Katja Kraus

Katja Kraus, Jahrgang 1970, gehörte von 2003 bis zum März 2011 dem Vorstand des Hamburger SV an und war dort für die Bereiche Kommunikation und Marketing zuständig. Damit besetzte sie als erste Frau eine Vorstandsposition bei einem Bundesligisten. Von 1990 bis 1996 studierte sie Germani­stik und Politik in Frankfurt. Als Torhüterin des FSV Frankfurt nahm sie an 220 Bundesliga-Spielen teil. Dreimal wurde sie in dieser Zeit Deutsche Meisterin, viermal deutsche Pokal­siegerin. In ihrer Zeit in der Nationalmannschaft der Frauen von 1995 bis 1997 wurde sie Vize-Weltmeisterin und Europa­meisterin. Von 1997 an arbeitete sie zunächst im PR-Ressort von adidas. Vor dem Wechsel zum Hamburger SV war sie Pressesprecherin von Eintracht Frankfurt. Katja Kraus ist selbstständig und lebt in Hamburg. Ihr aktuelles Buch „Macht. Geschichten von Erfolg und Scheitern“ widmet sich den Phänomenen Macht, Bedeutung und Bedeutungsverlust: dem Gefühl, es geschafft zu haben, aber auch dem jähen Karriereende und dem Leben danach. Mit ihr sprachen Wolfgang Berghofer, Björn Engholm, Tanja Gönner, Sven Hannawald, Thomas Hitzlsperger, Maria Jepsen, Heather Jurgensen, Peter Kabel, Hans Werner Kilz, Roland Koch, Hera Lind, Hartmut Mehdorn, Udo Röbel, Gesine Schwan, Ron Sommer, Ole von Beust und Andrea Ypsilanti.

Weitere Informationen:
http://www.fischerverlage.de/autor/katja_kraus/21314

 

Was bleibt.

Interview mit Katja Kraus zu ihrem Buch „Macht. Geschichten von Erfolg und Scheitern“

Das von Joachim Heinrich Campe 1807 herausgegebene Wörterbuch der deutschen Sprache definiert das Wort "Nachhalt" als das, "woran man sich hält, wenn alles andere nicht mehr hält". Woran haben Sie sich „(fest)gehalten“ nach Ihrem Ausscheiden aus Ihrer offiziellen Funktion? Haben Sie den Begriff danach für sich neu „vermessen“? Was bedeutet er Ihnen heute?

Erstmal habe ich mich auf eine Weise haltlos gefühlt, trotz der Verlässlichkeit meines Umfeldes und vieler gereichter Hände. Selten kommt ein berufliches Ende ohne Vorzeichen daher, und insbesondere in öffentlichen Funktionen können sie Zustimmung oder Ablehnung täglich der medialen Berichterstattung entnehmen. Mir war schon einige Zeit bewusst, dass in der zu beobachtenden Entwicklung, den sich stetig ändernden Kräfteverhältnissen auch die Möglichkeit des Abschieds liegt. In dieser Phase habe ich mir viele Fragen gestellt, mich intensiv damit beschäftigt, was danach kommen kann, wer ich ohne die Funktion bin, worin ich mich auf eine vergleichbare Weise finden würde. Und auch, wie sich Menschen mit gegenüber verhalten werden. All diese theoretische Vorbereitung mag zur Linderung dienen, aber als das Ende dann Realität wurde, stellte sich alles ganz anders dar. Vor allem der Verlust der Herzensaufgabe, der Stabilitätsfaktoren, hat zu einer extremen Leere geführt. Die ist dann schnell der Begeisterung für das Schreiben, für die Selbstbestimmtheit, gewichen. Aber Halt habe ich nach und nach erst wieder gewonnen, mit zunehmender Sicherheit in dem, was ich gerade tue.

Über Ihr heutiges Leben schreiben Sie, dass es Ihnen mehr Zeit gibt, aber weniger Sicherheit. Was meinen Sie damit? Das eigene Unternehmertum, die Selbstständigkeit, das Für-sich-selbst-sorgen außerhalb eines stabilen beruflichen Umfelds?

Eine Funktion ist oftmals auch eine Ritterrüstung, man ist weniger angreifbar, weil man sich in der Rolle zurückziehen kann, nicht im Kern gemeint ist. Das ist jetzt anders, mein Buch ist das persönlichste, was ich in meinem beruflichen Leben getan habe. Auch wenn es kein biographisches Buch ist, fühle ich mich beinah nackt mit meinen Gedanken, meinen Worten, meinem Blick. Das ist wunderschön, weil es sehr besondere Berührungsmomente bedingt. Aber es bietet keinen Schutzraum. In meiner vorherigen Vorstandsrolle war ich mir der Mechanismen, meiner Stärken und Schwächen sehr bewusst. Und hatte die Möglichkeit, mir das Umfeld entsprechend zu gestalten. Jetzt musste ich vieles neu lernen. Das Schreiben und was dazugehört, Stille, Alleinsein, wechselhafte Tage, all das war mir fremd. Und ich hatte bis dahin alles im Team gemacht, meinen Sport, meine Jobs. Gemeinsam Strategien entwickeln, Gedanken vertiefen, ich mochte das sehr, auch wenn ich gern am Ende die Entscheidungen getroffen und Verantwortung getragen habe. Nun bin ich ganz und gar auf mich bezogen. Es war die größte Herausforderung in den Momenten der Zweifel und Unsicherheiten, nicht zurückzuschrecken und den Impulsen zu folgen, wieder Sicherheit auf vertrautem Terrain zu erlangen. Ich bin sehr froh, dem widerstanden zu haben.

Woher beziehen Sie Ihre Kraft und Kreativität: aus einem gut strukturierten Umfeld oder aus sich ändernden Situationen?

Aus beidem. Ich bin ein Routinemensch und ich hänge sehr an meinen vertrauten Abläufen. Mich immer wieder auf Verlässliches beziehen zu können, bedeutet mir viel. Vor allem deshalb, weil ich mich eigentlich immer in Umfeldern bewegt haben, die erhebliche Flexibilität und Kreativität im Umgang mit Friktionen gefordert haben. Es ist also die Ambivalenz zwischen dem Schreiben eines Buches, mit all der Stille und der Tiefe, die dabei möglich sind. Und dem Management in einem der öffentlichkeitswirksamsten Branchen im Echtzeitbetrieb. Ich liebe beides und auch die Chance, zwischen beiden Polen zu wandeln.

Wie finden Sie die richtige Balance zwischen „Routine schaffen“, damit die nötige Stabilität entsteht, und „Routine aufreißen“, damit neue Denkanstöße ihren Weg finden können?

Ich habe nie versucht das zu konstruieren. Vermutlich ist meine Persönlichkeitsstruktur ohnehin eher so, dass ich nach Bewegung suche, nach Inspiration. Entwicklung entspricht mir sicher mehr als Bewahren. Und gleichzeitig halte ich die Wertschätzung desjenigen, was sich bewährt hat und damit die Basis des Wachstum ist, für extrem wichtig. 

Sie beschreiben in Ihrem Buch Menschen und deren Lebenskurven, die auf ihrem „Erfolgsweg“ an eine Gabelung geraten sind. Pythagoras schrieb den in seine Schule Eintretenden ein "Y" in die Hand als Symbol für eine Weggabelung, an der sie sich entscheiden müssen. Damit erscheint zum ersten Mal das selbständige Ich, das nunmehr auch in der Lage ist, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Was haben Sie an Ihrer eigenen Weggabelung gespürt?

Der Abschied vom HSV ist nicht die erste einschneidende Gabelung gewesen, wenn ich auf meine Biographie schaue. Allerdings die erste, die ich nicht selbst entschieden habe, was in der Wahrnehmung, insbesondere von außen, ein erheblicher Unterschied ist. Im Umgang mit der Veränderung habe ich viele Parallelen zu dem Ende meiner Fußballkarriere empfunden. Als ich mit sechsundzwanzig mit dem Sport aufhörte, weil ich meinem beruflichen Weg Priorität einräumen wollte, habe ich mich zunächst auf eine ganz ähnliche Weise entwurzelt gefühlt. Ein bisschen aus dem Nest gepurzelt.

Aber ich hatte auch so viel Freude an den Entdeckungsmomenten, an dem spürbaren Wachstum, so viel Lust auf alles Neue. Und weil das wohl ein wesentlicher Teil von mir ist, habe ich die Weggabelungen nie als Punkt der Entscheidung gesehen, sondern viel mehr als Punkt, der einen Abschnitt der Geraden markiert.

Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie Ihre Interviewpartner ausgewählt? War es zuweilen auch ein zufälliges „Hinfließen“ zu Ihnen oder eine von Beginn an eine feststehende Auswahl?

Als sich die Idee des Buches konkretisierte, habe ich mich einfach gefragt, welche Biographien mich unter den Aspekten Erfolg und Scheitern besonders interessierten. Ich wollte die Gelegenheit nutzen, mir Fragen zu beantworten, die ich als Empfänger medialer Bilder nicht ausreichend beantwortet bekam. Also erstmal ein ganz subjektiver Auswahlprozess. Und dann habe ich versucht, unterschiedliche Bereiche zu identifizieren, um dabei Vergleichbarkeiten und Unterschiede zu betrachten. Zwischen Sportlern und Wirtschaftsgrößen zum Beispiel. Chefredakteuren und Politikern oder einfach Frauen und Männern. Zu meiner großen Freude und, ehrlich gesagt, auch ein bisschen zu meiner Überraschung, haben beinah alle nach dem Vorgespräch entschieden, für das Buch mit mir sprechen zu wollen. Das finde ich umso bemerkenswerter, als da eine Menge Mut dazugehört, Momente und Gefühle zu teilen, um die zu verbergen normalerweise eine Menge Aufwand betrieben wird.

Wie stark war das Interesse Ihrer Gesprächspartner an Ihrer eigenen Geschichte? An welchen Verbindungsstellen überlagerte sich das Eigene mit dem Fremden?

Manche kannten meine Geschichte gar nicht, andere mag dieses verbindende Element überhaupt erst dazu motiviert haben, mit mir zu sprechen. Es gab immer wieder Momente, in denen ich im Blick des Gegenübers die Suche nach dem Einverständnis des Erlebten erkannt habe. Manchmal haben sie Erkenntnisse tatsächlich erst dialogisch ergeben. Aber das zu erkennen war dann eher an mir. Wirklich intensiv nach meiner eigenen Geschichte gefragt haben die wenigsten. Ich glaube, nicht aus Desinteresse, sondern eher aus Diskretion. Erstaunlich, in Anbetracht dessen, dass sie mir gegenübersaßen, um genau diese Grenze des Persönlichen aufzulösen.

Welche Fragen wurden und werden Ihnen nach Erscheinen des Buches am meisten gestellt?

Viele Superlative, wer hat sie am meisten berührt, beeindruckt, überrascht? Wessen Fall war der tiefste? Diese Fragen sind eigentlich nicht zu beantworten, denn die Berührungen fanden auf so unterschiedlichen Ebenen statt. Und jeder hat mich beeindruckt auf eine Weise, sei es durch besondere Offenheit, durch faszinierende Gedanken, durch eine bemerkenswerte Reflexionsfähigkeit. Häufig wurde ich auch gefragt, ob es ein therapeutisches Buch ist. Überhaupt ist das Interesse, insbesondere bei Lesungen, an meiner ganz eigenen Geschichte, meinen Erfahrungen groß. Vielleicht ist es den Menschen leichter, darüber eine Gemeinsamkeit herzustellen, denn genau das ist es, was im persönlichen Kontakt immer auf beeindruckende Weise passiert. Beinah jeder Leser findet sich im Buch wieder, fühlt sich an Stellen, in den Spiegelungen der Protagonisten berührt und mag dann auch seine eigenen Erfahrungen teilen. Für mich sind die Lesungen und Interviews, die Auseinandersetzung mit den Fragen und Reaktionen eine Chance, das Buch in mir immer weiterzuentwickeln. Denn das Thema ist so vielfältig und so aktuell, so dynamisch, dass mein Buch lange nicht zu Ende geschrieben ist, nur weil ich irgendwann mit dem Schreiben daran aufgehört habe.

Kommen Sie während Ihrer Lesereisen manchmal auch an einen Punkt, wo Sie leer werden und nicht mehr über das Gleiche sprechen möchten, nicht mehr mit den gleichen Fragen konfrontiert werden wollen, sondern schon etwas Neues im Blick haben, das Sie zum Aufbruch bewegt?

Dieses Gefühl hatte ich bislang während einer Veranstaltung nie, dazu bin ich einfach zu neugierig auf jeden neuen Abend, auf jedes einzelne Publikum. Auf die Energie, die entsteht. Leere empfinde ich manchmal am Morgen danach, wenn das Adrenalin abfällt. Und natürlich gibt es auch die Begeisterung für mein neues Projekt in mir, die Vorfreude auf die Gespräche, die ich dazu führen werde und die Sehnsucht nach der Stille des Schreibens. Aber ich genieße jedes Gespräch über mein Buch, freue mich an jeder bis dahin ungestellten Frage. Und wenn ich beim Lesen auf ein Publikum treffe, bin ich sowieso ganz und gar und mit meiner ganzen Hingabe dort.

Das Wort „Gestaltung“ ist im Buch, aber auch in Ihren Interviews eines der meist gebrauchten Wörter. Was bedeutet Ihnen der Begriff?

Gestalten zu können heißt für mich etwas zu schaffen und zu entwickeln, was Bedeutung für mich hat. Freiheit und Verantwortung in bester Koexistenz. Es ist etwas sehr aktives, die Chance, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Mir war Gestaltungsfreiheit in meinen beruflichen Aufgaben immer sehr wichtig. Ich wollte meine Aufgabe in meinem Sinne prägen. Am liebsten versehen mit einem klaren Ziel und mit messbaren Ergebnissen.

Weshalb ist die Intrige immer zerstörend, nie gestaltend?

Weil darin immer die Absicht liegt, anderen zu schaden. Zur Durchsetzung der eigenen Ziele gehört auch die Konfrontation, aber es ist entscheidend, wie man damit umgeht. Ich bin überzeugt, dass aus einer Intrige nichts Gutes entstehen kann, weil sie immer nachwirkt, auch im Intriganten. Ich bin kein Moralist, aber bei der Bewertung von menschlichem Fehlverhalten ist es für mich eine besondere Kategorie, anderen Menschen bewusst Schaden zuzufügen, oder im egoistischen Interesse billigend in Kauf zu nehmen.

Wie haben Sie den Augenblick Ihrer Katharsis empfunden?

Wenn Sie damit die Entgegennahme der Entscheidung über die Trennung meinen, auf eine sonderbare Weise leer. Es war ein sehr leiser Moment. Im Verlauf des Abends habe ich dann vor allem Erleichterung empfunden, nach wochenlangem zermürbendem Hin und Her und dem Anspruch, weiter zu funktionieren und Normalität vorzugeben, wo lange keine Normalität mehr war. Andere zu stabilisieren. Diese Last ist erst mal spürbar von mir abgefallen.

Haben Sie „Macht“ wirklich „verloren“, weil Sie nicht mehr in einer bestimmten Funktion sind? Kommt wirkliche „Macht“ im Sinne von machen und gestalten nicht von innen und bleibt bestehen, weil der eigene Kern unberührt von äußeren Einflüssen bleibt?

Die Macht aus der Funktion des Fußballvorstandes heraus Entscheidungen zu treffen, Entwicklungen zu gestalten und eine Rolle zu interpretieren, die habe ich mit dem Büroschlüssel zurückgelassen. Mir war immer bewusst, dass diese Macht der Funktion und nicht mir als Menschen gehört. Dass sich die Frequenz der Anliegen und Einladungen verändern wird. Ich bin nicht überzeugt davon, dass der eigene Kern unberührt bleibt von den Einflüssen und dass die Verschmelzung von Position und Persönlichkeit für jeden leicht aufzulösen ist. Ich habe mich am Ende häufig gefragt, wie es wohl für mich sein wird. Wer ich noch bin, subtrahiert um die Position, die ich mit so viel Enthusiasmus ausgefüllt habe und die mich natürlich auch als Menschen geprägt hat. Doch wenn es dann wahr wird, stellt es sich wieder ganz anders dar.

Sie schreiben, dass Sie Selbstbestimmung „gewonnen“ haben – welche Möglichkeiten hatten Sie in Ihrer offiziellen Funktion, selbstbestimmt zu sein? Wo waren die Grenzen?

Ich habe immer versucht, mit meiner Rolle bewusst zu sein. Mir klar zu machen, dass in der Begegnung mit anderen die Funktion, nicht ich gemeint bin. Und umgekehrt ich in der Funktion immer so handele und Menschen begegne, wie ich es als Person Katja Kraus tun würde. Aber natürlich fordert eine Funktion auch Verhalten, das dem eigenen Charakter womöglich nicht entspricht. Deshalb sagt Ron Sommer in meinem Buch auch: Ohne Macht ist man mehr Mensch.

Inwiefern hat Sie damals Ihr Amt verändert – wann fühlten Sie sich fremdbestimmt, und wie sind Sie damit umgegangen?

Ich habe meine berufliche Aufgabe wirklich geliebt und in einem sehr hohen Maße priorisiert. Das habe ich nie hinterfragt und auch bewusst so entschieden. Allerdings ist es in einem so rasanten und öffentlichen Geschäft wie dem Profifußball so, dass man sich in diesem Tempo dann auch verlieren kann. Ich hätte mir gewünscht, häufiger innezuhalten, Geschwindigkeit rauszunehmen und Entscheidungen abgewogener zu treffen. Da habe ich mich zu oft treiben lassen. Und der enorme Druck und die öffentliche Bewertung haben dazu geführt, dass ich meinen ohnehin erheblichen Anspruch noch höher gesetzt habe. Ich hatte in dieser Zeit ein Maß an Disziplin, das meinem Kern ansonsten nicht unbedingt entspricht.

Gab es Situationen, in denen Sie sich selbst fremd waren?

Wenn ich gespürt habe, dass ich nicht imstande bin aus der Hysterie auszusteigen. Wenn ich wahrnahm, dass ich mich mehr und mehr entfernte von dem, was wirklich Bedeutung hat.

Was machen für Sie Menschen aus, „für die das Leben selbst genug ist“?

Wir sind so sehr geprägt von Status und gesellschaftlicher Anerkennung. Einordnung erfolgt über Titel und Funktionen, Kontakte sind eine Währung. Ich bewundere Menschen, die sich daraus befreit haben. Die ihr Glück in sich selbst finden und ihre Zufriedenheit nur an sich selbst und nicht an externen Faktoren bemessen.

Erfahrung ist nicht gleich Erfahrung. So entdeckten Psychologen der Universität Klagenfurt, dass es eine Rolle spielt, wie Menschen Krisen in ihrem Leben gemeistert haben. So scheinen „weise“ Menschen traumatische Ereignisse und schwierige Konflikte besonders erfolgreich zu bewältigen, weil sie sich intensiv mit ihren Problemen auseinander setzen und daraus lernen.  Was bedeutet Ihnen vor diesem Hintergrund Weisheit?

Mein Lieblingswort ist Bewusstsein, vielleicht ist das eine Variation der Weisheit. Und eine der Empathie. Sich seiner selbst und anderer bewusst machen. Ich bin überzeugt, dass wir auf viele Dinge, auf Ereignisse und Krisen, auch auf Menschen einen anderen Blick bekommen, wenn wir uns darum bemühen, uns ein umfassendes Bild zu verschaffen, auch bereit sind, Vorurteile und Festlegungen herzugeben.

Weshalb ist es wichtig, dass schon Kinder verstehen lernen müssen, dass auch Erschütterungen, Zweifel und Krisen normale Bestandteile des Lebens sind?

Weil es einfach ein Teil unseres Seins ist. Weil es wichtig ist, um Entwicklungen einordnen zu können, um Glück und Erfolg zu empfinden, um uns selbst wahrzunehmen. Ich bin ganz froh über die Erfahrungen mit Niederlagen, die ich im Sport gemacht habe. Und über die Erkenntnis, dass es oftmals zum Wachstum gehört, etwas aufzugeben oder zurückzulassen. Oftmals schrecken wir aus Angst vor dem Schmerz zurück. Aber er ist wohl ein untrennbarer Teil von Entwicklung.

Was sind für Sie jene Augenblicke im Buch, „die Großes sichtbar machen“?

Es gab in den Gesprächen immer wieder Momente, in denen ein Gedanke, ein Gefühl, manchmal auch eine Erkenntnis offenbar wurden, die bis dahin verborgen waren. Manchmal im Erzählen ganz kleiner Geschichten. Das passierte sowohl meinen Gesprächspartnern als auch mir. Kleine beinah magische Entdeckungen. Nicht immer habe ich sie dann angesprochen. Manchmal schien es mir richtiger den Augenblick vorbeiziehen zu lassen und den Frauen und Männern die stille Betrachtung zu ermöglichen.

Otto Rehhagel sagte vor einigen Jahren: „Heute ist es leider so, dass die Berater ihren Jungens sagen: Ich mache aus dir einen Millionär. Sie sagen nicht: Ich mache aus dir einen guten Fußballer." Weshalb ist Geld kein Motivationsmittel für herausragende Leistungen?

Ach ich weiß nicht, ob man das so pauschal sagen sollte. Ich finde, der deutsche Fußball wird gerade geprägt von einer Menge junger Männer, die Spaß am Spiel haben. Aber natürlich ist die Gefahr von einem System korrumpiert zu werden, in dem es sehr viele Eigeninteressen gibt. Die permanente Bedeutungsüberhöhung der Fußballprofis wird erstmal von außen hereingetragen. Da bedarf es schon einer sehr gefestigten Persönlichkeit und eines regulierenden Umfeldes, um die richtige Einordnung hinzubekommen. Grundsätzlich glaube ich daran, dass nicht Geld und Status Initiationsmotive für besondere Leistungen sind. Vielmehr ist es eine besondere Begabung, die eine Identität verleiht, die existenzielle Begeisterung für eine Sache. Die Antriebsfaktoren sind sehr vielfältig. Auch Angst ist oft ein wichtiger Motor in exponierten Biographien. Aus dem Mangel heraus entsteht ein besonderer Wille.

Für die antiken Philosophen war ein glückliches Leben ein solches, das sich am Guten orientiert. Nicht Geld, Macht und Ruhm waren der Königsweg zu einem gelingenden und erfüllten Leben, sondern das Erkennen der Wahrheit  wurde als Form des Glücks bestimmt. Weshalb wird das Glück niemals finden,  wer es mit allen Mitteln sucht?

Wenn im Suchen Bewusstheit liegt, erhöht sich die Chance darauf das Glück zu finden. Es ist oft keine Frage der Mittel, sondern eines offenen Blickes.

 

Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt (DFB-Nachhaltigkeitsbeauftragte)

 

Zum Buch:

Katja Kraus:

Macht.
Geschichten von Erfolg und Scheitern

ca. 256 Seiten, gebunden
ca. 18,99 Euro
ISBN: 978-3-10-038504-8