Hans Jürgen Kerkhoff

Hans Jürgen Kerkhoff,  Jahrgang 1956, begann nach dem Studium der Geisteswissenschaften und Ökonomie in Düsseldorf und Cambridge seine berufliche Laufbahn beim Deutschen Bundestag. 1987 trat er in die Dienste der Wirtschaftsvereinigung Stahl, deren Außenstelle in Brüssel er von 1991 bis 1999 leitete. Nach seiner Rückkehr zum Stahl-Zentrum in Düsseldorf war er verantwortlich für das Geschäftsfeld Politik. 2004 wurde er zum Hauptgeschäftsführer der WV Stahl berufen, vier Jahre später zu deren Präsidenten und zum Vorsitzenden des Stahlinstituts VDEh. Die Gemeinschaftsorganisationen im Stahl-Zentrum vertreten rund 99 Prozent der Rohstahlproduktion in Deutschland und auch viele europäische Stahlerzeuger. Zur Stahlindustrie in Deutschland gehören etwa 100 Unternehmen und rund 88.000 Mitarbeiter.

Weitere Informationen:
www.wvstahl.de

 

Nachhaltigkeit in der Stahlindustrie

Nachhaltiges Wirtschaften gehört heute für die meisten Industrieunternehmen zu ihrem Leitbild. Auch die Stahlindustrie in Deutschland hat sich seit vielen Jahren diesem Leitbild verpflichtet. Zentrales Ziel ist es, die Interessen von Beschäftigten, Kunden, der Eigentümer, wie auch der Gesellschaft in Einklang zu bringen. Damit sich mittel- und langfristig Fortschritte in allen Bereichen der Nachhaltigkeit einstellen, bedarf es einer kontinuierlichen Verständigung über die eigenen Anstrengungen. Der unternehmensübergreifenden Nachhaltigkeitsstrategie der Stahlindustrie in Deutschland liegt die Überzeugung zu Grunde, dass in allen drei Dimensionen der Nachhaltigkeit – Ökonomie, Ökologie und Soziales – Fortschritte zu erzielen sind.

Stahl ist ein unverzichtbarer Werkstoff für die Industrie. In der nachhaltigen Entwicklung der Stahlindustrie wurden in den vergangenen Jahren – was im ureigenen Interesse einer energieintensiven Branche liegt – Potenziale zur Effizienzsteigerung weiter ausgeschöpft und allen Widrigkeiten zum Trotz gewaltige Erfolge erzielt. Denn der verantwortungsvolle Umgang mit begrenzten Ressourcen über den gesamten Lebenszyklus ist der Schlüssel zu einer nachhaltigen Entwicklung. Im Mittelpunkt steht die Energie- und Stoffeffizienz. Effizienz heißt hierbei eine fortlaufende Steigerung des Output-lnput-Verhältnisses beim Einsatz der für die Herstellungsprozesse erforderlichen materiellen Ressourcen. Die Stahlindustrie in Deutschland operiert inzwischen nahe am physikalisch-technisch machbaren Optimum und ist damit weltweit führend. Ihre Bemühungen, letzte verbleibende Effizienzspielräume zu nutzen, verfolgt die Branche weiter. Schließlich dient die Minimierung des Ressourceneinsatzes nicht nur dem Umweltschutz, sondern auch einer erhöhten Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.

Nachhaltigkeitspotenziale erschließen sich, wenn man den kompletten Lebenszyklus betrachtet: Stahl ist der einzige Industriewerkstoff, der beliebig oft recycelt werden kann – ohne Abstriche bei den ihn auszeichnenden Eigenschaften. Das wird in Ökobilanzen bisher noch unzureichend berücksichtigt. Der ökologische Fußabdruck von Stahl verringert sich mit jedem neuen Kreislauf. Die Emissionen fallen langfristig im Vergleich zur Primärproduktion zwischen 35 und 75 Prozent geringer aus. Der Heizungsboiler von gestern kann heute ein Leichtbau-Automobil und morgen eine hocheffiziente Turbine sein. Ausgediente Alltagsgegenstände werden so nachhaltig verwertet. Stahlschrott ist ein hochwertiger Rohstoff und belastet keine Deponien. Das Konzept der Nachhaltigkeit ist untrennbar mit einer Analyse der Stoffkreisläufe und Lebenszyklen der Produkte verbunden. Stahl hat dabei herausgehobene Eigenschaften.

Die Stahlindustrie präsentiert sich heute als eine wissensintensive Hightech-Branche mit bemerkenswerter Innovationskraft. Sie ist Grundlage der industriellen Wertschöpfungsketten und eine der starken Säulen der deutschen Wirtschaft. Erst die Stahlindustrie ermöglicht Innovationen in Branchen wie der Automobilindustrie oder dem Energieanlagenbau und leistet damit einen unverzichtbaren Beitrag für Wachstum und Wohlstand in Deutschland. Denn ohne den Werkstoff Stahl sind Umwelt- und Klimaschutz nicht zu bewältigen. In interdisziplinären Netzwerken aus Forschung, Produktion und Anwendung werden Innovationspotenziale gehoben. Die gemeinsam entwickelten innovativen Stahlwerkstoffe und die anschließende erfolgreiche Vermarktung von Produkten, Technologien und Verfahren beflügeln den technischen Fortschritt. Mit modernen Prozesstechniken werden hoch- und höherfeste Leichtbaustähle gefertigt, die in Kombination mit neuen Verarbeitungstechnologien Gewicht einsparen. Diese Stähle zeichnen sich durch hervorragende mechanische, technologische und physikalische Eigenschaften aus und kosten deutlich weniger als andere Werkstoffe.

Hochqualifiziertes Personal ist der Schlüssel für die nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit. Mit großen Anstrengungen und innovativen Ideen ist es der Stahlindustrie gelungen, hochqualifiziertes Personal zu rekrutieren und zukünftigen Fachkräftemangel zu vermeiden. Die Stahlproduktion von heute ist global organisiert, hochtechnologisiert und umweltfreundlich. Sie übersteht – das hat die Finanz- und Wirtschaftskrise gezeigt – auch konjunkturelle und ökonomische Krisen. Für die Sicherung dieses Wohlstands ist der intensive Wissensaustausch zwischen Forschung, Produktion und Anwendung ebenso erfolgsentscheidend wie das enge Zusammenspiel entlang der komplexen Wertschöpfungsketten. Die Stahlindustrie bündelt seit Langem ihre Kräfte in strategischen Kooperationen. Der Forschungs- und Innovationsstandort Deutschland besitzt alle Voraussetzungen, um auch in Zukunft international Maßstäbe zu setzen. In Systempartnerschaften mit Lieferanten, wissenschaftlichen Instituten und mit den Kunden nutzen die Kooperationspartner gemeinsames Wissen sowie unterschiedliche Kompetenzen und bauen ihr Know-how stetig weiter aus. Die Bundesrepublik verfügt über ein einzigartiges Netzwerk im Bereich der Stahlforschung und -entwicklung. Dabei spielen Hochschulen und Universitäten eine ebenso wichtige Rolle wie Institute, beispielsweise die Max-Planck- oder Fraunhofer-Gesellschaft.

Zu der nachhaltigen Personalpolitik rund um den Hightech-Werkstoff gehört auch die berufliche Erstausbildung, die in der Stahlindustrie in Deutschland seit jeher einen hohen Stellenwert hat: Knapp 5.000 Jugendliche erhalten zurzeit eine qualifizierte Ausbildung. Das Spektrum der Ausbildungsberufe in den Stahlunternehmen ist mit 35 anerkannten Berufen im Vergleich zu anderen Industriezweigen besonders groß. Auch die Ausbildungsquote liegt mit knapp 6 Prozent über dem Durchschnitt.

Das wirtschaftliche Handeln der Stahlindustrie sichert nachhaltiges Wachstum und hat Auswirkungen auf die Gesellschaft und auf die Umwelt. Der Verantwortung hierfür ist sich die Branche bewusst. Sie ist überzeugt, dass Ökonomie, Soziales und Ökologie eine Einheit bilden. Nachhaltiges Wirtschaften ist eine Verpflichtung für die Zukunft.