Dr. Katja Doubek

Dr. Katja Doubek, Jahrgang 1958, ist Autorin und Trashformerin. Noch vor der Zwischenprüfung des ersten Studiums (Germanistik, Geschichte, Philosophie) bekam sie 1978 und 1979 ihre beiden Wunschkinder. Nach dem Examen ergab sich während der Promotion die Chance, für das Magazin der FAZ zu schreiben. Sie hatte Gelegenheit, auszuprobieren, ob sie ihren Traumberuf (Autorin)  würde realisieren können.  Die mehrjährige Arbeit in einer ZDF-Redaktion und ein Psychologiestudium führten schließlich zum lange anvisierten Ziel. Seit mehr als zwanzig Jahren veröffentlicht sie unter anderem bei den Verlagen Bertelsmann, Piper und Rowohlt Sachbücher und Belletristik. Seit ihre Kinder aus dem Haus sind, leben ihr Mann und sie wechselweise in München und  Italien. Ende 2011 haben sie das UPCYCLING-Portal www.wunderwerke.info gegründet. Sie betreiben es gemeinsam mit ihrer Freundin Connie Grüter. Neben der Tätigkeit als Autorin sind UPCYCLING und TIERSCHUTZ ihre “energetischen Schwerpunkte“. Und jeweils gilt für sie: „Es gibt so viel zu tun – ich packe an.“

 

RAN AN DEN MÜLL  -   ALLES AUS NICHTS.
UPCYCLING IM ALLTAG

Irgendwo im Keller steht eine Kiste, gefüllt mit abschließbaren Kladden. Meine Tagebücher. Seite für Seite eng beschrieben, beklebt mit Zetteln, Eintrittskarten, Briefchen, verziert mit ungelenken Zeichnungen. Was seinerzeit Tagebuch hieß, nennt man heute Scrapbook – und ich schreibe, klebe und sammele immer noch: Erinnerungen, Fotos, Ideen, Beeindruckendes und Alltagskleinigkeiten. Mein erstes Scrapbook habe ich geschenkt bekommen, Nummer zwei und drei gekauft. Seit Nummer vier bestehen meine Scrapbücher aus alten Telefonbüchern. Inzwischen gestalte ich auch Bilderbücher für Kinder auf Telefonbuch- Basis.

„Aha“, sagt mein Mann, als ich ihm das erste Exemplar zeige. Er ahnt noch nicht, dass dies der Anfang eines Engagements ist, das seine Geduld und die Kapazität unserer Wohnung auf eine harte Probe stellen wird. Ich habe mich dem Prinzip des UPCYCLING verschrieben. Ab sofort gehöre ich zur Riege der TRASHFORMER. Auf meinem Herd steht immer ein Topf mit frisch gekochten Zeitungsschnipseln (für Pappmaché) und im Kühlschrank hat der angerührte Tapetenkleister einen gesicherten Platz.  Ich kann nicht die ganze Welt retten – leider! Aber ich kann in meinem direkten Umfeld wirken. Fest davon überzeugt, dass viele kleine Schritte zu großen Veränderungen führen, und Vorbild die beste Lehre ist, beginne ich im eigenen Haushalt.

ALLES AUS NICHTS lautet mein Credo.

Ich fange klein an: Die Ladestation für mein Handy – eine umgewidmete Shampoo-Flasche.  Die Luftbefeuchter an den Heizungen – ehemals Spülmittelflaschen, jetzt sehen sie aus, als hätte ich sie in einem noblen Einrichtungsladen gekauft.

Ich traue mich weiter: Die Radfelge meiner Tochter hat einen irreparablen Achter – macht nichts – wenn sie (die Felge, nicht die Tochter!) als Lüster an der Decke hängt, sieht man den Achter nicht. Gesprungene Kacheln, Geschirrscherben, bei mir werden daraus wetterfeste Mosaik-Tische. Hund und Katze kuscheln auf den neuerdings tierisch bezogenen, ausgedienten Auflagen der Gartenmöbel. Unsere Zeitschriften stecken in Konservendosen – Im Wohnzimmer wohlgemerkt! Sehr schick! Ein Teil unserer Sitzmöbel habe ich  aus  Tageszeitungen der vergangenen Wochen gefertigt. Ein Beistelltisch ergibt sich aus den verjährten Büchern meines Studiums. Ein echter Hingucker –  x-mal von Freunden kopiert! Und am Christbaum hingen vergangene Weihnachten zum ersten Mal ausgebrannte Glühbirnen im festlich-nostalgischen Gewand.

Ich wage mich immer weiter vor: Inzwischen habe ich eine kleine Werkstatt, und mein Mann behauptet öffentlich, dass ich in meiner Freizeit meistens kopfüber in einem Müllhaufen stecke. Er hat Recht!  Bei schwierigen oder gefährlichen Tätigkeiten wie Schweißen oder Glas Schneiden lasse ich mir von Fachleuten helfen. Die meisten Handwerker haben viel Sinn für Nachhaltigkeit und stehen mir gerne zur Seite.

„Cool!“ ist die Reaktion meiner Kinder, „und stylish“ sagen sie. Mein Bruder lässt sich zu einem „Löblich und notwendig“, herab, und mein Vater hebt immerhin eine Augenbraue. Meine weit über achtzigjährige Tante, besucht mich, um sich live und in Farbe anzuschauen, was ich ihr am Telefon beschrieben habe.

„RE bedeutet ZURÜCK, DOWN bedeutet HERUNTER und  UP bedeutet HOCH! Also gibt man mit UPCYCLING den Dingen eine größere Wertigkeit, als sie zuvor hatten. Das haben wir nach dem Krieg alles auch gemacht. Weil es nichts gab – heute gibt es alles, heute muss man es wegen der schwindenden Ressourcen machen.“  Die Tante trifft den UPCYCLING-Nagel auf den Kopf.

Altglas, braun, grün, weiß – Kunst- und Wertstoff, Plastikflaschen, Joghurtbecher, ausgewaschen, sortiert – Papier, Karton, gebündelt und gefaltet – schmelzen, schreddern, verbrennen - REcycling! Kennen wir längst, praktizieren wir - schon lange! DOWNcycling kennen nicht so viele – praktizieren die meisten trotzdem.

Aber UPCYCLING! 

UP- was?

Vor ein paar Jahren habe ich den Begriff zum ersten Mal gelesen. UPCYCLING –  eine Bloggerin wirbt für etwas, das in meiner Kindheit zuhause selbstverständlich praktiziert wurde. Die Bloggerin hat einen Plastikeimer zur Lampe umfunktioniert. Die Idee und ihre Umsetzung gefallen mir und erinnern mich:

Das Schränkchen für mein erstes Puppengeschirr laubsägte meine Mutter mit Schubladen und  geschwungenem Oberteil aus Obstkisten. Mein liebstes Kleid schneiderte sie aus dem grau-weiß gestreiften Stresemann meines Vaters. Die Kulissen für unser Kasper-Theater (aus einem Bett vom Sperrmüll gezimmert) bestanden aus den bemalten nicht zerschlissenen Teilen alter Laken.  Ganz zu schweigen von dem Privat-Becken, das unsere Enten, Emil und Erna, im Garten hatten! Gemeinsam gruben meine Eltern ein entsprechendes Loch und versenkten dort eine ausrangierte Badewanne – mit Stöpsel! Emil und Erna, als Küken vom Markt vor dem Ofen gerettet, genossen in dieser Badewanne ihr Leben.

So war das in meiner Kindheit – Es versteht sich von selbst, dass mein Bruder und ich noch vor dem Eintritt ins Gymnasium wussten, wie man Toilettenspülungen repariert, die Gewinde von Wasserhähnen mit Hanf abdichtet, und dass man die Sicherung herausnimmt, bevor der Phasenprüfer an das Kabel in der Lüsterklemme gehalten wird. Dies zu einer Zeit, in der man noch zu Hause reparierte und das Wort Repair-Café  unbekannt war.
Knapp fünf Dekaden später … Plötzlich schwappt ein Begriff aus Amerika nach Europa und entwickelt sich windgeschwind zum Supertrend.

UPCYCLING!

Wie umfassend das Konzept ist. Was hinter dem Cradle-to-Cradle Prinzip steckt und welch fabelhafte Projekte es in Ländern wie Peru und Afrika gibt, lerne ich erst im Laufe der Zeit und bin schwer beeindruckt.

Lange bevor die Printmedien den Begriff auch nur einmal irgendwo gedruckt, übersetzt, geschweige denn erklärt haben, verbreiten Blogger ihn in der Community. Ein erster, wichtiger Schritt in den realen Alltag ist getan. Digital hin, analog her – ein Nerv ist getroffen. Gerade war die junge Welt noch durchgetaktet. Gerade haben sie noch auf ihre pads und pods gestarrt und dabei rund um die Uhr die phones am Ohr gehabt. Gerade war die Technik von gestern schon so veraltet, dass sie heute auf dem Schrotthaufen landete. Da wächst auf einmal die Gruppe der Bewahrer und zeigt den Wegwerfern und Benutzern eine nachhaltige Perspektive.

Leben ohne Computer und Technik ist längst nicht mehr vorstellbar und möglich. Aber Leben mit Computer bedarf des theoretischen und praktischen Ausgleichs. Mens sana in corpore sano – der gesunde Geist im gesunden Körper braucht nicht nur sportliche Unterstützung.

Do it Yourself, DIY, Selbermachen und Kreativität heißen die neuen Leidenschaften. Verbunden mit Bedarf und Bedürfnis nach der Nutzung von Ressourcen und der Reduktion von Müll führen sie auf direktem Weg zum
Thema UPCYCLING.

Es ist wahr und hocherfreulich, auch in der Industrie tut sich einiges. Immer mehr Unternehmen verfolgen Cradle-to-Cradle-Konzepte. Trotzdem: Noch immer wird überall viel zu viel produziert. Viel zu viel landet wenig später mehr oder weniger ungenutzt und unbeschadet auf dem Müll.

Mit Nadeln und Nägeln, Näh- und Bohrmaschine, Drahtschneider und Flachzange rücken praktizierende UPCYCLER  diesen Alltagsresten zu Leibe. „Trash to Treasure“  ist die Devise.  Ein Motto mit bemerkenswert positiver Nebenwirkung für die Psyche: Kreativität und Freude an Hand-Arbeit jedweder Art füttern Kopf und Herz mit der Befriedigung, etwas Sinnvolles getan und geschaffen zu haben.

UPCYCLING ist fabelhafte Idee, großartiges Prinzip. Ein kreatives Konzept mit Sinn und Spaßfaktor. Der Gedanke dahinter: Es gibt keinen Müll mehr. Es gibt nur nützliche Rohstoffe für nützliche und/oder dekorative Projekte und Produkte.
Ich bin begeistert. Endlich die Option auf einen Schritt nach vorne, oder besser UP, nach oben. Ich rufe meine Freundin, Connie, an und infiziere sie mit einer Idee.

„Wir gründen eine virtuelle Werkstatt mit realem Hintergrund. Wegwerfen, entsorgen, schreddern und einstampfen war gestern, ab sofort gibt es die WUNDERWERKSTATT. Wir widmen um. Wir schaffen neu. Wir ändern und arbeiten um. Bei uns wird der Couchtisch zum Bollerwagen. Jeder kann uns Fragen, Fotos oder gleich seine Alltagsreste schicken. Ob antikes Lieblingsstück oder einzelnes Stuhlbein – wir finden für alles einen neuen Sinn und Zweck. Upcycling ist gut für Gewissen und Laune - und hat Kult-Faktor. Materialien von Marmeladenglas bis Metall, von Tetra bis Textil, bekommen einen neuen Zweck, eine neue Funktion, ein zweites Leben. Geht nicht, gibt es nicht. Lösungen – auch für kniffelige Probleme -  sind immer und nur eine Frage von Phantasie und Kreativität.

Wie gesagt: Es gibt keinen Müll mehr. Es gibt nur nützliche Rohstoffe für nützliche und/oder dekorative Projekte und Produkte.“ 
Etwa ein Jahr später öffnet das Portal www.wunderwerke.info die online-Türen. Handwerker, Meister, professionelle Autodidakten. Schreiner, Schneider, Goldschmiede, Bildhauer. Bei WUNDERWERKE hat sich ein zuverlässiger und versierter Stamm von Mitstreitern zusammen gefunden. Kein Material, mit dem wir nicht arbeiten, kein Alltagsrest-Rohstoff, zu dem wir nicht ein Tutorial erstellen können.

Jetzt gilt es, unser Konzept in die Welt zu tragen.

Wir beginnen in der Nachbarschaft. Die Reaktionen sind überwiegend positiv:

Damen und Herren mit schulpflichtigen Kindern sind ausnahmslos angetan. Einhellige Begeisterung herrscht auch in Kindergärten, Horten und Kitas. Der Tenor hier: „Kreativität ist so wichtig für die Entwicklung, und immer fehlt es am Geld für das Material.“ 

Saft – und Milchtüten gibt es in jedem Haushalt! Wer einmal mit Tetra Pak gearbeitet hat, weiß, dass dieses Material unglaublich vielfältig einzusetzen ist. Vom Utensilo über Tisch und Hocker bis zum Sessel – es gibt fast nichts, was sich damit nicht bauen lässt.
Die Reaktionen von Lehrern, ähnlich positiv und um ein Argument erweitert:

„Kinder und Jugendliche, die lernen, was man aus Alltagsresten herstellen kann, gehen als Erwachsene mit anderen Augen durch die Welt!“

SO IST ES!

Wenn UPCYCLER eine Radkappe am Straßenrand sehen, funkt ihr Hirn: Lampe! Ein Karton voll mit einzelnen Möbelknöpfen und Türgriffen? Das Upcycler-Hirn assoziiert: Garderobe. Im Schrank stehen Geschirr-Reste, Teller, Tassen – ewig nicht benutzt, kein Teil passt zum anderen? Das Upcycler-Hirn signalisiert: Etagere.

Auch Kreativität und Phantasie kann man bis zu einem gewissen Grad trainieren und üben, so wie man alle anderen Anlagen und Fähigkeiten trainieren und üben kann. Je früher man damit beginnt, umso besser. Um Spitzenleistungen zu erbringen, bedarf es zweifellos besonderer Talente und Begabungen. Aber es geht ja nicht immer und unbedingt um Spitzenleistungen.

JEDER KANN LERNEN, MIT OFFENEN AUGEN DURCH DIE WELT ZU GEHEN.
JEDER KANN UPCYCLING LERNEN!

Wir verbreiten unser Konzept weiter. Die meisten Nachbarn machen mit. Sie bringen uns ihre Nespresso-Kapseln, Tetra Paks und Zigarrenkisten. Das heißt, die Damen bringen die Zigarrenkisten ihrer Männer. Ältere Herren, merken wir, stehen dem Thema UPCYCLING häufig eher skeptisch gegenüber. Um das Sammeln zu erleichtern, flechten wir Körbe aus Zeitung – große Körbe. Diese Körbe werden stabiler, wenn man sie lackiert – und vor allem sieht man nicht mehr, dass sie aus alten Tageszeitungen geflochten sind. Das überzeugt auch die älteren  Herren –  wir holen die Menschen dort ab, wo sie stehen.

Auf der Suche nach Material entwickelt Connie missionarischen Eifer, klärt auf, bekehrt... Gnade denen, die sie am Container trifft. Ein Herr, der eigentlich nur sein Leergut wegbringen möchte, findet erst Connie und nach ihrem Kurz-Vortrag auch UPCYCLING sexy Er schraubt eine halbe Stunde die Verschlüsse der Plastikflaschen in ihre Sammeltüte. Der Wirt ihrer Lieblingskneipe klaubt allabendlich die Kronkorken für uns zusammen, und in der italienischen Bar an der Ecke stapeln sich die Kaffee-Tüten, bis Connie sie abholt.
Was wir mit fremdgesammelten Kronkorken, Schraubverschlüssen und Kaffee-Tüten tun?

Wir UPCYCELN sie natürlich. Für unsere Vorträge und Work-Shops brauchen wir immer neues Anschauungsmaterial und immer neue Projekte. So ausgestattet ziehen wir  durch die Republik und verbreiten das UPCYCLING Konzept in Theorie und Praxis.

Also: RAN AN DEN MÜLL – ALLES AUS NICHTS – UPCYCLING IST SEXY!

Stand: Mai 2014