Henning Kagermann

Prof. Henning Kagermann, Jahrgang 1947, habilitierter Physiker und ehe- maliger Vorstandsprecher der SAP, ist seit 2009 Präsident von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften. Die gemeinwohlorientier- te, von Bund und Ländern geförderte Mitgliederakademie berät Politik und Gesellschaft in technologischen und technologiepolitischen Fragestellungen. Als Vorsitzender der Nationalen Plattform Elektromobilität, Sprecher der Promotorengruppe Kommunikation der Forschungsunion sowie des Steuer- kreises des Innovationsdialogs zwischen Bundesregierung, Wirtschaft und Wissenschaft treibt Henning Kagermann wichtige Zukunftsprojekte wie Elektromobilität und Industrie 4.0 voran. Er ist Mitglied des Senats der Max- Planck-Gesellschaft und der Fraunhofer-Gesellschaft sowie Ehrensenator der Stiftung Lindauer Nobelpreisträgertreffen und Chairman der EIT ICT Labs.

Weiterführende Informationen:
www.acatech.de

 

 

Antriebskonzepte der Zukunft

Weshalb ist die E-Mobilität ein »nachhaltiger« Baustein der Energiewende?

Die Energiewende braucht mehr erneuerbare Energien. Die Integration dieser Energiequellen in das Stromnetz ist aufgrund ihrer Volatilität jedoch eine technische Herausforderdung. Um Spitzen der erneuerbaren Energien abfangen zu können, werden Speicher zukünftig eine zentrale Rolle bei der Ausgestaltung eines smarten Energiesystems spielen. An dieser Stelle kommen Elektrofahrzeuge ins Spiel. Im Durchschnitt stehen Fahrzeuge mehr als sie fahren. Diese Standzeit kann man sich zu Nutze machen und Elektrofahrzeuge als mobile Speicher im Stromnetz nutzen. So ist beispielsweise die Möglichkeit des bidirektionalen Ladens ein Muss für die zukünftige Lade­infrastruktur für Elektrofahrzeuge. Darüber hinaus überlegen Wirtschaft und Wissenschaft schon heute, wie die in Elektrofahrzeugen eingesetzten Batterien in einem »Second-Life«-Konzept als stationäre Speicher verwendet werden können.

Bis zum Jahr 2020 sollen rund eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen fahren. Allerdings stehen die dafür notwendigen praktikablen Energiespeicher- und Energieversorgungssysteme noch nicht zur Verfügung. Ist die von der Bundesregierung im Rahmen des »Nationalen Entwicklungsplans Elektromobilität« angestrebte Zahl tat­sächlich realistisch?

Ja. Und ein dafür erstelltes Kostenmodell zeigt auch, dass es möglich ist, die Ziele zu erreichen, sofern man den Markthochlauf mit einem entsprechenden Maßnahmenpaket flankiert. Auf Basis der aktuell von der Bundesregierung getroffenen Maßnahmen ergeben die derzeitigen Berechnungen allerdings erst 600.000 Elektrofahrzeuge. Frau Bundeskanzlerin Merkel hat die heutige Situation kürzlich treffend beschrieben: »600.000 Fahrzeuge wissen wir sicher, der Rest muss erarbeitet werden.«

Von welchen Faktoren hängt die Entwicklung entscheidend ab? Und welche Rolle spielen dabei die Emotionen?

Wichtige Faktoren sind die Kosten, die Alltagstauglichkeit sowie – Sie sagen es schon – die Emotionen. Die drei Faktoren zusammen schaffen Akzeptanz beim Kunden. Lassen Sie mich mit den Kosten beginnen: Diese müssen weiter reduziert werden. Wir müssen in einen Bereich kommen, in dem die Kunden etwas höhere Preise akzeptieren, weil sie wissen, dass die Betriebskosten geringer sind. Wir nennen dies auch den »Diesel-Effekt«, den wir erzielen müssen. Obwohl Diesel-Motoren teurer als Benziner sind, entscheiden sich viele Kunden für den Diesel-Motor, wissend, dass sich diese Entscheidung ab einer bestimmten Laufleistung rechnet. Das Zweite ist die Alltagtauglichkeit, die stark von Gewohnheitsmustern geprägt ist. Diese Gewohnheitsmuster müssen auch Elektrofahrzeuge gerade am Anfang so gut es geht bedienen, um den Umstieg auf ein Elektrofahrzeug so einfach wie möglich für den Kunden zu machen. Über Emotionen brauchen wir uns derzeit die wenigsten Gedanken zu machen, denn ein Elektrofahrzeug steckt voller Emotionen. Jeder, der schon einmal ein Elektrofahrzeug gefahren ist, war danach begeistert. Diesen Punkt müssen wir in der Debatte noch stärker betonen.

Ist der Elektromotor das Antriebskonzept der Zukunft oder eher eine Übergangslösung?

Wenn wir über die nächsten 20 bis 30 Jahre sprechen, so denke ich, dass wir eine Vielfalt von Technologien auf unseren Straßen und in den Autohäusern sehen werden. Alle bereits heute verfügbaren Technologien – sei es der herkömmliche Verbrennungsmotor, die Brennstoffzelle, mit alternativen Kraftstoffen betriebene Fahrzeuge oder das Batterieelektrische Fahrzeug – werden sich parallel weiterentwickeln. Welcher Antrieb sich durchsetzt, ist heute noch völlig offen. Es wird sich auch eher um ein stufenförmiges Durchdringen handeln. Eine Revolution können wir nicht erwarten.

Das Ergebnis einer Akzeptanzstudie vom TÜV Rheinland 2011 zum Thema Elektromobilität zeigte, dass die Akzeptanz zwar weltweit steigt, aber andere Länder wie Frankreich oder Japan im Gegensatz zu Deutschland deutlich kreativer sind. Woran liegt das? Und was tut die Politik?

Auch in Deutschland zeigt sich, dass die Akzeptanz bei denjenigen sprunghaft ansteigt, die eine Probefahrt in einem Elektrofahrzeug gemacht haben. Daher setze ich stark auf die anlaufenden Schaufenster in Bayern/Sachsen, Baden-Württemberg, Berlin/Brandenburg und Niedersachsen, die von Bund und Ländern gefördert werden. Elektromobilität muss erleb- und im wahrsten Sinne des Wortes erfahrbar sein, um Emotionen zu wecken und Vorbehalte abzubauen. Das ist eines der Ziele der Schaufenster.

Hohe Anschaffungskosten der Fahrzeuge, fehlende Normierungen, geringe Reichweiten und ein noch »dünnes« Tankstellennetz sprechen derzeit noch gegen diese Entwicklung. Wie lässt sich das Kosten-Nutzen-Verhältnis in absehbarer Zeit langfristig optimieren?

Hier ist ein zweigleisiges Vorgehen notwendig. Einerseits müssen wir, wie bereits erwähnt, die Kosten der heute auf dem Markt verfügbaren Elektrofahrzeuge reduzieren. Anderseits müssen wir deren Nutzen hervorheben. Dazu haben wir ein umfangreiches Maßnahmenpaket empfohlen. Darin enthalten sind zum Beispiel Sonderregelungen bei der Abschreibung von Elektrofahrzeugen, Nachteilausgleich bei der Dienstwagenbesteuerung, Zinsgünstige KfW-Kredite für Elektrofahrzeuge und die Prüfung eines öffentlichen Beschaffungsprogramms für Elektrofahrzeuge. Darüber hinaus ist die Investition in Forschung und Entwicklung im jetzigen Stadium enorm wichtig, um zum Beispiel die Batterietechnologie so weiterzuentwickeln, dass ihr Kostenanteil am Gesamtfahrzeug geringer wird und gleichzeitig höhere Reichweiten möglich werden.

Weshalb fehlen Ladeanschlüsse ausgerechnet dort, wo sie äußerst sinnvoll wären: z. B. an Park- und Stellplätzen sowie in Parkhäusern?

Wir rechnen damit, dass zukünftig 85 Prozent der Ladeanschlüsse an privaten Stellplätzen – sei es daheim oder auf dem Gelände des Arbeitgebers – zur Verfügung stehen. Der Großteil des verbleibenden Rests werden halböffentliche Ladestationen sein, die sich z. B. auf dem Parkplatz eines Supermarktes befinden. Hierfür haben sich schon erste Konsortien gefunden. Nur ein ausgesprochen kleiner Teil wird rein öffentlich und bis 2020 nicht entscheidend sein.

Gesucht wird nach einer Spitzentechnologie für die Batterie der Zukunft, die leichter, platzsparender und über Serienanfertigung immer günstiger werden muss. Zudem muss sie kurze Ladezeiten haben, viele Aufladezyklen vertragen und eine hohe Speicherfähigkeit für lange Reichweiten vorweisen können. Welche Strategie empfehlen Sie, um diese Batterie zu entwickeln?

Wir haben hierfür eine duale Strategie empfohlen, die sowohl die Kostensenkung der jetzigen Batterien als auch die Entwicklung der nächsten Generation an Batterien im Blick hat. Da Innovationsgeschwindigkeit und Innovationshürden bei der Batterietechnologie aufgrund der physikalischen Grenzen andere sind als beispielsweise in der Chipindustrie, ist diese duale Strategie notwendig.

Prognosen zufolge werden Elektrofahrzeuge 2020 in Deutschland einen Marktanteil zwischen drei und fünf Prozent haben. Von welchen Faktoren hängt es ab, welche Entwicklungsdynamik die Elektroautos danach bekommen?

Aus meiner Sicht wird dies stark mit der Entwicklung der Batterien zusammenhängen. Heute rechnen wir, dass Fahrzeuge mit Batterien der nächsten Generation bis 2025 auf den Markt kommen. Diese Batterien werden eine um den Faktor drei erhöhte Energiedichte haben, woraus sich erhebliche Vorteile bei den Kosten und in der Reichweite, sprich Alltagstauglichkeit, ergeben. Betrachten wir den vorhin erwähnten Dreiklang aus Kosten, Alltagstauglichkeit und Emotionen, so dürfte mit den Batterien der nächsten Generation die Elektromobilität einen erheblichen Schub erhalten. Es ist gut vorstellbar, dass dann der sogenannte Tipping Point für Elektrofahrzeuge erreicht wird.

Seit 2010 sind Sie Chef der Nationalen Plattform Elektromobilität (NPE), wo Experten in sieben Fachgruppen konkrete Empfehlungen für den Weg in das E-Zeitalter erarbeiten. 2014 endet die Phase der Marktvorbereitung. Können Sie ein Zwischenfazit ziehen?

In der kurzen Zeit – vom Start der NPE 2010 bis heute – haben wir sehr viel erreicht. Es ist einmalig, dass ein so hochkarätig besetztes Gremium über eine so lange Zeit kontinuierlich und konzentriert zusammenarbeitet. Alle haben sich dem gemeinsamen Ziel Leitanbieter und Leitmarkt verpflichtet und in die bisherige Arbeit viele Ressourcen gesteckt. Ohne diese branchenübergreifende Zusammenarbeit hätten wir niemals so viel erreichen können. In kürzester Zeit haben sich über 90 Konsortien aus Industrie und Wissenschaft, großen und kleinen Unternehmen sowie aus den verschiedensten Branchen gebildet. Diese einzigartige, disziplin- und branchenübergreifende Bündelung der Kräfte findet international große Beachtung. Nun gilt es, den Prozess zu verstetigen, denn der Weg zu unseren Zielen ist kein Kurzstreckenlauf, sondern ein Marathon.

Welche Formen der Mobilität sehen Sie neben der elektronischen bis zum Jahr 2020 gern beschleunigt?

Wir müssen Mobilität noch systemischer – verkehrs- und energieträgerübergreifend – denken, insbesondere vor dem Hintergrund der verschiedenen auch zukünftig verfügbaren Antriebstechnologien. Intermodalität ist hier ein wichtiges Stichwort. Dies bedarf einer intelligenten Vernetzung, die bisher noch fehlt. Hier wünsche ich mir einen zukünftigen Schwerpunkt. Jeder Verkehrs- und Energieträger hat seine Vor- und Nachteile und sollte daher entsprechend seiner Vorteile zum Zug kommen. Wir müssen uns mehr und mehr mit den Schnittstellen in der Mobilitätkette beschäftigen. Die Promotorengruppe Mobilität der »Forschungsunion Wirtschaft – Wissenschaft«, die die Bundesregierung bei der Umsetzung der Hightech-Strategie berät, hat hier wichtige erste Impulse gesetzt.

Besitzen Sie ein E-Bike? Wie bewerten Sie die hohe Nachfrage nach Fahrrädern und E-Bikes?

Nein, ich besitze kein E-Bike, finde sie aber toll. Sie sind ein optimaler Einstieg in die E-Mobilität und werden gerade in unserer alternden Gesellschaft an Bedeutung gewinnen.

Weshalb lassen sich mit den richtigen Innovationen gesellschaftliche Prozesse lösen, ohne Wachstum zu begrenzen?

Innovationen greifen gesellschaftliche Problemlagen auf. Sie werden von Menschen gemacht, die aus ihren alltäglichen Erfahrungen die Erwartungen, Herausforderungen und Wünsche ihrer Mitmenschen kennen. Mit der Informations- und Kommunikationstechnologie steht uns eine noch relativ junge Technologie zur Verfügung, die zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen – wie Klimawandel, Rohstoffknappheit oder demografischer Wandel – prädestiniert ist. Sie wird in den verschiedensten Bedarfsfeldern zum Einsatz kommen und dabei Ressourcen intelligenter steuern, gesellschaftliche Herausforderungen lösen und nachhaltiges Wachstum sichern. Auch die Elektromobilität ist hierfür ein Beispiel: Elektrofahrzeuge erfüllen das menschliche Bedürfnis nach Mobilität, berücksichtigen zugleich die Herausforderungen des Klimawandels und der Rohstoffknappheit und sichern Wertschöpfung und Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland.

Wofür steht symbolisch Ihre Handschrift? Welche Botschaft soll sie auf diesem Planeten hinterlassen?

acatech – Deutsche Akademie der Technikwissen­schaften steht für nachhaltiges Wachstum durch Innovation. Wir setzen uns dafür ein, dass in Deutschland aus Ideen Innovationen und aus Innovationen Chancen auf Wohlstand erwachsen. Die Worte von Thomas A. Edison bringen meine Motivation dabei auf den Punkt: »Visionen ohne Exekution sind Halluzinationen.«