Lars Vollmer

Lars Vollmer, Jahrgang 1971, ist einer der führenden Management-Vordenker der neuen Generation. Als gefragter Redner und Autor plädiert er dafür, Unternehmen und Führung völlig neu zu denken: Arbeit darf/soll/kann/muss wieder Spaß machen! Er warnt eindringlich: Führungskräfte in Wirtschaft und Gesellschaft, die sich weiterhin weigern zu verstehen, dass die Welt nicht aus linearen Ursache-Wirkungs-Ketten besteht, sondern viel komplexer ist, werden weiterhin „Wrong Turns“ folgen und katastrophale Fehler begehen. Sein Beratungsunternehmen Vollmer & Scheffczyk GmbH hat sich in den 15 Jahren seines Bestehens zu einem der Top-Beratungshäuser für den neuen Maschinenbau in Europa entwickelt, darüber hinaus hält er Lehraufträge an mehreren Universitäten und Instituten.
Der promovierte Ingenieur ist leidenschaftlicher Jazzpianist und Musik-Kenner, liebt Wortwitz, schlichtes Design, guten Kaffee und New York. Er lebt mit seiner Familie in Hannover. Mehr über ihn auf www.lars-vollmer.com und www.v-und-s.de.

 

Dr.-Ing. Lars Vollmer: Die Sehnsucht nach Verstehen des Erfolges – warum und Rezepte nicht zu Nachhaltigkeit führen

»Die Sinngebungsmaschinerie unseres intuitiven Verstandes lässt uns die Welt geordneter, einfacher, vorhersagbarer und kohärenter sehen, als sie es tatsächlich ist. Die Illusion, man habe die Vergangenheit verstanden, füttert den Irrglauben, man könne die Zukunft vorhersagen und kontrollieren.«  Daniel Kahnemann

Neulich bekam ich mal wieder eine Studie über die Erfolgsfaktoren von Unternehmen in die Hände. Allerneuste Wissenschaft darüber, was die wirklich und nachhaltig erfolgreichen Unternehmen auszeichnet. Wirklich fundiert. Endlich glaubhaft.

Diese Bücher haben eine lange Tradition im westlichen Managementkanon. Das erste Buch dieser Reihe lief mir schon vor vielen Jahren von Tom Peters über den Weg. Der Titel: »Auf der Suche nach Spitzenleistungen«. Der bekannteste Autor derartiger Wirtschaftsschmonzetten der neuen Zeit scheint Jim Collins zu sein. Eines seiner Bestseller hat den Titel »Immer erfolgreich« und enthält eine gründliche Analyse von 18 Paaren konkurrierender Unternehmen, bei denen immer eines erfolgreicher war als das andere. Seine Kernbotschaft: gute Führungspraktiken lassen sich eindeutig identifizieren und sie werden durch anhaltend gute Ergebnisse belohnt. Das Rezeptbuch für nachhaltiges Wirtschaften. Ein Resultat, das jedem Manager schmeichelt, der in einem - für den Moment - erfolgreichen Unternehmen arbeitet und wohl jedem Mitglied eines weniger erfolgreichen Unternehmens ein paar Überstunden ›schenkt‹.

Aber in der Zeit nach Abschluss der Studie schwand der Abstand in Ertragskraft und Aktienrendite zwischen den herausragenden und den weniger erfolgreichen Firmen, die in »Immer erfolgreich« untersucht wurden, praktisch auf Null. Ein Schicksal, das nahezu alle Unternehmen teilen, die in einem der Best-Practice-Bestseller auf den Sockel gehoben wurden. Von wegen immer erfolgreich.

Wirklich ulkig wurde es dann anschließend: mit den Fakten konfrontiert erstellten die Autoren und Befürworter der Studie sehr präzise Gutachten über die Ursachen des ökonomischen Verlaufs der Unternehmen. Sie führten sehr plausibel erscheinende Gründe für die neuere Entwicklung ins Feld, ohne zu realisieren, dass auch die vorherigen Kausalitäten keine tragfähige Perspektive boten, dass also Ursache-Wirkungs-Beziehungen in komplexen Umfeldern überhaupt keine Aussagekraft haben können. Nicht die Gründe waren falsch, sondern die Annahme, es könne für das Ergebnis eines komplexen Systems eindeutige Gründe geben. Die gleichen Parameter, die vorher die Ursache des Erfolges waren, wurden plötzlich umgedeutet in die vermeintlichen Schwächen. War beispielsweise der CEO vorher noch durchsetzungsstark, mutig und visionär, so wurde er mir-nichts-dir-nichts autoritär, tollkühn und dickköpfig.

Noch törichter empfinde ich nur noch den Glauben der Folge-Autoren, man müsse derartige Studien in Zukunft noch penibler betreiben, noch mehr Daten und längere Zeiträume untersuchen, um die Kausalitäten wirklich richtig zu erforschen.

Geschichten über den Aufstieg und Fall von Unternehmen stoßen bei vielen Lesern wohl deswegen auf so hohe Resonanz, weil sie etwas anbieten, was der menschliche Intellekt liebt: eine einfache Botschaft von Sieg und Niederlage, die eindeutige Ursachen identifiziert und die bestimmende Macht der Komplexität und des Zufalls ausblendet. Diese Geschichten lösen eine Illusion des Verstehens aus und vermitteln den Lesern, der sie nur allzu bereitwilligt glaubt, Lektionen, die ihm keinen dauerhaften Nutzen bringen.

Erfolg ist, was folgt – heißt es in einem populären Bonmot von Reinhard K. Sprenger. Für Nachhaltigkeit gilt dasselbe.