Hannes Jaenicke

Hannes Jaenicke, geboren 1960, aufgewachsen in den USA und Deutschland. Nach der Schauspiel-Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar in Wien (1979 – 1982) folgten Bühnenengagements an den renommiertesten Bühnen Deutschlands. Einem breiten Publikum wurde er Mitte der 1980er Jahre durch den Thriller „Abwärts“ bekannt und drehte seitdem zahlreiche Kino- und Fernsehfilme. Seit 2007 produziert Hannes Jaenicke eigene Dokumentarfilme. Privat engagiert er sich für ver¬schiedene Themen im Umweltschutz, zudem setzt er sich für zahlreiche karitative Organisati¬onen wie die Christoffel Blindenmission (CBM), die tibetische Menschenrechts¬organisation International Campaign for Tibet (ICT) und Greenpeace ein. Sein erstes Buch »Wut allein reicht nicht« (2010) kam auf die SPIEGEL-Bestsellerliste, mit seinem zweiten Buch »Die große Volksverarsche. Wie Industrie und Medien uns zum Narren halten« (2013) führt er seit Wochen die SPIEGEL-Bestsellerliste an.

Hannes Jaenicke: Warum wir ein Konsumenten-Navi brauchen

Unsere Vorfahren lebten in der Stein-, Bronze- oder Eisenzeit. Wir leben im Plastikzeitalter, auf dem Plastic Planet. Vom Schnuller und kunterbuntem Kindergeschirr über Zahnbürsten und Outdoorjacken bis hin zu Plastikflaschen, Plastiktüten und dem plastifizierten Verpackungswahn jedes erdenklichen Gegenstandes, ob in der Drogerie, Apotheke, Supermarkt, Kaufhaus oder Boutique. Nicht nur, dass wir uns damit zumüllen – schon jetzt ließe sich unsere Erde sechsmal in den Kunststoff einpacken, den wir seit 100 Jahren produziert haben –, wir muten auch der Umwelt extrem viel zu. Zu viel. Die Meere sind inzwischen so von der Plastikpest verseucht, dass einige Fischer mehr Plastikmüll als Fisch in ihren Netzen haben. Seevögel füttern ihre Jungen mit Plastikfetzen, die daran kläglich zugrunde gehen. Fische verwechseln Plastikpartikel mit Plankton und vergiften sich. Im nordöstlichen Pazifik treibt eine Plastikinsel, »The North Pacific Gyre« genannt, die jetzt schon achtmal so groß ist wie Deutschland. Und wächst. Und wächst. Und wächst. Derartige schwimmende Plastikmüllhalden entstehen in allen Weltmeeren – auch im Mittelmeer.

Plastik ist aber nicht nur eine Müllseuche, sondern zuallererst ein Ölprodukt. Die Ölmenge, die für die Produktion der nur in Deutschland jährlich verwendeten Plastikverpackungen benötigt wird, entspricht jener Menge Öl, die 2010 bei der Deepwater-Horizon-Katastrophe in den Golf von Mexiko geflossen ist.
Obendrein verursacht allein der Boom der Einwegplastik- respektive Polyethylenterephthalat (PET)-Flaschen zusätzliche CO2-Emissionen von 1,4 Millionen Tonnen. Pro Jahr. Tendenz steigend. Doch Einweg ist ein so herrliches Milliardengeschäft für die Verpackungsindustrie – in Deutschland werden jährlich zehn Milliarden PET-Flaschen verkauft –, dass die alles daransetzt und immer neue Marketingstrategien austüftelt, um es weiter voranzutreiben. Unterstützt wird sie in Sachen PET-Flaschen leider durch das gut gemeinte und im Hinblick auf sortenreines Recycling auch gut funktionierende Pfandsystem; denn viele Menschen, die ihr Wasser aus den ach so praktischen Plastikflaschen trinken, haben dabei sogar ein gutes Gewissen, schließlich werden die Flaschen ja, wenn sie zurückgegeben wurden, recycelt. Das stimmt. Zumindest teilweise. Allerdings machen insbesondere die Discounter, die voll und ganz auf Einweg setzen, damit gleich noch einmal einen Batzen Geld, indem sie die brav zurückgegebenen Einweg-PET-Flaschen an die Recyclingindustrie verkaufen. Und bei einer Rücklaufquote von erfreulichen 98,5 Prozent in Deutschland kommt da so manche Tonne Einwegplastik zusammen. Besonders hoch ist der Plastikbedarf in China, wo man aus unserem PET-Einwegplastik unter anderem Pullover, Trainingshosen und Jacken herstellt. Bei rund 16 Flaschen je Pullover rechnet sich das schnell ... Nur leider nicht für unsere Umwelt: Forscher warnen vor dem Mikroplastik, das bei jedem Waschen erst ins Abwasser, dann ins Meer und schließlich in die Nahrungskette gerät. Was nicht in Chinas Bekleidungsfabriken, auf asiatischen Deponien oder im Meer landet, wird zu minderwertigen Plastikprodukten verarbeitet.

Die Antwort auf meine Anfrage bei Netto, wie viele Einwegplastikflaschen monatlich zurückgegeben werden (durchschnittlich in Kilogramm):
Leider können wir Ihnen die gewünschten Informationen nicht zur Verfügung stellen, da unsere Daten ausschließlich für den internen Gebrauch bestimmt sind.
Wir bitten um Verständnis.
Mit freundlichen Grüßen
Netto Marken-Discount AG & Co. KG
Industriepark Ponholz 1
93142 Maxhütte-Haidhof

Und auch von Lidl kam außer der standardisierten Antwortmail des Kundenservice (Ihre Anfrage ist zur Bearbeitung bei uns eingegangen. Sie erhalten in Kürze eine Rückmeldung. Bis dahin bitten wir Sie noch um etwas Geduld.) keinerlei konkrete Reaktion. Geduld hin oder her ... Tja, man lässt sich eben nicht gerne in die Karten gucken. Zumal dieses Recyclingzusatzgeschäft den Preis für das Discounterwasser subventioniert, womit der fatale Kreislauf rund wäre: preiswertes Mineralwasser in Einweg-PET-Flaschen, höherer Absatz, mehr Einwegplastikflaschen, niedriger Preis, noch mehr Kunden, noch mehr Einwegplastik ... Inzwischen teilen sich Aldi und Lidl 50 Prozent des gesamten deutschen Mineralwasser- Marktes – und der Mehrweganteil beim Mineralwasser ist in Deutschland auf traurige 36 Prozent gesunken.
Warum quälen wir uns eigentlich mit dieser ständigen Mineralwasser-Schlepperei?

Erstens sind die meisten sogenannten Mineralwässer kaum mehr als aufbereitetes Leitungswasser (z. B. Bonaqua) und eine Gelddruckmaschine für die Getränkeindustrie. Zweitens wird ein großer Teil des bei uns verkauften Mineralwassers aufwendig, teuer, umweltfeindlich und nach Diesel stinkend über die Alpen oder quer durchs Land gekarrt, allen voran so beliebte Marken wie Evian, Volvic, Spa, Panna, San Pellegrino.

Drittens liegen etliche Studien vor, darunter auch vom Umweltbundesamt, die beweisen, dass deutsches Leitungswasser größtenteils sauberer und reiner ist als gekauftes Wasser. Warum sonst empfehlen Kinderärzte, Babynahrung lieber mit Leitungswasser anzurühren? Für die Bakteriophoben, Hypochonder und Paranoiker unter uns: Keine Abfüllanlage eines Mineralwasserherstellers wird so oft, so genau und so streng auf mögliche Verkeimung untersucht wie unser Trinkwasser. Leitungswasser ist das am strengsten kontrollierte Lebensmittel in Deutschland.

Viertens ist gekauftes Mineralwasser reine Geldverschwendung.
Es kostet etwa zehnmal so viel wie Wasser aus dem Hahn.
Und fünftens gibt es seit Jahrzehnten sogenannte Sodasprudler, mit denen man zu Hause bequem und viel preiswerter sein eigenes Getränk mit Blubber zubereiten kann. Ohne Geschleppe, Recycling, Umweltbelastung, Giftmüll. In Ländern wie Israel, die unter Wasserknappheit leiden, steht ein solcher Sprudler in fast jedem Haushalt.

Warum also lassen wir uns von der milliardenschweren Getränkeindustrie und Konzernen wie Nestlé (dem zahlreiche bekannte Mineralwassermarken gehören, z. B. San Pellegrino) und Coca-Cola (Bonaqua, Apollinaris, Vio etc.) derartig verarschen und verhelfen ihnen dabei auch noch zu Rekordgewinnen?

Auszug aus : Hannes Jaenicke, Die große Volksverarsche. Wie Industrie und Medien uns zum Narren halten. Ein Konsumenten-Navi. Gütersloh 2013, 4. Auflage, S. 13-17.