Ernst-Ulrich von Weizsäcker

Prof. Ernst Ulrich von Weizsäcker, geb. 1939, Dipl. Phys., Dr. rer. nat (Zoologie), ist Ko-Vorsitzender des International Panel for Sustainable Resource Management und Ko-Präsident, Club of Rome. Zuvor war er Biologieprofessor (Essen), Universitätspräsident (Kassel), Direktor bei der UNO in New York, Leiter des Instituts für Europäische Umweltpolitik, Gründungspräsident des Wuppertal-Instituts, MdB (SPD, Wahlkreis Stuttgart 1, Vorsitzender des Bundestags-Umweltausschusses) und Dekan der Kalifornischen Umwelthochschule in Santa Barbara. Er ist Erstautor von Faktor Fünf (2010, Droemer Knaur). Ernst von Weizsäcker ist Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes (2009) und des Deutschen Umweltpreises (2008). Mit seiner Frau Christine von Weizsäcker hat er fünf Kinder und neun Enkel.

Weitere Informationen:
www.ernst.weizsaecker.de

 

Faktor 5

Interview mit Prof. Dr. Ernst-Ulrich von Weizsäcker

Wie erklären Sie sich den Trieb nach endlosem Wachstum? Worin liegt für Sie die kritische Grenze wirtschaftlichen Wachstums?

Wachstum ist für Wirtschaft und Politik sehr angenehm. Für die Wirtschaft heißt es Gewinnchancen, für die Politik Arbeitsplätze und Steueraufkommen. Wer kann da widerstehen? Kritische Grenzen soll man für den Naturverbrauch oder die ökologischen Fußabdrücke,  nicht für das Wirtschaftswachstum. Je besser eine Abkoppelung des Wohlstands vom Naturverbrauch gelingt, desto mehr Wirtschaftswachstum kann man sich leisten.

In „Faktor Fünf“ zeigen Sie im zweiten Teil, dass es darum geht, für nachhaltige Systemverbesserungen den politisch adäquaten Rahmen zu entwerfen. Was wird von Ihnen konkret gefordert?

Erstens eine Wiederherstellung eines vernünftigen Gleichgewichts zwischen Markt und Staat - nach dreißig Jahren der Marktdominanz. Zweitens eine langsame Verteuerung des Naturverbrauchs, im ungefähren Gleichschritt mit der Effizienz, so dass das, was man monatlich für Energie und Rohstoffe ausgibt, im Durchschnitt konstant bleibt und das Land immer effizienter und unabhängiger von den knapper werdenden Rohstoffen wird.

Was macht Sie optimistisch, dass die Dynamik der klimafreundlichen Technologien  und der zugehörigen Politik an Fahrt gewinnt?

Zurzeit bin ich bezüglich der Politik pessimistisch. Das hängt vor allem an den USA, die sich in einem Freudentaumel über billiges Gas befinden. Das erlaubt ihnen zwar, Kohlestrom durch Gasstrom zu ersetzen,  aber dafür verscherbeln sie ihre Überschusskohle ins Ausland, so dass dem Weltklima keinerlei Nutzen entsteht. Dennoch bin ich mittelfristig optimistisch, dass sich die Technologien des Klimaschutzes durchsetzen, einfach weil sie elegant und auch kostensparend sind. Wenn sich das Wissen über ihre Verfügbarkeit weltweit verbreitet, werden Chinesen, Deutsche und andere darauf springen und ihnen zum Durchbruch verhelfen. Und dann werden sie auch in den USA plötzlich schick.

Welche Voraussetzungen sind dafür notwendig?

In der Hauptsache die oben genannte politische Entscheidung einer langsamen, sozial- und wirtschaftsverträglichen Verteuerung von Energie und Naturverbrauch.

Weshalb ist qualitatives und nachhaltiges, selbst organisiertes Wachstum eher im unhierarchischen Kleinen zu finden?

Selbstorganisation ist in der Familie üblich, im Dorf möglich, in der Großstadt kaum noch und in großen Ländern so gut wie unmöglich. Der Staat kann aber durch vernünftige Rahmensetzungen das Blühen im Kleinen begünstigen. Wichtig ist die Abschaffung aller Subventionen für den Flug- und Straßenverkehr.

Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt

 

Faktor Fünf. Die Formel für nachhaltiges Wachstum

Dringliche Aufgabe im 21. Jahrhundert ist das ökologische Management des Wachstums. Seit die Menschheit so etwas wie Wirtschaft betreibt, ist (Wirtschafts-) Wachstum eng gekoppelt mit der Zunahme des Verbrauchs von Ressourcen, speziell Holz, Kohle, Öl, Wasser und Mineralien. Das hat zum Verlust von Wäldern und Ölfeldern und zu vielen anderen Umweltproblemen geführt, bis zu dem Punkt, wo das Wachstum selbst durch Umweltstörungen in Mitleidenschaft gezogen wurde. (…)

Der harmlos klingende Begriff „nachhaltige Entwicklung“ meint letztlich nichts weniger als eine Entwicklung, die das Überleben im Wohlstand möglich macht. Im „Marrakesch-Prozess“, der durch den Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung (Johannesburg, 2002) angestoßen wurde, spricht man von nachhaltigem Verbrauchen und Produzieren (sustainable consumption and production). Aber wird ernstlich über die Logik von nicht nachhaltigem Verbrauchen und Produzieren nachgedacht?

Zwei selbstverständliche Dinge kennzeichnen die Logik von Verbrauch und Produktion: 1. Verbraucher konsumieren gerade so viel, wie sie sich leisten können, 2. Hersteller produzieren das, wovon sie sich Gewinne versprechen. Beiden soll man das nicht verübeln. Aber wir können und müssen dafür sorgen, dass beides die ökologischen Grenzen nicht überschreitet. (…)

Die Kultur ist gewissermaßen das Sinnstiftende. Sie ordnet Verhalten, Pflichten, Beziehungen, Hierarchien, Institutionen usw. zu einem „Wandteppich“ der Kultur oder einem „gemeinschaftlichen Gehirn“ zusammen. Für das Überleben von Gruppen ist das unbedingt erforderlich. Kultur ist ein Inbegriff der Kooperation und bildet einen scharfen Kontrast zu einem primitiven Kampf aller gegen alle.

 

Quelle: Ernst Ulrich von Weizsäcker: Faktor Fünf. Die Formel für nachhaltiges Wachstum. Unter Mitarbeit von Cheryl Desha und Peter Stasinopoulos. München 2010, S. 289,  S. 304/305, S. 368.