Julia Kalmund

Julia Kalmund ist in England aufgewachsen. Inspiriert von der „School of life“ von Alain de Botton in London und der Tradition angelsächsischer Philosophie Clubs, veranstaltet sie seit fast zehn Jahren private Philosophie-Salons. Mit „Street Philosophy“ möchte Julia Kalmund diese Idee in eine breitere Öffentlichkeit tragen. „Raus aus dem Elfenbeinturm“, beschreibt Julia Kalmund einen der wichtigsten Beweggründe für die Abende in der Josef Bar in München. „Street Philosophy ist Philosophie für jedermann und durchaus als Lebenshilfe zu verstehen. Wir diskutieren über Fragen, die uns alle bewegen und suchen mit Hilfe der Philosophie gemeinsam nach Antworten.“ Seit 2013 veranstaltet sie gemeinsam mit Celina von Bezold die „Street Philosophy“ Abende für Menschen, die einen erhellenden Blick auf die großen Fragen des Lebens suchen.

Weitere Informationen:
www.kalmund-for-kids.com
www.room-for-thought.com
www.street-philosophy.de

In guter Gesellschaft

Interview mit Julia Kalmund

Woran spüren Sie, dass die Gesellschaft heute eine neue philosophische Salonkultur braucht? Welche Gemeinsamkeiten gibt es zur klassischen Salonkultur, und worin unterscheiden sich beide?

Philosophen haben seit 2500 Jahren nicht aufgehört zu fragen: „Was ist ein gutes Leben? Was ist eine gute Gesellschaft?" Wir leben in einer Zeit, in der eine Kluft zwischen den Werten, die wir leben möchten, und dem was das tägliche Leben von uns abverlangt, besteht. In unserem Salon pflegen wir eine praktische Philosophie, die es uns ermöglicht, gemeinsam nach Antworten zu suchen und gemeinsam zu reflektieren. Die klassische Salonkultur war hauptsächlich der Literatur gewidmet und war eine Plattform für die Emanzipation vieler jüdischer Frauen. Salons haben damals und heute die ganz wichtige Funktion des Austausches und des Kennenlernens. Sie sind durch Offenheit und Toleranz geprägt, und üben sich in der Kultur des Zuhörens und des Diskutierens.

Was war der Auslöser für die Gründung eines eigenen philosophischen Salons?

Ich bin sehr durch meine Jugend in London geprägt worden und glaube fest daran, dass man viele alltägliche Probleme durch die Philosophie angehen kann. Ich habe das Glück gehabt, junge Philosophen und vor allen Dingen junge Philosophinnen kennen zu lernen. Sie zeichnen sich alle durch eine hervorragende Ausbildung in mehreren Disziplinen aus und gleichzeitig durch die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge leicht verständlich und lebensnah zu vermitteln. Diesen wertvollen Menschen - die an den klassischen Lehranstalten immer noch nicht ganz ernst genommen werden - wollte ich gleichzeitig ein Forum bieten. Die Philosophin Dr. Celina von Bezold war an der Gründung von Street Philosophy maßgeblich beteiligt.

Wie alt sind die Menschen, die Ihre Salons besuchen?

Das, was die Salons auszeichnet, ist eine wunderbare Mischung an Altersklassen und Berufen. Es entstehen Freundschaften über die Generationen hinweg, und das ist für alle sehr bereichernd.

Inwiefern wird die Generation Y, die mehr als ihre Vorgängergeneration nach dem Warum fragt, berücksichtigt? Wie sprechen Sie die jungen Menschen an?

Mir ist die Teilnahme der jüngeren Generationen ein großes Anliegen. Am Anfang kamen die Kinder unserer Freunde und Bekannten. Sie ihrerseits haben dann Freunde und Bekannte mitgebracht. Die jungen Menschen müssen sich täglich im Beruf und in der Familie zurechtfinden. Ihre Herausforderungen sind gewaltig. Viele traditionelle Institutionen bieten keinen Halt mehr, und die Fragen werden dringender.

Weshalb heißt Ihre Veranstaltungsreihe „Street Philosophy"?

Mit Street Philosophy möchte ich einem breiterem Publikum die „Hilfeleistung" der Philosophie im täglichen Leben zugutekommen zu lassen. In England gibt es 2000 Philosophie Clubs, zum Teil auch in Pubs. Philosophie für jedermann heißt auf Englisch „Grassroot Philosophy". Ich dachte, das versteht hier niemand, aber Street Philosophy sehr wohl. Wir treffen uns nicht in einem Pub, sondern in der Josef Bar im Glockenbachviertel in München.

Derzeit ist ein „Freundschaftsboom" zu verzeichnen: unzählige Buchtitel widmen sich dem Thema, die Werbung greift es im Zusammenhang mit Freizeit (Süßwaren), Feierabend (Bier) und Sport (Gemeinschaftsgefühl) auf. Wie erklären sie sich diese Entwicklung?

Der „Freundschaftsboom" ist sicherlich ein Phänomen, das jungen Menschen, die eher als „ME- Generation" unterwegs sind, Halt geben soll. Echte Freundschaften sind in Zeiten, in denen man 600 sogenannte Freunde im Netz hat, wertvoller denn je - schließlich machen auch nur die echten Freunde weniger einsam.

Warum brauchen wir auch Freundschaft zu Dingen und Orten?

Unsere Welt ist „multi-kulti" und globalisiert geworden. Wenige Menschen sind noch ewig sesshaft. Man wechselt Jobs, Orte, Dinge und sogar Partner viel leidenschaftsloser als früher. Die Leidenschaftslosigkeit ist aber oft nur eine Fassade. Dinge und Orte geben Halt. Man bekommt ein Zugehörigkeitsgefühl - die Dinge gehören mir, und ich gehöre zu dem einen Ort.

Warum brauchen wir das Fragenstellen? Gilt doch das Fragen vielen Managern als „ineffizient", weil sie Zeit beanspruchen...

Ein wichtiger Aspekt dieser Zusammenkünfte ist, dass die Teilnehmer lernen, und es erfahren, dass man durchaus in der Frage bleiben darf. Viele, gerade vielleicht Manager, unterschätzen den Wert von Fragen, weil sie es verlernt haben zuzuhören. Dadurch entgeht ihnen aber sehr viel. Es gehört Mut dazu, einzusehen, dass es nicht auf alles Antworten gibt. Es hätte sonst nach der Antike keinen Bedarf mehr für Philosophen gegeben. Und wir philosophieren immer noch lustig weiter, wohlwissend, dass endgültige und allgültige Antworten ausbleiben werden. Gertrude Stein wurde angeblich auf ihrem Sterbebett gefragt „Was ist die Antwort?" Sie hat erwidert: „Was ist die Frage?"

Welche Fragen stehen im Mittelpunkt Ihrer Veranstaltungen?

Die Fragen, die im Mittelpunkt stehen, sind unmittelbare Fragen zur seelischen und geistigen Gesundheit: Wann leben wir? Wann lieben wir? Wann lassen wir? Was ist Wahrheit? Zufall oder Schicksal? Freund oder Feind? Es gibt aber auch wichtige Fragen an unsere Gesellschaft: Religion und Menschenrechte? Ethik in der Wirtschaft? Vernunft und Glaube? Rechtssysteme im Vergleich? - und viele mehr.

Sind große Frager die besseren Beobachter?

Vielleicht sind die großen Frager die bescheideneren Menschen, die dazu beitragen möchten, sich und die Gesellschaft ein Stückchen weiterzubringen....

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Dr. Alexandra Hildebrandt
Quelle:  http://www.huffingtonpost.de

Szand: Dezember 2014