Ilsabe von Campenhausen

Ilsabe von Campenhausen, geboren 1973, schloss ihr Germanistik- und Geschichtsstudium mit einem deutschen Magister und einer französischen Maîtrise ab und studierte zusätzlich zwei Jahre Mandarin in Suzhou (V. R. China). Vier Jahre hat sie in der Entwicklungshilfeorganisation Deutsche Stiftung Weltbevölkerung, die reproduktive Gesundheit in Afrika und Asien fördert, in Hannover gearbeitet und dann als Vize-Direktorin das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung mit aufgebaut. Nach mehr als sieben Jahren im Ausland machte sich die verheiratete Mutter von drei Kindern mit einer Beratung für interkulturelle Kommunikation selbstständig, bevor sie 2009 zur BMW Stiftung Herbert Quandt kam. Hier verantwortet sie die Organisa­tion der Young Leaders Foren, mit denen Führungspersönlichkeiten aus aller Welt ins Engagement für das Gemeinwohl geführt werden.

 

Markus Hipp, Jahrgang 1968, studierte Philosophie und Katholische Theologie in München. Nach seinem Examen war er zwei Jahre als Dozent für Germanistik und Philosophie an den Universitäten Budweis und Brünn in der Tschechischen Republik tätig, woran sich Berufsstationen im Vertriebs- und Verlagswesen in München und Augsburg anschlossen. 1998 kam er als Assistent der Geschäftsführung zur Robert Bosch Stiftung nach Stuttgart. Im Jahr 2000 wurde er dort stellvertretender Leiter des Bereichs Mittel- und Osteuropa, bevor ihn die Robert Bosch Stiftung 2002 mit dem Aufbau ihres Berliner Büros betraute, das er bis August 2006 leitete. Seit September 2006 ist er geschäftsführender Vorstand der BMW Stiftung Herbert Quandt. Der verheiratete Vater von vier Kindern wirkt neben seiner beruflichen Tätigkeit für die BMW Stiftung ehrenamtlich auch in Gremien anderer Organisationen mit. Er ist Mitglied im Beirat des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen in Berlin, im Kuratorium der Breuninger-Stiftung gGmbH, im ehrenamtlichen Vorstand der Stiftung Paretz sowie Gründungsvorstand und Mitglied bei MitOst e.V., einem Verein für Sprach- und Kulturaustausch in Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Seit 2008 ist Markus Hipp Mitglied des Gemeinderats von Ketzin, Brandenburg. 2011 wurde er Vorstandsmitglied der European Ven- ture Philanthropy Association (EVPA).

www.bmw-stiftung.de

 

 

Führungsverantwortung

in einer globalisierten Welt

Was ist die Aufgabe der BMW Stiftung Herbert Quandt? Welche Vision haben Sie?

Hipp: Die BMW Stiftung ist der Ansicht, den komplexen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit durch einen länder- und sektorenübergreifenden Dialog und multiple Partnerschaften begegnen zu können. Wir sind überzeugt, dass die Gestaltung einer aktiven, kreativen, durch gesellschaftlichen Zusammenhalt und soziale Innovationen geprägten Gesellschaft gelingen kann, wenn jeder Einzelne Verantwortung für das Allgemeinwohl übernimmt und seine Kompetenzen und Fähigkeiten für den sozialen Wandel einsetzt. Wir sehen uns als effektive und innovative Plattform, die durch ihren Beitrag zu dieser Vision soziale Innovationen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert.

Wenn Ihr Ziel der gesellschaftliche Wandel ist –welche Herausforderungen und Chancen sind damit verbunden?

von Campenhausen: Gesellschaftlicher Wandel braucht neue Narrative – um dem Gefühl der Ohnmacht angesichts riesiger Herausforderungen wie beim Klima, der Demografie oder der weltweiten Armut den Glauben an die Möglichkeit entgegenzusetzen, selbst positiv Einfluss nehmen zu können. Dann lässt sich Wandel auch positiv gestalten.

Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Netzwerk Young Leaders?

Hipp: In unserer Arbeit mit Young Leaders wollen wir Führungspersönlichkeiten weltweit für ihre Verantwortung gegenüber dem Gemeinwohl sensibilisieren. Wir wollen ihnen die Hebel sichtbar machen, die sie durch ihre individuellen Kompetenzen, Erfahrungen und Netzwerke für einen Beitrag zu positivem Wandel in den Händen halten.

Von Campenhausen: Außerdem wollen wir Brücken bauen, um die Vielfalt dieser Möglichkeiten für das Gemeinwohl fruchtbar zum Einsatz zu bringen – jeder soll das einbringen, was er am besten kann, wodurch in der Summe die größte Wirkung erzielt wird.

Nach welchen Auswahlkriterien berufen Sie Young Leaders?

Von Campenhausen: Als Young Leader bezeichnen wir die Personen, die an einem unserer weltweiten Young Leaders Foren teilgenommen haben. Voraussetzung dafür ist, selbst eine Führungspo­sition innezuhaben und zwischen 30 und 45 Jahre alt zu sein. Vielfalt der Nationalitäten und berufliche Qualifikationen sind dabei für uns ein hoher Anspruch, um Räume zu öffnen für Inspiration, Kooperationen und für ganz neue ­Ideen.

Beobachten Sie eine positive Persönlichkeitsentwicklung der jungen Führungskräfte, die an Young Leaders Foren teilgenommen haben?

Hipp: Alle Young Leaders werden durch unsere Foren einmal weit aus ihrer Komfortzone gelockt und im Zusammenspiel mit anderen nationalen und beruflichen Kulturen tief in die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Führungsverantwortung geführt. Dies führt bei den meisten Teilnehmern zu neuem Nachdenken über die Rolle im eigenen Umfeld, weckt Neugier und öffnet den Geist für neue Themen und Fragen.

von Campenhausen: Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass ein Beitrag zu sozialer Verantwortung nicht heißt, sein Leben grundlegend zu ändern, sondern dass man aktiv darüber nachdenkt, welchen Wandel man selbst gestalten kann und will.

Wie verstehen Sie den Begriff »Soziale Innova­tionen«?

von Campenhausen: Soziale Innovation ist eine direkte und etwas missverständliche Übersetzung des englischen Begriffs »social innovation«, der korrekter mit »gesellschaftlicher Innovation« übersetzt werden müsste. Wir verstehen darunter neue Ansätze, die positiven Wandel in der Gesellschaft bewirken. Dies gilt für alle Handlungsfelder, also sowohl für die Wirtschaft, den Staat als auch die Zivilgesellschaft, in denen sie entstehen oder in denen sie Wirkung erzielen.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Nachhaltigkeit und Sozialen Innovationen?

Hipp: Um unsere Gesellschaften nachhaltig zu gestalten, sie im sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Sinne so umzuwandeln, dass auch künftige Generationen sich darin entfalten können, bedarf es neuer Lösungsansätze, also sozialer Innovationen auf allen Gebieten. Soziale Innovationen schaffen wichtige Voraussetzungen dafür, unsere Gesellschaften auf nachhaltige Grundlagen zu stellen.

Weshalb tun sich viele Unternehmen so schwer, das Thema Nachhaltigkeit zu leben und substanziell in ihr Wirtschaften zu integrieren?

Hipp: Unser Wirtschaftssystem beruht auf kurzen Zyklen und auf Anreizen, die den Verbrauch gemeinschaftlicher Ressourcen bislang nicht abbilden. Interessant ist, wie mittelständische Familienunternehmen, die nicht in Quartalsberichten, sondern in Generationen denken, den Gedanken der Nachhaltigkeit oft schon lange verinnerlicht und in ihre Kernstrategie aufgenommen haben, um auch den Enkeln noch ein erfolgreiches Unternehmen vererben zu können. Der Anreiz zum Denken in langen Zeiträumen fehlt in unserem jetzigen System.

Aus welchen Gründen sollten Unternehmer, nachhaltig orientierte Unternehmensvertreter und Investoren verstärkt in den Bereich soziale Innovation Zeit, Emotion und Geld investieren?

von Campenhausen: Die Gründe sind natürlich vielfältig: Investitionen in soziale Innovation ermöglichen den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen, einer friedlichen Gesellschaft, die freiheitliche Entfaltung individueller Begabungen – all das klingt schnell sehr pathetisch, ist aber deswegen nicht weniger wahr. Die Erfahrung zeigt aber auch, dass die Menschen, die sich für einen guten Zweck engagieren, glücklicher und sinnerfüllter leben.

Lassen sich gesellschaftliche Probleme unternehmerisch lösen? Weshalb stößt die Politik hier an ihre Grenzen?

Hipp: Nicht alle gesellschaftlichen Lösungen sind als Geschäftsmodell denkbar – aber was wir grade in Deutschland benötigen, ist mehr unternehmerische Haltung, also die Bereitschaft, im eigenen Handlungsrahmen Risiken einzugehen und Gestaltungsspielräume voll auszuschöpfen, anstatt sich auf ausgetretenen Pfaden an Altbewährtem festzuhalten. Eine solche unternehmerische Haltung braucht es nicht nur in der Wirtschaft und Zivilgesellschaft, sondern auch bei Verantwortungsträgern im Staat, bei Verwaltungsbeamten ebenso wie bei Bürgermeistern, um Innovation zu ermöglichen und neue Kräfte des Wandels freizusetzen. Die Politik kann hierfür nur den Rahmen setzen, indem sie Spielräume erweitert und Gestaltungsfreiheit gewährt.

Was würden Sie im Bereich Nachhaltigkeit / Soziale Innovationen gerne ändern?

Hipp: Ganz praktisch brauchen wir mehr philanthropische Investitionen in Organisationen als immer nur in Projekte oder gar nur Pilotprojekte. Anstatt dass jeder Wohltäter das Rad neu erfinden will, brauchen wir viel mehr freie Mittel über längere Zeiträume, die gute Ideen wachsen lassen.

von Campenhausen: Und wenn dazu noch eine Kultur entsteht, in der es selbstverständlich ist, dass jeder das ihm Mögliche tut, um eine lebenswerte Umwelt und Gesellschaft zu schaffen oder zu erhalten, wäre viel gewonnen. Das geht bei täglichen Konsumentscheidungen los und kann bis zu aktivem Engagement für ein Anliegen oder eine gemeinnützige Organisation gehen – und auch dort reicht das Spektrum vom Streichen der Kita bis zu professioneller Strategieberatung oder dem Programmieren einer Website.

Welche Organisationen helfen Interessierten weiter, wenn sie sich über soziale Innovationen informieren bzw. diese unterstützen möchten?

Hipp: Eine der besten Organisationen, die soziale Innovationen identifiziert und soziale Innovatoren fördert, ist die Organisation Ashoka, die weltweit agiert und langjährige Erfahrung mitbringt.
Um sich persönlich pro bono einzubringen, gibt es zahlreiche Organisationen in Deutschland, die hier Angebote machen, nicht zuletzt die Freiwilligenagenturen. Die BMW Stiftung arbeitet derzeit an einem Konzept, diese verschiedenen Angebote besser zu vernetzen und professionell Angebot und Nachfrage von pro bono Services aufeinander abzustimmen, um damit für beide Seiten die größte Wirkung zu erzielen.

Welche Leuchtturm-Projekte von sozialen Innovatoren gibt es weltweit?

Hipp: Ein Beispiel von sozialer Innovation ist die indische Organisation Magic Bus. Magic Bus arbeitet mit den ärmsten Slum-Kindern in verschiedenen Städten Indiens, um sie durch professionelles Fußballtraining in einem mehr als 10-jährigen Curriculum zu selbstbewussten und selbstverantwortlichen Persönlichkeiten zu bilden. Die engmaschige Auswertung aller Entwicklungsdaten dieser Kinder beweist, welch positiven Effekt diese Arbeit auf die Gesundheit, den Bildungsstand, die Rolle der Mädchen und Frauen in den Gemeinden und auf den Erfolg am Arbeitsmarkt hat. Magic Bus will bis 2014 mit seinen Programmen eine Million Kinder in Indien erreichen.

von Campenhausen: Positive Beispiele aus Deutschland wären Wellcome, ein Social Franchise Unternehmen, das an rund 200 Standorten in Deutschland junge Familien in den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt eines Kindes unterstützt; oder die Generationsbrücke Deutschland, in der langfristige Beziehungen zwischen Kindern und Altenheimbewohnern aufgebaut werden, die sich für beide Seiten positiv auf die persönliche Entwicklung auswirken.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit für Sie privat?

Hipp: Da wir beide zu Hause viele Kinder haben, heißt Nachhaltigkeit für uns in erster Linie, Zukunftsfähigkeit für die nächsten Generationen. Hierfür braucht es Mut, Unternehmergeist und Innovation, die sich über das Verstehen der Probleme hinaus in wirksames Handeln übersetzen.

von Campenhausen: Nachhaltigkeit heißt aber auch, dass Strukturen solchem Handeln Raum geben, dass Anreizsysteme so angepasst werden, dass Nachhaltigkeit auch umgesetzt werden kann und dass Innovationen und Veränderungen schnell weite Verbreitung finden können. Hierfür braucht es eine breite Unterstützung aller gesellschaftlichen Kräfte.

Was zeichnet Ihre persönliche »Handschrift« aus? Was soll als Botschaft von ihr bleiben auf diesem Planeten?

von Campenhausen: Meine Hoffnung ist, dass wir mit unserer Arbeit Menschen inspirieren und zusammenbringen, die gemeinsam mehr bewirken, dass sie neue Energien für Engagement freisetzen und damit nachhaltig positive Veränderungen bewirken.

Hipp: Meine persönliche Handschrift? Wider den Zynismus. Es lohnt sich, sich für eine bessere Welt einzusetzen. Was soll davon auf diesem Planeten bleiben? Pragmatischer Optimismus.