Jutta Heller

Prof. Dr. Jutta Heller, Jahrgang 1961, studierte Politikwissenschaft und Erwachsenenbildung an der Freien Universität Berlin, Universität Bamberg und Universität Stuttgart. Weitere Kompetenzen hat sich Prof. Heller als ausgebildete NLP-Lehrtrainerin, systemische Beraterin, Business Coach und zertifizierte Rednerin erarbeitet. Seit 1990 ist sie als Beraterin für zahlreiche Unternehmen aktiv. 1998/1999 gönnte sie sich eine Auszeit in Venezuela, um selbst wieder gut auf die eigenen Füße zu kommen. Seit 2006 ist sie neben ihrer selbständigen Beratungstätigkeit an der Hochschule für angewandtes Management. Sie hatte dort sieben Jahre Führungsverantwortung, zuerst für die Fakultät für Schlüsselqualifikationen und dann für die wirtschaftspsychologische Fakultät. Sie unterrichtet vor allem Training & Business Coaching. Jutta Hellers Kerngebiete bilden Resilienz und Veränderungskompetenz. „Wir fürchten uns vor Veränderung und nehmen oft viel mehr Nachteile und Schmerz in Kauf, wenn wir Veränderungen vermeiden.“ Prof. Hellers Ansatz macht fit für Veränderungen, sowohl reaktiv als auch proaktiv, denn „dank unserer eigenen und eigentlichen Ressourcen ist alles Mögliche möglich. Ihr Resilienz-Knowhow gibt sie in einer umfassenden Weiterbildung an andere TrainerInnen, Coachs und BeraterInnen weiter.

Weiterführende Informationen:

www.resilienz-ausbildung.de und www.juttaheller.de


Warum Resilienz eine Schlüsselkompetenz der Zukunft ist

Interview mit Prof. Jutta Heller, Expertin für Veränderungskompetenz und Resilienz


Frau Prof. Heller, in Ihrem aktuellen Buch „Resilienz. Innere Stärke für Führungskräfte“ schreiben Sie, dass Resilienz eine Schlüsselkompetenz der Zukunft ist. Warum wird sie gebraucht?

Die Welt ist schneller und veränderlicher geworden. VUKA ist ein neues Schlagwort dafür: volatil also veränderlich, unsicher, komplex und ambivalent. Wir müssen uns ständig neu ausrichten, neu organisieren.
Auch die Arbeitsverdichtung hat zugenommen, so dass sich Menschen mehr belastet fühlen. Daher brauchen wir mehr diese innere Stärke, ein Zutrauen und Vertrauen in sich selbst, damit wir im Außen situationselastisch agieren können.
Führungskräfte sind Vorbilder und Ermöglicher, das heißt, wenn eine Führungskraft selbst den Druck nicht aushält und diesen direkt nach unten weitergibt, dann geht es ihr und den Mitarbeitern schlecht.
Interessanterweise nimmt eine Führungskraft bei einem Abteilungswechsel immer die Höhe der Krankenstände mit. Es gibt etliche Beispiele von Selbstmorden hochrangiger Führungskräfte und Geschäftsführer. Mit einem präventiven Ansatz der Resilienz wäre ein frühzeitiges Gegensteuern möglich.

Weshalb ist auch Hoffnung ein Aspekt der Zukunftsorientierung und einer der Resilienzschlüssel?

Hoffnung ist ein uraltes Konzept, das immer im Zusammenhang mit Belastungssituationen und Krisen relevant ist. Mit Hoffnung richten wir uns auf die Zukunft aus – trotz der momentan schwierigen Situation. Hoffnung hat für mich vor allem eine aktive Komponente.
Dazu gehören, Ziele und den Weg zum Ziel festzulegen. Das ist Way-Power. Wenn diese Kraft noch mit Will-Power kombiniert wird, nämlich der Motivation, alles für die Zielerreichung zu tun, dann kommen wir auch aus dem größten Schlammassel wieder heraus.

Wie erklären Sie sich, dass der Begriff Resilienz seit 2006 in Deutschland immer populärer wurde?

Die Zahlen der psychischen Belastungen sind in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Resilienz kommt aus dem Lateinischen „resilire“ und beschreibt, dass sich etwas unter Druck verformt, jedoch anschließend wieder in die ursprüngliche Form zurückspringt.
Auf den Menschen übertragen bedeutet das, dass wir uns unter Druck schon mal biegen und anpassen, dass wir jedoch immer wieder – wie ein Stehaufmännchen – zurück in die Senkrechte kommen.
Resilienz ist für manche inzwischen schon ein Modewort geworden, andere kennen den Begriff noch nicht. Aus meiner Sicht ist es ein schlüssiges Konzept und bietet ein gutes Handwerkszeug mit den Resilienzschlüsseln, um gut für sich zu sorgen.

Wie kann eine Förderung der seelischen Widerstandskraft auf der Beziehungsebene erfolgen? Also was können wir füreinander tun, um stark zu werden?

Wir sollten freundschaftlicher und wertschätzender miteinander umgehen. Spannend sind hierzu die Freundschaftsaspekte nach Wilhelm Schmid. In seinem Buch „Vom Glück der Freundschaft“ beschreibt er die Lust-Freundschaft, die Nutzen-Freundschaft, die wahre Freundschaft, virtuelle Freundschaften und die Freundschaft mit sich selbst.
Alle fünf Aspekte sind förderlich für die Seele. Wenn wir aktiv sind, zusammen mit anderen etwas unternehmen, Freude empfinden, dann stärkt uns das innerlich. Unter Kollegen können wir uns gegenseitig nützlich sein, uns unterstützen – gerade auch in schwierigen Phasen.
Allerdings ist dafür eine gute Kultur des Miteinanders wichtig, die durch eine Führungskraft geprägt und gestaltet wird. In virtuellen Freundschaften, gerade auch gegenüber Unbekannten, fällt es manchen Menschen leichter, sich zu öffnen und in Kontakt mit anderen zu kommen.
Bester Beleg hierfür ist die Telefonseelsorge. Wichtige Voraussetzung ist jedoch ebenso, freundschaftlich mit sich selbst umzugehen, also nicht ständig mit dem inneren Kritiker an sich herumnörgeln „du bist zu dick, zu faul, zu…“. Meine Trainings-Teilnehmer frage ich oft, ob Sie den Satz unterschreiben würden „Ich mag mich, so wie ich bin“?

Woran sind resiliente Menschen zu erkennen?

Resiliente Menschen gehen nicht ins Hadern und Jammern – egal ob das über das Wetter ist, die Umstände oder über andere Menschen. Wenn etwas nicht veränderbar ist, dann akzeptieren sie das und versuchen das Beste daraus zu machen.
Ein schöner Spruch dazu lautet: Wenn Dir das Leben Zitronen gibt, mach Saft daraus. Resiliente Menschen stellen sich Herausforderungen, dabei nutzen sie ihre Stärken und achten auf ihre Grenzen. Sie fragen nicht nach Schuldigen, wenn zum Beispiel Fehler passiert sind, sondern bringen die Angelegenheit wieder in Ordnung.
Resiliente Menschen holen sich bei Bedarf Unterstützung, statt alles alleine tun zu wollen. Sie können gut priorisieren und achten auf ihre Werte. Ihnen geht es um konstruktive Lösungen. Sie schätzen den Moment, die Gegenwart, aber sie richten sich auch auf die Zukunft aus.

Weshalb brauchen Führungskräfte heute ein neues „Handwerkszeug“, um ihre Aufgaben erfolgreich erfüllen zu können? Was gehört alles dazu, und worin unterscheidet sich das neue Handwerkszeug vom alten?

Mitarbeiter sind anspruchsvoller geworden, das Führungsumfeld ist vernetzter und damit auch komplexer geworden. Einfach nur Druck ausüben, sagen wo‘s lang geht, funktioniert heute nicht mehr.
Nur den Fokus auf Effizienzsteigerung zu setzen, bringt uns heute nicht mehr weiter. Mitarbeiter wollen Freiraum, Wertschätzung und wünschen sich die Berücksichtigung ihrer persönlichen Interessen. Daher müssen Führungskräfte inzwischen viel stärker mit einem integrierenden Führungsstil unterwegs sein bzw. auch mit einer coachenden Haltung die Potentialentwicklung ihrer Mitarbeiter fördern.
In komplexen Situationen sind eindeutige Antworten kaum zu finden, daher brauchen wir kontinuierlich ein flexibles Balancieren und wiederholtes Umfokussieren, was sowohl für Führungskräfte als auch Mitarbeiter anstrengend ist.

Was ist heute die wichtigste Aufgabe von Führungskräften?

Zuerst mal müssen sich Führungskräfte selbst führen, so dass sie gut durchs Leben und ihren Arbeitsalltag kommen. So können sie authentisch und überzeugend wirken. Wenn sie dann auf Augenhöhe mit ihren Mitarbeitern sprechen, sorgen sie für Kontakt und Verstehbarkeit. D.h. Kommunikation, Austausch, Empathie sind wichtige Haltungen für die Begegnung miteinander. Und dafür reichen täglichen Flurgespräche nicht.
Wichtigste Aufgabe ist demnach das Führen von regelmäßigen Gesprächen und vor allem das Zuhören. Führungskräfte sollten zudem für gute Rahmenbedingungen sorgen, so dass ihre Mitarbeiter arbeitsfähig sind. Das ist der Aspekt der Handhabbarkeit aus dem Konzept der Salutogenese.

Warum braucht es zu alledem auch Sinnvermittlung?

Menschen wollen überzeugt sein, dass das, was sie tun, richtig und sinnhaft ist. Bei Changeprojekten gibt es den größten Widerstand, wenn die Menschen überhaupt nicht nachvollziehen können, warum Entscheidungen auf eine bestimmte Art und Weise getroffen wurden.
Menschen sind auch produktiver und leistungsbereiter, wenn sie ein WOZU kennen, das sie gut finden.

Welche Rolle spielt dabei Optimismus?

Optimismus meint nicht die rosarote Brille, sondern ein optimistischer Mensch vertraut darauf, dass die Situation, das Leben wieder besser wird, selbst wenn es aktuell schwierig ist. Wenn es kalt und regnerisch ist, freut er sich gut geschützt vom Regenschirm zu sein.
Ein optimistischer Mensch schaut eher auf die positiven, stärkenden Dinge im Leben, auf das, worüber man sich freuen kann. Auch Selbststeuerung mit z.B. „Kopf hoch“ nimmt er wortwörtlich und sorgt so für gute Gefühlszustände, die wiederum zu mehr Zuversicht, Energie und Leistungsfähigkeit führen.

Was zeichnet eine resiliente Organisation aus?

Die aktuelle Resilienzforschung geht von einer Person-Umfeld-Konstellation aus. Daher braucht es primär resiliente Führungskräfte, die jedoch ihren Teammitgliedern ausreichend Freiraum und Vertrauen geben.
Teamentscheidungen auf den unterschiedlichen Hierarchieebenen sind meist bessere Entscheidungen. Hinzu kommt die aktive Kooperation mit den Kunden, um insbesondere in kritischen Situationen schnell zu reagieren und Absprachen auf Augenhöhe zu treffen.
Im Unternehmen braucht es eine tatsächlich gelebte Fehler- und Scheiterkultur, so dass ein kontinuierlicher umfassender Lernprozess möglich wird. Nur die Überlebensfähigkeit einer Organisation wie z.B. der katholischen Kirche, sagt noch nichts aus, ob die Organisation resilient sei. Vertrauen, Dezentralisierung, Achtsamkeit und Förderung von Eigen-Verantwortung - darauf kommt es an.
Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt

Buchempfehlungen:
Jutta Heller: Resilienz. Innere Stärke für Führungskräfte,  Verlag Orell Füssli, 2015.
Jutta Heller: Resilienz – 7 Schlüssel für mehr innere Stärke, GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH, 5. Auflage 2015.

Quelle: http://www.huffingtonpost.de
Stand: Juli 2015

 

“Wer nicht bei sich anfängt, für den verändert sich nichts.”

Interview mit Prof. Dr. Jutta Heller

Frau Prof. Heller, Hermann Hesse schreibt in seinem Roman ‚Demian’: „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören.“ Haben Sie in einem ähnlichen Prozess kreativer Zerstörung Veränderung erlebt?

In meinem Leben gibt es mehrere entscheidende Situationen, in denen ich die Richtung gewechselt habe. Die wichtigste Veränderung war jedoch die Trennung von meinem Mann, die er nicht akzeptieren wollte, so dass er mit vielen Mitteln gekämpft hat, um mich zu halten. Ich hatte damals das Gefühl, kaum Luft zum Atmen zu bekommen. Um mich sicher zu fühlen, brauchte ich damals einen großen Abstand und ging für 18 Monate nach Venezuela. Ich habe dort Spanisch gelernt, Deutsch unterrichtet, in einem Hotel gejobbt. Ich habe dort angefangen, mich wieder richtig zu spüren.

„Alles ist möglich, wenn du in einem guten Zustand bist:“ Dieser Satz entstand auf meiner Fahrt in die Hochebene Gran Sabana, als ich mit meinem Jeep stundenlang durch den Nebelwald die Serpentinen erklommen habe. Nach einer Kurve plötzlich lag diese riesige Weite vor mir. Ich erinnere mich auch an viele kleine, schöne Momente. Als ich nach dieser Auszeit wieder nach Deutschland kam, habe ich ganz klein wieder angefangen, Schritt für Schritt mein Leben sortiert und neu aufgebaut. Ich bin überzeugt, dass Veränderungen für jeden möglich sind. Wenn wir uns klar entscheiden, dann werden sie auch gelingen.

Was war der Auslöser für Ihr Buch?

Den Begriff „Resilienz“, der für innere Stärke steht, hatte ich selbst 2004/2005 zum ersten Mal auf einem Kongress gehört. Dieser Ansatz hatte mich damals sofort angesprochen, so dass ich von da ab zunehmend mit dem Resilienzansatz in Trainings, Coachings, aber auch in der Organisationsentwicklung gearbeitet habe. Der Verlag Gräfe und Unzer kam aufgrund einer Empfehlung auf mich zu, da er ein Buch zu Resilienz veröffentlichen wollte. Die Anfrage des Verlags gab mir ganz wunderbar die Chance, Ideen und Erfahrungen vor allem aus meiner Coachingpraxis in einem Buch zusammenzufassen, um damit Menschen Lust auf nachhaltige und gesunde Veränderung zu machen.

Welches sind Schlüsselfaktoren zur Resilienz?

Die Voraussetzungen, um Schlüsselfaktoren zu erwerben, erhalten wir normalerweise in der Kindheit. Zum Beispiel die emotionale Bindung zu mindestens einem Familienmitglied, die positive Erfahrung von Akzeptanz Respekt und Unterstützung. Doch selbst wenn diese Voraussetzungen in der Kindheit kaum gegeben waren, haben wir die Möglichkeit, diese sieben Schlüssel für mehr innere Stärke zu entwickeln: Zum Beispiel durch Akzeptanz: einfach Annehmen, was geschieht. Oder Vertrauen darauf, dass es besser wird; aber auch Eigenverantwortung und Initiative, Selbstwirksamkeit. Dann die pro-aktiven Elemente wie Lösungs-, Netzwerk-, Zukunftsorientierung. Jeden Resilienzschlüssel kann man gezielt in jedem Alter trainieren, so dass ein zufriedenstellendes oder noch besser ein erfülltes Leben möglich wird.

 

„In meinem ‚früheren Leben’ habe ich vieles in Kauf genommen, um mich nicht verändern zu müssen.“

Es ist kein wissenschaftliches, sondern teilweise sogar ein sehr persönliches Buch geworden. Weshalb ist Ihnen der persönliche Ansatz so wichtig bei der Vermittlung des Themas?

Ich will keine Expertin mit erhobenem Zeigefinger sein, sondern möchte die Leserinnen und Leser teilhaben lassen an meinen Erfahrungen. In meinem „früheren Leben“ habe ich vieles festgehalten und in Kauf genommen, um mich nicht verändern zu müssen. Ich bin fest davon überzeugt – das habe ich inzwischen gelernt-, dass wir uns unsere Welt gestalten können, wie sie uns gefällt. Und genau das will ich meinen Lesern weitergeben.

Wen möchten Sie mit dem Buch erreichen?

Wenn sich Menschen gestresst und belastet fühlen oder auch, wenn der Körper durch eine Krankheit für eine Pause sorgt, sind das eindeutige Zeichen, dass man Kraft braucht und etwas verändern muss. Daher ist das Buch insbesondere für Menschen gedacht, die innere Stärke entwickeln wollen, um mit ihren privaten oder beruflichen Belastungen und Herausforderungen besser klar zu kommen. Mit den vielen Übungen ist das Buch als Einstieg ins Selbstcoaching geeignet. Menschen, die sich aktuell in einer Krise befinden, können bei der Lektüre merken, dass es auch anders geht. Dann würde ich jedoch eine professionelle Unterstützung durch einen Therapeuten oder Coach empfehlen.

Lebensbrüche und Veränderungen gehen mit Neubeginn und zweiter Chance einher, aber auch mit Angst. Ist der (Aus-) Weg immer da, wo die Angst sitzt?

Angst aktiviert unseren Körper. Wir gehen in Habachtstellung, unsere Muskeln spannen sich an, der Puls steigt, damit wir unser genetisch abgespeichertes Steinzeitprogramm ablaufen lassen können. Angreifen, fliehen oder totstellen – diese Muster sind bei Menschen immer wieder erkennbar. Je größer die Angst ist, desto weniger sind wir denkfähig, desto mehr reagieren wir automatisch. Wenn es um Veränderungen geht, halte ich Mitdenken, Vorausdenken, Neudenken für absolut notwendig.

 

„Angst und Glaubenssätze wirken wie eine angezogene Handbremse.“

Die Angst ist ein hervorragendes Alarmsignal, genau wie alle anderen Körpersymptome, die uns Unwohlsein signalisieren. Wenn Angst immer wieder hochkommt, sollten wir erst mal anhalten, ausatmen, uns Abstand und damit Übersicht verschaffen. Der Abstand hilft, um wieder denkfähig zu werden. Dann sollten wir für einen guten inneren Zustand sorgen, um mit Neugier Ideen und Chancen entwickeln zu können. Bei der Auswahl und Entscheidung für eine Zukunft- und Veränderungsmöglichkeit ist Angst ein schlechter Ratgeber. Angst wirkt eher wie eine angezogene Handbremse, durch die wir nicht richtig in Fahrt kommen. Besser ist es, Mut und Risikobereitschaft zu entwickeln, klar auf die eigenen Stärken zu fokussieren und sich aktiv Unterstützung im eigenen Netzwerk zu holen.

Welche Rolle spielen im Veränderungsprozess Eigenverantwortung und Selbstwert?

Jeder Mensch geht anders mit schwierigen Situationen um. Eine weit verbreitete und sehr praktische Haltung besteht darin, anderen die Schuld zu geben. Wenn man sich über andere aufregt, befreit das im ersten Moment und gibt einem eine Weile das Gefühl, seinen Selbstwert zu bewahren. Doch das ist ein Trugschluss: Konflikte werden auf diese Weise nicht gelöst, stattdessen verweilen wir so viel zu lange bei negativen Gefühlen. Besonders in Beziehungen lässt sich diese selbst gewählte Opferrolle oft beobachten: Da man selbst nicht an den Schwierigkeiten schuld ist, muss es ja am anderen liegen. Die Konflikte wiederholen sich deshalb oft in anderen Beziehungen, denn die eigenen Einstellungen und Handlungen wurden ja nie in Frage gestellt.

Da gibt es meiner Überzeugung nach nur einen Ausweg: Wir müssen unsere Einstellungen ändern und die Verantwortung für unseren Anteil an den Schwierigkeiten übernehmen. Wenn wir unsere Verhaltensmuster ändern, wenn wir unsere Reaktionen auf andere Menschen ändern, dann ändern sich zwangsläufig auch die anderen. Wir sollten beginnen, uns selbst wichtig zu nehmen und wertzuschätzen. Jeder Mensch möchte wertvoll und nicht austauschbar sein. Was wertvoll ist, sollten wir hegen und pflegen – das leuchtet sicherlich ein. Doch viele Menschen bewerten sich selbst negativ. Sie sagen: »Ich bin zu … dick, klein, schwach, dominant, groß, dünn, laut ...“ Mit solchen Glaubenssätzen greifen sie ihren Selbstwert an. Wer sich selbst ständig kritisiert und dadurch klein macht, wird sicherlich weniger bewirken als Menschen mit einem gesunden Selbstwertgefühl: »Ich bin so, wie ich bin und das ist okay.« Solch eine Überzeugung ist die Basis, die Sicherheit gibt, so dass wir uns mutiger auf Veränderungen einlassen können.

Weshalb kommt es darauf an, den Dingen ihre Zeit zu lassen und warten zu können?

Es gibt ein sehr schönes Beispiel aus dem Tierreich: Der Hummer muss sich, um zu wachsen, seines alten Panzers entledigen. Dafür sucht er sich eine schützende Höhle und wartet ein paar Tage ab, bis der nachgewachsene Chitinpanzer ausgehärtet ist. Bei Veränderungen braucht es genau solch eine Übergangsphase, in der wir von Altem zu Neuem wechseln. Seltenst können wir einen Schalter umlegen und von da an alles anders machen. Denn in dieser Phase erlebt man Zweifel und Einwände, Befürchtungen und Neugier. Manche Gedanken müssen reifen, so dass die Übergangsphase manchmal Tage, Wochen oder Monate benötigt - ein emotionaler Prozess, der viel Energie braucht.

Nach außen wirken Menschen in solch einer Phase eher passiv oder unentschlossen, obwohl sie innerlich höchst aktiv sind. Je mehr man aktiv die Verabschiedung des Alten für sich gestaltet, zum Beispiel mit einem Ritual als Schlusspunkt, umso leichter fällt der Neubeginn. Wichtig ist aus meiner Erfahrung, dass man all die Gedanken nach außen bringt, um sie besser sortieren zu können. Das kann schriftlich oder mündlich erfolgen. Bei Gesprächen sollte man sich aber unbedingt vor klugen Ratschlägen hüten, da es vor allem um die Klärung der eigenen Bedürfnisse geht. Je klarer man sich dann entscheiden kann, desto mehr Energie wird für das Neue da sein.

So genannte „weise“ Menschen scheinen traumatische Ereignisse und schwierige Konflikte besonders erfolgreich zu bewältigen. Was bedeutet Ihnen vor diesem Hintergrund „Weisheit“?

Eine Krise ist dann bewältigt, wenn ein Mensch ein Lebensereignis, das mit Hilflosigkeit und Ohnmacht verbunden war oder noch ist, in die eigene Lebensgeschichte einordnen kann, ohne dadurch seelisch oder körperlich von Stress überflutet zu werden. Das kann man ganz einfach testen, indem man sich an das entsprechende Ereignis erinnert. Es kann und darf auch sein, dass man, während man sich erinnert, bemerkt, wie das Herz zu pochen anfängt, man ein wenig kurzatmiger wird und vielleicht auch etwas zu schwitzen anfängt. Das sind Zeichen, dass man bereits »über dem Berg« ist, dass jedoch noch eine Restbelastung vorhanden ist. „Weise“ ist es folglich, sich wirklich mit sich selbst auseinanderzusetzen, für sich selbst zu sorgen, Belastungen zu klären, so dass wir frei nach vorne in unsere Zukunft schauen können.

Der österreichische Chocolatier und Querdenker Josef Zotter sagt „Der Bauch ist das bessere Hirn“. Was ist der Vorteil von „Bauchentscheidungen“?

Bei Entscheidungen „aus dem Bauchgefühl heraus“ nutzen wir unsere Intuition. Intuition ist die Summe unserer Erfahrungen, die wir auch im Unbewussten gespeichert haben. Bei rationalen Vorgehensweisen verlassen wir uns nur auf das konkret fassbare Wissen. Komplexe Sachverhalte können unser rationales Denkvermögen überfordern. Wenn wir uns in solchen Situationen auf unsere Intuition verlassen, weil wir es nicht mehr greifen können, dann sind wir sicherlich gut beraten. Vielleicht hatten Sie schon mal so ein Erlebnis: Sie kommen in ein Gebäude oder betreten einen Raum und sofort merken Sie, dass Ihnen dort irgendwie unbehaglich zumute ist. Oder Sie begegnen einem Menschen, und intuitiv sagt Ihnen irgendetwas: »Vorsicht.«

Lässt sich Intuition trainieren?

Intuition lässt sich trainieren, indem man darauf achtet, welche Gefühle und Bedürfnisse vorhanden sind. Stellen Sie sich vor, Sie haben einen freien Tag, die Sonne scheint und Sie möchten einen kleinen Ausflug an Ihren Lieblingssee machen. Das Glitzern der Sonne auf dem Wasser ist für Sie ein Lebenselixier. Schön wäre natürlich auch, wenn Ihr Partner mitkäme. Er macht dann den Vorschlag: »Fahren wir doch in die Berge, und auf dem Rückweg können wir noch meine Eltern besuchen.« Ihr Gewissen sagt zu Ihnen: »Richtig, da müssen wir uns auch mal wieder sehen lassen.« Und schon stimmen Sie aus Vernunftgründen zu, obwohl Sie doch so gern an den See gefahren wären.

Dieses Beispiel können Sie sicherlich auf viele andere Situationen übertragen, in denen Sie zu wenig auf Ihre innere Stimme gehört haben. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich halte Kompromisse durchaus für notwendig im Zusammenleben. Auch ein Zurückstecken der eigenen Wünsche kann dazugehören, jedoch sollte das nicht ständig passieren, denn sonst haben Sie plötzlich das Gefühl, dass Ihr Partner noch nie Rücksicht auf das, was Ihnen wichtig ist, genommen hat, und Sie überhaupt nicht versteht. Solche extremen Gefühle bauen sich nur auf, wenn wir zu lange nicht hinsehen und unser Unterbewusstsein das Ruder übernimmt. Unser Körper ist jedoch ein unbestechlicher Ratgeber, wenn wir bereit sind, auf seine Signale zu hören. Denn nur dann können Sie gegensteuern.

Sind Menschen mit Glauben innerlich stärker?

Menschen, die glauben, haben meist einen sicheren Orientierungsrahmen für ihr Leben. Das gilt für die unterschiedlichsten Religionen. Im Konzept des Glaubens nehme ich vor allem eine externe Instanz wahr, die gibt und nimmt: ‚Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, gelobet sei der Name des Herrn’, so steht es in der Bibel. Das kann in schwierigen Lebenssituationen vielleicht helfen, sich mit einer Situation abzufinden, nicht aufzugeben, auch wenn man eine Situation nicht verstehen kann.

Innere Stärke und Resilienz, das ist für mich ein anderes Konzept. Die 7 Resilienz-Schlüssel habe ich selbst in der Hand. Ich habe die Wahl, für mein Leben die Weichen zu stellen. Letztlich geht es mir darum, genügend Handlungsmuster für die ganz alltäglichen Ausnahmesituationen parat zu haben, so dass ich glücklich und hoffentlich auch gesund alt werden kann. Dass das möglich ist - davon bin ich fest überzeugt - möchte ich durch meine Beratungsarbeit und mein Buch vermitteln.

 

Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt, DFB-Nachhaltigkeitsbeauftragte und Wirtschaftsexpertin

 

Angaben zum Buch: ‚Resilienz. 7 Schlüssel für mehr innere Stärke’. Gräfe und Unzer Verlag, München 2013, ISBN 978-3-8338-2735-8, € 14,99.