Hermann Scherer

Hermann Scherer, Jahrgang 1964, baute nach dem Studium der Betriebswirtschaft mit den Schwerpunkten Marketing und Verkaufsförderung in Koblenz, Berlin und St. Gallen mehrere eigene Unternehmen auf, etablierte diese in der Branche und wurde vom Herausforderer der Branchengrößen zum Marktführer. Er wurde internationaler Unternehmensberater, Trainerausbilder und Manager of Instruction der weltweit größten Trainings- und Beratungsorganisation. Dort erhielt er den Platinum Award für höchste Qualität und höchsten Umsatz. In den weltweiten Rankings von über 10.000 Verkäufern erreichte er regelmäßig Plätze unter den TOP 10. Er zählt zu den TOP 100 Excellent Speaker und wurde mehrfach mit dem Excellence Award ausgezeichnet. Hermann Scherer ist Autor und Herausgeber von mehr als 36 Büchern, die außer im deutschsprachigen Raum auch in Brasilien, China, Estland, Japan, Korea, Niederlande, Polen, Russland, Spanien, Taiwan, Tschechien und Thailand gelesen werden. Seine Bücher wurden mehrfach, beispielsweise von der Gesellschaft für Pädagogik und Informationen e. V. mit dem Comenius-Siegel für exemplarische Bildungsmedien, ausgezeichnet. Weitere Informationen:
http://www.hermannscherer.de/home/

 

Warum Konsumgüter keine Glücksgüter sind

Das Geld ist da, der Platz zum Horten auch. Und sie sind ja schön, die Möbel, das Auto die Klamotten. So füllt sich der Rucksack des Lebens.

Wir halten an den Dingen fest, weil wir an unserem Leben festhalten wollen. Dabei ist das ein Irrtum. All die Dinge halten uns in Wahrheit fern von unserem Leben, sie machen uns schwer, sie fesseln uns an unsere Vergangenheit.

Aber ich sitze mehr in den Autos von Sixt als in dem Auto, das ich besitze. Mit meiner Sixt-Abo-Card bekomme ich ohne Vertrag an jedem Flughafen, Bahnhof und noch so manchem Ort der Welt ein Auto, wenn ich eins brauche.

Freiheit ist nicht, zu jedem Anlass den passenden Schlips von Louis Vuitton kaufen zu können. Freiheit ist, keinen kaufen zu müssen.

Ich besitze auch kein Haus. Das hat den Vorteil, dass das Haus mich nicht besitzen kann. Und es rechnet sich ja auch gar nicht. Ein Haus ist ein Loch im Boden, durch das das Geld verschwindet. Sie wissen sogar nie genau, wie groß das Loch ist, weil Sie nicht wissen, welche Reparaturkosten noch auf Sie zukommen und wie der Wert von Grundstück und Immobilie sich entwickeln wird. Fragen Sie mal einen guten Steuerberater, der wird mir vermutlich beipflichten. Ich habe lieber das Vermögen auf meinem Konto und zahle meine Miete von den Zinsen. So bleibt mir beides: das Geld und die Flexibilität. Häuser sind Freiheitsräuber. Die Gründe, die es rechtfertigen, ein Eigenheim zu besitzen, habe ich losgelassen. Je kleiner das Ego, desto leichter das Leben.

Ich brauche nichts. Mehr noch, ich will nichts! Sachen haben zu müssen, die ich nicht will, ist für mich viel schlimmer, als möglicherweise unsympathisch zu wirken, weil der Schenkende sich durch mein Desinteresse an seinem Geschenk brüskiert fühlen könnte.

Ein neuer Geldbeutel? Nur, wenn der alte kaputt ist. Eine neue Uhr? Alle paar Jahre gerne eine schöne, aber dann verkaufe ich vorher die alte.

Und bitte glauben Sie nicht, dass ich im Verzicht lebe. Sie können mir glauben, dass ich versuche, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Ich will Sie auch ermutigen, sich schöne Sachen zu kaufen und zu besitzen. Aber bitte nur die, an denen Sie wirklich Spaß haben. Ich habe keine asketischen Ambitionen, ganz im Gegenteil. Ich will nur die Sekundäremotionen, die an den Dingen hängen, nicht mehr in meinem Leben dulden.

Wir spüren doch längst, dass Konsumgüter keine Glücksgüter sind. Rund 2000 Jahre vor der Einführung des iPhones kam Plinius dem Älteren die ernüchternde Erkenntnis: „Dinge, die wir besitzen, bewahren selten den Zauber, den sie hatten, als wir sie erstrebten.“

Mit der Antwort „Nein!“ auf die Frage, ob wir all das Zeugs brauchen, wird nicht die Forderung nach Selbstgeißelung errichtet. Der Lohn für den Verzicht folgt unmittelbar: Freiheit, Unbeschwertheit, wahre Mobilität. Und der zu entrichtende Preis ist viel niedriger als wir glauben, denn die Freude, die uns die Sachen schenken, ist so gering und so kurzfristig, dass das Loslassen dieses materiellen und geistigen Ballasts immer ein lohnendes Geschäft ist.

Denn das Materielle belastet uns nicht auf physische Art, weil es vorhanden ist, sondern durch die Energie, die es uns kostet, die Sachen in unseren Köpfen zu beachten, zu verwalten, die Verantwortung dafür zu übernehmen, das Zeugs zu ordnen, wiederzufinden.

Quelle: Glückskinder. Warum manche lebenslang Chancen suchen – und andere sie täglich nutzen. Campus Verlag Frankfurt/New York, 2012.