Dr. Hubertus Bardt

Dr. Hubertus Bardt, Jahrgang 1974, studierte in Marburg und Hagen Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre. Seit 2000 forscht und arbeitet er am Institut der deutschen Wirtschaft Köln und leitet seit 2005 das Umwelt, Energie, Ressourcen. Zu seinen Kernthemen gehören insbesondere die Sicherung der Rohstoffversorgung sowie die Gestaltung der Energiewende in Deutschland. Gerade hier stellt sich die Frage der Nachhaltigkeit, da der ökologische Umbau der Energieerzeugung mit den Anforderungen einer modernen Industriegesellschaft in Einklang gebracht werden muss. 

Nachhaltigkeit braucht Marktwirtschaft

Der moderne Begriff der Nachhaltigkeit oder der nachhaltigen Entwicklung ist in den letzten 25 Jahren zu einem bedeutsamen Bestandteil der politischen Diskussion geworden. Kaum eine wichtige Fragestellung im Raum der Politik wird heute entschieden, ohne explizit oder implizit auf Überlegungen zur Nachhaltigkeit einzugehen.

Noch heute ist die Formulierung der Brundtland-Kommission wegweisend: „Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“.

In der politischen, publizistischen und unternehmerischen Praxis hat sich das Drei-Säulen-Konzept weitgehend durchgesetzt. Demnach hat Nachhaltigkeit eine ökologische, eine ökonomische und eine soziale Dimension. Diese Zielsetzungen, die grundsätzlich gleichberechtigt nebeneinander stehen, müssen im Hinblick auf die konkrete Fragestellung abgewogen und gewichtet werden.

Die Bandbreite von Nachhaltigkeit ist bereits im Brundtland-Bericht angelegt. Obwohl dieser auf Umwelt- und Entwicklungsfragen fokussiert, wird eine Vielzahl von Zielen zur Sicherung einer dauerhaften – nachhaltigen – Entwicklung abgeleitet:

- Belebung des Wachstums,
- Veränderung der Wachstumsqualität,
- Befriedigung der Grundbedürfnisse nach Arbeit, Nahrung, Energie, Wasser und Hygiene,
- Sicherung dauerhafter Bevölkerungszahlen,
- Erhaltung und Stärkung der Ressourcenbasis sowie
- Neuorientierung von Technologie und Handhabung von Risiken; Verbindung von Umwelt und Wirtschaft in Entscheidungsprozessen.

Die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit lassen sich nur in einem marktwirtschaftlichen und regelbasierten Ordnungsrahmen gemeinsam verfolgen. Dabei haben Regelungen in der Marktwirtschaft die Aufgabe, Entwicklungen zu verhindern, die nicht im Einklang stehen mit den Anforderungen einer nachhaltigen Entwicklung. Gleichzeitig dürfen solche Regeln aber nicht so weit gehen, dass sie marktwirtschaftliche dezentrale Steuerungsprozesse ausschalten und die positiven Wettbewerbswirkungen einer Marktordnung stören. In der Folge wären alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit negativ betroffen:

Ökonomische Nachhaltigkeit.
Fehlender Wettbewerb, fehlender Marktdruck und fehlende Innovationskraft unternehmerischen Handelns schränken die Wohlstandschancen der Bevölkerung erheblich ein.

Soziale Nachhaltigkeit.
Soziale Verteilungskonflikte können nur in einer marktwirtschaftlichen Ordnung mit zunehmendem Wohlstand gelöst werden, ohne dass absolute Einschränkungen hingenommen werden müssen.

Ökologische Nachhaltigkeit.
Wirtschaftlicher Fortschritt erhöht die Wertschätzung und damit die Zahlungsbereitschaft zur Reduktion oder Vermeidung von Umweltbelastungen. Gleichzeitig werden erst durch die Innovationswirkungen einer marktwirtschaftlichen Ordnung diejenigen technologischen Lösungen geschaffen, die zum Erreichen ökologischer Ziele benötigt werden.

Wirtschaftswachstum ist nicht per se umweltschädlich, vielmehr ist es die Voraussetzung für wirksamen Umweltschutz. Durch Wachstum werden die finanziellen Ressourcen gebildet, mit denen sich Umweltschutzmaßnahmen finanzieren lassen. Zudem ist es verbunden mit technischem Fortschritt, durch den diese Maßnahmen immer preisgünstiger werden können. Wachstum geht mit dauerhaftem Strukturwandel einher. Es wird eine umweltfreundlichere Wirtschaftsstruktur mit einem größer werdenden Dienstleistungsanteil entstehen. Ferner trägt Wachstum entscheidend dazu bei, Verteilungskonflikte zu verhindern oder zumindest abzumildern, die entstehen würden, wenn für ein Mehr an Umweltschutz auf wirtschaftlichen Wohlstand oder soziale Leistungen verzichtet werden müsste.

Nachhaltigkeit muss auch weiterhin auf der gemeinsamen Verfolgung der drei Zieldimensionen basieren. Umweltpolitik und Sozialpolitik sind kein Gegensatz zu einer marktorientierten Wirtschaftspolitik, sofern die Mechanismen des Marktes genutzt werden. Gleichzeitig erfordert eine dauerhaft funktionsfähige Marktwirtschaft ökologische und soziale Stabilität als Entwicklungsvoraussetzung. Der Markt als Entdeckungsverfahren kann auch im Umweltschutz – insbesondere bei multikausalen Umweltproblemen – effizientere Ergebnisse zutage fördern als direkte staatliche Regulierungen.