François Rossier

François Rossier wurde 1961 in Vevey (Westschweiz) geboren. Nach einer Schauspielerausbildung in der Scuola di Teatro Dimitri und ein Regiestudium in der London Film School realisiert er zahlreiche, preisgekrönte Kurz- und Dokumentarfilme in Europa (www.belle-journee.com). Schöne oder noch funktionierende Objekte hat er immer gerne aus dem Müll gerettet, auseinandergenommen und mit Freude wieder neu zusammengestellt. Aus dieser Manie ist vor zwei Jahren eine ernste Tätigkeit geworden: In seiner Ladenwerkstatt für UPCYCLING in Berlin-Neukölln baut er Gegenstände um (www.upcycling.mobi). François Rossier lebt seit 16 Jahren in Berlin, arbeitet auch als Sprecher für Filme und Hörbücher und hat zwei Kinder, mit denen er Französisch mit wadtländischem Akzent redet.


Lösungen für „verlassene Objekte“

 

Fast jeden Morgen begegnen mir ein paar Dinge auf der Straße, die ich irgendwie und unbedingt in meine Werkstatt schleppen muss. Ich habe immer gerne altes Zeug gesammelt, das ich dann im Sinne von Marcel Duchamps objets trouvés neu arrangierte. Ein Faible für das Basteln und die Überzeugung, dass man mit dem, was man schon hat, viel erreichen kann - ohne systematisch Neues zu kaufen - fordern mich heraus. Ich will praktische Lösungen für „verlassene Objekte“ finden, die sich nach einem neuen Leben sehnen. So wie Patchworkfamilien entstehen, bemühe ich mich also, aus den Trümmern der Zeit neue Geschichten zu schaffen. Und das - als wenn ich ein tolles Gericht für einen König und eine Königin zubereiten müsste - ausschließlich mit dem, was ich gerade im Kühlschrank habe. Diese Kunst-Nutz-Objekte sind daher Unikate, für Erwachsene und Kinder, meistens aus Holz, Plexiglas und/oder Metall.

Berlin ist dank seiner bewegten Vergangenheit ein Paradies für das Upcycling: Das Rollfeld des legendären Ex-Flughafens Tempelhof zum Beispiel gehört heute den Kitesurfern, Drachenmeistern und Grillfanatikern. Die beiden fast 30 Jahre lang durch eine Mauer getrennten Städte wurden als Großfamilie zusammengeworfen, die Reste der Mauer aber strahlen immer noch diesen Baustellengeist aus, der die Besucherin erstaunt, das Wiederaufleben begünstigt und dem angehenden Upcycler seine Hemmungen nimmt. Hier gilt das, was die Angelsachsen permission to fail nennen: die Aufgeschlossenheit des Anfängers, eine wohltuende und nötige Toleranz für ganz neue, unversnobte Unternehmungen.

Das Wort Upcycling selbst illustriert bestens jene Tätigkeit, die darin besteht, den geschlossenen Kreis des Recyclings zu öffnen, um ihn in eine aufsteigende Spirale zu verwandeln. Obsoletes neu zu arrangieren, damit etwas Besseres entsteht, etwas Überlegenes. Recycling findet immer statt, früh oder spät, mit oder ohne unser Einverständnis. Upcycling dagegen geschieht nicht ohne menschliche Entscheidung, ohne Kurswechsel, ohne Politik. Wenn man weiß, das fünfundvierzig Prozente der Gegenstände, die wir wegwerfen, eigentlich einwandfrei funktionieren, könnte man fast glauben, die Illusion des Neuen sei in unsere Gene eingeschrieben. Betrachtet man aber die Moleküle eines Glases Leitungswassers, erfährt man, dass sie ein paar Milliarden Jahre alt sind. Durch ihren biochemischen, Samsara-ähnlichen Zyklus könnten sie Teil von fast allem gewesen sein: dem letzen Atemzug eines thailändischen Warans, einem Gewitter des Paläolitikums, Stalins Magenwand, der Kopfsalat eines königlichen Gartens oder des ersten schwedischen Streichholzes... Wer weiß?! – „Ja, wozu auch?“, könnte man erwidern. Weil es einfach bedeutet, dass wenn Sie etwas in Ihren Händen halten - dieses Glas frisches Wasser, die Hand Ihres Liebhabers oder eine auf ihren Feind gerichtete Feuerwaffe - Sie da auch dessen Vergangenheit (für die Sie nicht mehr viel tun können) und dessen Zukunft (für die Sie schon sehr viel mehr tun können) in Ihren Händen halten. Wenn Sie lange genug warten, würden Sie feststellen, dass das, woraus diese Dinge bestehen, quasi aus der Ewigkeit kommt, dass es dahin auch zurückkehren wird - und Ihnen dort gelegentlich sehr wohl begegnen könnte - in welcher Form auch immer!

Daher lautet eine Devise des Upcyclings: Schätze das, was durch deine Pfoten kommt - und geht! Alles andere ist mit Spielfreude (Wow, das passt ja zusammen!) und einer gewissen Neigung zur Verwirrung (Dies hier heißt nicht mehr „Stuhl“!) verbunden.

Die Zukunft - in Berlin oder sonst wo - unter dem Gesichtspunkt der klugen Verwertung der Materie, der Energie, von diesem und jenem, kurz, von allem, was eigentlich schon da ist - das macht für mich Sinn auf einem Planeten, wo schon der Begriff von Wachstum - von unseren Regenten groß gehypt – einen Vorgeschmack von Kompost in sich trägt. Upcycling zu praktizieren, ermöglicht vielleicht auch, Ideen wie alt, neu, Leben und Tod neu zu betrachten, bzw. zu definieren. Nichts geht verloren, nichts wird geschaffen sagte der Chemiker und Philosoph Antoine Lavoisier.

Stand Mai 2014