Gabriele_Braun

Gabriele Braun ist Teilhaberin der Maßschuhmacherei Hennemann & Braun in Berlin Mitte und freie Unternehmensberaterin für Personal-und Organisationsentwicklung. Zwei Berufe, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, vereint sie mit dem Ziel Erfahrungen und Wissen immer wieder in neuem Kontext neu zu beleuchten, zu überprüfen und weiterzuentwickeln.

Gabriele Braun hat 1989 nach ihrem Betriebswirtschaftsstudium in Deutschland und USA als Unternehmensberaterin bei Accenture gelernt. Nach 15 Jahren Beratung und zehn Jahren als Führungskraft bei SAP und Continental hat sie den Sprung in ein völlig neues Umfeld gewagt und ist Schuhmacherin geworden.

Weitere Informationen: www.massschuhmacherei.de

 

Haltung und Achtsamkeit:
Warum Talentförderung und Können wie ein guter Schuh passen müssen

Achtsamkeit ist kein Modebegriff

Es gibt kollektivistisch geprägte Kulturen im Nahen Osten oder in Asien, die die Interessen des Kollektivs über die des Individuums stellen. Etwas, das in unserer westlichen Welt eher seltsam anmutet und meist auf Unverständnis stößt. Dennoch ist es heutzutage bei uns aktueller denn je, sich für andere einzusetzen. Stichwort Willkommenskultur.

Um sich allerdings für einen anderen Menschen einzusetzen, ist es sinnvoll, den anderen erst einmal zu begreifen http://www.huffingtonpost.de/alexandra-hildebrandt/hand-herz-und-hirn-wie-ah_b_9816772.html.

Und das ist, wie sich am Wort „begreifen“ erkennen lässt, nicht ausschließlich ein Kopfthema - es erfordert Empathie http://www.huffingtonpost.de/alexandra-hildebrandt/energie-und-empathie-warum-wir-unsere-inneren-ressourcen-nicht-verbrauchen-duerfen_b_10801856.html und Mitgefühl.

Auch in der Arbeitswelt der größeren Unternehmen, die vermehrt um die Gunst junger Bewerber buhlen, verändert sich etwas:

Wenn früher bei Personalgesprächen der Bewerber kritisch gefragt wurde, wo er denn in fünf Jahren stehen will, fragt der Bewerber heute, was denn der potenzielle Arbeitgeber hinsichtlich sozialem Engagement oder persönlicher Work-Life Balance zu bieten hätte.

Die jüngere Generation achtet bei der Berufswahl stärker darauf, wie der zukünftige Arbeitsalltag mit der persönlichen Lebensphilosophie zusammenpasst. Sie fühlt stärker in sich hinein.

Das ist in erster Linie nicht unbedingt an einem Kollektiv ausgerichtet, sondern mehrheitlich an der eigenen Person und der unmittelbaren Umfeld, aber es ist ein Anfang. Mitgefühl will gelernt sein.

Dazu gehört auch, den Blick nicht nur auf sich selbst zu richten, sondern auch das soziale Engagement des Unternehmens, für das man sich interessiert, mit in Betrachtung zieht.

Dieser Wandel erfordert ein Umdenken in der etablierten Managerwelt: Diejenigen, die heute an verantwortungsvoller Position stehen, sind meist mit Fleiß, vielen Arbeitsstunden und überdurchschnittlichem Engagement für das Unternehmen dahin gekommen.

Die eigene Familie oder gar persönliche Hobbies und Interessen waren in der Priorität eher nicht an erster Stelle. Es reichte das Bauchpinseln des Selbstwertgefühls durch die Anerkennung oder den Neid der Kollegen darüber, was man für eine tolle Leistung gebracht hat, oder wie wichtig man ist, weil man auch zu später Stunde noch online war.

Sein, was man tut

Die jüngere Generation zieht ihr Selbstwertgefühl eher aus der eigenen Zufriedenheit mit dem, was sie tun. Und dazu gehört auch genügend Zeit für Themen, die nicht unbedingt etwas mit dem Arbeitsalltag zu tun haben.

Natürlich ist das jetzt sehr schwarz/weiß dargestellt, aber eine klare Tendenz dahin ist zu sehen.

Die Fähigkeit, eigene oder auch fremde Bedürfnisse zu erkennen, erfordert Achtsamkeit sich selbst und anderen gegenüber.

Achtsamkeit – ein Modebegriff ?! „Achtsamkeit zielt darauf ab, mehr im Jetzt und Hier zu leben. Es geht darum, dem Moment mehr Aufmerksamkeit zu schenken.“ (Spiegel Online Gesundheit – 6.8.2015) Und das ist gar nicht so einfach:

Langsamkeit und Langeweile zulassen. Alle Sinne benutzen. Nicht nur Sehen und Hören, sondern vor allem auch Schmecken, Riechen und Tasten. Das spricht unsere Gefühlswelt an und nicht nur die Rationalität unserer durchstrukturierten Denkwelt mit all ihren Schemata, Schubladen und kleinen Kopfbetrügereien.

All das ist für viele von uns eine beängstigende Vorstellung und vor allem in unserer Gesellschaft noch nicht unbedingt immer akzeptiert.

Man stelle sich nur ein Vorstandsmeeting vor, in dem einer der Vorstände während der Eröffnung der Quartalszahlen sich genüsslich die Schuhe auszieht und seine Fußsohlen massiert, weil er sich durch die dadurch gewonnene Entspanntheit besser auf die Zahlenwelt und deren Auswirkungen konzentrieren kann.

Es gibt mittlerweile in jedem großen Unternehmen eine eigens eingerichtete Abteilung für Gesundheitsmanagement http://www.huffingtonpost.de/alexandra-hildebrandt/gesundheit-wichtigster-wert-der-deutschen_b_8661022.html.

Diese Abteilungen fristen oft ein unterbudgetiertes Dasein zwischen „hoch in der Hierarchie angesiedelt“, aber als Stabsstelle mit zwei oder drei Mitarbeitern kaum handlungsfähig.

Führungskräftetrainings in Selbstmanagement zur Reduktion der Burnout-Zahlen sind in den letzten Jahren immer beliebter geworden. Und doch verändern sich die Unternehmenskulturen nur langsam:

Die, die es schneller schaffen, haben die größeren Chancen, die sogenannte Generation Y http://www.huffingtonpost.de/alexandra-hildebrandt/generation-y-nachhaltigkeit_b_10354432.html für sich zu gewinnen.

Warum fällt es vielen so schwer, sich selbst und anderen mehr Achtsamkeit entgegen zu bringen?

Speziell in den Chefetagen gehört das Thema mittlerweile dazu. Allerdings mehr oder weniger als ungeliebtes Kind, weil es erst einmal keinen Profit bringt. Oder aber auch, weil es so schwer erlernbar und so ungewohnt ist für eine Gesellschaft, in der vor allem der Verstand die Oberhand hat. Achtsamkeit wird oft als esoterisches Thema belächelt.

Aus meinem Gefühl für die eigene Achtsamkeit heraus habe ich vor einigen Jahren meinen Berufsweg gewechselt: von der Managerwelt (in der Achtsamkeit zwar durchaus vorhanden ist, aber noch nicht begriffen wird) zur Maßschuhmacherei. Einer Welt, in der Achtsamkeit ein elementarer Bestandteil des Handelns ist: Achtsamkeit den Füßen und Menschen, dem eingesetzten Material und der Umwelt gegenüber.

Ein Schuh umhüllt den Fuß beim Gehen, Stehen und Sitzen. Er schützt ihn vor Kälte, Nässe und steinigem Boden. Er kann modisches Statement und Statussymbol sein. Oder ein Klotz am Bein, viel zu unbequem oder sogar den Fuß deformierend.

Mode steht im Konfektionsschuhbereich immer noch an erster Stelle. Vor allem bei Frauen: Da werden schicke Markenmodelle gekauft, auch wenn sie nur eine halbe Nummer kleiner als die eigene Schuhgröße verfügbar sind - in der Hoffnung, sie werden vielleicht größer, oder es geschieht ein Wunder, und der Fuß passt doch hinein.

Die neue Bodenständigkeit

Achtsamkeit der eigenen Gesundheit und der eigenen Ausstrahlung gegenüber sieht anders aus - Achtsamkeit der Umwelt gegenüber auch:

Schuhe, die in Drittländern zu dubiosen Bedingungen hergestellt werden, sind nicht nachhaltig. Ein Schuh, der nicht passt und entweder die Füße ruiniert oder ungenutzt im Regal steht, auch nicht.

Es ist eine Tendenz dahingehend zu spüren, dass es doch mehr Menschen gibt, die sich wieder mehr für handgearbeitete Qualitätsware http://www.huffingtonpost.de/alexandra-hildebrandt/nachhaltigkeit-manufakturen-wohnen_b_7141826.html aus dem Inland interessieren. Und vor allem etwas für SICH tun wollen.

„Ich bin jetzt 50 und wollte mir mal was gönnen“. Das ist ein Satz, den wir in unserer Maßschuhmacherei häufiger zu hören bekommen. Sich etwas gönnen, den eigenen Füßen und damit sich selbst ein schönes Gehgefühl bereiten. Auch Füße sind mit einem guten Tastsinn ausgeprägt.

Mit den Füßen stehen wir mitten im Leben. Unsere Füße sind die Basis unseres aufgerichteten Körpers. Warum also gehen viele Menschen so unachtsam mit ihnen um, dass sie freiwillig Schmerzen erleiden oder sich langfristig durch unpassendes Schuhwerk schädigen?

Achtsamkeit ist erlernbar

Am besten fängt man bei sich selbst an und versucht, seine eigenen Bedürfnisse zu begreifen – zu fühlen. Dazu gehört auch die klare Wahrnehmung von Unbehagen oder Schmerz, der vielleicht durch die selbstbetrügerischen Gedanken an Schönheit durch stark beworbene Produkte im Kopf noch keine reelle Chance hatte gehört zu werden.

Und modisch sind individuelle, handgemachte Schuhe allemal: Sie vereinen das klassische Modebild mit den eigenen Vorlieben und verströmen ein angenehmes Gefühl von Behaglichkeit und Freiheit.

Wer gelernt hat, achtsam mit sich selbst umzugehen, kann es auch anderen gegenüber sein.

Stand: Juli 2016