Jonathan Sierck

Jonathan Sierck ist Autor, Workshop-Referent und  Keynote-Speaker. Der gebürtige Südafrikaner und studierte Philosoph ist Selbstoptimierungs- und Mindsetexperte und unterstützt seine Klienten und Kursteilnehmern dabei, sich selbst noch besser zu managen, effizienter zu arbeiten und mehr von ihrer mentalen Leistungsfähigkeit abzurufen. Als Co-Gründer der Inspired World GmbH bringt er sein breites Hintergrundwissen und seine Erfahrung auch im unternehmerischen Kontext ein. Neben Vorträgen und Seminaren, schreibt Jonathan Sierck auch regelmäßig Artikel für seinen Blog.
Weitere Informationen: www.jonathansierck.de

 

Drei Dinge, die ich jedem Menschen mitgeben würde
 

Drei wertvolle Ideen und Gedankenanstöße … haben in meinem Leben einen enormen Wert gehabt und mir dabei geholfen, mein Leben in mehr Fülle und Zufriedenheit leben zu können. Es sind die drei Ideen, die ich auf Nachfrage mit jedem Menschen teilen würde, wenn ich mich auf drei Ansätze zu beschränken hätte.

Die Inspiration zu diesem Konzept stammt aus zwei Quellen. Die erste davon ist Randy Pausch, den ich bereits erwähnt habe. Er war ein unglaublich beliebter und mitreißender Professor der Carnegie Mellon Universität. Im September 2006 wurde ihm die Diagnose Pankreastumor mitgeteilt und im August 2007 wurde ihm gesagt er habe noch 3-6 Monate in relativ gutem Gesundheitszustand vor sich. Nachdem er wusste, dass er seiner Tätigkeit nicht mehr viel länger nachkommen konnte, hielt er seine berühmte letzte Vorlesung, in der er über die Umsetzung von Kindheitsträumen sprach. Diese letzte Vorlesung habe ich mehrmals gehört und sie hat mich tief berührt. Ich hab mir des Öfteren die Frage gestellt: Wenn ich nur noch einen Vortrag halten könnte, was würde ich meinen Zuhörern unbedingt mitgeben wollen? Die drei Ideen, die ich hier mit dir teilen werde, wären auf jeden Fall ein essenzieller Aspekt dieses Vortrags.

Die zweite Quelle, die mir als Inspiration für dieses Konzept gedient hat, ist das wunderschöne, wenn auch dramatische, Buch Dienstags bei Morrie von Mitch Albom. Darin geht es um eine wahre Begebenheit. Es wird das Verhältnis zwischen Mitch Albom und seinem ehemaligen Soziologie- und Lieblingsprofessor Morrie Schwartz geschildert, der an amyotropher Lateralsklerose erkrankt ist. Während des Studiums bildet sich eine gute Beziehung zwischen den beiden, und Mitch genießt die Vorlesungen von Morrie am meisten während seiner Studien- zeit. Sie sprechen über die grundlegenden und existenziellen Fragen des Lebens und tauschen ihre Gedanken aus. Als Mitch das Studium beendet, verspricht er Morrie, er würde ihn in Erinnerung behalten, sowie die Ansätze, die sie diskutiert haben, anwenden und nie vergessen, was die wesentlichen Dinge im Leben sind. Er versprach, diese stets im Auge zu behalten.

Einige Zeit vergeht und das Versprechen gerät zunehmend in Mitchs Hinterkopf. Er macht Karriere und ist auf Erfolg aus. Bis er durch Zufall eine Reportage über Morrie im Fernseher sieht und dadurch von dessen Erkrankung erfährt. Über all die Jahre hatte er sich nicht bei ihm gemeldet, und obwohl er ein schlechtes Gewissen und beruflich eine Menge um die Ohren hat, macht er sich umgehend auf den Weg zu seinem ehemaligen Professor. Morrie weiß, dass er nicht mehr lange zu leben haben wird, und Mitch möchte nun die verlorene Zeit aufholen und noch möglichst viel Zeit mit ihm verbringen. Daraufhin treffen sich die beiden jeden Dienstag und sprechen über die Lektionen, die einem dabei helfen, ein glückliches Leben zu führen.

Auch das hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich habe mir auch hier die Frage gestellt: Welche Lektionen würde ich womöglich teilen, wenn ich wüsste, die Zeit ist sehr begrenzt und ich möchte trotzdem noch die wichtigsten Ansätze für ein glückliches Leben weitergeben? Nun, da ich, genauso wie wir alle, nicht weiß, wie viel Zeit mir noch gegeben ist, habe ich bereits über das Buch verteilt Lektionen geteilt und will hier zum Ende hin noch die drei Schlüsselideen aus meiner Sicht mitgeben.

Schlüsselidee 1: Achte auf deine eigene Präsenz

Es wäre meines Erachtens viel zu schade, das eigene Leben auf Autopilot zu durchlaufen. Dennoch ist es nicht einfach, genau dies zu vermeiden. Wir sind häufig mit unseren Gedanken überall außer bei der momentanen Angelegenheit. Wir verbringen Zeit mit anderen Menschen, aber schenken elektronischen Geräten mehr Aufmerksamkeit. Wir unterhalten uns mit jemandem, aber unsere Gedanken schenken wir nicht dem Gegenüber. Wir arbeiten an den Dingen, die uns scheinbar am allerwichtigsten in unserem Leben sind, aber lassen uns durch etwaige Störungen ablenken und unsere Aufmerksamkeit wird wieder etwas anderem gewidmet, als dem, was uns am Herzen liegt. Die eigene Präsenz ist ein Geschenk von so großem Wert, das wir leider viel zu selten auspacken. Und unsere Mitmenschen spüren dies. Wir merken sofort, wenn jemand gedanklich nicht bei uns ist, sondern weit entfernt. Die Freude, die wir einem anderen Menschen machen können, indem wir ihm unsere uneingeschränkte Aufmerksamkeit schenken, wird viel zu häufig unterschätzt. In der heutigen Zeit, in der alles und jeder um unsere Aufmerksamkeit zu buhlen scheint, ist dies eine Tugend, die mehr und mehr verloren geht. Multi-Tasking ist die neue Normalität, obwohl sie uns mehr schadet als Nutzen erbringt.

Über die eigene Präsenz zu sprechen ist keine leichte Angelegenheit, aber sie zu erkennen und sie zu spüren ist ein Kinderspiel. Voll und ganz hier zu sein und die eigene Präsenz der vorliegenden Sache oder Person zu widmen ist ein Gedankenanstoß, dessen Wichtigkeit ich nicht genug betonen kann. Emerson hat es in einer kurzen und prägnanten Aussage am besten auf den Punkt gebracht, indem er uns den Ratschlag gab, dass wo auch immer wir sind, dort auch sein sollen. Wir schweifen gerne mit den Gedanken von einer Sache ab und denken an Gott und die Welt. Und weil dies normal ist, gilt es für uns, immer wieder darauf zu achten, wo wir denn mit unseren Gedanken gerade sind. Ich persönlich nutze zwei Hilfestellungen, die mir dabei helfen, meine eigene Präsenz niemals aus den Augen zu verlieren. Zum einen habe ich einen Zettel an meinem Schreibtisch und eine Erinnerung in meinem Handy, die mir Folgen- des sagen: „Wach auf. Fokus. Du bist hier. Jetzt.“ Und zum anderen stelle ich mir mindestens drei Mal pro Stunde die Frage: Auf einer Skala von 1-10 – wie sieht es mit meiner eigenen Präsenz im Moment aus? Und wenn ich mir eingestehen muss, dass diese niedriger als eine 8 ist, dann weiß ich, dass es Zeit ist, etwas zu verändern. Durch diese beiden Hilfestellungen verbessere ich Tag für Tag das Ausmaß meiner eigenen Präsenz. Das ist nicht nur für mich von enormem Vorteil, sondern meine Mitmenschen bekommen die Aufmerksamkeit von mir, die sie verdient haben.

Schlüsselidee 2: Mach es dir zu Gewohnheit, mehr zu geben, als es von dir erwartet werden kann

Wir tendieren gerne dazu, Minimalisten zu sein. Wir wollen möglichst wenig geben, und das Maximum dafür erhalten. Dies ist sicherlich kein schlechtes Konzept in mancher Hinsicht, aber als Lebensphilosophie ist es nicht nachhaltig. Denn wir Menschen sind so gestrickt, dass es aus dem Wald schallt, wie wir hineingerufen haben. Wenn uns gegeben wird, verspüren wir das Bedürfnis zurückzugeben. Ein simples Beispiel zur Verdeutlichung: Wenn der Nachbar oder ein guter Freund an Weihnachten bei uns vor der Tür steht und uns unvorbereitet Geschenke vorbeibringt, dann verspüren wir eine innere Unruhe, bis wir ihm nicht ebenfalls etwas Gutes tun können und den Gefallen erwidern dürfen. Ebenfalls ist es so, dass, wenn ein anderer Mensch aufrichtig und nicht vorheuchelnd gut über uns spricht, wir uns schwer tun, keine Sympathie für diese Person zu hegen. (Und hier über die wenigen Menschen zu sprechen, die dieses Prinzip ausnutzen wollen und glauben, nur nehmen zu können, ist es nicht Wert.)

Ich bin der festen Überzeugung, dass ein Mensch, der es sich von Herzen und mit ehrlicher Einstellung zum Vorsatz macht, mehr zu geben, in seiner Aufmerksamkeit, seinem Einsatz, seinem Willen, seiner Herzlichkeit, seinem Wissen und seiner Dankbarkeit, im Leben nicht auf die schiefe Bahn geraten kann. Mehr noch, er kann das Leben führen, das sein Herz begehrt und gewinnt dadurch die Herzen anderer. Ein Arbeitgeber reißt sich um einen solchen Menschen. Und Kunden reißen sich um die Dienstleistung dieser Person, sofern sie wertschaffend ist, denn sie können sich darauf verlassen, dass diese Person die extra Meile für sie gehen wird.

Ein Schüler, der seinen Lehrern mehr Interesse, mehr Respekt und mehr Lernbereitschaft entgegenbringt, als diese es von ihm erwarten können, wird während seiner Schullaufbahn keine Schwierigkeiten haben und gleichzeitig das Wohlwollen derer gewinnen, die während dieser Zeit am längeren Hebel sitzen. Die Welt ist ein Spiegel. Und wir werden ohne Zweifel dafür kompensiert werden, wenn wir von Herzen mehr Wert für andere schaffen, als diese es sich erträumen können. Denn wir lieben die Menschen, die eine extra Meile gehen, um uns zufrieden zu machen. Und wir vergessen es niemals. Darüber hinaus wollen wir ihnen den Gefallen auf die eine oder andere Weise erwidern. Wer mehr gibt, als es von ihm erwartet wird, und Menschen dadurch dabei hilft, mehr Zufriedenheit in ihrem Leben zu erlangen, der wird dafür mehr in seinem Leben haben, als er sich erträumen kann, und das ist nicht in rein materieller Sicht gemeint.

Probiere es einfach mal aus. Ganz egal, in welcher Position du dich befindest, teste eine Woche lang dieses Prinzip. Versuche jeden Tag, mindestens für einen Menschen etwas zu tun, wodurch du ihnen etwas gibst, das für sie von Wert ist, und sie es nicht erwartet haben. Wichtig ist es jedoch, dabei die auf- richtige Haltung nicht zu vergessen, und die Handlung nicht deswegen zu tun, weil du dadurch erwartest, dass dir sofort etwas zurückgeben wird. Dies geschieht von alleine, sobald die andere Person spürt, dass du es von Herzen getan hast. Nach einer Woche wirst du merken wie sich die Welt dir gegenüber verändert hat. Aber nicht nur das, in dir wird sich auch etwas verändern. Du wirst die unvorstellbare Freude und innere Erfüllung des aufrichtigen Gebens verspüren. Du wirst feststellen, wie du durch dein Geben unermessliche Auswirkungen auf dein Umfeld hast.
Gib mehr als von dir erwartet wird, und dir wird mehr gegeben, als du jemals erwarten konntest.

Schlüsselidee 3: Sei dir über die Kraft von Entscheidungen bewusst

Zu der dritten Schlüsselidee hat mich Viktor Frankl inspiriert. Denn er sprach davon, dass wir zwischen jedem Reiz, den wir verspüren, und jeder Reaktion darauf einen schmalen Grad besitzen. Und in diesem schmalen Grad können wir wählen und darüber entscheiden, wie wir auf den Reiz reagieren möchten. Für Viktor Frankl liegt darin der größte Grad der menschlichen Freiheit. Wenn wir uns die Lebensgeschichte dieser bewegenden Person vor Augen führen, dann können wir nicht anders, als ihm absolute Hochachtung dafür zu zollen, dass er dieses Konzept trotz der widrigsten Umstände innerhalb des Vernichtungslagers in Auschwitz, gelebt hat. Und wenn er dazu in der Lage ist, dann kann es auch ein jeder von uns.

Wir haben stets die Wahl, wie wir auf die Dinge und Personen reagieren wollen, die uns im Leben unseren Weg kreuzen. Wir können entscheiden, wie wir mit allem, was uns im Leben widerfährt, umgehen möchten. Und wenn wir nichts tun, dann war dies ebenfalls unsere Wahl. Es steht in unserer Macht, wie wir unser Leben weiter führen werden, nachdem wir in wenigen Augenblicken dieses Buch zur Seite legen. Es steht in unserer Macht, wie und ob wir die Ide- en und Konzepte umsetzen, oder ob wir sie, wie die meisten Dinge, lediglich zur Kenntnis nehmen. Wir haben die Macht, darüber zu entscheiden, ob wir endlich die Dinge in unserem Leben ändern, die wir schon zu lange ändern wollten, und damit beginnen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Niemals zu vergessen, welcher Grad von Freiheit uns durch die Kraft von Entscheidungen geschenkt wurde, gibt uns eine enorme innere Gelassenheit. Auch wenn alles gegen uns zu laufen scheint, können wir uns daran hochziehen und Kraft finden, dass wir immer noch die Freiheit besitzen zu wählen, wie wir auf diesen Reiz reagieren wollen.

Es war mir eine große Freude, dich mit meinen Gedanken ein Stück deiner Lebensreise begleiten zu dürfen, und ich hoffe, dass die Ideen und Inhalte wertschaffend für dein eigenes Leben sind und du dich nun zunehmend selbst führst. Bis sich unsere Wege ein weiteres Mal kreuzen, lebe deine Präsenz, gib von Herzen und genieße jeden Augenblick.

Quelle: Jonathan Sierck: Fü(h)r Dich Selbst. Mit dem richtigen Mindset zum Erfolg Bochum 2014, S.183-187.


Gesellschaft der Angst. Wie wir der Optimierungsfalle entkommen

Die Generation Y hält unserer Gesellschaft den Spiegel vor und zeigt, dass vor allem viele Vertreter ihrer Vorgängergeneration noch immer von außen zuführen, was im Innersten nicht vorhanden ist. Dazu gehört das Festhalten an Status und Funktionen und die Klage um deren schwindenden Verlust. Wie der Größenklein-Narzisst jammern sie und brauchen die Erfahrung, Opfer zu sein, sich selbst und anderen nicht zu genügen. Die wichtigste Aufgabe einer Gesellschaft besteht deshalb darin, „die Gefahr narzisstischer Beschädigungen zu verringern und gute Möglichkeiten zur Regulation zu schaffen“, wie der Soziologe Heinz Bude in seinem lesenswerten Buch „Gesellschaft der Angst“ (2014) schreibt. Da den außengeleiteten Menschen die Überzeugung fehlt, dass sie grundsätzlich in Ordnung sind, und das nicht erst beweisen müssen, haben sie nicht gelernt, „einfach so zu leben“, sondern nur, wie sie überleben können. Sie haben nicht gelernt zu genießen und sind ständig im Stress, um die Lücken ihres Lebens zu füllen. All das ist das Ergebnis von Bewertungen, die sie selbst vornehmen. Ihre einzige Erfüllung ist Funktionsmacht und damit verbundener Status.

„287.000 Euro Abfindung und weitere sechs Monate Gehaltsfortzahlung sind beim Ausscheiden aus dem Job mit Mitte Vierzig eigentlich eine gute Sache - also ein Umstand, der nicht mit Existenzangst in Verbindung gebracht wird, keinen Schweiß erzeugt und nicht zu einer Sinnkrise führt. Könnte man meinen. Oft erlebte Personalberaterrealität ist jedoch, dass solch ein Umstand  komfortabler finanzieller Rahmenbedingungen mitnichten für Ruhe sorgt, sondern als Stress empfunden wird und schier unlösbare Zukunftsängste erzeugt“, bestätigt Dr. Dražen Mario Odak, Vorstand und Gesellschafter der STEPHAN Unternehmens- und Personalberatung.

Spannend ist dabei, dass nicht etwa die Begrenzung des üppigen Finanzpolsters oder die Sorge, einen neuen Job zu finden, diese Ängste erzeugt, sondern der mit der beruflichen Änderung sofort empfundene und  einhergehende Status: Bei vielen Direktoren, Bereichs- und Abteilungsleitern a.D. schrumpft mit dem Entzug der Visitenkarte das Selbstbewusstsein schlagartig von der Größe einer „Kokosnuss zu einer Haselnuss“: „Der Statusverlust wiegt bei vielen deshalb so hoch, weil der berufliche Status gleichgesetzt wird mit sozialer Bedeutung. Das Nicht- mehr-Einladen des Herrn Direktor zu einem Konzert oder Golfturnier ist für den Direktor a.D. sofort spürbar. Es heißt beim After Work-Kundenabend: Du kommst hier nicht rein! Dieser Entzug der Droge Status, das Ausgegrenztfühlen auch aus seinem beruflich geprägten, sozialen Umfeld wirkt sofort: lähmend, psychisch und physisch.“
Abfindungen sind für den Personalberater nur Silber - bis zur nächsten Visitenkarte: „Jetzt erst fühlt man sich wieder als Sieger, Gold!?“
Die Generation Y wirft viele Fragen auf – aber sie gibt auch viele Antworten, die auch ihren Vorgängern neue Wege des Gelingens zeigen, mit sich im Reinen zu sein. Viele Digital Natives werden als naiv bezeichnet, weil sie zuerst ihrer Idee folgen und Geld für sie lediglich etwas ist, das „folgt“. Sie empfinden sich als liebenswert und sind deshalb auch innerlich zufrieden. Das gibt ihnen die Energie, (sich) einfach (auf den Weg) zu machen im Bewusstsein, dass sie jederzeit scheitern können. 

________________________

Kein Vergleich! Wie die Generation Y sich selbst führt

Interview mit Jonathan Sierck

Herr Sierck, Ihr aktuelles Buch trägt den Titel „Fü(h)r Dich Selbst. Mit dem richtigen Mindset zum Erfolg“. Warum kann nur jemand andere führen, wenn er sich selbst führen kann?

Die Antwort auf diese Frage findet ihren Ursprung im 5. Buch der Republik von Platon. Dort wird die Frage gestellt, wer wohl am geeignetsten für die Führung einer Stadt ist. Vereinfacht gesagt, wird hier geschlossen, dass derjenige führen sollte, der reflektiert und mit sich selbst im Reinen ist (ein „Wahrheitsliebender“). Seit Platon wurden Unmengen an Literatur über Führung, Führungsstile und Führungserfolg geschrieben. Dabei scheint es mir, dass sich ein Gedanke wie ein roter Faden durch sämtliche Werke zieht und genau auf Ihre Frage abzielt: Obwohl heutzutage gerne Führung mit Position (und somit auch Macht) gleichgesetzt wird, so führt nur derjenige wirklich, der selbst als leuchtendes Beispiel dient und mit sich selbst in Einklang steht. Sobald ein Bruch oder eine Spannung zwischen den Prinzipien einer Person und dessen Handlungen besteht, wird das vom Umfeld wahrgenommen. Und genau deswegen ist es imminent wichtig, sich selbst führen zu können, bevor man auf die Idee kommt, andere führen zu können. Der Ausgangspunkt liegt also immer bei einem selbst und gedeiht von dort aus.

Der von Ihnen beschriebene Perfektionstrieb, zu dem es auch gehört, sich ständig mit anderen zu messen und sich selbst nicht zu genügen, hat Sie sehr schnell ins Schleudern gebracht, weil Sie immer das Gefühl hatten, nicht mithalten zu können. Der Beginn Ihres Buches beschreibt einen zunächst außengeleiteten Charakter. Wie haben Sie gelernt loszulassen und die Angst vor dem Ungenügen zu verlieren?

Der entscheidende Faktor bestand für mich darin aufzuhören, mich mit anderen zu vergleichen und das Gefühl zu haben, in einem ständigen Konkurrenzkampf um Anerkennung zu leben. Es war eine bewusste Entscheidung, die durch ein Ereignis hervorgerufen wurde, das ja sehr ausführlich zu Beginn des Buches beschrieben wird.

Sobald wir beginnen, den eigenen intrinsischen Prioritäten im Leben treu zu sein, löst sich der Konkurrenzkampf automatisch auf. Denn wir beginnen dadurch, einen eigenen Weg einzuschlagen, auf dem wir mit niemandem mehr konkurrieren (außer vielleicht dem Menschen, zu dem wir uns entwickeln möchten). Nur solange wir uns mit anderen vergleichen, kann eine Angst des Ungenügens bestehen. Und wir vergleichen uns immer dann, wenn wir anfangen, unseren eigenen Prioritäten untreu zu werden und uns unbewusst anderen Menschen unterordnen. Wir fangen an das zu tun, von dem wir glauben, dass es von uns erwartet wird und uns bei bestimmten Menschen beliebt macht. Dadurch entsteht ein Konflikt in uns selbst, den viele Menschen kennen und austragen.

Ich habe gelernt loszulassen, indem ich mich kritisch hinterfragt habe und feststellen musste, dass ich nicht verkörpere, wofür ich stehen möchte, solange ich mich in diesem Konflikt befinde. Wie könnte ich schließlich von Selbstbestimmung und ähnlichen Themen sprechen, wenn ich selbst etwas davon Abweichendes lebe?

Wie erklären Sie sich den Optimierungswahn in unserer Gesellschaft?

Auf einen Teil dieser Antwort bin ich schon bei der letzten Frage eingegangen. Wir beginnen sehr früh damit, uns mit anderen zu messen. Wir werden dafür belohnt, besonders gut in etwas zu sein und häufig bestraft, wenn das Gegenteil der Fall ist. Und dadurch entwickeln wir ein Muster in unserem Denken, dass zu diesem Optimierungswahn führt. Wir genießen die Anerkennung anderer, wenn wir besonders gut in etwas sind. In jungen Jahren schwärmen dann die Mädchen oder Jungs für uns, und das gefällt uns natürlich. Irgendwann beginnen wir uns damit zu identifizieren, was wir leisten und was wir dadurch vorzuweisen haben. Der Haken an der Sache ist, dass das nicht nachhaltig ist und irgendwann in sich zusammen bricht. Wir sind nun einmal weder das, was wir tun, noch das, was wir haben.

Für mich ist der Optimierungswahn also klar auf unsere Leistungsgesellschaft zurückzuführen. In der Grundschule wird schon gefragt, wer der Schnellste ist. In Fußballvereinen werden Kinder schon in sehr jungen Jahren nach Hause geschickt, die den Ansprüchen und Vorstellungen des Vereins nicht genügen. Das hinterlässt Spuren.
Wobei ich das nicht unbedingt schlecht reden will. Im ersten Kapitel meines Buches spreche ich auch davon, wie sogenannte Mangelerscheinungen zur treibenden Kraft in unserem Leben werden können. Das, was uns am meisten zu fehlen scheint, gewinnt häufig einen sehr großen Stellenwert in unserem Leben. Und ohne Herausforderungen können wir als Menschen kaum wachsen und vorankommen. Das dürfen wir hierbei nicht außer Betracht lassen.

Würden Sie Ihren Charakter heute als „innengeleitet“ beschreiben, weil sie sich ständig um eine Erweiterung Ihrer Perspektiven und um die Prüfung Ihres Gewissens bemühen?

Ja - ohne Zweifel. Ich bin täglich darum bemüht, mich selbst wahrzunehmen, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen und zu reflektieren. Wenn mich etwas belastet oder tagsüber gereizt hat, dann setze ich mich abends hin und arbeite die Sache auf. Je mehr ich das tue, umso leichter fällt es mir, und umso weniger Belastungen schleppe ich mit mir herum. Gleichzeitig stelle ich auch fest, dass es einfach weniger Reizpunkte in meinem Leben gibt.

Es ist mir sehr wichtig, wie Sie sagen, die eigenen Perspektiven zu erweitern, mich mit den verschiedensten Ansätzen zu befassen und daraus zu lernen. Dadurch kann ich mich auch immer besser selbstkennenlernen. Zusätzlich merke ich auch, dass eine klare Kongruenz zwischen meinem Denken, meinen Prioritäten und meinem Tun besteht. Dadurch kann ich es vermeiden, in einen Konflikt mit mir selbst zu treten.

Sie sind 1993 geboren. Viele Vertreter Ihrer Vorgängergeneration X (auch Generation Golf) identifizieren sich mit dem, was war, welche Funktion, welchen Status sie hatten, wenn sie beispielsweise ein Unternehmen verlassen mussten. Oft hatten sie kein Leben außerhalb ihres beruflichen Umfeldes und setzten folglich den Verlust Ihres Jobs mit dem Verlust ihres eigenen Lebens gleich. Was können gerade diese Menschen aus Ihrem Buch lernen? Dass es am wichtigsten ist, seinen Fokus auf das zu legen, was und wer man ist (nicht scheint), was man tut, und was sein wird?

Sie sprechen hier einen wichtigen Punkt an. Wenn wir beginnen, uns mit dem zu identifizieren, was wir tun und was wir dadurch haben, kann das verheerende Folgen haben. Wayne Dyer stellt hier gerne die folgerichtige Frage, die auch von Ihnen impliziert wird: Wenn unsere Identität zum Großteil von diesen beiden Aspekten abhängt, wer sind wir dann noch, wenn wir unseren Besitz oder unsere Tätigkeit verlieren sollten? Geht dann damit auch unser Sein zugrunde?

Mein Buch dient hier als Stütze und assistiert dabei, innerlich gefestigter zu werden. Das Augenmerk wird dabei auf ein Zusammenspiel aus Sein, Tun und Haben gerichtet. Nur die Reihenfolge wird dabei verändert: Wir müssen nicht etwas haben oder tun, um etwas zu sein. Vielmehr ist es wichtig, sich auf sein Sein zu konzentrieren und dann herauszufinden, welches Tun und Haben damit einstimmig ist. Eine Spannung innerhalb dieser drei Komponenten führt zu einer Spannung in unserem Selbst. Insofern mache ich einen Schritt zurück und lege durch die Selbstkenntnis  das Fundament, das notwendig ist, um systematisch darauf aufbauen zu können und gleichzeitig eine Einheit mit sich selbst zu schaffen.

Weshalb muss zum Können auch das Handeln passen? Warum reicht Klugheit allein nicht aus, um ein Amt professionell ausüben zu können?

Ohne Initiative zu ergreifen bringen wir wenig voran. Wenn Können und Handeln nicht einander entsprechen, dann führt das langfristig zu einer Disbalance, die sich nicht aufrechterhalten lässt. Wenn unser Handeln in Einklang mit unseren intrinsischen Prioritäten steht, kommen wir als Mensch am besten in unserer Entwicklung und unserem persönlichen Wachstum voran. Wir sind dann auch mit uns selbst und unserer Umwelt am zufriedensten. Denn häufig identifizieren wir uns mit unseren höchsten intrinsischen Prioritäten, was sich in unserer Sprache bemerkbar macht: „Ich bin Unternehmer. Ich bin Fußballer. Ich bin Mutter. Ich bin...“ Wenn dieser Einklang nun nicht besteht, dann beginnen wir als Mensch, uns selbst zu minimieren und verwirklichen uns nur bedingt.

Der britische Gesellschaftsentwicklungsberater Sir Ken Robinson spricht gerne und auch sehr präzise darüber, dass reine Klugheit nicht ausreicht, um ein Amt professionell ausüben zu können. (Wobei wir hier natürlich unterscheiden müssen, um welches Amt es sich dabei genau handelt.) Er spricht in diesem Zusammenhang viel über die Problematik, dass unser Bildungssystem tendenziell immer noch genau darauf ausgerichtet ist. Klugheit ist zwar mit Sicherheit ein hilfreicher und wichtiger Aspekt, bei der gelungenen professionellen Ausführung eines Amtes, jedoch ist sie mehr als eine Grundlage zu verstehen, für die weiteren notwendigen Aspekte der Amtsausübung. Je nach Amt spielen Faktoren wie Kreativität, den Mut Initiative zu ergreifen, Gutes präsentieren können, Verhandlungsgeschick, Taktgefühl u.a. eine essentielle Rolle. Durch Klugheit allein wird nur wenig bewegt.

Sie zitieren in Ihrem Buch auch Nietzsche: „Wer sein Warum im Leben gefunden hat, der verträgt sich mit fast jedem Wie.“ Was heißt das für Sie selbst?

Für mich hat dieses Zitat eine sehr große Bedeutung. Nietzsche bringt hier eine entscheidende Erkenntnis auf den Punkt: Wenn wir ein klares Motiv für unsere Handlungen haben, dann lassen wir uns durch nichts und niemanden davon abbringen. Ein klassisches Beispiel hierfür wird für mich immer Nelson Mandela bleiben. Sein Warum war die Demokratie in Südafrika. Für dieses Warum war er bereit, jedes Wie auf sich zu nehmen. Es gibt wenige Menschen, die solch ein definiertes Warum haben. Wenn wir allerdings so eine Person treffen, dann spüren wir das sofort. Es ist diese Art von Mensch, die durch ihr Auftreten und ihr reines Dasein auch andere Menschen beflügelt und ihnen die Zuversicht verleiht, ebenfalls nach dem eigenen Warum zu streben.

Für mich persönlich bedeutet es auch, dass ich mich freue, früh morgens aus den Federn zu kommen und das tun zu dürfen, was mich wirklich erfüllt. Wir alle fühlen uns dann am besten, wenn wir unserem Warum entsprechend leben (können). Und wir merken auch, wenn dies nicht der Fall ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass die größte Lebenskunst darin besteht, die täglichen Handlungen stets mit dem eigenen Warum zu verknüpfen. Wem das gelingt, der geht definitiv anders durchs Leben.

In Ihrem Buch stellen Sie vier Säulen der Selbstführung vor: Selbstkenntnis, Selbstkontrolle, Selbstmanagement und Selbstdisziplin. Was macht dieses Fundament aus? Welcher „Bauplan“ steckt dahinter?

Ich habe mir lange Gedanken darüber gemacht, wie ich die Säulen am besten strukturiere und aufbaue, so dass sie miteinander harmonieren. Dass die Selbstkenntnis dabei den Anfang macht, war mir sofort klar. Sie stellt die Grundlage für das weitere Konstrukt dar. Nur wenn wir wissen, wie die eigenen Prioritäten, Prinzipien, Werte und Standards aussehen, können wir unser Leben entsprechend ausrichten und zunehmend selbstbestimmt leben. Wir müssen allerdings gewillt sein, uns einige Fragen zu stellen und uns wirklich mit uns selbst auseinanderzusetzen, um herauszufinden, wie unsere Hierarchie von Prioritäten aussieht, was unsere intrinsischen Prioritäten sind, und was wir lediglich tun, um diese zu erfüllen. Ohne die Selbstkenntnis sind die weiteren Säulen hinfällig. Denn unsere Selbstkontrolle – die Fähigkeit so auf Reize und äußere Umstände zu reagieren, wie wir es uns vorstellen – hängt, genauso wie das Selbstmanagement und die Selbstdisziplin, sehr stark von diesen Faktoren ab. Wir reagieren dann am stärksten auf Reize (andere Personen und Ereignisse), wenn wir in unseren Prioritäten und Werten herausgefordert werden. Allerdings hat ja jeder Mensch eine andere hierarchische Anordnung von Prioritäten und reagiert demnach auch auf andere Dinge gereizt oder auch nicht.

Indem wir unsere eigenen Prioritäten kennen, entwickeln wir ein sehr gutes Gespür dafür, wieso wir in bestimmten Situationen so reagieren, wie wir es tun. Gleichzeitig lernen wir somit auch unser Gegenüber immer besser kennen. Ähnlich ist es mit den beiden anderen Säulen. Produktivität, effektives Handeln und Selbstdisziplin finden ihren Ursprung in der ersten Säule. Demnach ist es hier mein klares Ziel, für und mit dem Leser gemeinsam ein möglichst rundes Gerüst zu schaffen, das tiefe Einblicke und Erkenntnisse in verschiedene Facetten des eigenen Lebens ermöglicht.

In Ihrem Buch verbindet der Fokus auf Details alle genannten Persönlichkeiten. Weshalb basieren große Visionen auf kleinen, täglichen Schritten und verlieren die „Erfolgreichen“ auch das Detail niemals aus dem Auge?

Die wirkliche Kunst der „Erfolgreichen“ besteht darin, dass sie nie das große Ganze, also ihre große Vision, aus den Augen verlieren, während sie sich gleichzeitig unglaublich akribisch mit den kleinsten Details befassen.

Das Gesamtbild der Vision ist dabei notwendig, um den Trieb nicht zu verlieren, sich auch mit den Details wirklich auseinanderzusetzen. Demnach benötigt es hier ein Gleichgewicht aus den Antworten der Fragen: „Wo genau soll es eigentlich hingehen?“ und „Welche Schritte und Aufgaben sind dafür zwingend notwendig?“ Die „Erfolgreichen“ brechen hierbei die nötigen Schritte in ihre kleinsten Teile herunter. Der Universalgelehrte da Vinci meinte dazu einmal: „Große Genies widmen sich den kleinsten Dingen mit der größten Hingabe.“ Und darin kann ich ihm nur zustimmen. Denn wenn wir die Details aus dem Auge verlieren, dann erzeugt das nur Hindernisse, mit denen wir uns zu einem späteren Zeitpunkt auseinandersetzen müssen.

Ich vergleiche das gerne mit einem Architekten, der eine genaue Vorstellung davon hat, wie das Gesamtprojekt aussehen soll und dann bis ins kleinste Detail plant. Wenn er dabei vergisst, eine Decke einzuzeichnen, dann wird ihn das später einholen. Genauso ergeht es uns, mit unseren Lebensprojekten. Ein anderer entscheidender Aspekt hier ist, dass sich große Visionen, die in kleine Schritte heruntergebrochen werden, deutlich leichter umsetzen lassen. Denn wir fühlen uns nicht mehr von der Größe der Vision überwältigt, und (wie Henry Ford sagt) es ist nichts besonders schwierig, wenn wir es nur in kleine Aufgaben teilen. Ich bin fest davon überzeugt, dass ein Unterschied zwischen den wirklich „Erfolgreichen“ und denjenigen, die fast genauso erfolgreich sind, ohne Zweifel die Liebe und Hingabe zum Detail ist.

F. Scott Fitzgerald schrieb einmal: „Mir wird immer deutlicher, dass der akribische Aufbau eines langen Buches oder präzise Beobachtungen und Urteile sich nicht gut mit Alkohol vertragen.“ Warum braucht Denken Klarheit und Strukturiertheit?

Ich stimme dieser Aussage absolut zu. Ohne Struktur, Klarheit und Ordnung in unserem Denken, lassen sich nicht annähernd so klare Gedanken, Pläne und Ideen fassen, wie es sonst der Fall wäre.
Unser Denken spielt eine zentrale Rolle im eigenen Leben. Gleichzeitig hat unser Denken auch eine unglaubliche Kraft. Einer meiner Lieblingsautoren, Napoleon Hill, spricht sehr gerne darüber, wie wichtig es ist, Kontrolle über das eigene Denken zurückzugewinnen und wirklich achtsam zu sein, welche Gedanken uns durch den Kopf gehen. Sind diese konstruktiv und zielführend oder destruktiv?

Ohne Klarheit und Strukturiertheit in unserem Denken, haben wir einen spürbaren Mangel an Konzentration und Fokus. Wir tun uns schwer, über längere Zeiträume mit einer Sache, und damit meine ich wirklich nur einer Sache, zu beschäftigen. Dies ist zwingend notwendig, um Tiefe in unsere Reflexion zu bringen und nicht nur an der Oberfläche zu kratzen. Klarheit und Struktur im eigenen Denken ermöglicht uns auch, ganz anders mit Herausforderungen, Krisensituationen und emotional belastenden Umständen umzugehen. Wie Scott Fitzgerald bereits festgestellt hat, gibt es einige Dinge, die unsere Klarheit und Struktur im Denken beeinträchtigt. Alkohol ist nur einer von vielen „Feinden“ unseres klaren Denkens. Von raffiniertem Zucker, ständiger Ablenkung durch technologische Geräte und schlechter Ernährung ganz zu schweigen.

Ein plastisches Beispiel für die Auswirkungen von Gedankenfluten, im Gegensatz zu klarem Denken, ist das Einschlafen. Bei Vorträgen frage ich gerne die Teilnehmer, wer sich abends noch länger im Bett wälzt und wem Unmengen an Gedanken durch den Kopf gehen. Fast 90 Prozent der Hände gehen immer nach oben. Klarheit, Ordnung und Struktur im Denken ist auch hier von großem Nutzen. Die Auswirkungen und Unterschiede zwischen klarem Denken und unkontrollierter Gedankenflut sind also zahlreich. Unser Denken hat „Freunde“ und „Feinde“. Es ist eine bewusste Entscheidung, welcher Gruppe wir uns bedienen. Eine bewusste Entscheidung, mit weitreichenden Konsequenzen.

Der ehemalige Bundestrainer Sepp Herberger, der die deutsche Fußball-Nationalmannschaft 1954 zur Weltmeisterschaft führte, wurde von seinen Spielern immer „Chef“ genannt. Was macht einen „Chef“ für sie aus?

Zu allererst ist ein Chef jemand für mich, der durch sein eigenes Beispiel und seine Persönlichkeit inspiriert. Er ist nicht der Chef aufgrund der Position, die ihm zugeschrieben wird, sondern wegen dem, was er ist, wie er denkt und wie er handelt. (Was über Sepp Herberger berichtet wird und was man lesen kann, zeigt, dass er dieser Bezeichnung auf jeden Fall gerecht wird.) Darüber hinaus ist ein Chef für mich eine Person, bei der eine absolute Kongruenz zwischen seinen höchsten Prioritäten (in diesem Fall könnte man auch von Werten sprechen) und seinen Taten besteht. Denn dadurch gewinnt er an absoluter Glaubwürdigkeit und Integrität. Ein Chef ruht in sich selbst, weil er eine innere Einheit bildet. Und diese Ruhe strahlt er auf seine Mitmenschen aus und schenkt diesen somit den Glauben und die Kraft neue Höhen zu erreichen.

Einer der besten Wege für ein gelingendes Leben und Wohlergehen ist Achtsamkeit. Aktuelle Studien belegen, dass Achtsamkeit einen messbaren positiven Effekt auf Weisheit, Staunen und Großzügigkeit haben, die für Arianna Huffington eine Voraussetzung für die Neuerfindung des Erfolgs sind. Welche Bedeutung haben diese Aspekte in Ihrem Buch?

Die Bedeutung dieser Aspekte ist sehr groß in meinem Buch. Auch wenn ich mich von den Begrifflichkeiten her etwas absetze und anders ausdrücke, so sind doch die Gedanken dahinter sehr ähnlich. Ich habe hierbei immer gerne Thoreau im Hinterkopf, der in seinem Hauptwerk Walden meinte, dass nur der Tag anbricht, für den wir auch wach sind. Er spricht dabei von geistiger Wachheit, was man auch Achtsamkeit oder die eigene Präsenz nennen kann.

In meinem Epilog, zum Beispiel, gebe ich dem Leser drei Prinzipien mit auf den Weg, die ich jedem Menschen gerne mit auf den Weg geben würde. Und eins davon ist eben, auf die eigene Präsenz zu achten, bewusst zu leben und geistig wach und anwesend zu sein. Wir merken es sofort, wenn unser Gegenüber nicht geistig vollends präsent und bei uns ist.

Sie erwähnen auch den Begriff „nachhaltiger Wohlstand“. Was verbinden Sie konkret damit?

Ich verwende diesen Begriff in Bezug auf das Meisterwerk „The Book of Wealth“ von Hubert Howe Bancroft. Er schildert darin sehr ausführlich, wie es Gesellschaften, Unternehmen und Familien geschafft haben Wohlstand über eine Vielzahl von Generationen aufrechtzuerhalten und weiter auszubauen. Der Begriff ist somit entscheidend für den Fortschritt der Menschheit innerhalb unserer Geschichte, da es diese Gesellschaften waren, die weiter existieren und uns voranbringen konnten. Die Prinzipien die dahinter stecken haben nicht an Relevanz verloren. Wir tun also gut daran, weiterhin von diesem Klassiker zu lernen.

Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt

Quelle:  http://www.huffingtonpost.de/../../alexandra-hildebrandt/gesellschaft-der-angst-wie-wir-der-optimierungsfalle-entkommen_b_6049652.html (27.10.2014)

Stand: Oktober 2014