Jana Kern

Jana Kern ist diplomierte Textilingenieurin, freie Journalistin und Kommunikationsberaterin. Im Jahr 2009 hat sie das Kommunikations- und Beratungsunternehmen Kern Kommunikation mit Sitz in Frankfurt am Main gegründet.

In ihrer Arbeit vereint sie Journalismus, Öffentlichkeitsarbeit und Beratung. Themenschwerpunkt und verbindendes Glied aller Aktivitäten ist das Thema Corporate Social Responsibility (CSR) bzw. Nachhaltigkeit in der Modebranche.

Nach ihrem Studium an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach war Jana Kern über sechs Jahre lang Wirtschaftsredakteurin bei der Fachzeitschrift TextilWirtschaft. Ihr Fachgebiet war der Modeeinzelhandeln. In den letzten vier Jahren ihrer Tätigkeit dort hat sie sich als CSR-Expertin etabliert. Neben der Veröffentlichung von Fachartikeln organisierte und moderierte sie Kongresse und Diskussionsrunden.

Heute berät sie mit Kern Kommunikation Unternehmen aus Handel und Industrie sowie Verbände und Fachmessen. Sie ist spezialisiert auf die Themen grünes Produktportfolio, nachhaltiges Wirtschaften, verantwortungsvoller Konsum und unternehmerische Verantwortung.

 

Ist Recycling das neue Organic?

Der Recycling-Markt hat enorme Fortschritte gemacht. Einzelhandel und Industrie verbünden sich. Aus Initiativen und Pilotprojekten werden funktionierende Business-Modelle. Neue Techniken wie RFID-Chips kommen zum Einsatz und werden serienreif.

Adidas, Footlocker, Reno, Sport 2000, Esprit, H&M, Adler, Kmart, The North Face, Jack&Jones und Intimissimi – alle machen mit. Ausnahmsweise ist nicht die Rede von der Sustainable Apparel Coalition. In diesem Fall geht es um I:CO. Dahinter verbirgt sich ein Verwertungssystem für Bekleidung und Schuhe, das von der schweizerischen I Collect AG ins Leben gerufen wurde.



Von Jägern und Sammlern


Was bei den Einen der so genannte I:Counter ist, heißt beim Nächsten „Bring me back“ – letztlich geht es überall um das Gleiche: Altkleider und Schuhe werden gesammelt und gelangen dann in einen Recyclingkreislauf. Davon profitiert nicht nur die Umwelt, sondern auch der Kunde. Denn für jedes zurückgegebene Teil erhält er einen Rabatt, der beim Kauf eines neuen Kleidungsstücks oder Schuhs angerechnet wird.

Weltweit gibt es derzeit 36 Unternehmen mit 3000 Filialen, die mit I:CO Altkleider sammeln. „Einige davon sind allerdings noch in der Pilotphase. Schon in einem Jahr werden es 20.000 Sammelstellen sein. Das ist aber nur ein Bruchteil von dem, was wir uns als Ziel gesetzt haben“, sagt I:CO-Geschäftsführer Stephan Wiegand. Sein Ziel ist, dass sich 115.000 Filialen weltweit beteiligen. Dass I:CO auf einem guten Weg ist, zeigen die vielen neuen Namen auf seiner Partnerliste. So sind unter anderem C&A, Puma, Calzedonia und die Bestseller-Gruppe in diesem Jahr dazu gekommen.



Jährlich 150 Millionen neue Textilien und Schuhe


Das Potenzial, was dahinter steckt, ist nicht unerheblich. Jahr für Jahr werden 150 Millionen Tonnen Textilien und Schuhe verkauft. Nach dem herkömmlichen Modell landen diese Massen früher oder später im Müll. Mit Lösungsansätzen für diese Problematik beschäftigt sich nicht nur Stephan Wiegand. Neue Eco Fashion Labels strömen auf den Markt – längst reden sie nicht mehr nur über Organic, sondern beschäftigen sich mit neuen Recycling-, bzw. Up-Cycling-Modellen. Aus LKW-Planen werden Laptop-Taschen, aus alten Plüschtieren Teppiche, alte Kleidungsstücke werden zu neuen umdesignt und man trifft auf Zero-Waste-Konzepte, bei denen durch intelligente Schnittmuster kein Verschnitt entsteht. Fast bei jeder Eco Fashion Kollektion trifft man mittlerweile auf Materialien wie recyceltes Polyester und recycelte Baumwolle.



Reduce, repair, reuse, recycle, reimagine


Aus alt mach neu – schaut man genauer hin, wird schnell klar, dass sich hinter dem Begriff des Recyclings viel mehr verbirgt. Patagonia – wer sonst – kann hier sicherlich als einer der Vorreiter genannt werden. Das kalifornische Outdoor-Bekleidungsunternehmen fasst den Recycling-Begriff schon seit vielen Jahren weiter, als viele andere heute. Vor sechs Jahren hat das Unternehmen die Common Threads Initiative gegründet. Dabei geht es um fünf Schritte: Reduzieren, Reparieren, Weiterverwenden, Recyceln und Umdenken. Bis zum Jahr 2011 wurden 12.000 eigene Kleidungsstücke repariert. Seit 2005 wurden 45 Tonnen Patagonia-Textilien zum Recyceln zurückgenommen, daraus wurden 34 Tonnen neue Kleidungsstücke hergestellt. Auf Ebay betreibt Patagonia einen eigenen Shop, bei dem gebrauchte Kleidungsstücke weiterverkauft werden können, damit sie möglichst lang getragen und so spät wie möglich in den Müll gelangen. Auch das Thema Verzicht hat mit der viel beschriebenen „Don’t buy this jacket“-Kampagne für Furore gesorgt. Die erste Jacke aus recyceltem Polyester gab es von Patagonia übrigens schon im Jahr 1993.

Ziel des Common Threads Recycling Programms war es ursprünglich, bis zum Jahr 2010 100% wiederverwerten zu können. Doch das hat auch ein Vorreiter wie Patagonia nicht geschafft. So hieß es im vergangenen Jahr: „Die fünf Jahre vergingen wie im Flug. Haben wir unser Ziel erreicht? Leider nicht ganz. Für die Herbst-/Winterkollektion 2010 haben wir es geschafft, dass 71% unserer Bekleidung (bzw. 63% aller Styles) wieder verwertbar sind, Rucksäcke und Taschen ausgenommen. Wir haben 12 Tonnen Kleidung im Rahmen unseres Recyclingprogramms gesammelt, 6 Tonnen davon wurden bereits wiederverwertet.“



Up and down


Aber was heißt eigentlich wiederverwertet? Jeans zu Dämmmaterial zu zerschreddern, ist für die Innovatoren der Branche nicht das zukunftsträchtige Modell. Es geht vielmehr darum, weg vom Down-Cycling hin zum Up-Cycling zu gelangen. Oder noch besser zu geschlossenen Kreisläufen. Aus der Jeans wird wieder eine Jeans und wieder eine Jeans. Geht das mit Baumwolle überhaupt? Auf lange Sicht nicht. Denn je öfter recycelt wird, desto kürzer die Fasern, desto instabiler das Produkt. Also eher aus der Softshell-Jacke, eine Softshell-Jacke, eine Softshell-Jacke. Wie das funktionieren könnte, darüber zerbrechen sich die Experten im Moment die Köpfe.

Die European Outdoor Group, ein Zusammenschluss von Unternehmen aus der Sportartikel- und Outdoorbekleidungsbranche, hat unlängst eine End-of-Life-Gruppe initiiert. Und Puma hat in Kooperation mit Cradle-to-Cradle das Creative Sustainabilty Lab gegründet. Ziel der Herzogenauracher ist es, recycelbare und kompostierbare Produktlösungen zu entwickeln. Puma setzt dabei bereits im Design-Prozess an. Schon bald sollen Schuhe und Kleidungsstücke nach dem neuen Konzept auf den Markt gebracht werden.



Von Erde zu Erde?


Interessanter als der Weg vom Kleiderschrank in den Kompost erscheint Experten allerdings derjenige zurück in technische Kreisläufe. Die Schwierigkeit liegt dabei in den vielen verschiedenen Materialien, die bei einem Kleidungsstück verwendet werden. Sie müssen beim Up-Cycling zunächst getrennt werden. Erst dann können die „alten“ Materialien zu neuen Rohstoffen verarbeitet werden Da wird eine atmungsaktive Outdoorjacke mit Membran, Zippern, Knöpfen, Nieten, Kordelzügen und verklebten Nähten schnell zu einem scheinbar unlösbaren Rätsel.

Hier sind innovative Techniken gefordert. So hat I:CO jüngst einen Chip entwickelt der es möglich macht, dass Produkte via RFID mit Materialdaten zu ihren jeweiligen Einzelteilen versehen sind. Ein Scanner kann die Daten auslesen. Gleichzeitig werden Szenarien entwickelt, was man aus den einzelnen Rohstoffen Neues herstellen könnte, wer dafür der richtige Produktionspartner wäre und wie eine optimale Logistikkette zwischen I:CO, dem Produktionspartner und dem Handel aussehen könnte. Das ist keine Zukunftsmusik, denn der Scanner existiert bereits und I:CO heckt mit ersten Unternehmen mögliche Produktszenarien aus. Bis zum Jahr 2020 soll es in jeder Warengruppe einen Artikel geben, für den es ein entsprechendes Modell gibt.

Ebenfalls gerade serienreif geworden, ist die Sortieranlage von Textiles4Textiles, die das Sammeln und Sortieren von Müllbergen vereinfachen soll. In einem Forschungsprojekt im Rahmen des ECO Innovative Programms der Europäischen Kommission hat Textiles4Textiles eine Maschine erfunden, die Produkte aus verschiedenen Materialien automatisch erkennt und entsprechend sortiert. Baumwolle zu Baumwolle, Wolle zu Wolle und Polyester zu Polyester. Das Projekt wurde vor wenigen Monaten abgeschlossen. Die Maschine existiert und funktioniert und soll nun kommerzialisiert werden.



Wird Recycling das neue Organic?


Und wird Recycling nun das neue Organic? Vieles spricht dafür. Zumal die genannten Initiativen nur einige von vielen sind; der Markt ist dynamischer denn je; was vor wenigen Jahren noch undenkbar war, ist heute bereits Realität. Gleichzeitig sind viele Fragen noch ungeklärt und viele Probleme nicht gelöst. Letztlich entscheidet beim Thema Recycling aber der Kunde, sagt Wiegand: „Es liegt an uns Konsumenten, ob wir unsere Kleidungsstücke künftig im Einzelhandel abgeben und dadurch einem geschlossenen System zuführen oder ob wir sie weiterhin in den Müll werfen.“ Das ist nur einer von vielen Aspekten, aber sicherlich ein entscheidender.



 

Jana Kern

 

Quelle: Newsletter „Nachhaltigkeit & Textilien - News 03/2012“ von Texpertise Network

http://www.sustainability-texpertise-network.com/newsletter-de/ist-recycling-das-neue-organic/?NL=1