Lars Wallrodt

Lars Wallrodt, Jahrgang 1975, wuchs in Neumünster auf. Er ­studierte Sportwissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Schon während seines Studiums arbeitete er als Sportjournalist beim Holsteinischen Courier. Von 2001 bis 2008 arbeitete er für die Berliner Zeitung »BZ« und berichtete als Reporter von Hertha BSC und der deutschen Nationalmannschaft. Anfang 2009 wechselte er zur »Welt / Welt am Sonntag«. Dort wurde er 2011 Fußballchef. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Weiterführende Informationen:
www.welt.de

 

Das Dortmunder Modell

Wie die Gesellschaft hat sich auch der Fußball gewandelt. Einst prägten Werte wie Geselligkeit, Zusammengehörigkeitsgefühl und gegenseitige Verantwortung den beliebtesten Sport dieses Landes. Auch im Hochleistungsbereich. Bis in die 60er Jahre hinein kamen selbst die Spieler der Erstligaklubs zum Großteil aus der Region. Der Erfolg ergab sich aus den Ressourcen, die die Umgebung bot. Millionenablösesummen und das heute immer schneller rotierende Transferkarussell waren unbekannt. Oft spielten Spieler ihre gesamte Karriere bei einem Klub wie Fritz Walter und Uwe Seeler. Im Extremfall wurde dem Stadtrivalen ein guter Mann abgeluchst, der dafür ein paar Mark oder eine Arbeitsstelle geboten bekam.

Heute ist der Profi-Fußball ein Sammelbecken für Glücksritter, Getriebene und Geheimniskrämer. Spieler wechseln wild hin und her. Eine gute Mannschaft zusammenzustellen ist in diesem Wirbel zu einer Geheimwissenschaft geworden, zur Alchemie des modernen Sports.

Doch wie beim Versuch, aus wertlosem Material Gold herzustellen, sind auch im Fußball Blender und Scharlatane unterwegs. Zahllose Klubs sind bereits kollabiert, weil zwielichtige Sponsoren oder Mäzene Geld in den Verein gepumpt haben. Nach ihrem Rückzug sackte das aufgeblasene Konstrukt in sich zusammen.

Auch Borussia Dortmund hätte um ein Haar einen ähnlichen Weg genommen. 1997 hatte der Klub die Champions League gewonnen, drei Jahre später ging der BVB als erster deutscher Verein an die Börse, was umgerechnet 143 Millionen Euro in die Vereinskasse spülte. Der Klub schickte sich an, den FC Bayern München dauerhaft von der Spitze der Bundesliga zu verdrängen.

Doch der Griff nach den Sternen ging gründlich schief. Statt vor der nationalen Machtübernahme stand Borussia Dortmund plötzlich vor dem Kollaps. Binnen vier Jahren verzockten die Verantwortlichen das Geld. Abstrakt hohe Ablösesummen wie für den Brasilianer Marcio Amoroso, der 2001 für 50 Millionen Mark (rund 25 Millionen Euro) geholt wurde, und unternehmerische Fehlentscheidungen beim Stadionausbau hatten das Kapital aufgefressen. Plötzlich stand der Ballspielverein Borussia 09 mit dem Rücken zur Wand und mit 118 Millionen Euro Schulden da. Im November 2004 kämpften der neue Präsident Reinhard Rauball und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke um das Überleben des Klubs. »Es war der härteste Kampf, den ich je ausgefochten habe. Das war durch nichts zu überbieten«, sagte Rauball einige Jahre später. Der Verein überlebte und steht heute besser da denn je. 2011 wurde er Deutscher Meister, ein Jahr später gelang die Titelverteidigung und – als Krönung – auch noch der Gewinn des DFB-Pokals.
Doch wie war dieses Kunststück gelungen? Durch einen Schwur: »Wir, Reinhard Rauball, Manager Michael Zorc und ich, haben uns in die Hand versprochen, diesen Verein nie wieder in Gefahr zu bringen«, sagte Geschäftsführer Watzke. Die Troika verständigte sich dafür auf ein nachhaltiges Konzept: »Wir haben 2007 beschlossen, das Fundament zu legen, indem wir in ein hochmodernes Trainingszentrum investiert haben. 2005 hatten wir nur einen Trainingsplatz – für Profis und Amateure. Der Rest musste auf Ascheplätzen trainieren. Dazu haben wir unsere Scoutingabteilung bahnbrechend ausgebaut. Alles, was wir erübrigen konnten, ist da reingeflossen. Heute ernten wir die Früchte«, sagte Watzke in einem Interview mit der »Welt«. Ab sofort setzte der BVB auf junge, talentierte Spieler, die im Idealfall auch noch selbst ausgebildet wurden.

Nachwuchsarbeit, junge Talente, Scouting: Das klingt zunächst nicht sonderlich innovativ. Ähnliche Ansätze sind von jedem zweiten deutschen Profi-Klub zu hören. Doch der Unterschied ist: Die Dortmunder meinten es ernst. Es macht nämlich einen beträchtlichen Unterschied, nur zu sagen, dass man auf den Nachwuchs setzen will und diesen Ansatz beim ersten Gegenwind auch wirklich beizubehalten. Und es bedarf einer weiteren, entscheidenden Komponente, um eine Mannschaft an die Spitze zu führen. »Das alles bringt nichts, wenn man nicht den richtigen Trainer dafür hat«, sagte Watzke. Vielleicht war die Verpflichtung von Jürgen Klopp im Jahr 2008 der entscheidende Schritt. Und sicher benötigt man auch ein bisschen Glück, damit Nachhaltigkeit funktioniert. Doch vor allem bedarf es Mut, nachhaltig zu handeln. Denn Nachhaltiges erzeugt selten schnellen Erfolg.

Was oft vergessen wird im aktuellen Glanz der Meistermannschaft: In den ersten beiden Spielzeiten unter Jürgen Klopp belegte der BVB die Plätze sechs und fünf. Das waren solide Resultate, nicht mehr und nicht weniger. Doch Watzke, Rauball und Zorc ließen sich nicht nervös machen. 2010 verlängerten sie Klopps Vierjahresvertrag vorzeitig bis 2014, zwei Jahre später bis 2016. »Ich schließe wenig im Leben aus. Aber ich kann ausschließen, dass ich bis 2016 zu Jürgen Klopp sagen werde: ›Wir müssen uns trennen‹. Wir ziehen das durch. Wir geben Jürgen langfristig Zeit. Da werden wir auch mal eventuelle Durststrecken überstehen«, sagte Watzke.

Das Dortmunder Modell ist derzeit das beste und spektakulärste Beispiel, wie ein durchdachtes und konsequent umgesetztes Konzept einen Verein befruchten kann.