Konstanze Frischen

Konstanze Frischen ist Gründerin der Ashoka Deutschland gGmbH. Sie machte die Gesellschaft als Geschäftsführerin zu einem von Ashokas weltweit erfolgreichsten und innovativsten Länderbüros. 2008 wurde sie in den internationalen Vorstand berufen, wo sie u. a. für Europa zuständig ist. Konstanze Frischen hörte erstmals von Ashoka, als sie als FAZ-Redakteurin über sozialen Wandel recherchierte. Fasziniert von den Geschichten der Social ­Entrepreneurs wurde sie selbst zur Sozialunternehmerin. Die gebürtige Rheinländerin verbrachte als Jugendliche eine prägende Zeit in Costa Rica. Sie studierte Ethnologie in Heidelberg, an der School of Oriental and African Studies und der London School of Economics und recherchierte in südamerikanischen Großstädten und indischen Slums. Als Journalistin war sie für die Financial News von CNN International in London tätig und für DIE ZEIT in Hamburg; war Wirtschaftsredakteurin bei der FAZ und im Gründungsteam der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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Social Entrepreneurs oder die Kraft guter Ideen

Vor gut 100 Jahren zeigte Maria Montessori, dass Kinder aus armem Elternhaus in der richtigen Umgebung zu kleinen Entdeckern und Forschern werden und sich voller Neugier der Welt zuwenden. In den siebziger Jahren erkannte Mohamad Yunus in Bangladesh, dass Arme entgegen landläufiger Meinungen kreditwürdig sind, mit einer Rückzahlungsrate von fast 100 Prozent. Vor weniger als zehn Jahren hatte Frank Hoffmann in Deutschland die Eingebung, dass die beste Brustkrebsvorsorge für junge Frauen nicht von Geräten oder Ärzten geleistet werden kann, sondern von blinden Frauen – die bildet er nun zu zertifizierten Tastuntersucherinnen aus.

Die Menschen hinter diesen durchschlagenden Ideen – die Gesichter der Nachhaltigkeit – nennen wir bei Ashoka »Social Entrepreneurs«, auf Deutsch hinlänglich gut übersetzt mit Sozialunternehmern: Es sind Frauen und Männer, die mit neuen Ansätzen Annahmen auf den Kopf stellen und innovative, funktionierende Lösungen für gesellschaftliche Probleme entwickeln. Vom Montessori-Prinzip profitieren inzwischen Millionen von Kindern rund um den Globus. Die Mikro-kredit-Bewegung ist so populär geworden, dass kommerzielle Banken Fonds auflegen. Und Frank Hoffmann behebt nicht nur einen gesundheitspolitischen Missstand, sondern schafft für eine ganze benachteiligte Gruppe Zugang zum ersten Arbeitsmarkt. 

Gegründet wurde Ashoka 1980 von Bill Drayton, der als Absolvent von Harvard, Yale und Oxford, mit einer Karriere als Unternehmer, Berater und Aktivist, Urheber des Terminus technicus Social Entrepreneur ist. Seitdem macht es sich die gemeinnützige Organisation zur Aufgabe, Sozialunternehmer in inzwischen 70 Ländern der Welt systematisch zu suchen und zu fördern – die erste und größte Netzwerkorganisation der Branche. 3000 Social Entrepreneurs rund um den Globus profitieren von Ashoka, darunter Mohamad Yunus und Frank Hoffmann, denn seit 2005 sind wir auch in Deutschland und Westeuropa fördernd aktiv. Manche dieser herausragenden Männer und Frauen sind in diesem Buch vorgestellt (Seite 409 bis Seite 429).

Ein Netzwerk aus 3000  Sozialunternehmern

Warum sich Ashoka auf Social Entrepreneurs konzentriert, ist schnell erklärt: Nichts hat mehr Wucht als eine gute Idee in den Händen eines Unternehmers. Diese Einsicht teilen wir mit Venture Capital Unternehmen, die ihre Investitionsentscheidungen davon abhängig machen, ob hinter der Geschäftsidee ein richtiger Unternehmer mit Herzblut steckt. Ashoka sucht Entrepreneure im sozialen Sektor – mit großen Ideen, die die Welt verbessern. 

Wer gesellschaftliche Probleme nachhaltig lösen will, kann am Schreibtisch »Top-down« Interventionsprogramme designen und implementieren in der Hoffnung, dass die Menschen mitziehen. Oder er kann auf Unternehmer setzen, die die Welt beobachten, Ideen entwickeln, sie testen und »Bottom-up« entwickeln. Dieser Weg erscheint uns vielversprechender. 

Von Ratten und Handyspielen: 

So einfach, so genial

Ein Beispiel nach dem anderen der 3000 Ashoka »Fellows« (so nennen wir die Sozialunternehmer, die wir aufnehmen und fördern) ist so spannend wie ermutigend: Bart Weetjens in Tansania bildet Ratten als zuverlässige Landminen-Detektoren aus, was den unschlagbaren Vorteil hat, dass die Züchtung der Tiere billig ist und die Menschen in den Dörfern sie selber einsetzen können, anstatt auf teure Minenexperten oder Geräte von Hilfsorganisationen warten zu müssen. 

Albina Ruiz aus Peru wird dem Müll in Armenvierteln Herr, indem sie Slumbewohnern die Möglichkeit erschließt, kommunale Recyling- und Entsorgungsunternehmen zu gründen (Seite 422). Tri Mumpuni aus Indonesien befähigt die Bewohner entlegener Dörfer, gemeinsam Elektrizitätsbetriebe zu gründen, die über Mikrowasserkraftwerke Strom liefern (Seite 420). Hilmi Quraishi aus Indien nimmt Handys, um Bewohnern entlegener Regionen, die weder lesen noch schreiben können, aber ein Mobiltelefon haben, Gesundheitsinformationen zugänglich zu machen: Durch Handyspiele rund um Themen wie Hygiene, HIV-Aids-Prävention oder Kindergesundheit lernen die User quasi »nebenbei«. Rodrigo Baggio aus Brasilien nutzt die Affinität von Kindern zu Computern und Internet, und hat fast eine Million Kinder aus Slums in Schulen geholt und fit für den Beruf und ihr Leben gemacht. Thorkil Sonne aus Dänemark findet, dass Autisten entgegen der weitläufigen Meinung ideale Arbeitnehmer sein können: In bestimmten Berufen in der IT-Branche, etwa beim Eingeben großer Datenmengen, arbeiten sie schneller und fehlerfreier als andere. Und Rose Volz-Schmidt (Seite 362 bis 367) baut Netzwerke aus Freiwilligen auf, die jungen Familien in Städten die oft entfernt lebenden Verwandten ersetzten und ihnen helfen, ihren Alltag zu bewältigen.

Doch Sozialunternehmern zu helfen und zum Wachstum zu verhelfen, ist anspruchsvoller als es scheinen mag: Zunächst muss man sie finden – dazu haben wir einen mehrstufigen, harten Auswahlprozess entwickelt. Er zielt darauf ab, Menschen zu erkennen, deren Idee das beste Potenzial für großflächigen Wandel hat, zu einem Zeitpunkt, an dem sie mit ihrem Unterfangen noch in der Anfangsphase stecken. Auf 10 Millionen Einwohner, so die Faustregel, finden wir pro Jahr einen, der es durch unseren Auswahlprozess schafft. 

Zweitens arbeiten Social Entrepreneurs – anders als ihre Kollegen aus der Wirtschaft – dort, wo es (noch) keinen »Markt« gibt, auf der Adam Smiths unsichtbare Hand automatisch einen Preis für ihre Produkte und Dienstleistungen erzielen würde. Wer bezahlte Maria Montessori dafür, dass arme Kinder eine Zukunftsperspektive bekamen? Wer hätte 1973, als Muhamad Yunus an den Start ging, geglaubt, dass es 10 Jahre später eine Grameen-Bank geben würde, die seit 1995 sogar unabhängig von Entwicklungsgeldern ist? Heute würde sich wahrscheinlich jeder wünschen, Maria Montessori oder Muhamad Yunus von Anfang an unterstützt zu haben, aber damals waren sie Querdenker, Außenseiter. 

Wir lieben Querdenker!

 »Wir alle lieben Querdenker – wenn sie seit mindestens 50 Jahren tot sind«, sagt der Psychologe Elliot Aronson. Denn sie erschüttern unser Weltbild. Ashoka und seine Unterstützer (siehe unten) sind ihnen dankbar. Wer obige Beispiele oder die Geschichten über Frank Hoffmann (Seite 122) und seine Kollegen in diesem Buch liest, wird schnell merken: Es geht Sozialunternehmern nicht um »Charity«. Es geht nicht um Einmal-Interventionen, die Empfänger in der Abhängigkeit verweilen lassen. Es geht darum, Schwächen in Stärken zu verwandeln und benachteiligten Menschen zu ermöglichen, ihre Expertise für das Wohl der Gesellschaft zu hebeln (Frank Hoffmann, Thorkil Sonne, Rodrigo Baggio). 

Es geht darum, Ressourcen in der Gesellschaft zu mobilisieren und Strukturen aufzubauen, die helfen, wo Hilfe gebraucht wird (Rose Volz-Schmidt). Es geht darum, eine Gruppe von »Betroffenen« zu stärken und mit neuen Mitteln in die Lösung eines Problems aktiv einzubeziehen (Bart Weetjens, Hilmi Quraishi, Tri Mumpuni, Albina Ruiz). Von unseren Fellows haben wir gelernt, was jetzt unsere Vision ist: Jeder Mensch kann dazu beitragen, positiven gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben: Everyone a Changemaker.

Es wäre schade, wenn Aronson Recht behielte und die Ideen dieser Menschen erst posthum Anerkennung finden würden. Daher fördert Ashoka Sozialunternehmer gezielt , früh und langfristig, damit ihre Erfindungen sich schnell verbreiten. Wer es durch unseren Auswahlprozess schafft, profitiert davon auf Dauer. Fellows im Frühstadium erhalten über drei Jahre ein Lebenshaltungsstipendium. Über den Zeitraum ihrer gesamten Schaffensperiode hinweg bieten binden wir sie ein in unser Netzwerk, schaffen Kontakte zu anderen Sozialunternehmern, zu Wirtschaft und Wissenschaft, geben Beratung, leisten durch Pro-bonoPartner juristische und strategische Unterstützung. 

Gezielt gesellschaftliche Innovation fördern

Die Hebelwirkung ist enorm: dank des Stipendiums können die Sozialunternehmer endlich hundert Prozent ihrer Zeit und Kraft in die Ausbreitung ihrer Idee stecken, dank der Netzwerke an Professionalisierung und Skalierung arbeiten. Der Erfolg kann sich sehen lassen. 10 Jahre nach der Auswahl durch Ashoka arbeiten noch mehr als 90 Prozent der Fellows an ihrer Idee. Bis zu 50 Prozent schaffen es, die Gesetzeslage zu ändern. Und mehr als 90 Prozent stellen fest, dass ihre Idee sich unabhängig von ihnen verbreitet. 

In Deutschland ging die Ashoka Deutschland gemeinnützige GmbH 2005 an den Start, hier wurde im selben Jahr der erste Fellow Westeuropas ausgewählt: Andreas Heinecke, der Gründer von »Dialog im Dunkeln«. Mit seinen Museen und Ausstellungen, in denen blinde Menschen Sehende durchs Dunkel führen und ihnen beibringen, die Welt mit anderen Augen zu begreifen, vermittelt er Begegnungen, baut Barrieren und Vorurteile zwischen »ich« und »anderem« ab, schafft Toleranz und Verständnis und integriert nebenbei blinde Menschen in den 1. Arbeitsmarkt. 

Sieben Jahre später sind rund 40 weitere Fellows in Deutschland hinzugekommen, und Andreas Heinecke hat eine Wachstumskurve hingelegt, die wahrlich atemberaubend ist: 2011 allein gab es 17 internationale Zentren von Dialog im Dunkeln (von Seoul über Hyderabad und Johannesburg bis New York), er hat 700.000 Menschen auf vier Kontinenten erreicht und konzentriert sich nun vor allem auf Entwicklungsländer, wo ein Großteil aller behinderten Menschen leben. Mit »Dialog mit der Zeit« hat er ein ganz neues Format mitentwickelt, das gerade Premiere hatte, und das Verständnis und die Auseinandersetzung mit dem Thema Alter in den Vordergrund rückt. 

Ein Verbund aus Unternehmern, Unternehmen und Stiftungen

Wer steckt hinter Ashoka? Mit einer Truppe von mehr als 150 unternehmerischen Vollzeit-Mitarbeitern weltweit, wird die Organisation mit Hauptsitz in Washington international gefördert von Unternehmerpersönlichkeiten, aber auch von Unternehmen aus Deutschland wie Boehringer Ingelheim oder SAP.

Für die Ashoka Deutschland gemeinnützige GmbH haben Unternehmerpersönlichkeiten und -Familien die Startfinanzierung gegeben. Sie sind als Privatpersonen im Ashoka-Support-Netzwerk (ASN) mit der Organisation und den Fellows verbunden. Viele leisten mehr als Geldgeben: Sie helfen den Fellows bei der Strategieentwicklung, gehen bei ihnen in den Beirat, knüpfen Kontakte, vermitteln Erfahrungen, bauen Brücken zur Wirtschaft.

In Deutschland bringt jeder Euro an Stipen-dien zehn Euro an Mitteln von Ashoka-Unterstützern für Fellows, und jeder Euro an Gehältern für das Ashoka-Team hebelt bis zu 20 Euro an Marktwert an Pro-bono-Leistungen. 

Das Ashoka Support Netzwerk wächst stetig. Die Wirkungsanalysen unserer Fellows, das heißt den volkswirtschaftlichen Nutzen, den sie stiften, dokumentieren wir regelmäßig in unserem Jahresbericht; ihm liegt ein Social Reporting Standard zugrunde, den wir gemeinsam mit der Technischen Universität München, der Universität Hamburg und Partnern entwickelt haben. Mit unseren Partnern aus der Unternehmens- und Stiftungswelt (unter anderem die BMW Stiftung Herbert Quandt, Haniel, Boehringer Ingelheim, die Siemens Stiftung, die Robert Bosch Stiftung, der Generali Zukunftsfonds) arbeiten wir thematisch zusammen und suchen gezielt nach Sozialunternehmern in einem Feld (zum Beispiel Gesundheit) sowie den unterliegenden Mustern und Trends, die die Zukunft des Sektors bestimmen werden. 

Und die Ashoka Jugendinitiative weckt die Begeisterung für soziales Unternehmertum und »Changemaking« unter Jugendlichen. In Zusammenarbeit mit anderen Organisationen hilft die Initiative Schulen, Jugendengagement nachhaltig zu fördern, verbessert die Rahmenbedingungen für Jugendengagement in Städten, unterstützt kreative Projektideen junger Menschen finanziell und mit Netzwerken, und lässt hochengagierte Jugendliche im »Think & Do Tank« innovative Konzepte für mehr Jugendbeteiligung entwickeln. 

Es bleibt viel zu tun

In den vergangenen sieben Jahren ist Social Entrepreneurship in Deutschland angekommen. Das Thema wird wissenschaftlich begleitet, Sozialunternehmer zu werden, geben Schüler und Studenten als Karrierewunsch an. Und da die gesellschaftlichen Herausforderungen nicht abnehmen, findet Ashoka Jahr für Jahr neue Fellows. 

Trotzdem aber bleibt viel zu tun. Thema Finanzierung von Sozialunternehmern: Noch zu oft bleiben Sozialunternehmer zwischen den Stühlen sitzen. »Zu unternehmerisch für den Sozialsektor, zu sozial für die Wirtschaft«, fehlen ihnen die richtigen Finanzierungsformen, die – wie Dr. Wolfgang Spiess-Knafl in seinem Beitrag darlegt (Seite 336 bis 341) – philanthropische Elemente genauso wie »Investments« umfassen und auf gesellschaftliche Wirkung ausgerichtet sein müssten. 

Thema Talent: Während für Sozialunternehmer gut ausgebildete Spitzenkräfte oft nicht bezahlbar sind, stehen auf der anderen Seite Unternehmen, deren Mitarbeiter sich gern sinnvoll engagieren möchten, aber nicht wissen, wo und wie; gehen ältere Leute mit enormem Wissen und Fähigkeiten in den »Ruhestand«. Thema Jugend: zu oft noch wird Erfolg in der Schule allein akademisch definiert, anstatt Kinder in ihrem Selbstvertrauen zu stärken und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich als »Changemaker« zu begreifen und in Eigeninitiative ihre Schule oder Umgebung zu gestalten.

Und schließlich liegen riesige Potenziale im Zusammenschluss zwischen Sozialunternehmern und Wirtschaft, wenn beide ihre Expertise zusammen bringen. Das berühmte Joint Venture zwischen Mohamad Yunus‘ Grameen und Danone – Kredite für Kleinstbauern, die damit Zucker oder Datteln anbauen oder Milchvieh halten; in einer Fabrik vor Ort wird aus den Rohstoffen mit Vitaminen angereicherter Joghurt hergestellt und schließlich zu Niedrigstpreisen in den Dörfern von Kleinhändlern vertrieben – zeigt, was entstehen kann, wenn Know-how, Assets und Distributionsnetzwerke aus »sozialem« und »Business«-Sektor zu einer Wertschöpfungskette zusammengebracht werden, die gleichzeitig gesellschaftliche und wirtschaftliche Zwecke verfolgt. 

Auf die Wirkung kommt es an

Den Erfolg unserer Arbeit bemessen wir bei Ashoka nicht darin, wie groß Sozialunternehmer ihre Organisation machen, wie viel Mitarbeiter sie anstellen oder wie viel Geld sie mit ihrem Betrieb umsetzen. Unser Erfolg besteht darin, wie groß ihre Ideen werden und wie vielen Menschen davon profitieren. Der Unterschied ist fundamental, wird aber oft nicht verstanden. 

Wie Duke-Professor Gregory Dees anschaulich beschrieben hat, gründete beispielsweise der Siegeszug der Hospiz-Bewegung in den sechziger Jahren in den Vereinigten Staaten nicht darauf, dass die Britin Dr. Cecily Saunders ihr Unternehmen hat wachsen lassen – in Wahrheit hat sie nie mehr als genau ein Hospiz gegründet, St. Christopher’s in London. Ihr Erfolg bestand darin, dass sie an der Yale Universität zu unterrichten begann, Reden hielt, dass sie ihre Idee vermarktete, Lobbyarbeit betrieb, die Politik und den Gesundheitssektor überzeugte und Menschen anstiftete, es ihr gleich zu tun. Ähnlich bei Maria Montessori: Ihr bis heute andauernder Erfolg besteht darin, dass ihre Idee seit 100 Jahren Menschen begeistert, welche ihre Methode weitertragen – getrieben vom Wunsch, Kinder zu befähigen, sich selbstständig und selbstbewusst mit der Welt auseinanderzusetzen. Es gibt keinen Montessori Konzern, sondern ein weltweites, dezentrales Netzwerk.

Und unser eingangs erwähnter Fellow Frank Hoffmann wird sicherlich auch nicht planen, in jedem Land der Welt eine Dependance aufzubauen. Aber er wird versuchen, so viel Mitstreiter um den Globus zu gewinnen wie möglich, die sein Modell kopieren. Jimmy Wales, Senior Fellow von Ashoka und Gründer von Wikipedia, zeigt mit seiner Online-Enzyklopädie, dass ein guter Ansatz das Begeisterungs- und Mitmachpotenzial von Menschen weltweit wecken kann, ohne dass ein jeder Beitragsschreiber finanziell motiviert werden muss.

Was ist das Fazit daraus? Die Nachhaltigkeit guter Ideen liegt in der Kraft der Idee selbst, die Welt zum Besseren zu verändern. Gute Ideen sind wie Viren – sie stecken die Menschen an.

Richtig kopieren – gut! 

Selbst profitabel wirtschaftende Sozialunternehmer arbeiten daraufhin, dass ihre Idee von anderen kopiert wird. Beispiel Ashoka Fellow David Green. Er ermöglicht mit seinem sozialen Unternehmen Aurolab und den Aravind Hospitals, dass Millionen von Menschen in der Dritten Welt vor Blindheit gerettet werden. Ein Teil seines Businessmodels besteht darin, Graue-Star-Operationen für Arme in Entwicklungsländern kostengünstig durchzuführen, indem er unter anderem den Produktionspreis für dafür nötige Kunstlinsen drastisch senkt, weil er auf hohe Margen verzichtet, aber aufs Mengengeschäft setzt. Etwa 1,6 Millionen sehbehinderte arme Menschen erlangten dank seiner Idee allein in den vergangenen vier Jahren ihr Augenlicht wieder. Ob er nicht Angst habe, dass die großen Gesundheitsunternehmen der Branche seine Innovation kopieren würden, wurde er von Investoren bei einem seiner Pitches gefragt. »An dem Tag, an dem das passiert«, war David Greens Antwort, »an dem Tag habe ich gewonnen«. Die Tatsache, dass er danach glaubhaft darlegte, dass er in entlegenen Regionen in Entwicklungsländern auch dann noch einen komparativen Vorteil habe, machte auf die Investoren weniger Eindruck als jener Satz.