Julia Brunner

Julia Brunner, Jahrgang 1983, wollte immer Journalistin werden. Sie hat an der Universität Bayreuth angefangen, Germanistik zu studieren, hat 2009 ihren Master an der University of Delaware abgeschlossen und kam, zurück in Deutschland, über Umwege zum Radio. Heute lebt und arbeitet sie in Berlin als freischaffende Geschichtenerzählerin. Sie erzählt Geschichten in Ton für das Radio und in Bild für das Auge. In ihren Radiobeiträgen und Photographien interessiert sie sich für das Thema Grenzen, für Orte, an denen Grenzen sichtbar werden, für Menschen, die sich an Grenzen bewegen, an Grenzen leben. Zu den Gesichtern der Nachhaltigkeit kam sie durch ein Foto, das sie für ein Gesicht der Nachhaltigkeit machte. Im Herbst 2012 reiste schließlich der Verantwortungsbär mit ihr nach Berlin. Mit ihm arbeitet sie gerade an einer Fotoserie zum Thema Nachhaltigkeit.

Weitere Informationen:
http://www.asgai.de

 

Es kommt auf den roten Faden an…

Vor drei Jahren, als ich aus den Staaten zurück nach Deutschland kam, um diesem Traum hinterherzulaufen, Journalistin zu werden, da hatte ich diesen Gelegenheitsjob: Ich transkribierte Tondokumente, Interviews, Vorträge, Filme - auch diesen Vortrag über Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit war damals kein unbekannter Begriff für mich, schon längst tauchte er in Artikeln und Beiträgen auf, war auf meiner Frühstücksmüslipackungen zu finden und in der Selbstdarstellung von Unternehmen. Jedoch habe ich erst im Laufe dieser Arbeit Nachhaltigkeit wirklich wahrgenommen.

Zur genau richtigen Zeit, denn plötzlich war dieser Begriff überall. Und eines Tages klopfte er sogar an meiner Tür, oder besser ich an seiner: Ich lernte jemanden kennen, der sich beruflich mit Nachhaltigkeit beschäftigt. Und so komme ich, eine Geschichtenerzählerin, durch scheinbare Umwege zu den Gesichtern der Nachhaltigkeit und schreibe diesen Beitrag. Dabei habe ich selbst mit Wirtschaft und Unternehmen per se gar nicht so viel zu tun. Eher mit Menschen. Das hat mir am Anfang, als ich die leere Seite vor mir liegen hatte, viel Kopfzerbrechen bereitet. Umso länger ich aber darüber nachdenke: Nachhaltigkeit ist überhaupt kein Thema, das man nur ökonomisch betrachten kann. Das hat mit vielen Dingen zu tun, auch damit wie wir unsere Leben führen (und ich meine nicht in erster Linie, welches Essen wir einkaufen oder von wem wir Strom beziehen).

Wenn ich mir das Konzept Nachhaltigkeit bildlich vorstelle, dann ist es etwas Modernes, schick eingepackt in grünem Butterbrotpapier, aber in gewisser Weise ist es ein alter Hut. Nachhaltig, rein lexikalisch, bedeutet ja zuerst einmal „sich auf längere Zeit auswirkend“.  Das kenne ich noch von Zuhause. Es geht um die Zukunft, darum, für sie zu sorgen: Zur Schule gehen, damit man „etwas Gescheites wird“, damit man Geld verdient, damit man eine Familie gründen kann, damit man Kinder bekommt, die wieder zur Schule gehen, „etwas Gescheites werden“, damit sie Geld verdienen können, damit man etwas hat, wenn man alt wird. Streng genommen ist das auch nachhaltig. Aber auch eine Art von Leben, die immer mehr nicht führen können oder wollen. Mich eingeschlossen.

Als ich zehn Jahre alt war wollte ich nicht aufs Gymnasium gehen. Da gab es aber nicht viel Mitspracherecht meinerseits. Ohne Abitur würde ich irgendwann einmal auf der Straße stehen, so die Argumentation meiner Eltern. Also wurde ich gegangen. Anstelle aber „etwas Gescheites zu werden“, schrieb ich mich in Germanistik ein. Oder besser: Ich würfelte es aus. Planlos. Nach 13 Schuljahren war ich den Fragen, was will ich werden, wo passe ich hin, was kann ich eigentlich wirklich, völlig fern. Fragen, die Luxus sind, aber Fragen, die wir, hier in Deutschland, im Jahr 2013, stellen können, im Gegensatz zu der Generation meiner Oma oder zu anderen Menschen in anderen Ländern heute.

Meine Oma war 89, als sie starb. Unser Verhältnis war milde ausgedrückt schwierig, Politik ein Reizthema, Vergangenheit auch. Jedoch, so sehr wir uns bekämpft haben, kurz vor ihren Tod, habe ich sie verstanden, ihr Dilemma verstanden, ihren Schmerz nachgefühlt. Als sie in etwa so alt war wie ich heute, war der Krieg gerade zu Ende, Würzburg, die Stadt, in der sie lebte zerstört, ihr Mann in Stalingrad gefallen, ihre Tochter behindert. Sie ging zurück in ihre alte Heimat, heiratete erneut - alleinstehend zu dieser Zeit, undenkbar. Meine Oma hat zwei Kinder großgezogen und zwei Enkelkinder mit dazu, bis sie alt und grau war, ich weiß gar nicht, was sie sich von ihrem Leben erhofft hätte, diese Frage gab es nicht. Kurz vor ihrem Tod hat sie das gemerkt, ich glaube, dass war schlimmer als die Gewissheit, bald gehen zu müssen.

In meiner Küche, unter dem Waschbecken, steht eine kleine Holzkiste. Die habe ich von Umzug zu Umzug herübergerettet. In ihr schlafen Erinnerungsfetzen: Briefe, Postkarten, Fotos. Ich habe heute lange nach einem Bild von meiner Oma gesucht, aber keines gefunden. Schon komisch, wenn man sich überlegt, was von einer Existenz bleibt. Dabei habe ich den Gedanken, es muss etwas Besonderes sein, abgelegt. Es muss nicht immer das Virtuose, das Großartige sein. Wir hinterlassen alle unsere Fußspuren. Das ist nachhaltig.

Es gibt diese Redensart „in jemandes Fußstapfen treten“. Mit dieser Idee werden Traditionen, Lebensweisen und Fähigkeiten weitergegeben, von Generation zu Generation, in Unternehmen wie auch in Familien. Das ist auch nachhaltig. Aber das, was bisher über Generationen hinweg funktioniert hat, scheint heute nicht unbedingt machbar oder sinnvoll zu sein. Unsere Welt ist anders als die unserer Eltern oder Großeltern – komplexer, vernetzter, globalisiert - so stehen wir vor neuen Problemen und neuen Herausforderungen. Das zeigt sich schon allein darin, dass wir uns heute über Nachhaltigkeit Gedanken machen (müssen, können, dürfen).

Meine Oma pflegte mit mir diesen einen Monolog zu führen, der für gewöhnlich mit den Worten endete: Ihr (damit meinte sie meine Generation) werdet es einmal schlecht haben. Dabei denke ich nicht, dass sie zuerst an Krisen, Kriege, knappe Ressourcen, Ausbeutung und Raubbau an der Natur dachte, sondern viel eher daran, dass so sehr sie auch versuchte ihre Enkelin in die „richtige“ Richtung zu schubsen, ihr Konzept nicht mehr aufgehen würde: Ich würde kein Haus bauen, würde nicht unbedingt einen sicheren Arbeitsplatz haben, vielleicht nicht einmal Kinder (die muss man sich ja leisten können).

Ich mochte diesen Monolog nicht, weil er einseitig war. Schlimme Dinge gab es, gibt es und wird es vermutlich immer geben. Aber jede Veränderung bringt auch Chancen mit sich. Darüber lohnt es zu reden. Darüber reden wir, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Da geht es darum, den Mut zu haben neue Wege zu gehen. Weltweit. Ökonomisch, gesellschaftlich, zwischenmenschlich, individuell. Und das heißt für mich, nicht alles niederzureißen, sondern sich mit dem auseinanderzusetzen, was da ist, daraus neue Ideen und Spielarten entwickeln, die tragfähig sind. Bestandsaufnahme könnte man das nennen, damit fängt es an.

Bestandsaufnahme, das ist ein wenig, als würde man nach einer langen Reise einen Koffer auspacken. Auf der Reise hat man einiges gekauft, geschenkt bekommen, gefunden. Vor drei Jahren stand ich mit drei Koffern in Berlin-Schönefeld am Flughafen. Die S-Bahn fuhr nicht und so musste ich dreimal durch die Stadt pendeln, um schließlich zusammen mit den Koffern in der Wohnung meiner Cousine anzukommen. Und da saß ich dann vor meinen ganzen Habseligkeiten, Büchern, Kleidung, Nippes, packte Stück für Stück aus und ging dabei die letzten Jahre meines Lebens ab. Bisher wurde ich gegangen oder lies mich treiben. Mein Aufenthalt in den Staaten passierte zufällig. Was als Austausch begann, wurde zum Studienabschluss, hätte zu einer Karriere werden können. An der Stelle zog ich die Notbremse, weil ich wusste, was ich nicht wollte.

Es gibt Menschen, die wissen schon, wenn sie klein sind, wie ihr Leben aussehen soll und gehen ganz zielstrebig darauf los. Andere laufen im Zick-Zack, drehen sich auch einmal im Kreis, müssen auch manchmal zurück auf Los und von vorn anfangen. Früher fand ich, man müsse geradlinig sein, so wurde man schließlich erzogen. Das hat sich im Laufe der Zeit geändert. Heute sehe ich das wertungsfrei. Es gilt nur den roten Faden zu finden. Wohin soll die Reise gehen? Was habe ich im Gepäck? Was nicht? Was ist sinnvoll?

Meine Oma hätte sich für mich gewünscht, dass ich in einer Bank arbeite, oder noch besser Lehrerin werden würde. Journalistin zu werden, fand sie einen „Schmarrn“, damit würde man ja kein Geld verdienen. Ihr ging es um Sicherheit für die Zukunft, mir ging es um das Hier-und-Jetzt, darum etwas zu finden, was mir gefällt und mich erfüllt. Wenn ich heute in der Zeitung über Depressionen und Burn-Out lese, dann denke ich, dass ich damals nicht falsch lag, aber ich lag auch nicht unbedingt richtig.

Manchmal wollen wir etwas so sehr, dass wir mit Scheuklappen blind und verbissen darauf zu rennen, ohne zu erkennen, dass das, was wir uns wünschen und erträumen, nicht tragfähig ist. Dann geht es darum, ehrlich gegenüber sich selbst zu sein. Das ist gar keine leichte Sache aber wichtig. Überhaupt ist Ehrlichkeit meiner Meinung nach einer der zentralen Begriffe, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Das gilt für Unternehmen, wie auch für Lebensläufe.

Mein Traum vom Journalismus ist mit mir einmal um die halbe Welt gereist und kam zusammen mit meinen drei Koffern in Deutschland wieder an. Ich bewarb mich also bei Zeitungen, Sendern, Agenturen, landete aber tatsächlich bei zwei freischaffenden Radiojournalisten. Eine Fügung des Schicksals. Radio lag mir sofort und ich merkte auch schnell, dass ich gar nicht über Nachrichten berichten, sondern Geschichten erzählen will. Ohne groß nachzudenken meldete ich mich selbstständig. Ein Jahr lang verbiss ich mich in diese Selbstständigkeit, die nicht tragfähig war. Am Ende stand ich schlechter da. Das war nicht nachhaltig.

Nachhaltigkeit heißt für mich sehr wohl, den Mut zu haben ins kalte Wasser zu springen und etwas zu wagen. Nachhaltigkeit heißt aber nicht, kurzsichtige, impulsive Entscheidungen zu treffen. Im Endeffekt hatten wir beide Recht, meine Oma, wie auch ich. Es geht bei Nachhaltigkeit natürlich darum, eine Zukunft zu bauen, die tragfähig ist, aber es geht auch darum präsent zu sein, nicht nur für die Zukunft, sondern auch für die Gegenwart leben. So veränderte sich mein Traum, wurde zu etwas greifbaren, wurde aber auch zu etwas, das mich tragen kann, wenn ich es weitsichtig angehe.

Ein wenig ist das auch wie Geschichten erzählen. Es kommt auf den roten Faden an, wenn eine Geschichte von Anfang bis Ende folgerichtig erzählt wird, kann sie noch so verrückt und abwegig sein.