Egidius Braun

Egidius Braun, Jahrgang 1925, war von 1992 bis 2001 Präsident des Deutschen Fußball-Bundes. Anschließend wurde er zum Ehrenpräsidenten ernannt. Im selben Jahr gründete Braun die „DFB-Stiftung Egidius Braun“. Die Aktion "Kinder in Not" unterstützt insbesondere Kinder in Ost-Europa, während in der Mexico-Hilfe sehr unterschiedliche Projekte angesiedelt waren (z. B. die Unterhaltung des Waisenhauses "Casa de Cuna", des Mutter-Kind-Heimes der Vicentinas und die Förderung des Straßenkinderprojektes in Querétaro). Vom WDR wird der „Egidius-Braun-Preis“ verliehen. Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg machte Braun, der Rechtswissenschaften und Philosophie studierte, sich mit dem Unternehmen „Kartoffel-Braun“ selbstständig. Nebenbei spielte er Fußball in der ersten Mannschaft des SV Breinig, dessen Vorsitz er von 1956 bis 1959 übernahm. Nach seinem Engagement auf lokaler Ebene wurde er 1973 zum Präsidenten des Fußball-Verbandes Mittelrhein und zum Mitglied des DFB-Beirates gewählt. Im August desselben Jahres wurde er Vizepräsident des Westdeutschen Fußball-Verbandes. Von 1983 bis 1987 war Braun Verwaltungsratsmitglied des 1. FC Köln. Anlässlich seines 60. Geburtstages wurde ihm das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen. Das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern erhielt er im Jahre 1997. Für seine Verdienste um das Land Nordrhein-Westfalen wurde er 1995 mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen geehrt. Von 1977 bis 1992 war er Schatzmeister des DFB. Nach weiterer Präsidentschaft im Fußball-Verband Mittelrhein (1981, 1983, 1986 und 1992) wurde Braun am 1992 zum 8. Präsidenten des DFB gewählt. Im selben Jahr wurde er außerdem Präsidiumsmitglied des Nationalen Olympischen Komitees. Das Präsidentenamt hatte er bis zum 28. April 2001 inne. Egidius Braun ist verheiratet und hat zwei Söhne. "Fußball ist mehr als 1:0" - dieses Lebensmotto von Egidius Braun hat in hohem Maße sein Engagement bestimmt und die Bedeutung des Fußballs als wichtige gesellschaftliche Gruppe in Deutschland entwickelt.

Weitere Informationen:
http://www.dfb-stiftung-egidius-braun.de

 

Der Zukunftsmacher

Egidius Braun als Vermittler der Nachhaltigkeit  

Von Dr. Alexandra Hildebrandt, DFB-Nachhaltigkeitsbeauftragte

 

Es ist sehr leicht, große Sätze über Nachhaltigkeit zu veröffentlichen. Doch sie werden oft und ohne Nutzen gelesen. Nachhaltigkeit findet auch nicht auf dem roten Teppich statt, sondern auf festem Boden, tief verwurzelt im eigenen Leben. Zahlenwerk und Sachstandsberichte sind das eine; die Menschen dort abzuholen, wo sie im Innersten ansprechbar sind, das andere. Hier braucht es Vorbilder und Geschichten, denen sie gern folgen, die ihnen zeigen, dass das, was zunächst abstrakt anmutet, mit ihnen zu tun hat.

Die Vermittlung von Nachhaltigkeit, die auch im Fußball vor allem eine Lebenseinstellung und Haltung ist, braucht zudem gute Kommunikatoren  und Verbinder, die das „Dazwischen“ lieben. Sie wissen, dass Schwarz oder Weiß allein die Welt zwar einfacher erscheinen lassen, aber Neues meistens in „Grauzonen“ entsteht: dort, wo es keine Abgrenzung gibt, sondern Veränderung. Oft werden Funktionäre mit „Grau“ in Zusammenhang gebracht, einer Farbe, die für Starrheit und Phantasielosigkeit  steht. Nicht so bei Egidius Braun, bei dem dieser „Zwischenton“ mit Erfahrung, Weisheit und Würde verbunden ist, und für den „ein Gramm Arbeit mehr wog als ein Kilo Worte“. Dabei empfand er den Begriff „Funktionär“ niemals als Schimpfwort, sondern als ehrenvollen Auftrag. Er sah sich als Diener seines Amtes – eine  wichtige Voraussetzung dafür, die eigene Macht demütig und respektvoll auszuführen und dort etwas zu bewegen, wo es eine Verpflichtung zur Äußerung oder zum Handeln gibt.

Von seiner Einstellung können Führungskräfte in Unternehmen und Organisationen noch heute gleichermaßen lernen: Denn er erlag nie der Verführung der Ichblähung und wusste, dass sich Macht, die ausgeübt wird, auch verbraucht. Begeisterungsfähigkeit und Einfühlungsvermögen waren ihm immer wichtiger als Autorität. Die Erkenntnis des Kirchenvaters Augustinus leuchtet über ihm und allen, die ihr Leben in diesem Sinne teilen: „Nur wer selbst brennt, kann andere entzünden.“

Nie war Egidius Braun der Bedenkenträger einer „Zentralverwaltung“, in der gelenkt, reguliert und abgesichert wird. „Der DFB“, sagte er  in seiner Rede zum DFB-Bundestag 1995, „das ist für viele eine elitäre Fußball-Verwaltungsgesellschaft mit Monopolstellung, Machtfülle, egoistischen Funktionären ... Das sitzt; dem müssen wir entgegnen.“ So setzte er sich dafür ein, dass die Organisationsstruktur des DFB und die dortigen Entscheidungsfindungen noch transparenter werden: „Aufklärungsarbeit, welcher Ausschuss entscheidet was? Welche Instanz entscheidet über dies?“ (Rede zum DFB-Bundestag 1995) Er war Ermöglicher statt Bremser, dem bewusst war, dass nur, wer sich auch emotional bewegt, etwas bewegen und bewirken kann, und dass in einem wirklichen Entwicklungsprozess und Wandel die Selbstorganisation aller beteiligten Akteure ein zentrales Element ist. In seiner Antrittsrede beim DFB-Bundestag am 24. Oktober 1992 in Berlin heißt es: „Noch eine Untersuchung, noch ein Gutachten – das hilft uns nicht … Was Not tut, sind neue Ideen, die ausprobiert werden und nach positiver Erfahrung anderswo übernommen werden.“ Damit meinte er weder Sprunghaftigkeit noch hektisches Agieren. Er plädierte für Kontinuität und für die Einheit der Organisation - dafür, das Richtige weiter zu verfolgen, aber gleichzeitig verantwortungsvoll, kreativ und offen für den Wandel zu bleiben.

Zwanzig Jahre später argumentiert der neu gewählte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach anlässlich seiner Antrittsrede in Frankfurt ähnlich, wenn er sagt, dass der DFB eine Weiterentwicklung in allen Bereichen braucht: eine „Evolution“. Er bekannte sich sogar dazu, konservativ zu sein - nämlich im  wahrsten Sinne des Wortes. Es geht ihm wie Egidius Braun um das Bewahren traditioneller und zeitloser Werte innerhalb des Systems Fußball: „Bei mir ist die Überschrift Evolution, Weiterentwicklung, Wachsein, Beobachten, wohin der Ball läuft. Und an den ersten Platz stelle ich die Einheit des Fußballs. Es ist die Einheit von Spitze und Breite, von Profis und Amateuren.“ 

Die Bündelung von Profisport und Breitensport unter einem Dach war auch für seinen Vorgänger Dr. Theo Zwanziger ein wesentliches Fundament für die Umsetzung von Nachhaltigkeitskonzepten im deutschen Sport. Die Aussage von Egidius Braun galt gewissermaßen auch für ihn: "Ich benutze die Nationalmannschaft, um anderes tun zu können." Die Vorbildfunktion der Nationalmannschaft und die Attraktivität des Bundesligafußballs sind die sichtbare Spitze, die jene Begeisterung auslöst, die auch Kinder und Jugendliche in die Vereine strömen lässt. Die Zeit, die ihnen dort gewidmet wird, ist eine Investition in die Zukunft. Dabei bedingen sich die großen und kleinen Vereine wie die Teile eines starken Baumes, der sich ohne ein stabiles Wurzelwerk nicht entfalten kann. Werden die Wurzeln vernachlässigt, „dann werden oben am Baum ganz schnell die Blätter welken“, wiederholte Egidius Braun häufig und nahm dabei auch in Kauf, als Fußball-und Sozialromantiker etikettiert zu werden. Er sah sich vielfach bestätigt durch die weise Formulierung von Konrad Adenauer: „Wer oben etwas bewirken will, muss unten fest verankert sein.“

Wer etwas verändern will, muss zu vielem bereit, aber nicht zu allem fähig sein. Egidius Braun war nicht nur pragmatisch und bodenständig, sondern auch unbeugsam. Weggefährten beschreiben ihn liebevoll als querköpfig und stur, wenn er unbedingt auf den Weg bringen wollte, was er als zwingend notwendig erkannt hat: „Wenn es Spitz auf Knopf steht, bringt ihn niemand mehr von seiner Linie ab“, so die Frankfurter Rundschau im Februar 1995 zu seinem 70. Geburtstag. Ob als Schatzmeister oder Präsident: Der Weg war für ihn immer schon das Ziel des Gelingens. Im Englischen gibt es kein Wort für „Gelingen“, sondern nur „success“, was bedeutet, zielfixiert zu sein, aber nicht prozessorientiert. Im Chinesischen dagegen heißt es „Der Weg ist das Ziel“, was nichts anderes bedeutet, als dass es auf die Gestaltung von (Schaffens-)Prozessen ankommt, bei denen das Ziel „unterwegs“ erreicht wird. Er hat es „hartnäckig, akribisch, penibel, zuweilen sogar pedantisch“ verfolgt. Dafür wurde er von seinen Weggefährten bewundert – zumal das „von ihm abgesteckte Spielfeld weitaus größer war als die 110 mal 60 Meter eines Fußballplatzes, auch nicht beschränkt auf den DFB, sondern ausgedehnt auf alle gesellschaftlichen Ebenen“. Er war eben ein „Macher“, so Horst R. Schmidt, „der unendlich viel machbar machte, und außerdem ein glänzender Repräsentant.“

Gesellschaftspolitisch sind Macher wie er unverzichtbar, weil sie „Mensch“ sind, an Querverbindungen interessiert und in ihrem ganzheitlichen Wirken deutlich machen, dass man nicht nur Zahlen addieren darf, sondern immer wissen muss, dass Menschen „im Spiel“ sind, die man zu gewinnen hat, um etwas durch Sport  mit seinen Einflüssen und ungeahnten Möglichkeiten zu bewirken. Ein wichtiger Antrieb, sich zu engagieren, waren für ihn neben der Liebe auch Demut, die für ihn neben der Empathie die wichtigste Haltung des Menschen ist: Demut ist die Basis des Mitgefühls, ohne sie besteht die Gefahr, dass sich Hochmut einschleicht und ein falsches Selbstbild entsteht.

Sein Handeln und Engagement wurde durch sein Lebensmotto „Fußball mehr als ein 1:0“ bestimmt. Für den DFB konzipierte er die sogenannte Drei-Säulen-Theorie (Leistungssport, Breitensport und soziales Engagement), die immer mit folgenden Grundsatzfragen eng verbunden war: Was dient den Vereinen? Hat unser Handeln einen sozialen Bezug? Steigert es das Ansehen des Fußballsports? Die Menschen in den Vereinen sollten spüren, dass der Verband für sie da ist, ihre Probleme versteht und bei Problemlösungen hilft. Vereinsservice war für ihn nicht nur Programm, sondern auch Herzenssache. Um diese Aufgaben zu bewältigen, braucht es „Unternehmer“ – und das sind alle, die etwas „unternehmen“ und nicht managen. Wie sehr ihn das Wesen des Unternehmertums prägte, zeigen Stationen seiner Biographie: Er war Volontär in einem Aachener Export- und Importunternehmen für Agrarprodukte und übernahm nach nur drei Wochen dort die Aufgaben einer Führungskraft  und wurde mit 21 Jahren Treuhänder der Firma. Dabei ist er immer er selbst geblieben.

Zu Beginn der Französischen Revolution machte Graf Mirabeau auf einen Abgeordneten aus der nordfranzösischen Stadt Arras aufmerksam, den noch niemand kannte - es war Robespierre: „Der wird es weit bringen; denn er glaubt alles, was er sagt.“ Das heißt auch, dass Moral nur dort Fuß fasst, wo sie auch vorgelebt  und „Rücksicht“ genommen wird. Denn vorwärts kommt nur, wer seine Mannschaft „abgeholt“ hat. Schon Jesus von Nazareth, für viele Menschen der Inbegriff des Retters, Rebellen und Sinnstifters, fragte die zwölf Apostel stets nach ihrer Bereitschaft, ihm zu folgen: „Seid ihr bei mir?“

Egidius Braun, der auch liebevoll „Pater Braun“ genannt wurde, achtete darauf, dass er alle mitnahm und sorgend Anteil an ihnen nahm. Unvergessen ist seine beeindruckende Reaktion, als während der Fußball-Weltmeisterschaft im Juni 1998 in Lens deutsche Hooligans den französischen Gendarmen Daniel Nivel fast zu Tode schlugen. Er demonstrierte Mitgefühl und teilte das Leid mit dem Opfer, verfiel nicht in die geschäftige Routine eines „Managers“, sondern blieb ein humanitärer „Unternehmer“, der nach Wegen suchte, das Leid zu lindern. Bereits fünf Jahre zuvor beim DFB-Bundestag in Berlin bezog er Stellung und bekannte öffentlich seine Abscheu der Gewalt gegen jeden Menschen: „Über Gesetze kann ich diskutieren, über Gewaltanwendung nicht. Wer rassistische Parolen brüllt, wer Brandsätze auf Kinder wirft, wer rohe Gewalt gegen andere Menschen anwendet, hat kein Argument mehr für sich; er ist ein Krimineller“.

Ethik war für Egidius Braun kein lästiges Hindernis, sondern elementare Voraussetzung für nachhaltigen sozialen und wirtschaftlichen Erfolg im Fußball. Persönliche Integrität war für ihn das Rückgrat für einen verlässlichen Wertekompass. Schon als junger Mann besaß er die Tugenden eines Ehrbaren Kaufmanns, die auch seine spätere Arbeit prägten. Denn er handelte auch beim DFB nach dem Grundsatz der Nachhaltigkeit, dass nie mehr ausgegeben werden darf als eingenommen wird. Egidius Braun verfolgte, um die Finanzen zu konsolidieren, denselben Weg, der ihn als Unternehmer („Kartoffel-Braun“) erfolgreich gemacht hat: Er drängte auf Sparsamkeit, um die finanzielle Unabhängigkeit des Verbandes zu sichern. 

Nachdem er seinem Vater mit 26 Jahren als erster Mann in die Führungsspitze des SV Breinig folgte, ließ sich der Aufstieg zu höchsten Ämtern im Fußball-Verband Mittelrhein, im Westdeutschen Fußball-Verband, im DFB, in der Europäischen Fußball-Union (UEFA) und im Fußball-Weltverband (FIFA) nicht mehr aufhalten. Bereits in seiner Antrittsrede als Mittelrhein-Präsident setzte er sich für die Einheit des Fußballs ein: „Lizenzfußball und Amateurfußball sind beide unter einem Dach, in einem Lager, und jeder braucht den anderen. Die einen den Leistungssport als Stimulanz für den gesamten Fußballsport, die anderen die ganze Breite des Sports als echten Aufbau und nie versagenden Quell des Nachwuchses.“ Auch die Anliegen der Kinder, damals vor allem die türkischen, lagen ihm schon damals am Herzen. „In zwanzig Jahren“, sagte der 48-Jährige, „werden möglicherweise diese Kinder noch in unserem Land leben. Und unser Verhalten wird für sie ein Maßstab dafür sein, wie sie sich bei uns sozial einordnen und wie sie uns als Menschen beurteilen.“ Von Diversity-Management hat damals noch niemand gesprochen. Es brauchte diese Begrifflichkeit auch nicht, weil „Vielfalt“ selbstverständlich gelebt wurde, denn die Sehnsüchte der Menschen sind überall gleich - sie wollen Frieden und Glück, egal in welcher Kultur sie leben.

Egidius Braun war von Beginn an dabei,  als sich Fußball-Vereine der Integration ausländischer Bürger öffneten. Im Dreiländereck Aachen-Maastricht-Lüttich initiierte er in den 70er Jahren zahlreiche Kontakte zu Vereinen im benachbarten Ausland. Die Integrationsprogramme für Ausländer und eine Jugendförderung auf breiter Ebene gehören zu den herausragenden Leistungen während seiner Mittelrhein-Präsidentschaft. Fußball als Mittel zur Toleranz, Integration und Völkerverständigung war sein großes und dauerhaftes Thema. Später gründete er das DFB-Jugendwerk, das durch internationale Verbandsjugendhilfe sehr engagiert für den Fußball in Osteuropa eintritt und sich für die Integration der Landesverbände in den neuen Bundesländern einsetzte, damit auch im Fußball zusammenwächst, was zusammengehört.

Doch die erste Reihe hat Egidius Braun nie gesucht. Vielmehr ist er auf sie zugekommen - aus einem traurigen Grund: Als Hermann Neuberger 1992 einem Krebsleiden erlag, wurde Braun, bislang verantwortlich für die Finanzen, sein Nachfolger. Dabei  versuchte er nie, seine Vorgänger zu kopieren. Er hatte seine eigenen Vorstellungen, wie man solche Ämter ausfüllen und einen traditionellen Verband wie den DFB führen muss: Er war hart in der Sache, gradlinig, mitunter auch ungeduldig und schonungslos sich selbst gegenüber. Sein altgriechischer Vorname Egidius bedeutet so viel wie „Schildhalter“, der er als DFB-Präsident immer war, denn er fühlte sich an das gebunden, was darauf an Lebensaufgaben stand: Kampf für die Gleichberechtigung zwischen Profi- und Amateursport, Stärkung der Vereine als Keimzellen des Fußballs, bürgerschaftliches Engagement, Verlässlichkeit und ehrliche Kommunikation.

Bereits 1973 sagte er auf einer Verbandstagung: „Wir müssen der Öffentlichkeitsarbeit weit mehr Bedeutung beimessen als bisher.“ Ehrliche Berichterstattung sei eine der wichtigsten Aufgaben überhaupt. Egidius Braun hat für das Thema „Nachhaltigkeit“ als Pionier prozesshafte Übersetzungsarbeit geleistet. Zentrale Grundregeln der Nachhaltigkeitskommunikation heißen deshalb noch heute: Verstehbarkeit, Gestaltbarkeit und Sinnhaftigkeit. Mit einer verstärkten Medienarbeit wollte er unter anderem erreichen, dass nicht nur das Ansehen des Verbandes in der Öffentlichkeit verbessert und den Leistungen entsprechend dargestellt wird, sondern dass vor allem die Werte, die der Fußball vermittelt, in sämtlichen Medien eine nachhaltige und positive Resonanz finden. Das englische Wort für „Wert“ („value“) kommt vom lateinischen Wort „valere“, das stark sein und gesund sein bedeutet. Werte geben also Stabilität. Otto Rehhagel, auch Kuratoriumsmitglied der DFB-Stiftungen, mahnte in den vergangenen Jahren immer wieder an, dass sich der Fußball wieder auf die alten Werte besinnen muss: „Heute ist es leider so, dass die Berater ihren Jungens sagen: Ich mache aus dir einen Millionär. Sie sagen nicht: Ich mache aus dir einen guten Fußballer." In den Anfangszeiten des bundesdeutschen Fußballs bewegten sich noch viele Amateure auf dem Spielfeld, denen es um die Freude am Fußball ging. Inzwischen haben sich Profifußballer zu Privatunternehmern mit Managern und Beratern entwickelt.

Schon in den siebziger Jahren sprach sich der Finanz- und Steuerfachmann Egidius Braun gegen eine Überbezahlung der Profis aus. Er sah darin die Gefahr eines Imageverlusts für den gesamten Fußball, „der vom großen Heer der Amateurvereine getragen wird“. Und er las all denen die Leviten, die glaubten, aus Steuergeldern Profigehälter bezahlen zu können. Er trat zwar für den Berufsfußball ein, allerdings war er der Meinung, dass Profifußballer nur in dem Maße bezahlt werden, „wie sie durch ihre Leistungen in der Lage sind, Zuschauer anzuziehen und damit die Kassen zu füllen“. Gewinnen oder verlieren, kann und darf „es“ nicht sein, war sein Credo. Seit seiner Mitarbeit in den höchsten nationalen und internationalen Gremien bemühte sich Egidius Braun verstärkt darum, das hemmungslose Profitstreben in angemessenen Grenzen zu halten. Auch warnte er davor, Fußball mit einem Dukatenesel zu verwechseln und ihn zu einer Unterhaltungsware, einem Event, verkommen zu lassen: „Wenn der Fußball nur noch eine Abteilung der Unterhaltungsbranche sein sollte, dann wäre es nicht mehr meine Welt“, betonte er. Dabei lehnte er Kommerzialisierung keineswegs ab, sondern plädierte für Augenmaß. Das bedeutet auch, auf kurzfristige Vorteile zu verzichten und Wirtschaften als langfristiges Schaffen von Werten betrachten.

Unmittelbar vor den Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen des Deutschen Fußballbundes in Leipzig warnte Braun in einem Interview  der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor einem überbordenden Turbokapitalismus im Fußball: „Ich weiß nicht, ob mein Nachfolger noch die Möglichkeit hat, sich gegen den möglicherweise drohenden Manchester-Kapitalismus zu wehren. Manchester-Kapitalismus heißt, Geld einzusetzen, wo das Geld verspricht, Profit zu bringen.“ Fußball darf nicht von Geschäftemachern missbraucht werden – es ist kein Millionenspiel, sondern ein Spiel von Millionen Menschen, die das eigentliche Kapital sind. 

Egidius Braun ging es immer (auch) um Lebenssinn, den Geld allein nicht stiften kann. Doch ohne Geld ist vieles Sinnvolle und Nachhaltige auch nicht möglich. Es kommt auf die Balance und das „Wie“ an: So konnten für die Mexiko-Hilfe, die 1986 während der Weltmeisterschaft in Mexiko von ihm initiiert und seitdem von Fußball-Persönlichkeiten wie Franz Beckenbauer, Rudi Völler, Karl-Heinz Rummenigge oder Jürgen Klinsmann unterstützt wurde, siebenstellige Beträge gesammelt und dem guten Zweck vor Ort zugeführt werden. Dabei handelte es sich hier um keine Einbahnstraße: „Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen, ein Beweis dafür, dass wir gemeinsam handeln müssen, um in der Zukunft zu bestehen. Das Konzept des Nationalstaats, der sich hinter einer Mauer verstecken kann, gehört der Vergangenheit an. Es geht nicht mehr an, dass jemand sagt: ‚Ich lebe ganz gut, sollen die anderen doch sehen, wie sie zurechtkommen.‘  Keiner kann ohne den anderen leben.“ So die Kernaussage seiner Rede anlässlich der Verleihung des „Tecelote de Oro“ der Universidad Autónoma de Guadalajara (Mexico, April 1997). Auch für die Nachwuchsförderung in Bulgarien, für karitative Maßnahmen in Moldawien, für die Soforthilfe nach dem katastrophalen Erdbeben in der Türkei hat er sich eingesetzt wie kaum ein anderer Sportfunktionär.

Sinn in der eigenen Arbeit zu sehen, ist bedeutender als der persönliche Profit. Auch möchten die meisten Menschen das Gefühl haben, dass sie mit ihrer Tätigkeit zu einem bestimmten Zweck  beitragen. Deshalb ist das Ehrenamt das tragende Element einer nachhaltig ausgerichteten Gesellschaft. Es schafft nicht nur materielle Werte, sondern auch unersetzliche geistige und soziale. „Unsere Ehrenamtlichen sind ein großes Heer von Sozialarbeitern, die wir gerade in Zeiten benötigen, in denen unsere Kinder und Jugendlichen besonders Halt und Orientierung suchen“, sagte er in seiner Rede zum DFB-Bundestag 1995. Wichtig ist dabei die Anbindung der Ehrenamtlichen in den vielen Vereinen an die sportliche Spitze. Sie sind das eigentliche Wurzelwerk der Nachhaltigkeit.

Wer sich mit dem Leben und Wirken von Egidius Braun beschäftigt hat, weiß, was dieses Thema wirklich bedeutet – keine Definition, Podiumsdiskussion, kein Werbespot dringt so tief ins Bewusstsein wie eine solche Biographie, die lehrt, dass es immer auch darauf ankommt, den Blick vom eigenen unmittelbaren Verantwortungsbereich weg auf das Ganze der Gesellschaft zu richten. Die entscheidende Frage muss lauten: "Was kann ich tun, um dafür einen wesentlichen Beitrag zu leisten?"

Ihn beschäftigte aber auch die Kernfrage, welche Fähigkeiten wir brauchen, um unsere Welt als Lebensraum zu erhalten und zugleich allen Menschen die Chance zur Erfüllung ihrer Bedürfnisse in Gegenwart und Zukunft zu ermöglichen. Im Zusammenhang mit den Aufgaben und Zielen des DFB schloss er seine Rede zum DFB-Bundestag 1995 mit einer Reflexion über die Zukunft und zitierte einen Trendforscher: „Die Zukunft ist kein Objekt der Erkenntnis, sondern des Handelns. Ich kann zwar nicht wissen, was die Zukunft bringt, aber ich kann – lassen Sie mich umformulieren – wir können darüber bestimmen, was wir in der Zukunft zu unternehmen gedenken.“

Es ging ihm bei allem, was er tat darum, begreifbar zu machen, dass das eigene Handeln immer Konsequenzen hat und zwischen verschiedenen Handlungsalternativen gewählt werden muss. Auf der Basis eigener Entscheidungen entwickeln sich dann Werte und Haltungen, die zur Übernahme von Verantwortung befähigen und den ganzheitlichen Blick für globale Herausforderungen schulen.

2010 hat das DFB-Präsidium unter Dr. Theo Zwanziger die DFB-Kommission Nachhaltigkeit einberufen und beauftragt, neue Ideen zu entwickeln und dem Nachhaltigkeitsengagement des Verbandes ein schärferes Profil zu geben. Ein Blick zurück auf das Leben und Wirken von Egidius Braun kann und sollte dabei ein entscheidender Wegweiser sein, denn er war einer der wichtigsten Vermittler der Nachhaltigkeit  - lange bevor der Begriff „zentral“ wurde im Verband. Zeugnis davon legt seine Rede aus Anlass der Verleihung des „Tecelote de Oro“ der Universidad Autónoma de Guadalajara im April 1997 ab: „Viele von Ihnen werden die Warnungen des Club of Rome, dass sich nur in weltweiter Solidarität lassen die Probleme der Menschheit lösen lassen, dass die Gesetzmäßigkeiten der Ökologie zu beachten, wenn unsere Kinder morgen noch eine gesunde Umwelt vorfinden sollen und dass soziale Gerechtigkeit nicht auf das eigene Gemeinwesen eingeschränkt werden darf, sondern weltweit verstanden werden muss.“

Was (als Kernbotschaft) bleibt, ist die Erkenntnis, dass sich nicht das System ändern muss, sondern immer wir selbst, die wir das System sind. Menschen und Organisationen haben (sofern sie nicht selbstgefällig sind) das Potenzial, auf einer stabilen Wertebasis Zukunft nachhaltig zu gestalten, wenn Visionen und das realistische Erkennen der Gegenwart ineinandergreifen.

 

Quelle: Jahresbericht 2011 der DFB-Stiftung Egidius Braun. Köln 2012, S. 2-7.