Hannah Haberland

Hannah Haberland wurde 1984 in einer norddeutschen Kleinstadt geboren. Nach ihrem Studium machte sie eine Facharztausbildung in der Anästhesie und absolvierte im Anschluss eine Weiterbildung zur Palliativmedizinerin. Seit einigen Jahren arbeitet sie in einem Team der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung und betreut hier gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen eines multidisziplinären Teams Menschen mit unheilbaren Erkrankungen bis zu ihrem Lebensende.
 

Letzte Begegnungen: Auf dem Weg zu einem würdevollen Tod

Interview mit der Palliativärztin Hannah Haberland

Die Palliativmedizin hilft nicht beim Sterben, sondern beim Leben mit der Krankheit – auch auf dem Weg zu einem würdevollen Tod. Hannah Haberland (Pseudonym) hat darüber ein berührendes Buch geschrieben. „Letzte Begegnungen“ gewährt einen Einblick in den intensiven Arbeitsalltag der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung www.dgpalliativmedizin.de . Alle Fälle wurden anonymisiert, um die Identität von Patienten und Angehörigen zu wahren. Gemeinsam mit einem Team aus Ärzten und Pflegekräften ist es Haberlands Ziel, sterbenskranken Menschen die verbleibende Lebenszeit so frei von jeglichen Krankheitssymptomen zu gestalten wie möglich – und das nicht in einer sterilen Klinik, sondern im vertrauten Zuhause im Kreise ihrer Angehörigen. Das Buch ist keine Beschreibung eines Einzelschicksals und keine Abhandlung über das Sterben an sich. Hier geht es darum, in den Kopf einer Palliativmedizinerin zu schauen und durch ihre Augen einige ausgewählte Situationen zu betrachten: Das ist manchmal rührend, manchmal tragisch oder überraschend heiter. Im folgenden Interview beschreibt sie ihren Beruf als Palliativärztin, spricht über den richtigen Umgang mit Angehörigen und die schweren Momente des Abschieds, aber auch über Nachhaltigkeit.

Frau Haberland, was ist Aufgabe einer Palliativärztin?

Palliativmedizin bedeutet ja erstmal, dass man sich nicht mehr auf die Heilung einer Erkrankung fokussiert, sondern sich um eine Symptomlinderung kümmert. Als Ärztin in einem Team der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) ist meine Aufgabe nochmal etwas enger gefasst. Wir betreuen ausschließlich Patienten, die nicht in der Klinik sind, sondern zu Hause in ihrer gewohnten Umgebung. Diese Patienten haben den Wunsch, nicht mehr in die Klinik gehen zu müssen und möchten in letzter Konsequenz zu Hause sterben. Wir nehmen auch nur Patienten auf, die keine krankheitsspezifischen Therapien mehr erhalten, wie z.B. eine Chemotherapie oder eine Bestrahlung, weil diese Therapien oftmals Nebenwirkungen haben können, die eine umgehende Klinikeinweisung notwendig machen - und das steht wiederum im Gegensatz zu dem, was wir unseren Patienten versprochen haben, nämlich dass sie zu Hause bleiben dürfen. Unsere Aufgabe ist die Symptomkontrolle. Wir sorgen dafür, dass die Patienten noch möglichst lange mit einer guten Lebensqualität ihr Leben im Kreis ihrer Angehörigen leben können. Wir therapieren sämtliche Beschwerden, die das Lebensende mit sich bringt, das können Schmerzen sein, aber auch Luftnot, Übelkeit und Unruhe sind am Lebensende nicht selten. Wenn es notwendig ist, können wir sogar Wasser aus dem Bauchraum oder neben der Lunge ablassen, selbst das geht dank tragbarer Ultraschallgeräte quasi am Küchentisch.

Wir kümmern uns auch um die Angehörigen, führen entlastende Gespräche, helfen bei der Organisation eines Pflegedienstes oder unterstützen bei den administrativen Dingen, die eine schwere Erkrankung so mit sich bringt. Das Ziel ist immer, dass die Patienten und ihre Familie die letzten gemeinsamen Tage und Wochen so unbeschwert wie möglich zu Hause verbringen zu können.

Was bleibt von den in Ihrem Buch festgehaltenen "letzten Begegnungen"?

Es bleibt immer etwas, ein Lächeln, ein Blick, ein Satz. Die im Buch beschriebenen Fälle gehören natürlich zu den eindrücklichsten Fällen meines Berufslebens, von denen bleibt sehr viel. Bei mir bleibt die Erkenntnis, dass ich nicht meine Vorstellung von einer guten Symptomkontrolle, und wie das Sterben auszusehen hat, den Patienten und ihren Angehörigen aufdrücken darf. Mit jedem weiteren Jahr in meinem Beruf lerne ich, mehr Zurückhaltung an den Tag zu legen. Im Buch zeigt sich das beispielsweise in dem Fall mit dem spirituellen Geschwisterpaar, die keine schulmedizinische Therapie wollten, sondern Engelswasser und Schüssler-Salze für eigentlich alles hernahmen. Da musste ich oftmals sehr an mich halten, nicht laut zu schreien. Ich musste mich immer wieder daran erinnern, dass es hier nicht um mich und meine Wünsche geht. Ich kann immer nur Ratgeberin sein. Meine Arbeit ist jeden Tag aufs Neue eine Lektion in Sachen Demut. Manchmal gelingt mir das besser und manchmal weniger gut.

Welche traurigen, aber auch positiven Erlebnisse sind Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

Positiv bleibt mir immer die Dankbarkeit in Erinnerung, mit der uns die Patienten und auch die Angehörigen begegnen. Ganz oft sagen die Patienten nach dem ersten Besuch: „Es geht mir schon viel besser, weil ich weiß, dass Sie da sind und es Ihnen nicht egal ist.“ Das ist schön und erinnert mich jedes Mal daran, warum ich bei all den traurigen Momenten meine Arbeit so gerne mag. Traurige Erlebnisse habe ich naturgemäß viele. Kürzlich verstarb ein sehr junger Patient, der von uns schon länger begleitet wurde und der mir von seinen Lebensumständen her sehr ähnlich war. Ich habe schon während unserer Betreuung gemerkt, dass mir das Ganze sehr nahe geht, und dass ich an der ganzen Familie emotional schon viel zu nah dran bin. Aber es hilft ja nichts, ich kann nicht kurz vor Schluss hingehen und sagen, so, Sie bekommen jetzt eine neue Ärztin weil mir das hier zu nahe geht. Als er dann verstarb und ich ihn dann da so liegen sah, habe ich das erste Mal in meiner palliativmedizinischen Laufbahn vor den Angehörigen geweint. Da habe ich gemerkt, hier ist eine Tür aufgegangen, die ich so schnell nicht wieder zukriege. Aber es gehört halt auch zu dieser Arbeit, das aushalten zu können, auch wenn es nicht immer leicht ist.

Für wen haben Sie dieses Buch geschrieben?

Ich merke immer wieder, dass die meisten Menschen nicht wissen, dass es die SAPV gibt. Ich möchte ein stückweit dazu beitragen, dass sich das ändert. Viele wissen auch nicht, dass jeder Mensch auf diese Betreuung zu Hause ein Anrecht hat, und dass ein SAPV-Team von den Krankenkassen komplett bezahlt wird, völlig egal, wie lange und wie oft wir in Anspruch genommen werden. Außerdem möchte ich über den Unterschied zwischen Palliativmedizin und Sterbehilfe aufklären und zeigen, denn das sind zwei gegenteilige Dinge, wie man auch an dem Fall „Die von der Sterbehilfe“ gut sehen kann. Natürlich habe ich das Buch auch ein wenig für mich selbst geschrieben. Wenn man seine Erlebnisse aufschreibt, kann man sie nochmal besser reflektieren und für sich ordnen.

Warum schreiben Sie unter Pseudonym?

Ich habe erst versucht, unter meinem Klarnamen zu schrieben, aber es ging einfach nicht. Unter Pseudonym kann ich viel ehrlicher sein und meine Gedanken so zu Papier bringen, wie sie eben sind. Wenn ich meinen Patienten gegenübertrete, so wollen die in der Regel nicht wissen, dass ich auch öfter mal Selbstzweifel habe oder nicht zu jeder Zeit hundertprozentig zufrieden mit meinen Entscheidungen bin. Außerdem möchte ich nicht, dass sich meine Patienten und deren Angehörige fragen müssen, ob sie vielleicht demnächst auch eine tragende Rolle in einem Buch zugedacht bekommen.

Weshalb sollte das Thema auch in die aktuelle Nachhaltigkeitsdebatte integriert werden?

Nachhaltigkeit hat ja auch viel mit Selbstfürsorge und der Sorge um den anderen zu tun. Wir können uns nicht aus der Verantwortung stehlen, wenn es um das Lebensende geht, nur weil es uns - hoffentlich – noch nicht so schnell betrifft. Auch die Medizin muss sich wandeln - weg von der Idee, dass unseren Patienten geholfen ist, wenn sie bis zum letzten Tag noch Therapien bekommen, die vielleicht das Leben um ein paar Tage verlängern, dafür aber die Lebensqualität extrem reduziert. Wir sind in der Verantwortung, die Ressourcen unserer Patienten zu schonen und mit Augenmaß zu agieren, wenn es um Therapieoptionen am Lebensende geht. Ein offenes Ohr und ein ehrliches, aufrichtiges Wort sind oft wichtiger und wertvoller als jede Pille.

Warum werden die Lebenswissenschaften häufig ausgeblendet?

Vielleicht, weil alles, was lebt, auch irgendwann stirbt? Der Mensch ist gut im Verdrängen, aber wenn ich mich mit dem Leben beschäftige, so stoße ich natürlich auch irgendwann auf den Tod, und den blenden wir alle lieber aus. Ich habe 90jährige auf ihrem Sterbebett getroffen, die mich mit großer Entrüstung angesehen haben und sagten, über den Tod hätten sie noch nie nachgedacht, und das hätte ja wohl noch Zeit. Die meisten Menschen können es einfach nicht aushalten, andauernd mit ihrer eigenen Endlichkeit konfrontiert zu werden. Vielleicht trägt das dazu bei, das Lebenswissenschaften keinen wahnsinnig großen Stellenwert besitzen.

Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt

Literatur:

Hannah Haberland: Letzte Begegnungen. Eine Palliativärztin erzählt. Eden Books, Berlin 2018. http://www.edenbooks.de/haberland-letzte-begegnungen/

Stand: Februar 2018