Dr. Jörg Zeyringer

Dr. Jörg Zeyringer ist promovierter Motivationspsychologe und setzte sich bereits Ende der 1990er-Jahre in seiner Doktorarbeit mit der Thematik ›Geld und Motivation‹ auseinander.

Seit 1993 ist er erfolgreich als Trainer und Berater in der Wirtschaft und im Gesundheitswesen tätig. Seine Kernkompetenzen liegen in Motivation und Verhalten, Führen, Persönlichkeits- und Teamentwicklung, Kommunikation und Coaching. Als Mentalcoach betreut er Trainer und Spieler der höchsten österreichischen Fußballliga und der Nationalmannschaft. Er bildet Sportpsychologen sowie Mentaltrainer aus. Die österreichische Sportwoche nennt ihn ›Mentalguru‹ und holt gerne seine Expertise ein.

Durch seine internationalen Seminare und nicht zuletzt durch seine Bücher Der Treppenläufer – wie man sich und andere motiviert (2003), Die 11 Gesetze der Motivation im Spitzenfußball (2006, mit Adi Hütter), Der neue Treppenläufer (2010) sowie Balance als Führungsstrategie – Werkzeuge für gutes Management (2010) zählt Jörg Zeyringer zu den renommiertesten Motivationsexperten im deutschsprachigen Raum. Er ist gefragter Redner bei Kongressen und Keynote-Speaker.

Mit seiner Frau und vier Kindern lebt er in Seekirchen am Wallersee nahe der Stadt Salzburg.
Weitere Informationen: www.zeykom.at

Von Träumen, Freiheit und Macht: Weshalb Geld eine starke Motivation darstellt

Was ist nun das Besondere am Geld, das es zu einer dermaßen wichtigen Antriebskraft macht? »Geld kann man vielleicht nicht essen, dafür aber kann Geld alles andere« (Liessmann 2009: 13). Diese Überzeugung stammt von Karl Marx. So einfach sich diese Aussage liest, so komplex ist die Wirkung des Geldes.

In der Formulierung »[…], dafür aber kann Geld alles andere« steckt bereits das besondere Merkmal. Geld macht nichts anderes, als seinem Besitzer Möglichkeiten zu eröffnen. Es in Aussicht gestellt zu bekommen oder zu besitzen, lässt das emotionale Empfinden, die Situation unter Kontrolle zu haben, folgen. Wenn jemand über Geld verfügen kann, genießt er damit verschiedene Freiheiten. Etwa beim Einkaufen. Man kann wählen zwischen Supermarkt oder Delikatessengeschäft und kann sich leisten, was man will, während Menschen, die über weniger Geld verfügen, beim Discounter kaufen (müssen), was wirklich notwendig und dort billig ist. Georg Simmel nennt das die ›Geldopferfrage‹ (O.V. [18] 2013). Damit meint er, dass ärmere Menschen wesentlich stärker abwägen müssen, wofür ihre geringe Geldmenge ausgegeben werden soll. Das verleiht den Reichen jene Leichtigkeit, die Simmel als psychologischen Vorteil beschreibt. Geld zu haben, macht das Leben leichter und einfacher.

Thomas Druyen, Soziologe an der Sigmund Freud-Universität Wien, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Geld und Reichtum. Er meint, dass damit ein gewisses Maß an Entscheidungsfreiheit verbunden ist. »Reichtum heißt Verfügungsgewalt. Damit meine ich, über Lebensoptionen verfügen zu können.« (Ramge 2007) Niemand schreibt einem vor, wofür man es ausgeben muss. Mit Geld kann man machen, was man will – sofern man es besitzt. Geld eröffnet einem die Welt, wie wir am Beispiel der Geschichte von Meike Winnemuth gesehen haben. Sie gewann 500.000 Euro und damit die Freiheit, ein Jahr lang um die Welt zu reisen. Genau so, wie sie sich das immer vorgestellt hatte.

Es geht also um die Anzahl der Möglichkeiten, die durch den Besitz von Geld geboten werden. Das Verfügen über verschiedene Wahlmöglichkeiten setzt die menschliche Fantasie in Gang, die wiederum die Emotionen ankurbelt. Geld repräsentiert nicht nur den Wert, der auf dem Geldschein abgedruckt ist oder den bestimmte Waren besitzen. Es symbolisiert vielmehr die Idee des Geltens. Geld gilt. Überall, weltweit, zu jeder Zeit – und jeder weiß und akzeptiert das. Geld gilt, egal ob es ehrlich erworben wurde oder nicht (Liessmann 2009: 16ff). Man kann weit mehr damit machen, als nur konkrete Produkte oder Dienstleistungen zu festgelegten Preisen zu kaufen. Erinnern Sie sich noch an diese Formel?
Geld r = Geld
Geld e = Geld x

Damit habe ich ausgedrückt, dass sich die Wirkung des Geldes durch seine Emotionalisierung vervielfacht. Wir können Geld nicht ausschließlich rational und vernünftig begreifen, das ist unmöglich. Geld trägt Emotionalität in sich, weil es Räume und Möglichkeiten auftut, die Vorstellungskraft antreibt und vor allem, weil es Freiheiten öffnet und damit eines schafft: Macht. Geld e ist ungleich mehr als Geld; es ist Geld x. Ich möchte diesen Gedanken anhand eines Beispiels beschreiben (Berns 2008).

Überlegen Sie sich, was Sie mit 5 Cent kaufen können. Fällt Ihnen etwas ein? Ein Stück Kaugummi vielleicht oder eine einzelne Lakritzschnecke oder ein Bonbon. Bedenken Sie dann, was Sie sich mit 5 Euro kaufen können. Dafür erhalten Sie ein Mittagessen in einer Werkskantine oder der Mensa einer Universität, drei Liter Treibstoff, ein Paar Socken bei einem Discounter, ein halbes Kilo Kaffee, fünf Liter Milch und dergleichen. Stellen Sie sich nun vor, was Sie mit 500 Euro alles kaufen können. Damit ist bereits eine Woche Urlaub am Meer möglich oder ein Aufenthalt über mehrere Tage in einem Thermen- und Wellnesshotel, alles inklusive. Sie können damit aber auch einen Flachbildfernseher anschaffen, eine Stereoanlage oder einen Laptop. Sie können sich Markenkleidung in einer schicken Boutique leisten oder mehrere Paar Schuhe. Ein Fahrrad ist mit 500 Euro ebenso drin wie ein gebrauchter 125er-Motorroller. Der Gedanke, was man mit diesem Betrag alles kaufen könnte, beflügelt Ihre Fantasie und die Aufzählung ließe sich beliebig weiterführen.

Es ist Ihnen sicherlich aufgefallen, dass sich die Geldbeträge zweimal um den Faktor 100 multipliziert haben. Die Anzahl der Waren, die Sie für den multiplizierten Betrag jedoch kaufen können, ist jedes Mal höher als der Multiplikator: Er nimmt exponentiell zu. Mit 500 Euro können Sie 10.000 Mal mehr Dinge kaufen als mit 5 Euro. Wahrscheinlich sogar noch mehr. Es sind also nicht nur die konkreten Produkte, die emotional beeinflussen, wenn man an sie denkt. Es ist vor allem die Anzahl der Möglichkeiten, die sich bieten und die mit der Höhe des Vermögens exponentiell steigt. Wenn jemand an Geld denkt, dann denkt er, zumindest in seinem Unbewussten, auch an die Optionen, die sich damit ergeben.

Man hat die Wahl und das fühlt sich gut an. Man könnte, wenn man nur wollte, und das gibt Sicherheit. Das menschliche Verhalten ist darauf aus, positive Gefühle zu aktivieren. Wir setzen uns in Bewegung, wenn die Aussicht besteht, Freude und Spaß zu erleben. Geld vermittelt dieses Lustgefühl und aktiviert die Belohnungszentren. Man kann sich lang ersehnte Wünsche erfüllen und große Träume realisieren. Schon an die begehrten Dinge zu denken, kann den Organismus verändern und in eine gute Stimmung versetzen. Das verwundert nicht, denn wenn sich jemand etwas intensiv vorstellt, dann aktiviert er das Sehsystem im Gehirn. Der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer sagt: »Dann ist es so, wie wenn es die Person tatsächlich sieht, nur etwas anders« (Spitzer 2013).

In diesem Zusammenhang erscheint die Motivationskraft des Geldes besonders spannend. Normalerweise funktioniert unser Gehirn so, dass wir Dinge, die wir uns nicht vorstellen, auch nicht anstreben können. Eben, weil uns das konkrete Bild davon fehlt. Genau das braucht es aber, damit der Motivationsprozess gestartet werden kann: ein klares und konkretes Zielbild vom angestrebten Zustand. Nun stellt sich die Frage, ob Geld als Motiv aufhört zu wirken, wenn es um Summen geht, die man sich möglicherweise gar nicht mehr vorstellen kann. Im österreichischen Lotto wird üblicherweise zwei Mal in der Woche jeweils eine Million Euro ausgespielt. Diese Summe kann sich wahrscheinlich jeder konkret vorstellen und in der Regel weiß man, was man damit tun würde. Selbst bei einem Jackpot von über 7 Millionen Euro, wie es nur selten vorkommt, wird das gelten. Die Spieler träumen und wissen, was sie mit dem Geld alles tun könnten. Wie ist das aber, wenn beim Euro-Lotto 200 Millionen Euro ausgespielt werden? Können Sie sich diese Summe tatsächlich noch vorstellen? Ist Ihnen bewusst, wie viel Geld 200 Millionen Euro sind und was Sie damit alles tun könnten? Je höher die Summe, desto abstrakter wird die Vorstellung. Trotzdem sind Millionen Europäer Woche für Woche motiviert genug, ihre fünf Zahlen sowie zwei zusätzliche Zahlen zu tippen, und hoffen auf den großen Geldsegen. Es scheint so zu sein, dass es für die Motivationskraft des Geldes keine Sättigungsgrenze gibt. Diese Ansicht vertrat schon Georg Simmel in seiner Philosophie des Geldes (Simmel 1994).

Im Alltag wird diese Sichtweise immer wieder bestätigt, wenn man reiche Menschen beobachtet. Man bekommt den Eindruck, dass sie wesentlich mehr besitzen, als sie zum Leben brauchen. 2013 wurde diese Erkenntnis nun von amerikanischen und chinesischen Verhaltensforschern der University of Chicago bestätigt (Sonnenmoser 2013: 12). In Experimenten konnten sich Probanden entscheiden, ob sie über einen Kopfhörer lieber angenehme Musik oder lästigen Lärm hören wollten. Das Hören der Musik stand repräsentativ für ›Freizeit‹, während der Lärm für ›Arbeit‹ stand. Die Arbeit wurde belohnt, die Freizeit hingegen nicht. Jene Probanden, die sich für eine Arbeit entschieden, konnten auf einem Computer sehen, wie viel Belohnung bereits erarbeitet wurde. Anhand dieser Experimente konnten die Wissenschaftler Folgendes nachweisen: »Wenn wir die Gelegenheit haben, mehr zu verdienen, als wir benötigen oder verbrauchen können, tun das die meisten von uns auch«.

Die meisten hinterfragen dann die Nützlichkeit ihres Tuns nicht und halten sich nicht an ihren Vorsatz, an einem bestimmten Punkt aufzuhören. Die Wissenschaftler, die diese Experimente durchgeführt haben, sind überzeugt, dass die meisten ihren Verstand abschalten, wenn sie die Möglichkeit haben, mehr zu verdienen. Sie erinnern sich noch an die Diskussion über den Homo oeconomicus? Das Geld hat uns fest im Griff; zumindest jene Menschen, die bei den Versuchen in Chicago mitgemacht haben.

Diese Forschungsergebnisse stellen das bekannte ökonomische Gesetz des abnehmenden Grenznutzens infrage. Aufgestellt wurde es Mitte des 19. Jahrhunderts vom deutschen Volkswirt Hermann Heinrich Gossen: »Die Größe eines und desselben Genusses nimmt, wenn wir mit Bereitung des Genusses ununterbrochen fortfahren, fortwährend ab, bis zuletzt Sättigung eintritt« (O.V. [19] 2013). Das Gesetz besagt demnach, dass der Konsum eines Gutes mit zunehmender Menge einen immer geringeren Nutzen oder Genuss stiftet. Die erste Aktivitätseinheit bringt also mehr Nutzen als die zweite, die zweite mehr als die dritte, die dritte mehr als die vierte usw. Auch wenn sich das menschliche Gehirn an Zustände schnell gewöhnt und unsere emotionalen Zustände nach einer bestimmten Zeit schwächer werden, für das Heranschaffen von Geld und Vermögenswerte scheint das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens nicht zu gelten; ganz nach dem Motto ›Darf’s ein wenig mehr sein?‹.

Auch wenn man sich vielleicht nicht mehr vorstellen kann, was der Besitz von 200 Millionen Euro konkret bedeutet: Die Emotionen, die vom Gedanken, so viel Geld zu gewinnen beziehungsweise zu besitzen, ausgelöst werden, wirken trotzdem. Vielleicht, weil die Summen, die man sich noch vorstellen kann, in der großen Summe enthalten sind oder weil dem Fantasieren über Geld und der damit verbundenen Freiheit keine Grenzen gesetzt sind.

Seit ich an diesem Buch arbeite, befrage ich regelmäßig die Teilnehmer der Seminare, die ich gebe, welche Gefühle und Gedanken der Gewinn im Lotto bei ihnen auslöst. Die Antworten überraschen nicht. Jene, bei denen sich keine guten und schönen Gefühle einstellen, sind in der Minderheit. Die meisten denken und reden gerne darüber. Es sind schöne, angenehme Gedanken und Gefühle, von denen die Menschen berichten. Und: je mehr Geld es zu gewinnen gibt, desto bedeutender werden die Gedanken und Fantasien.

Mit der Bedeutung der Emotionen beim Verhalten beschäftigt sich auch der Psychologe Hans-Georg Häusel. No Emotions – No Money, mit diesem Buchtitel drückt er seine Sichtweise aus (Häusel 2012: 75ff). Je stärker die Emotionen, die von einem Produkt, einer Dienstleistung oder einer Marke ausgelöst werden, sind, desto wertvoller erscheinen diese Dinge für das Gehirn und desto mehr Geld ist der Konsument bereit, dafür auszugeben.

Mit dem Besitzen-Wollen steigt zugleich die Motivation, das benötigte Geld zu bekommen. Häusel ist überzeugt, dass die Attraktivität des Geldes damit zu erklären ist, dass »wir uns mit Geld alle unsere Wünsche erfüllen können«. Geld gilt als »generalisiertes Wertsymbol und dient als Universal-Joker«.

Wie stark Geld emotional auf uns Menschen wirkt, beschreibt Richard Thaler mit seinem Endowment-Effekt (Kahnemann 2012: 360ff). Dieser besagt, dass der wahrgenommene Wert eines Gutes als höher empfunden wird, wenn man es besitzt. Diesen Besitztumseffekt erlebt man häufig in Verhandlungssituationen. Oft wundert man sich, welch überhöhte Preisvorstellungen Verkäufer haben. Sie verlangen für ihr Haus oder Auto einen auffällig hohen Preis. Aus Sicht des Verkäufers stellt sich das als logisch und richtig dar, schließlich besitzt er das Haus oder Auto und will sich nicht von ihm trennen. Der Gedanke, etwas verkaufen zu müssen, löst in der Regel ein Unlustgefühl aus, schreibt Nobelpreisträger Daniel Kahnemann. Die Aussicht, etwas erwerben zu können, bedeutet hingegen Lust. Der Besitztumseffekt ist umso stärker zu beobachten, je eher es sich um Güter handelt, die selten gehandelt werden.

Geld stellt aber noch weitere Freiheiten dar. So gilt es unabhängig von der Herkunft des Besitzers. Die Maß Bier auf dem Münchner Oktoberfest kostet für den Generaldirektor genau so viel wie für seinen Chauffeur. Damit schafft Geld die Möglichkeit, sich von seiner Herkunft befreien zu können. Geld gilt bei dem, der darüber verfügen kann. Insofern macht der Besitz einer bestimmten Summe Menschen gleich; zumindest bietet er innerhalb dieser Summe die gleichen Möglichkeiten. Geld schafft auch eine Freiheit, die im Zusammenspiel mit der Geldwirtschaft möglich wird und vom Volksmund mit ›Zeit ist Geld‹ übersetzt wird. Geld ermöglicht seinem Besitzer über die Zeit zu verfügen. Wer genügend Geld besitzt, muss nicht mehr selbst arbeiten, sich nicht mehr selbst abmühen, um das Leben abzusichern. Er kann jemanden anstellen, der die nötige Arbeit erledigt, und selbst die daraus resultierende freie Zeit genießen. So wie Multimillionär Sebastian Vettel das handhabt. Sie erinnern sich vielleicht noch an sein Statement über die Bedeutung der wirklich wichtigen Dinge, die er in seiner Freizeit verfolgt.

Mit ausreichend Geld vermag man – tatsächlich oder in bestimmten Fällen scheinbar – die Zeit zu überwinden. Mit einer Kreditfinanzierung kann man heute etwas anschaffen, das man sich eigentlich erst in zwanzig Jahren leisten könnte. Gerade für junge Menschen, die im Begriff sind, sich eine Existenz aufzubauen, ist das eine wertvolle Unterstützung, die von den Banken geleistet wird.

Über diverse Sparprodukte kann man, je nach gewähltem Anlagerisiko, sicherstellen, dass man zu einem definierten Zeitpunkt in der Zukunft über eine zuvor bestimmte Summe verfügen kann. »Geld verdienen ist also konzentrierte Zukunftsvorsorge, und Geld ist disponible Zukunft«, schreibt Norbert Bolz von der Technischen Universität Berlin. Mithilfe von Geld kann man die Gegenwart zur Zukunft oder die Zukunft zur Gegenwart machen. Meist ermöglicht Geld seinem Besitzer beliebige Vorhaben zu beliebigen Zeitpunkten in Anspruch zu nehmen und zu realisieren. Dies kann selbst nach dem Tode geschehen, schließlich können Geld und Vermögenswerte vererbt werden. So kann es über das eigene Leben hinaus wirken. Nicht nur in der Literatur und in Filmen bemühen sich Figuren, zu jenen älteren Menschen besonders nett zu sein, die ein reiches Erbe in Aussicht stellen. Der Volksmund drückt das mit dem Wort ›Erbschleichen‹ aus. Das zugrunde liegende Motiv: Geld.

Noch deutlicher zeigt sich die Dominanz des Geldes in einem Finanzprodukt, das in den 1980er-Jahren aufkam und einen etwas makaberen Beigeschmack aufweist. Es entwickelte sich ein Zweitmarkt für Lebensversicherungen, der in den USA einen fixen Platz in der Finanzdienstleistung eingenommen hat und folgendermaßen funktioniert: Nehmen Sie an, irgendjemand verfügt über eine Lebensversicherung über 100.000 Dollar. Dann erfährt diese Person, dass sie schwer erkrankt ist und nur noch ein Jahr zu leben hat. Nehmen wir weiter an, diese Person benötigt nun dringend Barmittel für ärztliche Behandlungen oder möchte die verbleibende Zeit zumindest finanziell gut leben. Ein Investor bietet nun an, die Versicherung mit einem Abschlag von, sagen wir, 50.000 Dollar abzukaufen und übernimmt die weitere Prämienzahlung. Sobald der ursprüngliche Versicherungsnehmer stirbt, erhält der Investor die gesamten 100.000 Dollar. »Das scheint ein rundum gelungenes Geschäft zu sein. Der Inhaber der Sterbepolice bekommt das benötigte Geld, der Investor streicht einen hübschen Profit ein – vorausgesetzt, der Betreffende stirbt planmäßig«, schreibt Michael J. Sandel (Sandel 2012: 169ff).

Der Besitz von Geld eröffnet also Möglichkeiten und Freiheiten. Es macht unabhängig, gibt Sicherheit und: Es verleiht Macht. Jenes Gefühl, das sich dann einstellt, wenn man die Gewissheit hat, dass man das, was geschieht, beeinflussen kann. Wer über ausreichend Kapital verfügt, weiß zwar auch nicht, was die Zukunft bringen wird, mit genügend Geld lässt es sich aber doch ruhiger und zuversichtlicher beobachten und abwarten. Ebenso wie Macht gibt Geld schon im Jetzt die Gewissheit, dass zukünftige Herausforderungen und Probleme einfacher gelöst werden können. »Macht und Geld sind Gewissheitsäquivalente und ersparen uns Information beziehungsweise Voraussicht« (Bolz 2009: 58). Sich frei und unabhängig, sicher und mächtig zu fühlen, stellt ein grundsätzliches menschliches Bedürfnis dar und wirkt sich positiv auf ein stabiles Selbstbewusstsein aus. Dies unterstützt uns zu erreichen, wonach wir insgesamt streben: nach einem positiven Selbstwert. Motivation wird eben dann aktuell, wenn die realistische Aussicht besteht, ein erstrebenswertes Ziel zu erreichen, eine erfreuliche Situation zu erleben oder eine angenehme Erfahrung zu machen.

Das Zusammenspiel von Geld und Macht stellt sich aber nicht so linear dar, wie ich es bislang beschrieben habe. Es ist komplexer. Auf der einen Seite verleiht Geld Macht, das steht fest. Je mehr Geld jemand besitzt, desto mächtiger ist er in seiner Entscheidungsfreiheit, desto mehr Wahlmöglichkeiten bieten sich an. Es gibt praktisch kaum Einschränkungen. Auf der anderen Seite bringt aber genau diese Situation ein besonderes Phänomen mit sich: die Entscheidungsaversion. Je höher die Anzahl von möglichen Entscheidungen wird, desto schwieriger wird es, eine zu treffen. Die Urteils- und Entscheidungsforschung, ein Feld der Sozialpsychologie, untersucht dieses Phänomen. Daniel Kahneman hat für seine Arbeiten auf diesem Gebiet 2002 als erster Nicht-Ökonom den Wirtschaftsnobelpreis erhalten.

Worin besteht nun die Entscheidungsaversion? Zum einen kostet jede Entscheidung kognitive Ressourcen, die wir nur in einem begrenzten Ausmaß zur Verfügung haben. Je größer die Auswahl, die vor einem liegt, desto mehr Kräfte müssen dafür aufgeboten werden. Manchmal haben wir diese einfach nicht. Zum anderen ist mit jeder Entscheidung eine gewisse Unsicherheit verbunden. Niemand weiß, ob er mit der getroffenen Wahl hinterher wirklich zufrieden und glücklich ist. Aber auch Zeitdruck oder mangelnder Informationsstand führen zu dieser Unsicherheit. So ist zu erklären, dass manche Personen ihr Geld eben nicht ausgeben, keine Kaufentscheidung treffen, das Geld auf ihrem Sparbuch belassen und so immer mehr davon besitzen. Denn solange es jederzeit zur Verfügung steht, solange hat man die große Wahlmöglichkeit und damit Macht. »Ich könnte, wenn ich nur wollte«, dieser Gedankengang ist typisch für diese Situation.

Der Zusammenhang von Geld und Macht muss in einem weiteren Aspekt dargestellt werden. Immer wieder dringen Geschichten über Menschen, die über sehr viel Geld verfügen und die Realität aus den Augen verlieren, in die Öffentlichkeit. Gerade weil man in unserer heutigen Welt tatsächlich beinahe alles kaufen kann und Geld fast alle Türen öffnet, ist es oft nur ein kleiner Schritt zur Fantasie, allmächtig zu sein. Diese besteht unter anderem in der Überzeugung, dass ein großes Vermögen unantastbar macht. Moralische wie juristische Grenzen verlieren ihre Bedeutung. Die Medien berichten täglich darüber. Es braucht eine starke Persönlichkeit, um mit einem großen Vermögen richtig umzugehen.

Ich möchte eine weitere Ebene anführen, auf der Geld wirkt. In Lehrbüchern lassen sich einige Funktionen lesen, die Geld zugeschrieben werden: Die Rechnungsfunktion (Werte werden in Geld berechnet), die Tauschfunktion (Geld erleichtert den Tausch von Waren), die Zahlungsmittelfunktion (mit Geld kann man Leistungen bezahlen oder sich von Schulden befreien). Karl-Heinz Brodbeck, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule in Würzburg, meint, dass die wichtigste Funktion in derartigen Aufzählungen aber in der Regel vergessen wird: »Geld ist vor allem eine Marktzutrittsschranke«, die alle »Nichtgeldbesitzer« ausschließt.

Geld hat sich in der Gesellschaft universell durchgesetzt. Jeder Mensch versteht, wie man Geld verwendet und wie es eingesetzt wird. Selbst jene, die in Mathematik nicht gut sind, verstehen, was es bedeutet, Geld zu besitzen oder nicht. Obwohl es viele verschiedene Währungen gibt, ist die Verwendung von Geld weltweit gleich. Geld gilt als die einzige Form, in der die Produktion und die Verteilung von Gütern sowie Dienstleistungen organisiert wird. Daraus ergibt sich die weitreichende Konsequenz, dass »jedermann gezwungen ist, zur Erlangung von Marktzutritt zunächst nach Geld zu streben« (Brodbeck 2009: 226f). Geld stellt quasi die Berechtigung aus, im wirtschaftsgesellschaftlichen Kontext mitzugestalten. Geld wirkt, ob man das möchte oder nicht.

Natürlich besitzt auch diese Regel ihre Ausnahme. Wer das Glück hat, als Millionenerbe auf diese Welt zu kommen, bekommt die Berechtigung bereits in die Wiege gelegt.

Im Zusammenhang mit dem Marktzutritt gilt es, ein besonderes Faktum zu bedenken: Jede Ausgabe verringert ein Vermögen; wenn Geld ausgegeben wird, ist es weg. Da man für einen materiell einigermaßen sorgenfreien Lebensstandard permanent zu bezahlen hat, muss man ständig danach trachten, Geld nachzuliefern, neues zu bekommen. Erst dann kann man seine laufenden Bedürfnisse und Wünsche auf dem Markt befriedigen. Gehört man nicht zum Typ des Aussteigers, ist man gezwungen mitzuspielen. Auf die eine oder andere Art versuchen das die allermeisten. In den gewählten Verhaltensweisen treten dabei oftmals deutliche Unterschiede auf. Die Mehrheit strebt eine geregelte Arbeit an und hofft, dass sich damit ein einigermaßen angenehmes Leben finanzieren lässt. Andere wiederum versuchen ihr Glück im Spiel und wieder andere setzen auf kriminelle Handlungen. Diese Gruppe ist übrigens größer als man denkt: »Man schätzt den Anteil des Verbrechens am Welthandel auf 20 bis 25 Prozent« (ebd.: 231). Das System definiert seinen Motivator: Geld. Freilich geschieht das nicht sozial gerecht, viele schaffen es nicht, genügend Geld für ihr Leben aufzutreiben. Freilich zieht diese Erkenntnis moralische wie ethische Fragen nach sich. Dies hebt das Prinzip jedoch nicht auf.

Wenn Geld wichtiger wird als Menschenrechte

Die Aussicht, mehr Geld verdienen zu können, führt bei vielen Menschen zu größerer Anstrengung, eine bessere Leistung zu erzielen und sich weiterzuentwickeln. Geld kann für Fortschritt und Wachstum sorgen, es stachelt den Ehrgeiz an. Das ist eine positive Wirkung des Geldes. Diese Anziehungskraft ist jedoch dermaßen enorm, dass sie ins Gegenteil umschlagen kann. Dann nämlich, wenn der Einzelne nur noch an sich denkt und nicht genug bekommen kann, wenn Habgier das treibende Motiv wird.

Ihnen fallen jetzt wahrscheinlich Personen ein, auf die dies zutrifft – sie sind fixer Bestandteil unserer Gesellschaft. Ebenso wie Konzerne, die ihren einzigen Daseinszweck in der jährlichen Gewinnmaximierung sehen und stets neue Möglichkeiten erschließen, wie etwa den Hochfrequenzhandel.

Beispiel Hochfrequenzhandel

Der ehemalige Bankmanager und -vorstand Robert Daghofer sieht darin einen »Irrsinn, in dem es nur noch darum geht, möglichst schnell Kohle zu machen. Und zwar vor den anderen. Es ist die reine Gier« (Daghofer 2013). Computer platzieren Kauf- oder Verkaufsorders; es kommunizieren Maschinen mit Maschinen und betreiben Handel. Und das in einer Geschwindigkeit, die nur schwer nachvollziehbar ist und im Nanosekundenbereich liegt. Von dieser Geschwindigkeit versprechen sich die Betreiber, Preisvorteile zu erkennen und zu nutzen, bevor das ein Mitbewerber tut. Eindeutig Stellung bezieht auch Rainer Voss, langjähriger Investmentbanker und Szene-Insider. Er ist aus dem Geldgeschäft ausgestiegen, weil er es nicht mehr ertrug. »Vor zwanzig Jahren war die Haltedauer einer Aktie im Durchschnitt vier Jahre, heute sind wir bei 22 Sekunden. Was ist der Sinn einer Unternehmensbeteiligung für 22 Sekunden? Also das kann mir keiner erklären.« Er würde den Hochfrequenzhandel einfach verbieten (Wiens 2013: 15). Aber nicht nur bei einzelnen Personen und Unternehmen sind diese Tendenzen zu beobachten, sondern auch in der internationalen Politik.

Die Beziehung der Europäischen Union zu China ist ein Beispiel dafür. Die EU ist der wichtigste Handelspartner Chinas, das, nach den USA, wiederum der zweitgrößte Wirtschaftspartner für die Europäische Union ist. Allein 2012 wurden 500 Milliarden Euro umgesetzt (Hein 2013). Bei so viel Geld schauen europäische Politiker schon mal weg, wenn aus China Berichte über Menschenrechtsverletzungen an die internationale Öffentlichkeit gelangen. Schließlich will man die wirtschaftlichen Interessen nicht aufs das Spiel setzen. Das zeigt sich auch anhand des sogenannten EU-China-Menschenrechtsdialogs.

Dieser sollte zwei Mal jährlich stattfinden. Zumindest einen Termin im Jahr sagt Peking seit 2011 konsequent ab. Josh Rosenzweig, Menschenrechtsexperte an der Chinese University in Hongkong, beobachtet, dass in den USA und in Europa die Versuchung, bei Menschenrechtsfragen wegzuschauen, umso stärker wird, je größer die wirtschaftliche Bedeutung Chinas wird. »Man will die Menschenrechtsproblematik nur oberflächlich ansprechen, will andere Bereiche, wie eben die Wirtschaftsbeziehungen, nicht aufs Spiel setzen. Und so ist es mittlerweile eindeutig China, das bei solchen Gesprächen den Ton angibt.« (Winter 2013) Das wird auch vom populären Schauspieler Jan Josef Liefers kritisiert: »Es ist das politische Dilemma der Bundesrepublik, aus Wirtschafts- und Finanzinteressen die Verletzung elementarer Menschenrechte in China zu tolerieren« (Der Kurier, 18. Oktober 2013, TV Journal: 4). Wenn dem so ist, wird Geld wichtiger als Menschenrechte.

Ein Signal setzte Norwegen im Oktober 2013. Wie die Salzburger Nachrichten berichteten, trennte sich der norwegische Staatsfonds, in dem 528 Milliarden Euro verwaltet werden, von »unethischen« Wertpapieren. Aus fünf Unternehmen wurde das Geld abgezogen, weil sie entweder die Umwelt verschmutzen oder Kinder für sich arbeiten lassen. In der Textilindustrie von Billigstlohnländern ist das eher der Alltag als die Ausnahme. Das ist spätestens seit dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch im April 2013, der mehr als 1.100 Tote forderte, einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Die Löhne der Textilarbeiter im Gangesdelta sind die niedrigsten der Welt. Der Mindestlohn beträgt 39 Dollar im Monat. Das sind ungefähr 30 Euro; davon kann niemand leben. Die Regierung in Bangladesch diskutiert seit der Katastrophe die Anhebung des Mindestlohns auf 120 Dollar. Dies gestaltet sich jedoch äußert schwierig, sagt der Textilgewerkschaftler Abu Taher. Er schätzt nämlich, dass die Hälfte der Parlamentarier, die einer Gesetzesänderung zustimmen müssten, selbst Textilfabrikanten sind und geringere Gewinne einstreichen würden (Graf 2013: 15). Selbst für den Fall, dass dies umgesetzt wird, sieht die deutsche Journalistin Kathrin Hartmann pessimistisch in die Zukunft. Sie prophezeit, dass dann viele Produzenten schlichtweg abwandern: »Der nächste Run ist auf Burma. Der Wettlauf nach unten hat noch lange nicht aufgehört« (Zauner 2013: 15).

Der Markt bremst die Moral aus

Wie der Markt die Moral ausbremst, hat Armin Falk von der Universität Bonn in mehreren Untersuchungen nachgewiesen und kommt zum Schluss, dass sich zwar viele über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen in asiatischen Textilfabriken empören, aber letztlich doch die äußerst billigen Klamotten kaufen. Geht es um Kaufen und Verkaufen, tritt eine Reihe von Mechanismen in Kraft, über die ich in diesem Buch geschrieben habe, und moralische Überzeugungen werden oft in den Hintergrund abgeschoben. Der deutsche Wissenschaftler sieht die Ursache jedoch nicht nur in der mächtigen Wirkung des Geldes. Falk hat weitere Erklärungsansätze dafür, »warum im freien Handel Leben nicht viel zählen – auch nicht die der Näherinnen in den einsturzgefährdeten Fabriken«. Erstens lenke der Handel die Aufmerksamkeit der Konsumenten auf das Feilschen und Schnäppchenjagen. Das aktiviert sowohl den Gedanken als auch die Emotion, gewonnen und einen finanziellen Verlust, nämlich den höheren Preis, abgewendet zu haben. Dass überall dort, wo einer äußerst billig kauft, anderswo jemand draufzahlt, geht dabei unter. Zweitens gäbe es viele »schlechte Vorbilder«, denn in der Regel ist man nicht alleine im Geschäft, sondern in Gesellschaft von anderen, die ebenfalls nur »das T-Shirt und seinen Preis« im Fokus haben. Es entsteht eine soziale Gruppe, deren Norm unbewusst von allen geteilt wird: Billig kaufen. Und drittens übernähme der einzelne Käufer ja nur einen Teil der gesamten Verantwortung, denn schließlich gäbe es ja auch noch den Verkäufer im Laden, das Unternehmen, in dessen Namen das Kleidungsstück verkauft wird, und den Produzenten (Paulus 2013: 14).

Führt man sich dies vor Augen, verwundert es nicht, dass der Sozialethiker und Philosoph Clemens Sedmak in einem Interview feststellt: »Die Gesellschaft leidet an moralischem Alzheimer« (Graber 2013: 17).

Quelle: Jörg Zeyringer: WIE GELD WIRKT. Faszination Geld – wie es uns motiviert und antreibt.  BusinessVillage 2014. ISBN 978-3-86980-251-0