Franz Ehrnsperger

Dr. Franz Ehrnsperger ist Inhaber der Neumarkter Lammsbräu. Mit 24 Jahren stieg er in den elterlichen Betrieb ein, übernahm die Verkaufsabteilung und schrieb nebenbei an seiner Promotion. 1971 wurde er Geschäftsführender Gesellschafter. Der rund 400 Jahre alte Betrieb, der sich seit 1800 in Fami­lienbesitz befindet, gehört zu den größten Bio-Brauereien Europas. 1984 wurden die ersten biologischen Brauverfahren erprobt; seit 1995 werden ausschließlich Bio-Getränke hergestellt. Neben Schankbier und Dunkel gibt es mittlerweile 16 weitere Sorten. Circa 65.000 Hektoliter werden jährlich verkauft, Hauptabsatzgebiet ist Bayern. Heute arbeiten rund 100 Bio-Bauern aus der Region mit 4000 Hektar ökologisch bewirtschafteter Fläche für die Neumarkter Brauerei. Die größte Bio-Brauerei Deutschlands hat ­ihren Umsatz im Jahr 2011 um 18 Prozent auf 13 Millionen Euro gesteigert. Generalbevollmächtigte ist seit 2008 Susanne Horn. Die Neumarkter Lammsbräu hat 2012 ihren ­20. Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht. Zu den Auszeichnungen gehören unter anderem »Öko-Manager des Jahres« (1990), Deutscher Umweltpreis (2001), »Unternehmen für die Region« (2008) und 2011 belegte der Nachhaltigkeitsbericht der Lammsbräu den ersten Platz des IÖW/future-Ranking. Franz Ehrnsperger ist seit über vierzig Jahren verheiratet, hat drei Kinder und sechs Enkelkinder.

Weiterführende Informationen:
www.lammsbraeu.de

 

Ein Reinheitsgebot für Wasser

Die Neumarkter Lammsbräu baut auf über 380 Jahren Brau-Tradition auf. Bereits seit drei Jahrzehnten „übersetzen“ wir Nachhaltigkeit in höchsten Genuss, indem wir Bio-Getränke herstellen: Bio-Biere, Bio-Limonaden und Bio-Mineralwasser.

Warum Bio-Bier?

Dazu kam es nicht etwa, weil Bio damals ein vielversprechender Boom-Markt war. Im Gegenteil: Bio war in den 80ern überhaupt nicht im Trend. Die Entwicklung zur Bio-Brauerei drängte sich trotzdem förmlich auf, weil ich stets auf der Suche nach besseren Rohstoffen war. Diese fand ich in der Bio-Landwirtschaft, die Braurohstoffe mit viel ausgeprägteren Aromen, höheren Anteilen an Vitaminen und Polyphenolen und auch sekundären Pflanzenstoffen hervorbrachte. Doch der Weg zur Bio-Brauerei war steinig, die Vorbehalte bei Landwirten, anderen Brauern, im Handel und auch bei den Konsumenten waren groß: „Es gibt doch das Reinheitsgebot, da braucht es kein Bio-Bier“. Dieser heute noch oft gehörte Satz lässt allerdings außer Acht, dass das Reinheitsgebot nur die Zutaten definiert, nicht aber deren Qualität und deren Verarbeitung.

Wir haben uns von diesem Gegenwind nicht beirren lassen; heute ist Bio-Bier weithin anerkannt und wird auch von anderen Brauereien hergestellt. Die Entwicklung der Neumarkter Lammsbräu war immer geprägt von dem Streben nach höchstem Genuss und bester Qualität, von Pioniergeist im Bereich ökologischer Lebensmittelherstellung und Hartnäckigkeit gegenüber den Widerständen konventioneller Hersteller.

Die Erfahrungen, die wir in unserer Vorreiterrolle bei Bio-Bier gemacht haben, konnten wir in den letzten Jahren auf Mineralwasser übertragen: Gemeinsam mit der Qualitätsgemeinschaft Biomineralwasser e.V. hat Lammsbräu 2009 angeregt, dass es auch für Mineralwasser Bio-Kriterien geben sollte, und das erste Bio-Mineralwasser BioKristall auf den Markt gebracht. Wieder gab es viel Aufregung, die juristische Auseinandersetzung um die rechtliche Zulässigkeit der Bezeichnung „Bio-Mineralwasser“ führte bis zum Bundesgerichtshof. Der entschied 2012, dass die Richtlinien für Bio-Mineralwasser so streng und umfassend sind, dass entsprechend zertifizierte Mineralwässer sich mit Fug und Recht „Bio“ nennen dürfen.

Warum Bio-Mineralwasser?

Zugegeben, „Bio-Mineralwasser“ klingt tatsächlich zunächst etwas ungewöhnlich: Gibt es etwas Reineres als Wasser? Auf jeder Flasche steht doch „Natürliches Mineralwasser“! Ja – aber. Zunächst ist „Bio“ mehr als nur „natürlich“: So, wie eine Marmelade aus 100% Früchten zwar ein natürliches Produkt aber deswegen noch lange keine Bio-Marmelade ist, ist es auch beim Mineralwasser: In Bio-Mineralwasser dürfen keine Rückstände von Düngern oder Pestiziden enthalten sein, es soll wirklich ursprünglich rein sein.

In der Mineral- und Tafelwasser-Verordnung ist das bislang nicht geregelt, weil es bis vor wenigen Jahren keinen entsprechenden Regelungsbedarf gab; das Mineralwasser war tatsächlich rein. Die letzten Jahre haben aber gezeigt, dass insbesondere die Verschmutzungen aus jahrzehntelanger, konventioneller industrieller Landwirtschaft immer mehr Mineralquellen erreichen (die näher an der Oberfläche gelegenen Trinkwasserbrunnen sind bereits seit den 1980er-Jahren betroffen). Die Zeitschrift Ökotest fand im Juli 2011 bei rund 30 Prozent aller untersuchten Mineralwasserproben entsprechende Belastungen. Auch Arzneimittelrückstände und künstliche Süßstoffe wurden schon in Brunnen gefunden. Von vielen Substanzen wissen wir noch nicht einmal, welche Auswirkungen sie auf den menschlichen Organismus haben. Für den Großteil von ihnen gibt es in den gesetzlichen Bestimmungen noch keine Grenzwerte. Entsprechend können Konsumenten die zukünftig immer bedeutender werdende Dimension von Wasserunterschieden bei ihrem Einkauf derzeit nicht erkennen.

Hier hält Bio-Mineralwasser dagegen: Die Richtlinien definieren ein „Reinheitsgebot für Wasser“, das weit über die Anforderungen der Mineral- und Tafelwasserverordnung hinausgeht. Das zugehörige Bio-Mineralwasser-Siegel gibt den Konsumenten Sicherheit und Verlässlichkeit und verpflichtet die Mineralbrunnen zu Nachhaltigkeit.

Bio-Mineralwasser ist Zukunftssicherung

Bio-Mineralwasser ist ein noch viel umfassenderes Konzept als nur Reinheit – und hier kommen die typischen Ziele der Bio-Bewegung und damit der Nachhaltigkeitsgedanke ins Spiel: Es geht um bessere Lebensmittel für die Menschen, wirksamen Umwelt- und Ressourcenschutz für unsere Erde und soziale Verantwortung für die Gesellschaft. Um die Etablierung eines zukunftsfähigen Maßstabes für dieses wertvolle Lebensmittel. Wasserqualität bedeutet folglich auch Nachhaltigkeits-Engagement der Beteiligten, z.B. besseren Wasserschutz oder sonstige Umweltschutzmaßnahmen.

Das Oberflächenwasser von heute ist das Mineralwasser von übermorgen: Es sickert allmählich in die Tiefe und nimmt auf dieser Reise Eigenschaften wie Mineralien oder eben auch Verunreinigungen der durchquerten Bodenschichten an. Irgendwo tritt es als Quelle wieder ans Tageslicht oder wird in einem Brunnen abgepumpt. Wasser wird also quasi „angebaut“ und später „abgebaut“, ähnlich wie Kartoffeln - allerdings beträgt die „Vegetationsperiode“ nicht nur ein paar Monate, sondern 100 Jahre und mehr. So wie ein Bio-Landwirt die Humusschichten seiner Äcker pflegt und damit die Qualität des Ackers für kommende Ernten sichert, müssen wir dies auch bei Wasser tun.

Wasser ist unser wichtigstes Lebensmittel. Das sage ich nicht nur als Brauerei-Besitzer; jedes Lebewesen ist auf Wasser angewiesen. Aber als Getränkehersteller haben wir natürlich ein ganz besonderes Interesse daran, unseren wichtigsten Rohstoff zu erhalten. Noch gibt es einige Grundwasservorkommen der höchsten Qualitätsstufe. Diese müssen wir schützen, damit sie auch nachfolgenden Generationen noch zur Verfügung stehen. Bio-Mineralwasser sorgt mit seinen Anforderungen dafür, dass diese gute Qualität nicht nur erhalten, sondern auf immer mehr wasservorkommen ausgeweitet wird.

Wodurch zeichnet sich Bio-Mineralwasser aus?

Die Qualitätsgemeinschaft Biomineralwasser e.V. hat mit einer Gruppe von Fachleuten der Bio- und Mineralwasserbranche die Richtlinien für Bio-Mineralwasser entwickelt (siehe www.Bio-Mineralwasser.de). Diese regeln Voraussetzungen, Dokumentations- und Kontrollpflichten sowie den Zertifizierungsprozess. Die Regelungen betreffen sechs Bereiche:

  1. Nachhaltigkeit: Festlegung der ökologischen Anforderungen, insbesondere Förderung des Wasserschutzes durch ökologischen Landbau
  2. Naturbelassenheit des Produkts: strenge Grenzwerte für mögliche Rückstände anthropogener Einträge, Bestimmungen zur Reduktion von Behandlungseinflüssen
  3. Produktsicherheit Mikrobiologie: Regelungen zu Hygiene und entsprechenden Untersuchungen
  4. Produktsicherheit Chemie: Grenzwerte zu unerwünschten natürlichen Stoffen, zur Radioaktivität, Regelungen zur Sicherheit von Verpackungen und zu entsprechenden Untersuchungen
  5. Gutes Lebensmittel: Bestimmungen zu genuss- und gesundheitsrelevanten Eigenschaften des Mineralwassers
  6. Transparente Deklaration: Vorschriften zu einer umfassenden Transparenz und Verbraucherinformation

Alle Bestimmungen der Bio-Mineralwasser-Richtlinien gehen über die gesetzlichen Festlegungen hinaus oder sind sogar völlig neu. Letzteres gilt nicht nur für Substanzen wie z.B. Abbauprodukte von Pflanzenschutzmitteln, oder für Uran und Arsen, sondern für alle Aspekte jenseits von Chemie und Mikrobiologie. Hier einige Beispiele:

  • Wer Wasser schützen will, muss der konventionellen Agrarwirtschaft den Rücken kehren. Dafür sollen Bio-Mineralwasser-Anbieter aktiv eintreten und Überzeugungsarbeit auch bei anderen leisten.
  • Eigentlich selbstverständlich: Wer seine Quelle in zehn Jahren noch nutzen möchte, darf nur annähernd so viel Wasser abfüllen, wie neu entsteht.
  • Bio-Mineralwasser darf nicht mit Ozon behandelt werden.
  • Als Verpackung sind nur umweltfreundliche Mehrwegflaschen zugelassen, das Wasser soll weitestgehend nur in der Region verkauft werden, um CO2-Belastungen durch unnötige Transporte zu minimieren.
  • Geschmacklich muss das Wasser selbstverständlich einwandfrei sein, zusätzlich muss es mindestens eine gesundheitsfördernde Eigenschaft aufweisen.
  • Schlussendlich verpflichten sich Bio-Mineralwasser-Anbieter zu einer offenen Informationspolitik: Alle relevanten Infos müssen auf der Flasche stehen oder anderweitig leicht zugänglich sein, Anfragen von Konsumenten sind zu beantworten.

Was sagen die Verbraucher dazu?

Eine strenge Reglementierung für Mineralwasser halten alle für sinnvoll und wichtig. Das Konzept Bio-Mineralwasser müssen wir allerdings häufig noch erklären – wie damals auch beim Bio-Bier. Manchmal wird uns vorgeworfen, Bio-Mineralwasser sei eine „Marketingshow“ oder eine „Luxus-Debatte“. Doch wer sich damit befasst, erkennt in der Regel schnell, dass damit eine sehr hohe Produktqualität und Nachhaltigkeitsleistung sowie ein hoher Sicherheitsstandard verbunden sind. Und auch, dass sauberes Wasser kein Luxus werden darf, denn einmal verschmutzt, ist die Reinheit auf Jahrzehnte verloren. Deswegen sind unsere Konsumenten auch bereit, mehr für dieses Produkt zu bezahlen. Bio-Mineralwasser kann nicht zu den Discounter-Dumping-Preisen verkauft werden: Die langfristige Sicherung guten Wassers erfordert Investitionen in umfassenden Quellschutz und damit in die Produkte.

Wie geht es weiter?

Wir hoffen sehr, dass die Geschichte von Bio-Mineralwasser genauso „typisch bio“ weitergeht, wie sie angefangen hat: Es hat in der Bio-Bewegung Tradition, dass Pioniere neue Projekte in Angriff nehmen und vorantreiben, bis der Gesetzgeber sie irgendwann aufgreift. Jüngste Beispiele dafür sind die ökologische Aquakultur und Bio-Wein, für die es erst seit 2012 EU-Bio-Siegel gibt. Bis es ein solches staatliches Siegel auch für Mineralwasser gibt, wird es sicherlich noch einige Jahre dauern. Wir sehen aber gute Chancen, denn auch die Bio-Anbauverbände wie Naturland, Bioland und Biokreis befürworten Bio-Mineralwasser. Auch andere Mineralbrunnen haben Interesse an der Zertifizierung signalisiert.

Unabhängig von Siegeln ist für den Schutz unserer Wasser-Ressourcen eine breite Bewusstseinsbildung in weiten Teilen der Gesellschaft elementar. Jeder von uns hat viele Möglichkeiten, auf die Qualität unserer Wasservorräte Einfluss zu nehmen, denn jeder Einkauf, nahezu jede Handlung hat etwas mit Wasser zu tun. Doch in unseren Breitengraden ist Wasser allzu selbstverständlich mit sehr guter Qualität verfügbar. Hier müssen wir noch dicke Bretter bohren – und zwar schnell. Denn die große Latenz von mehreren Jahrzehnten, mit der Umweltverschmutzungen in den Quellen und Brunnen auftreten, verleitet die Menschen dazu, das Problem noch nicht wahrhaben zu wollen. Aber was wir heute sehen, ist erst der Anfang des Ergebnisses von über 50 Jahren intensiver Landwirtschaft, zunehmender Umweltverschmutzung und mangelnder Achtsamkeit.

Der Leitspruch der Neumarkter Lammsbräu lautet „Verantwortung leben, Genuss schaffen.“ Ich möchte das umwandeln in einen Appell: „Verantwortung leben, um Genuss zu erhalten.“ Lassen Sie uns gemeinsam unser wichtigstes Lebensmittel erhalten und erneuern, um auch nachfolgenden Generationen ein gesundes und genussreiches Leben zu ermöglichen.