Elke Jeanrond-Premauer

Elke Jeanrond-Premauer arbeitete über Jahrzehnte als Journalistin in Hörfunk und Fernsehen. Zuletzt leitete sie eine Abteilung Familienfunk beim Bayerischen Rundfunk. 2003 gründete sie eine neue Form der Begegnung und des Diskurses nach Art der alten Salons. Mit Geist und Genuss vereint sie seither in Château d'Orion während sogenannter Denkwochen, bei denen Themen aus Geschichte, Politik, Philosophie, Literatur und Musik eine Rolle spielen.

Mit ihrer Familie und einer kleinen engagierten Equipe, setzt sie sich für den Erhalt eines kulturellen Erbes ein, indem mit der Kraft der kleinen Kreise und der geteilten Intelligenz um Erkenntnisse gerungen wird. Wer denkt soll handeln! lautet die Maxime von Heinrich Mann, der man sich in Château d'Orion gerne anschließt.

Weitere Informationen:
www.denkwochen.de
www.chateau-orion.com


„Denn nur im Einklang mit uns selbst gelingt ein nachhaltiges Leben“

Immer wieder ist zu vernehmen, man könne das Gerede über die Nachhaltigkeit nicht mehr hören. Mag sein, dass es manchen langweilt, wenn nach Art der Mantras ein Begriff strapaziert wird, dessen Verwirklichung noch längst nicht eingelöst ist. Wie gut also, dass sich Menschen mit offenem Visier genau im Gegensatz dazu einsetzen, dass er virulent bleibt. Nachhaltigkeit ist eben kein "Wort", sondern eine Herausforderung, die auf drei Säulen steht. Ökonomie, Ökologie und soziale Gerechtigkeit.

Nur, wenn immer mehr Menschen ihr Gesicht zeigen und ihre Geschichte eines nachhaltigen Lebens erzählen, bleibt es spannend. Und jeder mag für sich entscheiden, welchen Beitrag er leisten mag.

Meine Familie hat sich beispielsweise zu einer neuen Lebensform entschlossen, um ein Modell auf den Weg zu bringen, das sich verantwortungsbewußt in die Welt stellt. Wir versuchen mit experimenteller Vernunft im Labor Wertvorstellungen vorzuleben und anschaulich zu machen.

Ganz im Sinne der Maxime neuen Sinn in alten Werte zu bringen, haben wir durch die Wiederbelebung eines kulturellen Erbes in Frankreich einen Ort der Begegnung geschaffen. In globalisierten Zeiten dem Europa der Regionen eine Zukunft zu geben, das ist unser Ziel. Château d'Orion versucht in ständiger Überprüfung der Realität Bedingungen zu schaffen, die der kurzfristigen Erfolgsabsicht eine langfristige, dauerhafte Substanz verleiht. Angefangen bei einem achtsam kultivierten Gemüsegarten, über Landschaftspflege, sinnstiftende Arbeitsplätze mit denen sich Jung und Alt identifizieren kann, bis hin zu den Begegnungen mit internationalen Gästen, die sich den Fragen der Zeit stellen, versuchen die Beteiligten ihr Wort zu halten und der Hülle Nachhaltigkeit einen Inhalt zu geben. Nachhaltig kann nur sein, das einen positiven Nachhall hat.

Es ist unser Anliegen und Anspruch sowohl in der Art der Geschäftsführung als auch durch strukturelle Förderung der Region, Verbindung von Kunst und Natur, durch eigenen Anbau biologischer Produkte – kurz: durch verantwortliche Handhabung aller vorhandenen Ressourcen, ein Beispiel für sinn- und genußvolle Lebensgestaltung zu schaffen.

Die bäuerliche Bevölkerung mit klassischer Musik in Berührung zu bringen, auf regionale Produkte wert zu legen, Geist und Genuss, Herz und Verstand zu verbinden, dazu dient dieser Ort. Dinge und Menschen zu verbinden, anstatt sie zu trennen oder auszuschließen, so wie es das komplementäre Denken vorsieht. Das heißt für uns, nicht ODER sondern UND zu denken, immer wieder auf's Neue vernünftig zu experimentieren und dabei wieder und wieder lebensweltlich zu überprüfen, wie sich unser Handeln zur Zukunft verhält. Wenn junge Menschen hierher in ein altes Schloss kommen und darin eine Chance sehen, gibt uns die Gewißheit, dass wir hier nicht die Asche anbeten, sondern zur Wertschätzung der Tradition anstiften, die es verdient hat. Gemeinsam mit einer jungen, engagierten Equipe sind wir sehr ernsthaft unterwegs Nachhaltigkeit nicht zum Begriff verkommen zu lassen.

In einer der eher vergessenen Regionen Frankreichs werden Menschen mit Themen berührt, die nachdenklich stimmen, Denkanstöße gegeben, Handlungsspielräume geöffnet und die  Sehnsucht nach Entschleunigung gestillt. Grundlage ist die Selbst-Reflexion, die Lust am Denken.

Über vielfältige kleine und größere Ereignisse werden Augen und Ohren geöffnet und transnationale, transdemokratische Prozesse in Gang gesetzt. Wir haben uns auf den Weg gemacht, den Zauber Europas zu entdecken.

Alle Anstrengung fußt auf dem, was wir ein europäisches Wunder nennen können, die deutsch-französische Freundschaft, die ihr 50jähriges Bestehen feiert. Dazu haben wir einige ambitionierte Projekte entwickelt, die sich in vielfältiger Form den Herausforderungen verantwortungsbewußten Handelns stellen. Wie kann sich Wirtschaft heute verantwortungsbewußt entwickeln? Wie bleiben Städtepartnerschaft zukunftsfähig? Was können Handwerker aus verschiedenen Ländern voneinander lernen? Was lehrt uns der Blick auf die Geschichte? Das sind nur einige der Fragen, denen wir uns stellen. Der Titel unserer Projektreihe: "50 Jahre deutsch-französische Freundschaft, eine Antwort in Konzepten und Festen".

Wer einmal herausgefunden hat, wie wohl der Versuch tut, ein kohärentes Leben zu führen, der wird nicht mehr müde werden, ihn weiter zu unternehmen. Denn nur im Einklang mit uns selbst gelingt ein nachhaltiges Leben.

"Wer will, dass die Welt bleibt wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt", sagt der Dichter Erich Fried. Das sollten wir nicht vergessen.