Gina Schöler

Gina Schöler ist Expertin für Glück und Wohlbefinden und leitet als Glücksministerin die bundesweite Initiative "Ministerium für Glück und Wohlbefinden". Ihr Studium in Kommunikationsdesign an der Hochschule Mannheim hat sie mit ihrer Masterthesis „Ministerium für Glück und Wohlbefinden - Dokumentation einer transmedialen Kommunikationskampagne" sehr erfolgreich abgeschlossen und ist seitdem als freiberufliche Speakerin, Trainerin und als Coach unterwegs, um mit Menschen gemeinsam zu erarbeiten wie man das Bruttonationalglück steigern kann. Sie hat als Glücksministerin ihren persönlichen Traumjob gefunden und ist davon überzeugt, dass eine Portion Mut nötig ist, um wirklich glücklich zu sein.
 

Human Happiness Management: Glück als Exzellenzfaktor eines nachhaltigen Managements und Lifestyles

Was bedeutet für Sie Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit hat viele Facetten. Es gibt natürlich die ökologische Nachhaltigkeit, die in aller Munde ist. Wie können wir so leben, dass wir auch unseren Kindern eine gute, glückliche Zukunft ermöglichen können? Was brauchen wir wirklich - um glücklich zu sein? Wenn man sich diese Frage mal ernsthaft beantwortet, wird wenig Materielles dabei herauskommen. Und gleichzeitig wird einem bewusst, dass man all das, was man denkt zu brauchen, letztlich doch überhaupt gar nicht benötigt. Deshalb lautet der Claim der Initiative auch „Bewusstein. Reduktion. Zufriedenheit." Denn wenn einem bewusst wird, was man alles braucht bzw nicht braucht, kann man reduzieren, ausmisten, fokussieren, weniger konsumieren und gelangt somit fast automatisch zu mehr zu Zufriedenheit.

Man konzentriert sich auf das, was wirklich zählt. Das Thema Glück hat also sowohl mit ökologischer als natürlich vor allem auch mit sozialer Nachhaltigkeit zu tun. Wie gehen wir mit uns selbst um? Achten wir auf uns, unsere körperliche UND seelische Gesundheit? Oft rennen wir im Hamsterrad und bekommen vor lauter To Do's, Erwartungen und Leistungsdruck einen Drehwurm. Die ganz eigene Balance zu finden, sich Ruhephasen zu gönnen und gleichzeitig aber auch Gas zu geben, wenn man für etwas brennt, ist wichtig!

Und was können wir tun und ändern, dass wir ein funktionierendes, gelingendes Zusammenleben ermöglichen können, das nachhaltig dazu beiträgt, glücklich zu sein? Wie gehen wir mit unseren Mitmenschen um? Viel öfter sollten wir mit offenen Augen und Herzen durch das Leben gehen und einander wahrnehmen. Sich anschauen, gegenseitig helfen, zuhören, freundlich sein, nicht ver- und beurteilen - ganz einfach: Mensch(lich) sein. Das klingt selbstverständlich, ist es im stressigen Alltag allerdings oftmals nicht. Wenn man es mal ausprobiert und offen auf andere zugeht, wird man erstaunt feststellen, dass das mit ganz viel Glück verbunden ist. Und es trägt sich weiter als seid der Stein des Anstoßes, der die ganze positive Bewegung in Gang setzt. Es lohnt sich - nachhaltig.

Wie könnte eine bessere, nachhaltigere Lebens- bzw. Arbeitswelt für mehr Glück und Lebensfreude aussehen?

Wenn man sich die heutige (Arbeits-)Welt anschaut, dann ist sie in vielen Bereichen geprägt von Schnelligkeit, Stress, Leistungsdruck, Missgunst und Unsicherheit. Die Ellenbogen sind ausgefahren, es herrscht ständiger Vergleich und es scheint ein schier unendlicher Dauerlauf im Hamsterrad zu sein auf der Suche nach Erfolg und Glück. Dazu kommt, dass die ständigen Veränderungen in vielerlei Hinsicht - gesellschaftlich, wirtschaftlich, politisch oder privat - uns zur Flexibilität und Transformation zwingen, ob wir dazu bereit sind oder nicht. Das gilt es ganz genau anzuschauen und vor allem auch, Dinge in Bewegung zu setzen, die uns dabei helfen, damit umzugehen, einigen Gegebenheiten auch Einhalt zu gebieten und etwas zum Positiven hin zu verändern. Wir müssen trotz all der Herausforderungen und Gegebenheiten wieder zu uns finden. Mission Menschlichkeit! Ein achtsamer Umgang mit uns selbst, mit unseren Mitmenschen und unserer Umwelt.

Mehr Miteinander statt Gegeneinander, mehr Austausch und Offenheit, Ehrlichkeit und Verletzlichkeit, Kommunikation mit offenen Ohren, Augen und Herzen - mehr Verständnis und Wertschätzung.

So können wir die Resilienz fördern, das ist die Fähigkeit, eine psychische Widerstandskraft und Stärke zu entwickeln, die uns dabei hilft, auch schwere und stressige Zeiten sowie Krisen zu meistern. Die Themen Wirtschaft und seelische Gesundheit gehören eng zusammen. Die Ressource Mensch wird oftmals so verheizt, dabei ist sie die wertvollste, die wir haben. Lasst uns gut darauf aufpassen.

Wenn man sich die „alten" Strukturen ansieht, welche geprägt sind Unnahbarkeiten, Rollenverhältnissen, Sachlichkeit und Konkurrenzdenken, dann wird einem schnell klar, dass das nicht auf Dauer zukunftsfähig ist. Für das Bruttoinlandsprodukt und den wirtschaftlichen Wohlstand mag es sinnvoll erscheinen, für das Bruttonationalglück und unser aller Wohl aber nicht zwangsläufig... Wirtschaft und Unternehmertum sollten definitiv auch das menschliche Glück als Ziel verfolgen und wir alle sollten Glück und Wohlbefinden als gemeinsame Währung ansehen.

Lasst uns auf Augenhöhe begegnen, Grenzen durchbrechen, Hierarchien überdenken und uns gegenseitig dabei helfen, eine positive Veränderung von unten nach oben wachsen zu lassen. Ich stelle mir eine (Arbeits-)Welt vor, in der jeder sein Potenzial entfalten und seine Stärken einsetzen kann, Sinn im privaten wie im beruflichen Umfeld erfährt, wir unsere unterschiedlichen Kräfte bündeln, teilen und uns gegenseitig unterstützen und bestärken - weg vom Ich und hin zum Wir.

Der Begriff Work-Life-Balance kann meinetwegen abgeschafft werden, denn es ist fraglich, ob man in der heutigen Zeit voller Dynamik und Digitalisierung noch so genau unterscheiden kann zwischen Arbeit und Leben. Unter'm Strich ist alles unsere Lebenszeit und diese sollte so viel Sinn und Spaß machen, wie es eben möglich ist.

Dazu müssen wir Bestehendes in Frage stellen und mutig genug sein, Neues auszuprobieren. Weg vom „Macht man halt so." und rein in eine sozial nachhaltige Zukunft.

Das mag utopisch erscheinen, aber: „Menschen mit einer neuen Idee gelten so lange als Spinner, bis sich die Sache durchgesetzt hat." - Mark Twain

Weshalb ist das Thema Glück für die Gesellschaft von so entscheidender Bedeutung?

Die Themen Glück und Lebensfreude sind in aller Munde und das Interesse und vor allem das Bedürfnis danach scheinen immer weiter zu wachsen. Die Menschen realisieren, dass es nicht nur darum geht, zu funktionieren und das ganze Leben lang im Hamsterrad zu rennen - sie beginnen immer mehr, sich wichtige Fragen zu stellen: Wie geht es uns? Was bedeutet gutes und gelingendes Leben? Und was können wir aktiv tun, um dieses zu fördern? Die Leute wünschen sich mehr Entschleunigung, Ruhe und Entspannung. Zeit für sich und sein persönliches Umfeld zu finden scheint in der heutigen Zeit immer seltener zu werden, umso größer wird das Bedürfnis danach. Dass dieses „Höher, schneller, weiter, mehr" auf Dauer nicht gut gehen kann, sehen wir ja an all den Krankheitszahlen, die durch seelische Krankheiten entstehen.

Hier gilt es präventiv an dieses wichtige Thema heranzugehen und die Menschen bereits im gesunden Stadium daran zu erinnern, dass es wichtig ist und Spaß macht, sich um das Glück und Wohlbefinden zu kümmern. Und das aber bitte ohne Zeigefinger, denn es soll leicht sein und sich gut in den sowieso schon stressigen Alltag integrieren lassen. Intrinsische Motivation ist hier das Zauberwort. Durch spielerische Aktionen und kreative Herangehensweisen wird Lust darauf gemacht, sich diese Fragen des Lebens zu stellen und aktiv nach Antworten und Lösungen zu suchen.

Das Interesse am Mitmachen und Gestalten des eigenen Lebens und der Gesellschaft wächst und so können wir gemeinsam das Bruttonationalglück erarbeiten.

Es gibt ein schönes Zitat von Buddha: „Hass wird nicht durch Hass, sondern durch Liebe besiegt." und ich denke, dass das ein entscheidender Ansatz in Zeiten wie diesen ist. Wenn Fronten sich verhärten, Krisen anhalten und eine allgemeine Unsicherheit herrscht (sei es politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich, persönlich - ganz egal, Glück hat Auswirkungen auf alle Bereiche!), dann kann man das nicht verändern und besiegen, indem man weiter „drauf haut", sondern indem man reflektiert und menschlich mit den Situationen umgeht. Ehrliches Interesse, offene Kommunikation und ein Funken Verständnis, Wertschätzung und ein respektvolles Miteinander können Wunder bewirken!

Kann man durch ein Glücksmanagement bzw. Happiness Management auch die Wirtschaft nachhaltig voranbringen?

Wohlbefinden und Glück sollten immer Unternehmensziele sein.
Glückliche Mitarbeiter sind engagierter, kreativer, produktiver, loyaler und kooperativer. Zufriedene Mitarbeiter verbessern die betrieblichen Ergebnisse - während unter einem Burnout nicht nur der Betroffene selbst, sondern auch die Produktivität leiden. Daher liegt es auf der Hand, dass Glück und seelische Gesundheit definitiv Faktor sind, welche die Wirtschaft voranbringen können.

Dazu kommt, dass angesichts der demografischen Entwicklung und des Fachkräftemangels in Deutschland das Gewinnen und Halten von guten Mitarbeitern durch ein gutes und authentisches Image zum entscheidenden Faktor der Konkurrenzfähigkeit wird. Wer sich wohlfühlt bei der Arbeit, wird eher bereit sein, gute Leistung und Innovationskraft zu liefern. Wo der Mensch samit seiner Bedürfnisse im Mittelpunkt steht, fühlt man sich wohl. Zudem stärkt es die Bindung an das Unternehmen und die Fluktuation geht zurück.

Was bedeutet erfüllendes, glückliches Leben, und wo sollte man mit der Suche nach einem nachhaltig sinnerfüllten, glücklichen Leben bzw. der eigenen Berufung beginnen?

Zuerst einmal möchte ich dem Thema Glück die rosarote Brille abnehmen, die ihm gerne mal aufgesetzt wird. Glücklich sein und ein erfülltes Leben führen bedeutet nicht, dauerhaft glücklich zu sein und wie ein Honigkuchenpferd durch die Gegend zu laufen, Probleme zu ignorieren und Everybody's darling zu sein. Im Gegenteil möchte ich fast sagen. Es hat viel mit Reflexion, Offenheit, Verletzlichkeit, Mut und Ehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber zu tun und das kann auch Nebenwirkungen haben. Wer sich intensiv mit dem Thema Glück auseinandersetzt, kann das Leben stark verändern. Das mag manchmal schwierig erscheinen, weil sich Prioritäten verschieben, Entscheidungen getroffen werden, Situationen sich verändern, das ist aber auf Dauer dem Glück nachhaltig zuträglich!

Und merke: Wer verkrampft nach dem Glück sucht, wird tendenziell eher unglücklicher. Wir sollten uns nicht unter Druck setzen und ungeduldig werden. Also besser mit einer gesunden Gelassenheit dran gehen, das Ziel nicht aus den Augen verlieren, aber uns genug Raum und Zeit für Experimente, Spielen und Ausprobieren gönnen.

Und wo sollte man beginnen? Bei sich selbst natürlich!

Jeder muss für sich herausfinden, was erfülltes Leben für einen bedeutet. Jeder muss herausfinden, was ihm wichtig ist, wie man selbst gestrickt ist, was man erreichen möchte, wie das Leben aussehen soll. Jeder muss herausfinden, was man selbst zum großen Ganzen beitragen kann und möchte. Wir können alle im Rahmen unserer Möglichkeiten handeln. Es erwartet niemand, dass wir die Welt von heute auf morgen verändern sollen, aber man sollte zumindest mal damit anfangen - im ganz Kleinen.

Der Weg zum Glück ist nicht linear, soviel kann ich garantieren! Wichtig ist nur, anzufangen! Der Entschluss, sich mit dem Thema auseinander zu setzen, wichtige Fragen in den Raum zu stellen und sich auf den Weg zu machen ist der Grundbaustein für alles weitere. Und dann heißt es: Den ersten Schritt machen. Babysteps. Jeden Tag ein bisschen.

Macht euch auf die Suche und werdet zum Sherlock „Happiness" Holmes: Recherchiert, was Glück für euch bedeuten kann, verabredet euch mit euch selbst, um euch besser kennenzulernen und entfalten zu können. Saugt alles auf, was ihr finden könnt und erweitert euren Horizont.

Dann heißt es aber auch aussortieren: Was tut gut, was hilft weiter, worauf möchte man sich fokussieren und die eigene Energie bündeln?

Der nächste Schritt wäre es dann, erste Experimente zu wagen: Dinge ausprobieren, Pilotprojekte starten, erste Gehversuche machen, adaptieren, implementieren, reflektieren.

Wie gesagt: Glück ist kein stringenter Weg von A nach B, ich vergleiche es gerne mit einem Wollknäuel: Manchmal durcheinander, verknotet, verstrickt - aber man kann wunderbare Dinge daraus zaubern.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Marco Englert. Es erschien am 13.10.2017 in der Huffington Post: http://www.huffingtonpost.de/marco-englert/human-happiness-management-glueck-als-exzellenzfaktor

Stand: Oktober 2017