Jens A. Hauch

Dr. Jens A. Hauch ist seit 2011 Geschäftsführer des Energie Campus Nürnberg (www.encn.de) und seit 2013 Geschäftsführer der ENERGIEregion Nürnberg e.V. (www.energieregion.de). Herr Dr. Hauch erhielt 1993 seinen Abschluss in Physik von der University of Illinois at Urbana-Champaign, wo er als Mitglied des Center for Complex Systems Research gearbeitet hat.  1998 promovierte er am  Center for Nonlinear Dynamics an der University of Texas at Austin. Bevor er an den Energie Campus Nürnberg wechselte, war Dr. Hauch von 1999 bis 2004 bei Siemens Corporate Technology in der Entwicklung von Dünnschicht Magnetsensoren, elektrochromen Displays, organischen Photodetektoren und organischen Solarzellen tätig. 2004 war Dr. Hauch Mitgründer der Konarka Technologies GmbH, die er bis 2012 als Geschäftsführer leitete. Seine Verantwortung lag auf dem Gebiet der organischen Photovoltaik des europäischen F&E Programms der Konarka . Dr. Hauch ist Autor und Co-Autor von ca. 50 Patenten und Patentanmeldungen und mehr als 20 wissenschaftlichen Veröffentlichungen sowie berufenes Mitglied in den Normungsgremien TC113 (Nanotechnology standardization for electrical and electronic products and systems) und TC119 (Printed Electronics) der IEC (International Electrotechnical Commission).

 

Nachhaltigkeit in der Energiewirtschaft

Energie ist die Grundlage der Industrialisierung und ein wichtiger Baustein für unseren Wohlstand und unsere Lebensqualität. Aus diesem Grund haben sich schon in der frühen Industrialisierung Betriebe dort angesiedelt, wo Energie in großen Mengen zur Verfügung stand, wie zum Beispiel an Flüssen. Im Zuge dessen bildeten sich an diesen Standorten später auch Städte und Wohlstand aus. Mit Beginn des fossilen Zeitalters wurde die Wandlung von Energie in großen Mengen möglich, so dass eine flächendeckende Energieversorgung mit einer Netzinfrastruktur für Elektrizität und Gas aufgebaut werden konnte. Dadurch konnte sich der Wohlstand ebenfalls flächendeckendend ausbreiten. Neue Technologien wurden verfügbar, und mit der Kernenergie schien ab der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts eine schier unerschöpfliche Quelle von Energie zur Verfügung zu stehen. Dies führte zu einem extremen Wachstum, bei dem der Gedanke der Nachhaltigkeit kaum eine Rolle spielte.

Ab den 1970er Jahren wurde dann aber immer klarer, dass unsere Nutzung von Energie auch negative Konsequenzen hatte. Die erste Ölkrise von 1973 verdeutlichte, wie hoch unsere Abhängigkeit von importierter Energie war. Dann kamen die Umweltverschmutzung, Klimaerwärmung und atomare Endlager. Seitdem haben wir viel gelernt, und nicht erst seit der Begriff „CO2-Footprint“ in fast jedem Haushalt bekannt ist, wissen wir, dass unsere Verwendung von Energie negative Konsequenzen hat. Seitdem die Ressourcenknappheit und die Korrelation von Erderwärmung und CO2-Anteil in der Atmosphäre bekannt sind, suchen wir nach Lösungen, um unseren Energiekonsum beibehalten zu können und gleichzeitig die negativen Effekte zu minimieren – also nachhaltig zu agieren. Die Nutzung von erneuerbaren Energiequellen soll genau das ermöglichen. Photovoltaik und Wind sind in ausreichender Menge vorhanden und technisch verfügbar, aber auch Wasserkraft, Biomasse und Geothermie können einen wichtigen Beitrag leisten. Die Technik ist in den letzten Jahrzehnten rapide weiterentwickelt worden, und in 2012 deckten die erneuerbaren Energien in Deutschland bereits 23% der Stromerzeugung und 10% der Wärmerzeugung ab. Dies ist ein signifikanter Erfolg, wenn man bedenkt, dass deren Anteil an der Stromversorgung 1990 noch 3,1% betrug. Trotzdem liegt man damit nur knapp über dem europäischen Durchschnitt. Betrachtet man den Anteil der erneuerbaren Energien an der gesamten Primärenergieversorgung dann lag dieser in Deutschland in 2012 bei ca. 12%, während er in der EU im Durchschnitt  ca. 10% betrug.

Darüber hinaus gibt es  auch eine globale Entwicklung. In der Vergangenheit zählte man nur wenige Industrienationen mit einem hohen Energiebedarf.  Heute werden es weltweit mehr und mehr. Während der Welthunger nach Energie stetig steigt, ist der Punkt „Peak Oil“, der einen Wendepunkt in der fossilen Energieversorgung markiert schon lange überschritten – ohne dass man viel darüber gehört hätte. In der Zukunft werden somit die Fördermengen für Öl sinken, und allen ist klar, dass das Ende des Zeitalters der fossilen Energiegewinnung kommen wird. Mit der zunehmenden Verknappung der fossilen Energieträger, und den daraus resultierenden, immer höher werdenden Kosten für Energie, wird der Anteil der erneuerbaren Energien in der Energieversorgung stetig wachsen. Denn mittlerweile sind die Stromgestehungskosten für erneuerbaren Strom aus Wind schon deutlich unter denen von vielen fossilen Kraftwerken. Bei Photovoltaik sind die Kosten mittlerweile bereits unter den Einkaufskosten für Strom vieler industrieller Betriebe. Damit ergeben sich in Deutschland Geschäftsmodelle außerhalb des Erneuerbare Energien Einspeisegesetzes, welche in jedem Fall zu Neuinvestitionen führen werden.
Mittlerweile haben sich die erneuerbaren Energien  in der Stromversorgung von einem Nischenprodukt zu einer teilweise marktbestimmenden Energiequelle entwickelt. Besonders in der elektrischen Energieversorgung entstehen durch die erneuerbaren Energiequellen aber auch signifikante Probleme. Diese sind nur bedingt prognostizierbar, da deren Einspeisung, im Gegensatz zu den bekannten Grundlastkraftwerken, natürlichen und teilweise stochastischen Schwankungen unterliegen. Um diese Probleme abzufangen, und eine Stromversorgung zu garantieren die sicher, bezahlbar und umweltfreundlich bleibt, wird eine Reihe von neuen Technologien benötigt, die sich heute noch in der Entwicklung befinden. Diese müssen in unsere Energieversorgung integriert werden, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden. Dafür muss unser Energiesystem als komplexes Gesamtsystem betrachtet werden.

Der Energie Campus Nürnberg hat sich dieser Herausforderung angenommen, mit der Vision die Technologien zu entwickeln, die benötigt werden um eine nachhaltige, kostengünstige, effiziente und akzeptierte Energieversorgung basierend auf regenerativen Quellen zu schaffen. Um diese Vision zu verwirklichen, kooperiert im Energie Campus Nürnberg ein interdisziplinäres Team von Wissenschaftlern aus sechs Forschungsinstitutionen miteinander. Neben der Technik wird von Beginn an der Mensch auf unterschiedlichen Ebenen mit in die Entwicklung einbezogen, um Technologien zu entwickeln die auch in der Anwendung akzeptiert und genutzt werden. In Zusammenarbeit mit dem ENERGIEregion Nürnberg e.V., einer Netzwerkplattform für die Energiewirtschaft in der europäischen Metropolregion Nürnberg,  wird daran gearbeitet, die Ergebnisse der Forschung des Energie Campus Nürnberg in die Unternehmen und damit zu Produkten zu transferieren. Mit diesem ganzheitlichen Ansatz sollen Verwertung und nachhaltiger Nutzen für die ganze Gesellschaft zusammen mit einer nachhaltigen Energieversorgung entstehen.

Nachhaltigkeit ist ein dehnbarer Begriff mit vielen Facetten, der  an vielen Stellen unterschiedlich ausgelegt wird. In der Energiewirtschaft gilt das Versorgungsdreieck - Energie muss kostengünstig, sicher und umweltverträglich sein. Die Veränderung unseres Energiesystems muss behutsam geschehen, damit die Sicherheit unserer Energieversorgung erhalten und die Kosten gesellschaftlich vertretbar bleiben. Denn vor allen Dingen ist es wichtig, die Akzeptanz dieser Veränderung langfristig aufrecht zu halten, da die in Deutschland beschlossene Energiewende eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist und  sich über zwei Generationen hinziehen wird. Nachhaltig zu agieren bedeutet deshalb auch das bereits Geschaffene effizient zu nutzen und neben dem Ziel, die Energieversorgung zu 100% durch erneuerbare Energien zu decken, auch den Weg zu betrachten und die Menschen mit einzubeziehen.  Bei der Investition in Neues müssen ganzheitliche Maßstäbe angesetzt werden, mit dem Mut neue Wege zu gehen und neue Infrastrukturen zu schaffen, die uns den Übergang in ein erneuerbares Energiezeitalter erlauben. Dafür müssen wir kurzfristig Einschränkungen in Kauf nehmen, von denen wir langfristig wieder profitieren werden. Denn ein hoher Anteil an regenerativer Eigenerzeugung in der Energieversorgung bedeutet langfristig auch, dass Kapital, welches für den Einkauf von fossilen Energieträgern unsere Volkswirtschaft heute verlässt, anstatt dessen in unserer Volkswirtschaft bleibt und somit für Wohlstand sorgt. Weil die Energieversorgung ein komplexes System ist gibt es auch auf viele Fragen keine einfachen Antworten. Interessengruppen versuchen an vielen Stellen Einzelinteressen durchzusetzen. Durch meine Arbeit versuche ich eine differenzierte und objektive Betrachtung zu ermöglichen, zu vermitteln und zu integrieren. Die Energiewende ist ein spannendes Projekt, aber auch eine Operation am offenen Herzen. Sie hat Risiken, aber auch große Chancen. Wenn wir die Probleme der Energiewende nachhaltig lösen, dann schaffen wir nicht nur eine nachhaltige Energieversorgung für Deutschland, sondern auch die Technologien, die die ganze Welt benötigen wird. Somit legen wir die Grundlage für zukünftigen Wohlstand und Frieden. Das ist für mich der Inbegriff von Nachhaltigkeit, in der Gegenwart die Verantwortung für die Lebensqualität in der Zukunft zu übernehmen.