Johannes Crepon

Johannes Crepon, Jahrgang 1988, ist Geschäftsführer der Velocity Automotive GmbH in München. 2005 gründete er seine Einzelfirma welche 2010 zur GmbH umfirmiert wurde. Die Velocity Automotive GmbH importiert aus den USA Reproduktions-, Ersatz- und Tuningteile für amerikanische Fahrzeuge. Der Vertrieb erfolgt europaweit im Versandhandel. Parallel zu seiner Arbeit als Geschäftsführer absolvierte er berufsbegleitend ein Bachelor-Studium an der FOM München und befindet sich derzeit im Master Studium für Innovations- und Technologiemanagement.

Weitere Informationen:
www.velocity-group.de

Die Entdeckung der Langsamkeit

Interview mit Johannes Crepon,  Geschäftsführer der Velocity Automotive GmbH

Elektromobilität, Digitalisierung und Sharing Economy bedrohen heute „Platzhirsche“ wie BMW, Mercedes oder Audi. Die kalifornische Firma Tesla, aber auch Google, Apple und andere Internetkonzerne, die ins Autogeschäft drängen,  sind heute auf der Überholspur. Weshalb boomt die Oldtimerbranche trotz dieser Entwicklung?

In einem Oldtimer sehen deren Besitzer oftmals die Besinnung auf alte Werte. Viele unserer Kunden, die ein solches Fahrzeug besitzen, verbinden damit schöne Erinnerungen z.B. an ihre Jugend. Neue Fahrzeuge bieten vor diesem Hintergrund weniger Emotionen. Ein klassisches Fahrzeug bietet dagegen auch Raum zum Träumen. Wer es steuert, begibt sich auf eine Zeitreise. In der Regel ist ein Oldtimer schließlich auch kein Nutzfahrzeug, sondern ein Hobby oder eine Passion.

Immer mehr Menschen drängen in die Metropolen und verdichten den Verkehr.  Haben Oldtimer angesichts dieser Entwicklung eine Chance, sich angemessen fortzubewegen? 

Nun ja – trotz Umweltzonen und der zunehmend strenger werdenden Abgasnormen sind Oldtimer von diesen Regelungen ausgenommen. Sie sind somit gerne gesehen und als Kulturgut auch steuerlich begünstigt. Generell haben klassische Fahrzeuge einen ganz besonderen Charme, der mit Aufmerksamkeit und Sympathie verbunden ist, aber auch mit Entschleunigung, die es braucht, um Ästhetik sichtbar zu machen.

Was verbinden Sie mit Nostalgie? Und warum brauchen krisenhafte instabile Zeiten, in denen nichts mehr sicher scheint, eine Auflebung vergangener Emotionen sowie die Rückbesinnung auf etwas Beständiges und Werthaltiges?

Nostalgie sollte meiner Meinung nach zu dem aktuell aufkommendem „Retro“-Trend differenziert betrachtet werden. Etwas Modernes in ein klassisches Kleid zu stecken ist nicht das Gleiche, wie Altes zu erhalten. Nostalgie bedeutet für mich die Besinnung auf alte Werte und Zeiten. Sie erlaubt das Träumen und das Zurückversetzen in alte „schöne“ Zeiten. Nicht umsonst finden viele Oldtimer-Treffen im Umfeld von klassischen Gegenden oder Gebäuden statt. Dazu gehören die Classic Days Schloss Dyck oder diverse Rockabilly Events. Und was ist heute noch beständig? Digitale Güter sind nicht greifbar – eine App ist mal eben schnell heruntergeladen und genauso schnell wieder uninteressant. Ein 50 Jahre altes Auto wieder zu restaurieren, hat im Gegensatz dazu etwas sehr Beständiges und vermittelt ein Gefühl der Werthaltung bzw. Werterhaltung.

Was macht einen Oldtimer zu einem Symbol individueller Freiheit? 

Wie schon gesagt ist die Bewegung in einem Oldtimer mit einer anderen „Welt-Er-Fahrung“ verbunden. Handwerklich ambitionierte Eigentümer können Reparaturen selbstständig durchführen und bauen damit eine besondere Verbindung zu ihrem Fahrzeug auf. Auch wenn die Automobile jährlich nur wenige tausend oder gar hundert Kilometer bewegt werden, ist es jedes Mal ein besonderes Ereignis. Man fährt dann eben nicht zum Einkaufen, zur Arbeit oder zu Bekannten – vielmehr ist der Weg das Ziel. Ein Sonntag wird damit verbracht, eine Ausfahrt zu machen.

 Welche Modelle versprechen die attraktivste Wertsteigerung?

Ich bin mit meiner Firma spezialisiert auf Ford Mustangs der Baujahre 1964-1973 sowie Chevrolet Corvette C1 und C2. In diesem Bereich sind natürlich Sondermodelle wie Shelby oder BOSS Mustangs oder Fuelie Corvettes besonders begehrt und bieten dahingehend eine hohe Wertsteigerung, aber vor allem einen soliden Werterhalt. Beim Mustang ist besonders spürbar, dass ein Hype um bestimmte Baujahre dazu geführt hat, dass aufgrund des mangelnden Angebotes auch eigentlich weniger attraktive Fahrzeuge an Wert gewinnen, da sie vom allgemeinen Hype mitgezogen werden. Beim aktuellen Zinsniveau ist es für viele unserer Kunden interessanter, in einen Oldtimer und den Erhalt des Oldtimers zu investieren anstatt das Geld der kalten Progression auszusetzen.

Sind die Märkte in den vergangenen Jahren transparenter und professioneller geworden?

Leider muss man sagen, dass auf Grund der hohen Nachfrage sehr viele Autos auf den Markt kommen, die ihr Geld nicht wert sind. Ich rate dahingehend stark davon ab, ein Auto einfach nur nach Bildern über das Internet zu kaufen. Wir bieten unseren Kunden z.B. eine professionelle Begutachtung von Fahrzeugen und auch einen sicheren Transport an, damit das Erlebnis Oldtimer nicht mit einem großen Schreck beginnt. Natürlich ist es durch das Internet wesentlich leichter geworden, Fahrzeuge zu finden und auch viele Informationen zu erhalten. Eine sorgfältige Recherche hilft jedoch, um eine genaue Vorstellung davon zu entwickeln, was gesucht wird.

Wann haben Sie die Liebe zu Oldtimern entdeckt?

Mein elftes Schuljahr habe ich in den USA verbracht. Mein amerikanischer Gastvater hat zu diesem Zeitpunkt Karosseriebau unterrichtet. Als einer seiner Schüler bin ich auf diese Weise  in den Kontakt mit der Automobilbranche gekommen. Familiär gab es thematisch bis dato keine Verbindung. Als Hobby restaurierte mein Gastvater alte amerikanische Autos. Zum Zeitpunkt meines Aufenthalts hat er einen Ford von 1932 fertiggestellt. Nach meiner Rückkehr aus den USA habe ich mich dazu entschlossen, Produkte für solche Fahrzeuge verkaufen zu wollen.

Sie waren einer der jüngsten Unternehmer Ihrer Branche. Welche Meilensteine haben sie zurückgelegt?

Mit 17 Jahren und der Einverständniserklärung meiner Eltern - und ohne jemals Auto gefahren zu sein! - begann ich, im Internet Autoteile zu verkaufen. Der Markt für Ersatzteile amerikanischer Fahrzeuge aus den 30er Jahren ist in Deutschland denkbar klein. Somit suchte ich mir einen größeren Markt und bin bei den „Muscle Cars“ aus den 60er Jahren gelandet, primär beim Ford Mustang. Die Erweiterung des Sortiments und die Fokussierung auf diesen Bereich waren der Durchbruch für die Firma. Seit der Gründung im Jahr 2005 ist das Unternehmen sieben Mal umgezogen. Mittlerweile sind drei Standorte logistisch und aus Kostensicht effizient in Deutschland und den USA verteilt.

Welche Werte verbinden Sie mit Ihrem Geschäft, und was sind die Werte, die Ihre Kunden mit Ihnen und Ihren Produkten verbinden?

Wir sind ein Handelsunternehmen und versuchen unseren Kunden das Erlebnis Oldtimer, spezialisiert auf ein paar Schwerpunkt Fahrzeuge, so angenehm wie möglich zu machen. Ich bezeichne uns oft als Katalysator, da wir versuchen, dem hohen Anspruch unserer Kunden gerecht zu werden und dabei viele Unwägbarkeiten ausgleichen müssen: So ist die Qualität der Produkte immer ein Thema, aber auch die Verfügbarkeit und die Identifikation des richtigen Produktes für jeden einzelnen Kunden. Wer mit Oldtimern zu tun hat, lernt schnell, dass ein Auto aus drei, vier oder noch mehr verschiedenen Fahrzeugen zusammengewürfelt sein kann.

Was verbinden Sie mit dem Begriff Nachhaltigkeit in Bezug auf Oldtimer und Ihr Geschäftsmodell?

Der Begriff Nachhaltigkeit wird meistens in einem ökologischen Kontext gesehen. Da kommen einem in erster Linie sofort der hohe Verbrauch und die schlechten Emissionswerte dieser alten Fahrzeuge in den Kopf. Betrachtet man aber die geringen jährlichen Laufleistungen, relativiert sich das schon wieder. Anstatt alte Dinge verrotten zu lassen, versuchen wir, diese zu erhalten bzw. unterstützen unsere Kunden dabei. Restauration anstatt Entsorgung oder Neukauf. Und betrachtet man die Gesamt CO2-Bilanz, ist diese bei der Restauration eines Oldtimers besser als bei einem Neuwagen. Wir wollen hier in Zukunft noch einen Schritt weitergehen: Neben dem Angebot von reproduzierten Teilen möchten wir so viele originale Teile wie möglich erhalten, restaurieren und damit noch einen Schritt weiter in Richtung Originalität gehen. Das Ziel ist es, dem Kunden originale Motoren etc. aus dem Bestand heraus anbieten zu können.

 Was sollte einen nachhaltig ausgerichteten Unternehmer auszeichnen?

Uns wurde der ehrbare Kaufmann im Studium ans Herz gelegt. Nachhaltigkeit für Unternehmer bedeutet sicherlich auf der einen Seite eine fundierte wirtschaftliche Führung des Unternehmens, aber hat auch sehr viele persönlich individuelle Aspekte. Soft Skills, Ehrlichkeit und Respekt sind für mich etwas sehr Nachhaltiges. Und dennoch läuft alles nicht immer so, wie man es plant – Einstein sagte: „Planung ersetzt den Zufall durch Irrtum“. Führt man sich das zu den notwendigen Zeitpunkten vor Augen und entwickelt eine ausreichende Resilienz, so sind schon mal ein paar wichtige Elemente vertreten.

Um Ihr Unternehmern nachhaltig aufbauen zu können, hatten Sie schon früh das Bedürfnis, sich  weiterbilden zu wollen. Wie kamen sie auf die FOM München?

Ursprünglich wollte ich Wirtschaftsingenieurwissenschaften studieren. Da dieser Studiengang zu dem Zeitpunkt aber nicht an einer Abendschule in München angeboten wurde, habe ich mich dazu entschlossen, BWL an der FOM zu studieren. Mittlerweile befinde ich mich im Master im Fachbereich Innovations- und Technologiemanagement. Das Studium ist ohnehin berufsbegleitend ausgelegt und ich habe oft die Möglichkeit, in Seminararbeiten oder meiner Bachelor- und Masterarbeit aktuellen Themen aus meinem Beruf mit einem akademischen Hintergrund tiefgründiger zu bearbeiten. Das Thema Bildung dient dabei auch einem persönlichen nachhaltigen Zweck, da ich kontinuierlich bestrebt bin, das Unternehmen und mich weiter zu entwickeln.

Was sind für Sie die größten Herausforderungen in Ihrem Business? Welche Rolle spielen für Sie beispielsweise die steigenden Rohstoff- und Energiepreise?

Rohstoff- und Energiepreise haben auf uns keinen elementaren Einfluss. Natürlich sind die Transportkosten der Ware aus den USA nach Deutschland abhängig von Kraftstoffkosten im Flug- und Schiffsverkehr, aber die Auswirkungen sind überschaubar. Herausforderungen gibt es aber ausreichend an vielen anderen Fronten. Fast schon ironisch kann man sagen, dass die Digitalisierung unser Geschäft komplizierter macht. Die zunehmend enger aneinanderwachsenden Märkte erleichtern unseren Kunden die direkte Beschaffung in den USA. Dabei werden jedoch oftmals einige Punkte wie Transportkosten, Zoll und im Allgemeinen die Unzuverlässigkeit der Lieferanten nicht beachtet. Für viele Kunden ist es ein kurzer Ausflug bis dann wieder unsere Servicequalität wie z.B. das Rückgaberecht etc. wert geschätzt wird. Wir haben ohnehin unseren Wettbewerb weniger hier in Deutschland, sondern eher in den USA. Der Abbau von Handelshemmnissen wie es z.B. auch eine Freihandelszone mit sich bringen würde, ist dahingehend negativ für uns, da Teile unserer Dienstleistungen überflüssig werden. Auch der schwankende Euro/Dollar-Kurs und der in den letzten Monaten fallende Kurs ist eine Belastung für uns, auf die wir reagieren müssen, ohne den Kunden dabei zu sehr zu belasten. Andererseits bin ich der Meinung, dass, wenn es zu einfach wäre, der Markt geflutet werden würde. Und ich stelle mich gerne den Herausforderungen.

Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt. Es wurde in erweiterter Form unter dem Titel „Nostalgie und Nachhaltigkeit. Eine bewegende Verbindung“ publiziert in:
http://www.nachhaltig-bunt.de/oekonomische-nachhaltigkeit/102-nostalgie-und-nachhaltigkeit-eine-bewegende-verbindung.html

Stand: November 2014