Dr. Natalie Knapp

Dr. Natalie Knapp, Jahrgang 1970, studierte Literaturwissenschaften, Religionsphilosophie und Religionsgeschichte und promovierte in Freiburg i. Br. über Heidegger, Derrida und Rilke. Von 2001 bis 2013 arbeitete sie als Kulturredakteurin beim SWR. Seither lebt sie als freie Autorin und Philosophin in Berlin. Sie hält Vorträge, gibt Seminare und leitet Akademiewochen für Führungskräfte. Bei Rowohlt erschienen ihre Bücher »Der unendliche Augenblick: Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind« (2015), »Kompass neues Denken: Wie wir uns in einer unübersichtlichen Welt orientieren können« (2013) und »Der Quantensprung des Denkens: Was wir von der modernen Physik lernen können« (2011).


Liebe braucht Netzwerke

„Eines der wichtigsten Symbole unserer Zeit ist das Netz. Sein Bild vermittelt uns, dass in einer globalisierten Welt alles mit allem verbunden ist."

Das Internet verbindet Orte und Menschen, so dass wir zu Hause vor dem Bildschirm mit einer Freundin in Afrika eine Tasse Tee trinken können oder mit japanischen Geschäftspartnern Konferenzen abhalten. Ein unterirdisches Netzwerk von Pilzen, Mikroorganismen, Pflanzen und Tieren sorgt dafür, dass das ökologische Gleichgewicht erhalten bleibt und damit auch die Kreativität des Bodens. Durch dieses Netzwerk werden Warnsignale weitergegeben, Helfertiere herbeigerufen und symbiotische Beziehungen zwischen Pflanzen und Tieren gepflegt. Man könnte es auch das neuronale Netz der Erde nennen, es bildet die Grundlage für ihre Intelligenz, ihre Fruchtbarkeit und ihre Fähigkeit, sich selbst zu heilen. Das soziale Netz sorgt – sofern es intakt ist – dafür, dass der Einzelne im Notfall von der Gemeinschaft getragen wird. Stromnetze versorgen uns mit Energie. Verkehrsnetze ermöglichen uns zu reisen und uns gegenseitig zu besuchen. Ein Netz von Handelsbeziehungen sichert den Austausch von Waren, und das Netz der Banken und Währungen ermöglicht, ökonomische Schwankungen auszugleichen.

All diese Netze sind ein Ausdruck unserer vielfältigen Verbundenheit, sie strukturieren unsere Gemeinschaft und zeigen, dass wir zusammengehören, weil wir die Erde, die Luft, das Wasser, die Energievorräte, unsere Lebenszeit und sogar einen Teil unseres Bewusstseins teilen.

Der Philosoph und Biologe Andreas Weber hat die Liebe in ihrem weitesten Sinn als eine ökologische und soziale Praxis definiert, als einen Austausch von Gaben, der beide Seiten verwandelt und sie gleichzeitig in diesem Wandlungsprozess trägt. Es gehe darum, eine Balance mit dem Anderen herzustellen, in der dieser Andere besser gedeihe als allein.

Die verschiedenen Netzwerke ermöglichen uns auf gesellschaftlicher Ebene diese Praxis der Liebe. Sie entfalten allerdings erst dann ihr heilsames Potential, wenn sie nicht mehr von einzelnen zu ihrem individuellen Vorteil genutzt, sondern tatsächlich von einem Gemeinschaftsbewusstsein getragen werden.“

Aus: Natalie Knapp: Der unendliche Augenblick: Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind. Rowohlt Verlag, Reinbek, 2015.

Stand: Oktober 2015