Erik Müller

Dr. Erik Müller-Schoppen studierte Psychologie, Pädagogik, Geographie und ev. Theologie in Köln und Bonn, wo er auch die jeweils 1. und 2. Staatsexamina ablegte und später über das Thema Erziehungswissenschaften und Psychoanalyse promovierte. Seit 1969 entwickelt er Lerntechniken auf der Basis der Reformpädagogik insbesondere der Montessori-Pädagogik und hält Vorträge und Seminare als freier Trainer und Coach bei großen Konzernen wie Coca-Cola, Hella, VW wie auch mittelständischen Unternehmungen und Institutionen wie Heinemann, Caritas oder der Michael Skopp-Stiftung. Er führt eine psychologische Beratungspraxis bei Bonn und hält seit Jahren erfolgreich im gesamten deutschsprachigen Raum Gastdozenturen durch, sowie in den Niederlanden und den USA.
Viele Jahre war er Studienleiter der Düsseldorfer Paracelsus Schule und ist seit langem Dozent für Psychotherapie und Managementtraining. Ebenfalls ist Herr Müller-Schoppen Gründer und didaktischer Leiter der gemeinnützigen Stiftung für Erziehung, Bildung, Wissenschaft und Kultur und didaktischer Leiter von Steinbeis Comet. Als Business-Expert und Keynote-Speaker fasziniert er die Zuhörer mit motivierenden und begeisternden Vorträgen, in denen es immer um das Wesentliche und um das Ganze geht - das Leben und das Lebensglück jedes Einzelnen. Er ist Vorsitzender des Stiftungsrates der Stiftung EBWK und Gründer sowie Vizepräsident der Gemeinnützigen Gesellschaft für Hochschulkultur & Hochschul-Change-Management. Er veröffentlichte Bücher zu den Themen Kommunikation in der Beratungspraxis, Menschenkenntnis, Managementtraining, Coaching für Führungskräfte, Personalentwicklung und der Philosophie des Glücks.
 

Sustainable Coaching: Psychologisches Nachhaltigkeitscoaching und Personalentwicklung


Was bedeutet für Sie Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit ist für den Bestand der Schöpfung unerlässlich und führt letztlich auch zu Wertschöpfung und macht den wirtschaftenden Menschen hinsichtlich seiner eigenen Zukunft als Zoon politikon erfolgreich. Das meint doch Aristoteles, wenn er den Menschen als soziales, politisches Wesen, als auf Gemeinschaft angelegtes und Gemeinschaft bildendes Lebewesen definiert, kurz gesagt, jeder einzelne Mensch ist aufgerufen alle Menschen mit-zu-be-denken.

Was heißt für Sie psychologisches Nachhaltigkeitscoaching bzw. welche Annahmen stehen im Zentrum Ihres Ansatzes?

Ein Individuum, das salopp gesagt, eine falsche Meinung von sich und der Welt hat, oder direkter gesagt, ein Mensch mit egoistischen Zielen, das ist ja nicht so selten, und einem sich daraus ergebenden Lebensstil, so nennt das die Individualpsychologie Alfred Adlers - greift nach verschiedenen Formen und Mustern von gegen die Gemeinschaft gerichteten Verhaltensweisen.
So nebenbei sichert dieser Mensch seine narzisstisch geprägte Meinung von sich, die ihm, zumindest unbewusst, gefährdet scheint. Wohlgemerkt wir reden dabei über alle Menschen, wir beide sind die einzige Ausnahme. (lacht) Dies tut er besonders, wenn sie bzw. er sich Situationen gegenüber sieht, von denen sie bzw.er glaubt, dass sie bzw. er ihnen nicht erfolgreich begegnen kann. Dieser Glaube beruht übrigens auf den unvermeidlichen frühkindlichen Vergleichssituationen mit überlegenen Älteren.
Was ich hier schildere ist, dass sich langsam nämlich aufgrund dieser unvermeidlichen frühkindlichen Vergleichssituationen Minderwertigkeitsgefühle bilden, egoistische Anschauungen ergeben, die Kern einer Fiktion darstellen, durch Überlegenheitsstreben diese Gefühle bewältigen zu können. Das zieht nun unzulängliche Vorbereitung auf die mit dem Menschsein gegebenen Aufgaben des Lebens nach sich, da der junge Mensch versucht Überlegenheit zu erreichen, statt sich den Aufgaben in der Gemeinschaft zu widmen.
Der Fehler liegt darin, dass der Mensch sich mit sich beschäftigt, statt die menschliche Zusammengehörigkeit in Betracht zu ziehen, was ich unter Nachhaltigkeit verstehe, wo allein realistische Lösungen für alle zu finden sind. Das Individuum muss über diesen, ihm unbewussten Sachverhalt aufgeklärt werden, es muss sich bewusst werden. Es muss aufwachen.

Welches Wissen, welche Haltung, Kompetenzen bzw. Skills sollte eine exzellente Führungspersönlichkeit und ein psychologischer Nachhaltigkeitscoach gemäß Ihrem Ansatz besitzen?

Schon der große Vordenker der Aufklärung Immanuel Kant beantwortete die Frage „Was ist Aufklärung?" auf eine unvergleichlich moderne wie psychologisch hintergründige Weise. Er definiert sozusagen Aufklärung, indem er sie als den Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit schildert.

Unmündigkeit ist für ihn das Unvermögen, und das ist mehr als der Mangel an Soft Skills, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Genau das macht Führung, besser Leading aus. Sein Appell „Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" ist also nicht nur der Wahlspruch der Aufklärung, sondern jeder guten, verantwortlichen, eben nachhaltigen Führung.

Menschen verhalten sich aus Egozentrik gegen die gemeinschaftlichen Interessen, diese oft selbstzerstörerischen Aktivitäten erklären eine groß Zahl psychologischer Anthropologien und besonders „Tiefenpsychologischer" Theorien.

Meinem individualpsychologischen Ansatz geht es darum, die Kompetenz im Sinne der Aufklärung zu vermitteln, die eigene persönliche und berufliche Entwicklung weitgehend unabhängig zu gestalten. Nützlich sind hierbei Teilkompetenzen wie zum Beispiel Menschenkenntnis, Selbst-Beherrschung, Bewusst-Werdung, selbständige Motivation, Zielsetzung, Lernfähigkeit und Evaluation durch Feedback, die Selbstmanagement erst möglich machen.

Sollten moderne Führungskräfte als Coachs fungieren und welche Coaching-Kompetenzen benötigen Sie?

Die Führungskraft als Coach ist immer ein wenig die Quadratur des Kreises. Ohne ein gerüttelt Maß an Selbstbewusstsein geht das nicht und Selbstbewusstsein bedeutet, sich selbst beobachten und reflektieren zu können, alles frei nach dem Motto: Wenn ich eine Wolke beobachte, bin ich nicht die Wolke und wenn ich einen Gedanken beobachte, bin ich nicht der Gedanke!

Coaching ist ein Volltreffer für alle, die mit Coaching Aufklärung erzielen wollen. Die Erklärungsmodelle, Beratungsmethoden und Interventionstechniken sind eine Neuerfindung bewährter Methoden. Im Coaching geht es um präzise Darstellung, hervorragende Übertragung von Modellen auf Anwendungsbereiche des Lebens.

Kompetenzfelder sind: Aktives Zuhören, Stellung beziehen, Überblick behalten, Lösungen finden, Aufgaben klären, Kommunikation verändern, über die Welt der Psychologie aufklären. Die wichtigsten Modelle stammen aus verschiedenen Wissensgebieten wie z.B. Individualpsychologie, Psychoanalyse, Humanistische Psychologie, Lösungsorientierte Beratung, Organisationsentwicklung, Hirnforschung, Kommunikationspsychologie etc.

Warum beginnt gute, nachhaltige Führung bei Selbstführung bzw. Selbstmanagement?

Wir reden jetzt und hier über eine Art Kampf gegen die Abwehrmechanismen und individuelle Vorurteile gegen Nachhaltigkeit und die Hinwendung zum Gemeinwohl, was heute die globalisierte Welt einschließt. Hier geht es doch darum, einen Blick in die Natur des Menschen aus psychologischer Sicht zu erhalten, viele Verhaltensweisen unserer Mit-Menschen und uns selbst werden verständlicher, wenn wir wissen, warum wir alle so ticken.

Dadurch können wir eine Gelassenheit entwickeln, die zum Frieden und zu Harmonie aller zwischenmenschlichen Beziehung einen kleinen Beitrag leisten kann. Bei ihrer Frage geht es doch auch darum, salopp gesagt, erkenne wie Du tickst, d.h. es geht um bewusstes Erkennen seiner selbst. Es ist nach wie vor der Satz im Hintergrund, der schon auf dem Tempel in Delphi steht, erkenne dich selbst.

Warum ist eine psychologische (Grund-Aus-)Bildung im Coaching und Managementtraining sinnvoll?

Der Begriff Tiefenpsychologie fasst alle psychologischen Denkweisen zusammen, die den unbewussten seelischen Vorgängen einen hohen Stellenwert für die Erklärung menschlichen Verhaltens und Erlebens beimessen. D.h., dass „unter der Oberfläche" des Bewusstseins unbewusste Prozesse ablaufen, die das bewusste Seelenleben stark beeinflussen.

Dadurch werden rational einsichtige Verhaltensweisen wie Nachhaltigkeit, die den eigenen Bestand der Menschheit schützen, verhindert oder sabotiert, da die Gesetzmäßigkeiten der Logik im Unbewussten nicht zu gelten scheinen und so manche unlogischen Reaktionen erklären. Es geht bei dieser psychologischen Bildung eben nicht um Logik sondern um Psychologik.

Warum ist das Thema Nachhaltigkeit für Führungskräfte und die Personalentwicklung von so essentieller, entscheidender Bedeutung?

Nachhaltigkeit ist das ethische, ökologische, ökonomische und eben auch psychologisch-anthropologische Erfolgsrezept einer globalen Weltkultur und damit Weltwirtschaft geworden, das alle Prozesse und Mitarbeiter auf dieses allen Menschen gemeinsame Ziel ausrichtet. Die Betonung liegt leider auf Rezept.

Personalentwicklung und Personalpflege sind - im Brennpunkt der Nachhaltigkeit gesehen - die Bereiche in Unternehmen und Organisationen, die einen immer höheren Stellenwert einnehmen sollten, denn in diesen Bereichen kann durch Bildungsprozesse Nachhaltigkeit und deren individuelle neurotische Verhinderung offenbart werden.

Die Situation, dass die aus der Arbeitswelt scheidende Generation ihr Knowhow fast still und heimlich mitnimmt, verlangt von Unternehmen eine ernsthafte und intensive und nachhaltige Pflege und Entwicklung der für sie arbeitenden Menschen, um „Bildungsgut" für die nachfolgenden Generationen zu sichern, was nur durch psychologische Aufklärung in individuelle egozentrische Prozesse möglich ist, die das Gemeinschaftsgefühl behindern.

Es bedarf einer Einstellungsänderung, das Tun gemeinschaftsdienlich zu machen. Führungskräfte müssen die eigene Haltung und Rolle in der Gemeinschaft im Kontext klären, sich aufklären lassen, sich der Problematik bewusst werden, (Selbsterkenntnis), nach dem Motto: „Über die Nachhaltigkeit. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern", (frei nach Friedrich Schleiermacher).

Das Interview führte Marco Englert. Es erschien am 14.4.2017 in der Huffington Post: http://www.huffingtonpost.de/marco-englert/sustainable-coaching-psyc_b_15939630.html

Stand: April 2017