Jens U. Sievertsen

Jens U. Sievertsen studierte Wirtschaftswissenschaften - und Psychologie (Diplom und M.A.), Hamburg, Konstanz, Maastricht, Weiterbildung am Mental Research Institute (bei Paul Watzlawick), Stanford, Palo Alto, CA., USA, Leader Effectiveness Training Inc., Solana Beach, CA., USA, Systemische Konzepte in der Organisationsberatung, IGST Heidelberg, Supervision, Heinrich Heine Universität, Düsseldorf. Er war Leiter Unternehmensplanung im Quandt-Konzern und CEO im LEGO Konzern. Seit Mitte der 80er Jahre arbeitet er als Trainer, Berater, Coach, Vortragender und Autor. Er ist Professor für Psychologie /Begleitung von Postgraduierten Studiengängen MBA).

Seit 2002 hat er sein Büro in Hamburg, wo er Zukunftsarbeit, Veränderungsvorhaben in Unternehmen und Organisationen, Post Merger Identity, Generationenwechsel in Familienunternehmen und persönliches Coaching mit Führungspersönlichkeiten begleitet. 2008 wurde von ihm und Prof. Elmar Lampson, Präsident der Musikhochschule Hamburg, erstmalig mit Hilfe eines Symphonieorchesters die gelungene Zukunft eines unternehmerischen Vorhabens antizipiert. Die Umsetzung brachte dem mittelständischen Unternehmen zweimal in Folge die Auszeichnung »bester Arbeitgeber Hamburgs«. 2011 Lehrauftrag an der Universität Hamburg, Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Masterstudiengang Entrepreneurship.

Weitere Informationen: http://www.virtuosfuehren.de

Nachhaltigkeit verordnet? Oder wie kommen Sinn und wahre Werte in den Begriff und können aus der Kraft der Überzeugung gelebt werden?

Als siebenjähriger Junge spielte ich recht ordentlich Mandoline. Mein Vater, der Seemann war, hatte sie aus Italien mitgebracht und ich erhielt Unterricht. Bald konnte ich vom Blatt spielen was  man mir vorlegte, wenn es nicht zu schwierig war. Manchmal, wenn ich arglos aus der Schule kam, nicht ahnend, dass meine Mutter die Damen zum Kaffeekränzchen eingeladen hatte, erwischte mich das süßliche Bitten der Damen ihnen vor zu spielen. Sie hörten mit verträumten Blicken zu, summten sogar mit, weil sie die Musik, mit der Stimme von Rudolf Schock gesungen, besser kannten als ich.

Musik war mein Traum und blieb mein Begleiter und ist es für immer. Ich kannte bald einen Großteil der Literatur, lernte weitere Instrumente und auch Gesang. Was ich damals noch nicht wusste, aber heute schon: Musik intensiviert und verfeinert die Wahrnehmungsfähigkeit für Interaktionsgeschehen und bildet gut gebrauchsfähige Synapsenverbindungen im Gehirn.

Doch bei der Berufswahl fügte ich mich meinem Umfeld, wurde nicht „richtig“ Musiker, sondern studierte Wirtschafts-und Sozialwissenschaften als „ordentlichen“ Beruf. Nach einigen Jahren erster Berufserfahrung erhielt ich Chance ein Tochterunternehmen in einem dänischen Konzern (den jeder von uns kennt, weil seine Produkte nicht nur zu Weihnachten Glanz in die Augen von Kindern zaubern, doch auch so manche Eltern an den Rand der Verzweiflung trieb, weil die Plastiksteine mit den Noppen nicht eben billig waren) von Null an auf zu bauen und weiter als CEO zu führen.

Nach gut sechs Jahren erfolgreicher Arbeit begann ich mich zu fragen ob mein Leben nicht auch noch andere Herausforderungen für mich bereithält. Außerdem wurden mir auch die immer wiederkehrenden Irritationen im menschlichen Theater des Miteinander zu bunt. Ich wusste im Innern, das könnte doch besser gehen. Ich entschied mich mein Psychologiestudium, das vorher nur die Bedeutung von „Zubrot“ für mich hatte, ab zu schließen. Lernte danach bei Paul Watzlawick, den viele oder einige von „der Anleitung zum Unglücklichsein“ wohl noch kennen, systemische Arbeit.

So begann ich mit den Interaktionen in Familien und größeren Systemen wie Unternehmen zu arbeiten. Verfeinerte es zum Handwerk bei „Dingen, die nicht so klappen wie gewünscht“, Probleme oder sogar Schmerzen im Miteinander verursachten,  Interventionen zu setzen und bei der Transformation in das Gelingen unternehmerischer Vorhaben, Organisationen zu unterstützen.

Und ich mache das noch heute, aber etwas anders. Ich habe mich eben auch weiter entwickelt. Denn wie durch einen Zufall, erhielt ich die Gelegenheit die Struktur von Orchesterarbeit auf das Management zu übertragen. Also die Grammatik der Arbeit großartig gelingender Orchesteraufführungen für die Erfolgsarbeit bei Veränderungsvorhaben in Unternehmen nutzbar zu machen. Hieraus entstand mein Buch „Virtuos führen, die Meisterklasse des Managements“, das ich gemeinsam mit Justus Frantz 2007 bei Hanser (München) veröffentlicht habe.

Ja, und das Buch gab dann gleich die Initialzündung für das Pilotprojekt bei welchem ich mit Elmar Lampson, Präsident der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg, die Führungskräfte eines Unternehmens neben die die Klanggruppenleiter der Hamburger Symphoniker platziert habe, um sie mit Hilfe der Musiker  ihre gelungene unternehmerische Zukunft antizipieren zu lassen. Es entstand das Erlebnis „wahrnehmungsgelenkter Zusammenarbeit“ mit allen an der gewünschten Veränderung Beteiligten.

Der Lohn der Mühe: Freude und Auszeichnung: Das Unternehmen wurde zweimal in Folge als bester Arbeitgeber Hamburgs geehrt. Die Zutaten bestanden aus dem Intelligenzpool aller Mitarbeiter. Nichts kam von außen, denn, was man am eigenen Leibe erlebt und erfahren hat, im besten Sinne und mit den Dissonanzen und deren Auflösung, das setzt in Bewegung. Emotionen und Kohärenz wirken mehr als der Verstand. Verbunden mit der Idee von der entstehenden Zukunft her zu arbeiten, lassen Transformationen in Unternehmen so wirksam werden, wie eine großartig gelungene Orchesterarbeit, die die Zuhörer von den Stühlen reißt.

So kann ich immer wieder Musik mit meiner Arbeit im Management Coaching zusammen bringen wie die zwei in einander greifenden Hälfte eines Tennisballs. Zwischen dem 7 Jährigen und heute liegen gut fünfzig Jahre Lebenserfahrung.

Werte und ihre Bedeutung

Werte werden nur als bedeutungsvoll anerkannt, wenn sich der Einzelne entschieden hat, sie als Werte zu erleben. Paul Watzlawick beschreibt dies in der Geschichte des Franzl Wokurka. Dieser stand dreizehnjährig im Stadtpark vor einem großen Blumenbeet mit einem kleinen Schild: „Das Betreten der Beete ist bei Strafe verboten“. Das löste ein Dilemma bei dem Jungen aus, denn er sah sich zwischen zwei Möglichkeiten gefangen, die beide unannehmbar waren: Entweder behauptete er seine Freiheit gegenüber dieser Unterdrückung durch die Obrigkeit und trampelte auf den Beeten herum – riskierte dadurch aber, erwischt und bestraft zu werden; oder er ließ es sein. Auf diese Weise würde er allerdings einem schäbigen kleinen Schild gehorchen – und es packte ihn die Wut über die Feigheit einer solchen Unterwerfung. Franzl stand lange wie erstarrt, hin- und hergerissen, ratlos – bis ihm plötzlich etwas auffiel, was er bislang nicht beachtet hatte: Die Blumen waren wunderschön. Das mag im ersten Augenblick banal klingen. Für den jungen Mann aber war es revolutionär. Denn er wurde sich schlagartig einer Sache bewusst: der Möglichkeit des Andersseins seines bisherigen Weltbildes: „Ich will das Beet so, wie es ist; ich will diese Schönheit; ich bin mein eigenes Gesetz, meine eigene Autorität.“ Damit verlor das Verbotsschild jede Bedeutung für ihn. Diese Erkenntnis erlöste ihn aus der lähmenden Zwickmühle des Entweder-oder, da künftig seine Werte seine Entscheidungen leiteten. Er hatte seinen Maßstab gefunden und sich innere Freiheit erschaffen. Ebenso wie Franzl Wokurka werden Mitarbeiter in Unternehmen nur wenige dieser Hinweisschilder benötigen, wenn Sinn und Werte selbst entdeckt werden dürfen. Dies gelingt in absoluter Transparenz und Offenheit – und erhält Verbindlichkeit durch gelebte Wertschätzung.