sowie die Kenntnis von Methoden und Werkzeugen zur erfolgreichen Bewältigung weiterer Veränderungen.

Was Veränderungen in den gesetzlichen Rahmenbedingungen bedeuten, erlebt die Energiewirtschaft schon seit vielen Jahren: Sich ständig wechselnde Vorgaben führen dazu, dass nicht mehr die technisch beste Lösung und ein sorgfältiges Lösen auftauchender Probleme ausreichen, um Erfolg am Markt zu erzielen: Heute muss die gesamte Strategie des Unternehmens neu gedacht werden. Für die innerbetrieblichen Prozesse entsteht dadurch eine enorme Dynamik. Sie ist die Wirkung der Beschleunigung von bestehenden und sich permanent verändernden Prozessen. Der bereits seit der Liberalisierung bestehende Druck auf die Unternehmen wird durch schwierige Marktbedingungen sowie sinkende Gewinnmargen weiter erhöht. Die Folge davon ist ein spürbares Wanken der bislang als sicher geltenden Strukturen. Diese Bewegung wird von den Beteiligten als erhöhte Komplexität  wahrgenommen. Dort wo Dynamik und Komplexität gleichzeitig auftreten, kommt das u. a. das innerbetriebliche Gleichgewicht aus dem Tritt. Für den Einzelnen entsteht Unsicherheit im Handeln und damit ein erhöhter Bedarf nach Orientierung an festen Werten. Für eine Diskussion über Nachhaltigkeit in der Unternehmensgestaltung ist damit der Raum eröffnet. 

In der Historie galt in der Energiewirtschaft die Formel ‚Nachhaltigkeit = Versorgungssicherheit‘, ggf. verbunden mit einer ‚grünen Erzeugungstechnologie‘. Hiermit waren und sind in erster Linie die Werte ‚Stabilität‘ (in der jeweiligen Region, für die Arbeitsplätze und in den Arbeitsroutinen etc.) und ‚Qualität‘ (Suche nach der optimalen technischen Lösung, Gründlichkeit in der Bearbeitung etc.) verbunden. Die in anderen Branchen bereits geführte Debatte über eine nachhaltige Unternehmensgestaltung, die sich nicht auf das technisch Machbare, sondern auf die Prinzipien der Organisationsgestaltung bezieht, blieb dabei in der Regel außen vor. Bezieht man diese Perspektive aber nun mit ein, bedeutet sie über die genannten Attribute hinaus eine Flexibilisierung in der Organisationsführung  und  eine Förderung von Innovationen bei den Arbeitspraktiken, um Störungen aus dem Markt anders als bisher aufzunehmen und aktiver, konstruktiver verarbeiten zu können. Diese erweiterte Bedeutung des Begriffs ‚Nachhaltigkeit‘  als ‚Veränderungskompetenz‘  ist in der Energiewirtschaft bislang vor allem in den projektgetriebenen Geschäftsbereichen von Bedeutung gewesen. Durch die Energiewende gewinnt diese Dimension nun eine Bedeutung für alle Geschäftsbereiche. Veränderungskompetenz verlangt nach Innovationsbereitschaft und Flexibilität. Für die Unternehmen in der Energiewirtschaft ist diese Erweiterung der Bedeutung von Nachhaltigkeit eine Herausforderung.

Es entsteht Raum für die Diskussion von Nachhaltigkeit in der Unternehmensgestaltung

Die Entwicklung der traditionellen Vertreter der Energiewirtschaft (Stadtwerke, Regionalversorger u. a.) ist vor dem Hintergrund der Energiewende nicht mehr prognostizierbar. Was können diese Unternehmen in der bestehenden Unsicherheit tun, um eine nachhaltige Unternehmensgestaltung zu fördern?

Statt abzuwarten und zu hoffen, dass die aktuellen Entwicklungen an ihnen vorbei gehen, können sie sich auf den Weg machen, um die aktuelle Situation in ihrem Unternehmen zu bestimmen und eine Kurskorrektur vorzunehmen. Sie brauchen Antworten auf folgende Fragen: Mit welcher Strategie und vor dem Hintergrund welcher Werte werden heute wo welche Ressourcen eingesetzt? Ist diese Positionierung zukunftsfähig? Muss ggf. eine Neudefinition der Gesamtstrategie und im Anschluss daran eine Anpassung von Prozessen, Strukturen und Steuerungsinstrumenten erfolgen? Gefragt sind Zugangswege, Methoden und Werkzeuge, die sowohl das Zahlenwerk als auch den ‚nicht-produktiven‘ Teil des Unternehmens in den Fokus nehmen: eine gemeinsame Betrachtung von betriebswirtschaftlichen und Leistungs-Kennzahlen, eine Beschreibung von betriebswirtschaftlichen Größen und den Merkmale der Arbeitsgestaltung, eine Positionierung zur Unternehmenskultur und der Innovationsfähigkeit der Belegschaft.  Eine derartige ganzheitliche Analyse mit anschließender Kurskorrektur ist der Grundstein für eine nachhaltige Unternehmensgestaltung.

Die nachhaltige Gestaltung von Unternehmen braucht innovative Methoden

Eine nachhaltige Gestaltung von Unternehmen braucht ergänzend zu den Methoden der traditionellen Betriebswirtschaftslehre innovative Methoden und Ansätze. Diese müssen praktikabel und verständlich sein und die Komplexität der zu lösenden Herausforderungen angemessenen behandeln. In die Reihe dieser Methoden gehören Instrumente der Komplexitätsreduktion ebenso wie Ansätze zur Darstellung bestehender Dynamiken und Zusammenhänge. Durch eine systemische Modellierung lässt sich die innere Landkarte eines Unternehmens entwickeln, die den Verantwortlichen ebenso wie den Beschäftigten Orientierung gibt. Sie bildet die Basis für eine Konkretisierung von Werten wie Nachhaltigkeit anhand von beschreibenden Merkmalen und Maßnahmen zur Entwicklung des Unternehmens. Ausgehend von einer solchen Systemlandkarte lässt sich eine nachhaltige Entwicklung des Unternehmens realisieren. 


Mehr Informationen zum Thema sind  u. a. in der BET-Studie zur Arbeitgeberattraktivität zu finden:  http://www.bet-aachen.de/service/broschueren.html

Stand: September 2014