Dr. Steffi Burkhart

Steffi Burkhart, Jahrgang 1985, versteht sich als Sprachrohr ihrer Generation – der Generation Y. Als Bloggerin und Rednerin spricht sie selbst aus der Perspektive der heute 20- bis Mitte 30-Jährigen. Sie zeigt auf, warum junge Menschen so ticken wie sie ticken, wie das ihre Sichtweise auf die Arbeitswelt beeinflusst und warum die Diskussion um die junge Generation oftmals nur auf der Symptom- und nicht der Ursachenebene stattfindet. 
Die promovierte Sportwissenschaftlerin hat selbst erlebt, wie es sich anfühlt, im Job nicht glücklich zu sein. Daraus resultiert für Sie die Motivation, dazu beizutragen, für alle eine bessere Arbeitswelt zu schaffen.
 

Die Fehlinterpretation der Diskussion um die Generation Y

Es gibt keinen Medienkanal, der in letzter Zeit nicht über die Generation Y, die heute 20- bis Mitte 30-Jährigen, berichtet. Schade ist, dass dabei alle über uns reden, anstatt mit uns zu reden oder uns selbst zu Wort kommen lassen. Denn dabei wird ein Bild von uns kreiert, das uns ziemlich ins Negative zieht: Wir seien respektlos Vorgesetzten gegenüber, wüssten uns nicht mehr zu benehmen, wollen keine Verantwortung mehr übernehmen und so weiter und so fort. Ich bin jedoch der Meinung, wer so über meine Generation denkt, schreibt und spricht, hat den eigentlichen Kern der Diskussion nicht verstanden und läuft dem Missverständnis hinterher, dass wir jungen Menschen überhöhte Ansprüche an die Arbeitswelt haben. Wer hingegen versucht, den Kern zu verstehen, wird erkennen, dass viele der Forderungen, die wir heute stellen, bereits von den „68ern“ gestellt wurden und dass in diesen Forderungen Potenziale stecken, die für alle eine moderne und bessere Arbeitswelt schaffen können. Und letztere brauchen wir unbedingt. Der Leidensdruck vieler Unternehmen ist groß: sowohl innerhalb der Unternehmen als auch aufgrund der wachsenden Marktdynamik, die von außen auf Unternehmen wirkt.
Das heißt für mich: Im Kern der Diskussion geht es NICHT darum, Menschen in unterschiedliche Altersgruppen-Schubladen zu stecken und gegenseitiges Pingpong so ganz nach dem Motto „Ihr seid doof, wir sind besser“ zu spielen. Sondern es geht viel mehr darum, den Begriff Generation Y um einen zentralen Aspekt zu erweitern. Generation Y steht für mich nicht nur für eine Alterskohorte, sondern für eine innere Haltung, die sowohl junge als auch ältere Menschen in sich tragen können. Eine innere Haltung, die auf Dynamikrobustheit basiert, die offen ist für den Wandel der Arbeitswelt, die danach strebt, Unternehmenserfolg und Zufriedenheit der Mitarbeiter in Einklang zu bringen.

Generation Y = Innere Haltung, die sowohl jung als auch alt in sich tragen

Interview mit Dr. Steffi Burkhart zur Fehlinterpretation der Diskussion um die Generation Y

Als Bloggerin und Rednerin spricht Steffi Burkhardt, Jahrgang 1985, selbst aus der Perspektive der heute 20- bis Mitte 30-Jährigen und versteht sich als Sprachrohr der Generation Y. Sie zeigt auf, warum junge Menschen so ticken wie sie ticken, wie das ihre Sichtweise auf die Arbeitswelt beeinflusst und warum die Diskussion um die junge Generation oftmals nur auf der Symptom- und nicht der Ursachenebene stattfindet.  Die promovierte Sportwissenschaftlerin hat selbst erlebt, wie es sich anfühlt, im Job nicht glücklich zu sein. Daraus resultiert für Sie die Motivation, dazu beizutragen, für alle eine bessere Arbeitswelt zu schaffen.

Steffi, wie erklärst Du Dir den Boom der Vielzahl der Publikationen und Konferenzen zur Generation Y und die Tatsache, dass Vertreter der Digital Natives kaum einbezogen werden? Ist es zuweilen nicht auch ein Mode- und Selbstdarstellungsthema der Vorgängergenerationen, an dem sich auch gut verdienen lässt?

Ein Boom basiert ja irgendwo immer auf Interesse und Nachfrage. So ist es auch bei dem Thema „Generation Y“. Firmen bemerken, die junge Generation tickt irgendwie anders, verhält sich irgendwie anders, stellt irgendwie andere Forderungen an Arbeitgeber und Führungskraft. Hinzu kommt: Einflussfaktoren wie Digitalisierung, Wandel zur Wissensgesellschaft oder die demografische Entwicklung in Deutschland begünstigen die Forderungen, die an Unternehmen gestellt werden. Und was wir eben auch wissen: Der Leidensdruck in vielen Unternehmen ist hoch. Sowohl innerhalb der Unternehmen als auch aufgrund der wachsenden Marktdynamik die von außen auf Unternehmen einwirkt.
Dieser Boom um die „Generation Y“ ist demnach erst mal nicht als all zu negativ zu bewerten. Er schafft Aufklärung und ein Bewusstsein für den Wandel der Arbeitswelt.

Auf der anderen Seite erkenne ich in dem Boom die Gefahr, dass dabei viele am eigentlichen Kern der Thematik vorbeidiskutieren. Denn Generation Y, also die Alterskohorte der heute 20 bis Mitte 30 Jährigen, wird oftmals als Ventil der veränderten Bedingungen verstanden – ob im Positiven oder Negativen. Genau das darf nicht passieren. Passiert aber, wenn alle nur über die jungen Leute reden und gar nicht mit ihnen in Austausch gehen.

Für mich wiederum besteht der Kern der Diskussion in der Erkenntnis, dass Generation Y nicht nur für eine Alterskohorte steht, sondern für eine innere Haltung. Eine innere Haltung, die sowohl junge als auch alte Menschen in sich tragen, die auf Interesse für den Wandel der Arbeitswelt basiert, die mutig ist und dazu beiträgt, für ALLE eine bessere Arbeitswelt zu schaffen. Und wenn wir von dieser erweiterten Definition von „Generation Y“ ausgehen, stellen wir fest: So viel anders tickt die junge Generation gar nicht. Wir stellen vielmehr nur die Forderungen, die bereits in den 68ern gestellt wurden, die wir jedoch aufgrund der begünstigten Einflussfaktoren viel „radikaler“ einfordern können. 

Welche Möglichkeiten nutzt Du, auf diese Entwicklung zu reagieren? Worin unterscheiden sich Deine Veranstaltungen von den anderen?

Demnach besteht mein Ziel darin, so oft wie möglich die Chance zu nutzen, als Sprachrohr der jungen Generation genau darüber zu informieren: Generation Y steht nicht nur für eine Alterskohorte, sondern darüber hinaus vielmehr für eine innere Haltung. Das mache ich dann in Form von Vorträgen, Beiträgen in Magazinen oder eben in Zusammenarbeit mit GEDANKENtanken in Form von Kongressen und Unternehmensberatung. Als Beispiel: Am 17. Oktober hat unser erster Generation Y-Kongress stattgefunden. Thema: Unternehmensführung der Zukunft. Inhalte: junge Wirtschafts- und Unternehmensdenker haben aufgezeigt, dass eine kurzsichtige Perspektive auf „Generation Y“ nicht funktioniert. Dazu haben wir die Teilnehmer erst mal dort abgeholt, wo viele stehen: Generation Y = eine ach so andere Alterskohorte. Sind dann übergegangen in Themen wie Innovationsfähigkeit von Unternehmen, Unternehmensstrukturen, Digitalisierung, Recruiting-Dilemma bis hin zu Patrick D. Cowden, der aufzeigte, dass die Wirtschaftswelt eine neue Ausrichtung benötigt - und dazu müssen junge und alte Menschen gemeinsam dran arbeiten. Ein inhaltlicher Aufbau, der den Horizont der Generation Y-Thematik erweitert.

Fast alle Autoren verweisen im Wortlaut auf Wunsch und Wirklichkeit der Generation Y. Dazu gehören für sie Variabilität der Arbeit, Netzwerken ohne Grenzen oder Flexibilität. Begriffe, die nur gegen alte ausgetauscht wurden und für ihr Gegenteil stehen. Wird das Deiner Generation gerecht? Was fehlt Dir in der Auseinandersetzung?

Es wird sicherlich einem Teil meiner Generation gerecht. Aber auch hierbei erkenne ich schon wieder die Gefahr, zu sehr in der Generationen-Schublade zu denken. Häufig erhalte ich Kommentare und Feedbacks älterer Generationen, die sagen: „Mensch, nach deinen Beschreibungen fühle ich mich selbst mit meinen 35, 45 oder 55 Jahren so Generation Y.“ Und genau hierbei sind wir wieder bei der inneren Haltung. Ihre aufgelisteten Wünsche basieren alle im Kern auf mehr Selbstbestimmung. Selbstbestimmung in Bezug auf Arbeitszeit-, Arbeitsort, Gedankengut, Projektverantwortung, Austausch mit anderen. Und das wiederum ist kein Phänomen der jungen Generation. Wir alle wünschen uns mehr Freiraum, mehr Möglichkeit zur Entfaltung der intrinsischen Motivation. Auch das ist ein generationenübergreifendes Phänomen und wird sehr ausführlich in der Selbst-bestimmungstheorie von Deci und Ryan erklärt. Und Daniel Pink beschreibt in seinem Buch „Drive: Was Sie wirklich motiviert“ sehr schön, dass und warum „interessante Nicht-Routinejobs von Selbstbestimmung abhängig sind“.

Nichtsdestotrotz gibt es zentrale Aspekte, die mir in der Auseinandersetzung mit meiner Generation fehlen. Als Beispiel: Wir brauchen in unserer Gesellschaft und in Unternehmen mehr Verständnis für ein neues Familienmodell. Denn: Wir haben heute keine andere Wahl. Wir müssen uns als Mann und Frau gemeinsam um die Familie kümmern. Es ist uns schlichtweg nicht mehr möglich, mit einem Gehalt eine ganze Familie zu finanzieren. Hinzu kommt, dass viele junge Frauen ihre berufliche Laufbahn nicht mehr an den Nagel hängen wollen und damit die finanzielle Unabhängigkeit und den persönlichen Selbstwert für die Kindererziehung aufopfern wollen. Und auch junge Männer wollen heute eines nicht mehr: Den Beruf über die Erziehung ihrer Kinder stellen. Wir haben als Mann und Frau bei unserer Elterngeneration zu häufig miterlebt, dass zu einseitige Kompromisse zu Unzufriedenheit führen.

Erst wenn dieses Bewusstsein in den Köpfen von Entscheidern angekommen ist, sind positive Veränderungen möglich. Aktuell ist es in deutschen Unternehmen um die Familienfreundlichkeit leider nicht so gut bestellt. Die Frage wird auch sein, brauchen wir diese ständige Gender-Debatte und Frauenquote noch? Ich persönlich bin der Meinung, für meine Generation ist diese Diskussion überflüssig. Wir führen sie nicht. Für uns sind Mann und Frau gleichwertig. Demnach vermute ich: Sobald die alteingesessenen Herren die Chefsessel vieler Unternehmen verlassen, wird damit auch mehr und mehr die Diskussion um die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau in deutschen Unternehmen verpuffen. Darüber hinaus gibt es natürlich noch weitere Aspekte, über die es zu diskutieren und nachzudenken gilt: Job- vs. Karrieresicherheit, Work-Life Blending vs. Work-Life Balance oder Führungs- vs. Fachlaufbahn.

Du bezeichnest Dich sich als „Sprecherin“ der Generation Y. Ist Dir diese Rolle von außen zugeschrieben worden, oder ist sie von Dir ausgegangen?

Sagen wir mal so: Was ich nicht mag ist, wenn man mich als „Expertin“ für die Generation Y ankündigt. Damit kann ich mich gar nicht anfreunden. Ich bin keine Expertin für eine ganze Generation. Und ich sehe mich auch nicht als Sprecherin einer ganzen Generation. Das ist absurd. Was ich hingegen sehr gut vertreten kann, ist die Bezeichnung „Sprachrohr“ junger Menschen. Ich versuche Informationen aus Diskussionen und dem Austausch mit jungen Menschen, Führungskräften und Beratern aufzusaugen, diese mit aktuellen Studien zur Generation Y abzugleichen, um darauf aufbauend für Unternehmen Tendenzen aufzeigen zu können, die meine Generation mehr betreffen als noch Generationen zuvor.

Und für meine eigene Generation möchte ich gerne eine Mutmacherin sein. Denn ich habe selbst erlebt, was es bedeutet, im Job nicht glücklich zu sein. Habe mich von diesem Weg getrennt und habe nun mein Hobby zum Beruf gemacht.
Sehr viele junge Menschen sind der Meinung, sie müssten sich so verbiegen, dass sie zu ihrem aktuellen Jobprofil passen. Das tut mir in der Seele weh. Ich selbst hab das auch versucht. Man stellt sich dabei selbst in Frage – statt das man sich die Frage stellt, ob die eigene Persönlichkeit vielleicht nicht zu den Unternehmensstrukturen und der Führungskultur passt und man nach neuen Lösungen suchen muss. 

Welchen Einfluss hatte das Buch von Philipp Riederle „Wer wir sind und was wir wollen“ auf Deine Generation? An welchen Punkten stimmst Du mit ihm überein, und was siehst Du anders? Welche Bücher Deiner Generation kannst Du empfehlen?

Ich kenne Philipp, habe auch schon Vorträge von ihm gehört. Sein Buch habe ich ehrlich gesagt nicht gelesen – nur überflogen. Deshalb kann ich hierzu nichts sagen. Sein Fokus liegt mehr auf der Digitalisierung der jungen Generation und dem Mythos, wir hätten kein soziales Netzwerk. Meine Ausrichtung ist etwas globaler. Mehr bezogen auf den Wandel der Arbeitswelt.
Bücher kann ich einige empfehlen – ich achte dabei aber nicht darauf, ob sie von Generation Y-Vertretern geschrieben sind/wurden oder nicht. Und es ist ja auch immer eine Frage der konkreten Ausrichtung. Bücher, die ich sehr gut finde, sind von Markus Albers, Christoph Burkhardt, Patrick D. Cowden, Niels Pfläging, Lars Vollmer und Catharina Bruns. Darüber hinaus haben Christoph Giesa und Lena Schiller Clausen das Buch „New Business Order“ geschrieben, auch ein sehr empfehlenswertes Buch. Weitere empfehlenswerte Bücher habe ich auf meinem Blog www.generation-why.org aufgelistet.

Was macht für Dich das Wesen der Generation Y aus? Und welche Plattformen und Publikationen gibt es, um der „Substanz“ der Digital Natives näher zu kommen?

Puh. Ein zentraler Wesenszug unserer Generation ist die Individualität. Wir sind eine Alterskohorte voller Individuen und für mich demnach schwer bis gar nicht unter einem Wesen beschreibbar und greifbar. Wer das versucht, pauschalisiert und schafft Klischees. Klingt jetzt vielleicht unbefriedigend, ist aber so. Daraus resultierend lässt sich auch nicht aufzeigen, auf welchen Plattformen wir uns so tummeln, oder welche Publikationen wir lesen. Sicherlich ist die Plattform TED für viele ein Begriff. Und natürlich sind wir viel bei Youtube, Facebook, twitter oder instagram unterwegs. Einige lesen Magazine wie NEON und BusinessPunk oder besuchen Blogs wie anti-uni.com oder ninialagrande.de. Circus HalliGalli ist beispielsweise auch eine Sendung, die in unserer Generation sehr angesagt ist. All die genannten Hinweise treffen natürlich im Leben nicht auf alle zu. Ich denke, um der „Substanz“ der Digital Natives näher zu kommen, ist es wichtig, Face-to-Face-Austausch mit jungen Menschen zu suchen. Darüber hinaus gibt es Veranstaltungen, die einen Austausch zwischen Alt und Jung ermöglichen. Wer in Berlin oder Hamburg lebt, sollte sich mal einen ganzen Tag lang ins Betahaus setzen. Oder Kölner mal im Clusterhaus oder Startplatz Kaffee konsumieren und sich dort mit den Menschen austauschen. Wer sich wirklich für junge Menschen interessiert, wird genügend Ansätze finden, um über junge Menschen etwas zu erfahren.

Häufig wird behauptet, wir seinen die Generation Y – die immer nach dem Warum und Wozu fragt. Das mag durchaus richtig sein, dass die Suche nach dem Sinn – ob privat oder beruflich für uns eine hohe Priorität hat. Aber auch das wiederum ist keine zentrale Eigenschaft meiner Generation, sondern ein Antreiber jeder Person – ob nun jung oder alt. Wir trauen uns heute vielleicht nur mehr, diese Frage laut auszusprechen.

Die nächste Generation Z, also alle, die nach 2000 geboren sind, ist bereits in Sichtweise. Die zukünftigen Führungskräfte und Mitarbeiter gehen in den Kindergarten und in die Schule. Wie bindest Du die Nachfolgegenerationen in Deine Arbeit ein?

Aktuell noch nicht. Ich beobachte, dass momentan viele Unternehmen ihr Bewusstsein für meine Generation erweitern. Jetzt schon von bzw. über der nachrückenden Generation zu sprechen wäre eine weitere Verunsicherung oder gedankliche Überforderung. So meine Meinung dazu. Deshalb beschränke ich mich zum jetzigen Zeitpunkt auf die heute 20 bis Mitte 30 Jährigen sowie den übergreifenden Wandel der Arbeitswelt. Wenn wir es in deutschen Firmen schaffen, diesen Wandel als Chance zu erkennen und positiv damit umgehen, schaffen wir Voraussetzungen, die auch nachrückenden Generationen zugute kommen.

Kannst Du meinen Eindruck bestätigen, dass derzeit zwei Themen die Medien dominieren: Freundschaft und Angst? Und wie geht die Generation Y damit um?

Ich denke, es kommt immer darauf an, welche Medien man verfolgt ☺ Aber in der Tat ist Angst ein großes Thema, das meine Generation beschäftigt. Oliver Jeges beschreibt es in seinem Buch „Generation Maybe: Die Signatur einer Epoche“ sehr schön: „Wir haben Angst, dass uns die ganz große Krise heimsucht. Wir haben Angst, dass aus uns nichts wird. Wir haben Existenzangst. Wir glauben zu wissen, dass es so wie jetzt nicht mehr lange weitergeht. Uns wird so viel abverlangt wie niemandem zuvor: Wir sollen in jedem nur erdenklichen Lebensbereich perfekt funktionieren.“ Und diese Multioptionalität in allen Bereichen unseres Lebens führt dazu, ständig Angst zu haben, nicht die richtige Entscheidung zu treffen. Wir erleben in unserer Generation keinen roten Faden mehr, der sich durch unser Leben zieht. In vielen Bereichen brauchen wir neue Denk- und Handlungsansätze (und die am besten Wochen für Woche, Monat für Monat), können uns nicht mehr an Erfahrungen und Lebensläufe unserer Eltern orientieren. „Unser Leben gleicht heute einer Baustelle. Überall und immer gibt es was zu schrauben, klopfen und polieren.“, schreibt Oliver Jeges sehr passend.

Wir schwimmen in einem Fass voller Unsicherheit. Und das ist beängstigend, weil es keinen Plan oder keine Vorbilder gibt, nach denen wir uns richten und leben können. Mit ein Grund, warum uns ein intaktes soziales Umfeld so unfassbar wichtig ist. Denn Freunde und Familie sind für uns wichtige emotionale Anker im Leben. 

Was bedeutet den Digital Natives eine häufig gestellte Frage der Generation X, die ihr Selbstbewusstsein häufig auch aus ihrem Status bezog und deshalb vielleicht auch ängstlicher ist als ihre Nachfolger: „Was bin ich ohne meine Funktion“?

Ich gehe davon aus, die Frage bezieht sich auf die berufliche Funktion. Wir alle wollen wichtig und wertvoll sein und anerkannt werden. Das heißt: Auch für meine Generation ist es wichtig zu wissen, welche Funktion man beruflich einnimmt – und eben auch, dass man eine bestimmte Funktion einnehmen darf. Auch wir fühlen uns im Selbstwertgefühl geknickt, wenn wir keine Antwort auf diese Fragen erhalten. Denn dann fühlen auch wir uns eher nutzlos und unbedeutend.
Ich denke, ein Unterschied zur vorherigen Generation besteht darin, dass wir uns nicht mehr nur über unsere berufliche Funktion und unseren beruflichen Erfolg definieren. Wir streben vielmehr nach Anerkennung für berufliche und private Erlebnisse und Erfahrungen. Und je mehr Menschen davon erfahren und je mehr Menschen das gefällt, desto glücklicher und wertvoller fühlen wir uns.

Dank Social Media Kanälen wie Facebook, Twitter und Instragram stehen wir hierbei unter sozialem Dauer-Wettbewerb. Das Sammeln von „Likes“ ist bei vielen der jungen Generation mit positiven Gefühlen konditioniert. Wir posten Bilder von Party, Urlaub, neuer Frisur, Erfolgserlebnisse, Familienglück, Witze, Zitate, Texte und Geschenke, um anderen zu zeigen, was wir haben, können und sind. Und der Grad des Selbstwertgefühls steigt mit der Anzahl der damit einhergehenden „Gefällt mir“-Klicks. Wir betreiben demnach dauerhaft Eigenwerbung und definieren darüber unsere Wertigkeit. Das ist ein bisschen vergleichbar zu der Sparkassenwerbung von 1999: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“. „Mein Sixpack, mein Hund, mein Urlaub, mein Brunch, ...“.

Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt
Quelle: http://www.huffingtonpost.de/../../alexandra-hildebrandt/selbstbestimmt-wie-die-generation-y-wirklich-tickt_b_6053746.html (28.10.2014)

 

Stand: Oktober 2014